Open Password - Freitag,
den 6. Dezember 2019

# 674

Simon-Verlag für Bibliothekswissen - Willi Bredemeier - Forschungsfronten - Zukunft der Informationswissenschaft – Forschungsinfrastruktur – Governance – Open Access – Oligopolisierung – Plattformisierung – Benedikt Fecher - Nataliia Sokolovska – Sascha Friesike – Gert G. Wagner – DEAL – Overlay-Journale – DFG – Exzelleninitiative – Autonomieanspruch – Bibliometrie – Geschenkökonomie – Fachzeitschriften – Outsourcing – Science Citation Index – Core Journals – Zeitschriftenkrise – Megajournals – Article Processing Charges – Golden Open Access – PLOS One – Journal Citation Report – Scientific Reports - APE 2020

Simon-Verlag für Bibliothekswissen

Zukunft der Informationswissenschaft

Hat die Informationswissenschaft
eine Zukunft?

Herausgegeben von Willi Bredemeier – Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2019 – Weitere Veröffentlichungen in Open Password (laufend) sowie Open-Access-Publikation auf der Webseite einer branchenrelevanten Einrichtung (in Kürze)

I. Teil: Die Ausgangspunkte einer informationswissenschaftlichen Debatte in Open Password: Briefe von Walther Umstätter und Winfried Gödert

II. Teil: Grundsätzliche Kritiken an der Informationswissenschaft

III. Teil: Die Suche nach einem Bezugsrahmen

IV. Teil: Wissenschaftliche Bibliotheken

V.  Teil: Aus der informationswissenschaftlichen Lehre

VI. Teil: An den Forschungsfronten der Informationswissenschaft

An den Forschungsfronten der Informationswissenschaft

VI.1 Online Marketing
VI.2 User Experience
VI.3 Suchmaschinen
VI.4 Fake News
VI.5 „Smart City“ und „Smart Country“
VI.6 Digitalisierung

VI.7 Forschungsinfrastruktur

Benedikt Fecher u.a., Governancce von Forschungsinfrastruktur am Beispiel von Open Access

Zukunft der Informationswissenschaft:
Hat die Informationswissenschaft eine Zukunft?

Forschungsinfrastruktur

Governance von Forschungsinfrastruktur
am Beispiel von Open Access

Oligopolisierung des Verlagswesens,
Plattformisierung der wissenschaftlichen Kommunikation

Von Benedikt Fecher (Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung/ DIW Berlin)*, Nataliia Sokolovska (Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft), Sascha Friesike (Vrije Universiteit Amsterdam) und Gert G. Wagner (Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) – *Korrespondenzautor (fecher@hiig.de)

 Benedikt Fecher


Dieser Beitrag erörtert die Arbeit an der Forschungsinfrastruktur als eine zentrale informationswissenschaftliche Zukunftsaufgabe. Zu diesem Zweck werden aktuelle Open-Access-Entwicklungen – die DEAL-Verhandlungen und Overlay-Journals – als Form der Infrastrukturgovernance diskutiert. Der Beitrag geht von der Grundthese aus, dass sich der Autonomieanspruch einer diskreten Wissenschaftsgovernance auch auf Forschungsinfrastruktur beziehen lässt, wenn man davon ausgeht, dass die Wissenschaft selbst für die Verwaltung ihres Wissens, damit auch für die wissensschaffenden Forschungsinfrastruktur, verantwortlich ist.

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Governance von Forschungsinfrastruktur
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Im Kontext der Wissenschaft beschreibt Governance meist einen Prozess, in dem sich verschiedene institutionelle Akteure – private und staatliche – zur Lösung eines Problems oder zur Erstellung eines Kollektivgutes koordinieren (Heidler 2010). Neben wissenschaftlichen Einrichtungen und dem Staat als wichtigstem Finanzier sind diese Akteure auch Evaluations- und Akkreditierungsagenturen, Drittmittelgeber und wissenschaftliche Koordinations- und Beratungseinrichtungen wie der Wissenschaftsrat oder die Hochschulrektorenkonferenz.

In Deutschland ist ein ‘diskretes Governancemodell’ typisch, das von einer relativ großen Autonomie der Wissenschaft ausgeht (vgl. Weingart/Carrier/Krohn 2007; Knie & Simon 2010). Die Autonomie gegenüber staatlichen Akteuren äußert sich in einer ausgeprägten Selbstverwaltung, so auch in der Mittelvergabe beispielsweise innerhalb von Hochschulen oder durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Sie ist relativ, da sie durchaus durch politische Initiativen gesteuert wird. Ausgehend vom Ideal einer autonomen Wissenschaft wird beispielsweise die Exzellenzinitiative als eine solche Steuerung verstanden und auch kritisiert (siehe Schimank 2005, Jansen open). Kritiker der Exzellenzinitiative argumentieren, dass Wissenschaft traditionell selbst definiert, was Spitzenforschung ist, und ihre eigenen Kriterien für Exzellenz hat.

Der Autonomieanspruch einer diskreten Governance lässt sich auch auf Forschungsinfrastruktur beziehen, wenn man davon ausgeht, dass die Wissenschaft selbst für die Verwaltung ihres Wissens, damit auch für die wissenschaffende Forschungsinfrastruktur, verantwortlich ist. Aktuell eignet sich ‘Open Access’ besonders gut, die Herausforderungen der Governance von Forschungsinfrastruktur zu beleuchten, weil das wissenschaftliche Publikationswesen ein Beispiel für Autonomieverlust der Wissenschaft ist und im Zuge von Open Access zu diskutieren ist, inwiefern es sich lohnt, diesem Autonomieverlust entgegenzuwirken.

Archambault et al. (2014) stellen in einer bibliometrischen Analyse wissenschaftlicher Publikationen fest, dass bereits 50,9 Prozent der Artikel von deutschen Autoren, die in den Jahren 2007 bis 2012 in Journals veröffentlicht wurden, online frei verfügbar sind. Damit liegt Deutschland knapp unterhalb des Durchschnitts der EU-28 Länder, der bei 51,1 Prozent liegt. Auf dieser Grundlage argumentieren wir, dass weniger die Frage ob, sondern wie Artikel in Zukunft Open Access publiziert werden, diskutiert werden sollte. Wir behaupten, dass neben der lizenzrechtlichen Governance (z. B. die DEAL-Verhandlungen) die infrastrukturelle Governance grundlegend für ein nachhaltiges Open Access ist.

Es sei angemerkt, dass wir von einem funktionalen Verständnis von Forschungsinfrastruktur ausgehen und damit alle Angebote, die zur Bewerkstelligung von Forschung gebraucht werden, einschließen. Dazu gehören Werkzeuge und Dienstleistungen entlang des Forschungszyklus wie Repositorien für Daten und Code, Software für Projektmanagement und Literaturverwaltung, aber auch Fachzeitschriften als Infrastruktur für Wissenschaftskommunikation.

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Der Markt des wissenschaftlichen Publizierens
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Um ‘Open Access’ als eine Herausforderung der Infrastruktur-Governance zu verstehen, ist es zunächst notwendig, die Entwicklung des wissenschaftlichen Publizierens nachzuvollziehen. Dabei lassen sich zwei wesentliche marktbezogene Entwicklungen ausmachen, erstens eine in den letzten Jahrzehnten gewachsene Oligopolisierung des wissenschaftlichen Verlagswesens und zweitens eine neuartige Plattformisierung in der Wissenschaftskommunikation im Zuge der Digitalisierung.

Oligopolisierung des wissenschaftlichen Verlagswesens. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde ein Großteil aller akademischen Fachzeitschriften von Hochschulen, Hochschulverlagen und wissenschaftlichen Fachgesellschaften herausgegeben (Guédon 2001). Wissenschaftliche Werke galten als öffentliche Güter, die in öffentlichen Einrichtungen erzeugt und nach dem Prinzip einer “Geschenkökonomie” – wie Hofmann (2015) es nennt – verteilt wurden. Akademische Fachzeitschriften standen daher im Ruf eines wenig lukrativen Geschäfts, ihr Inhalt war speziell und ihre Leserschaft klein. Seit den 70er Jahren wurden Fachzeitschriften daher an wirtschaftliche Verlage verkauft. Das Outsourcing des Publikationswesens schien vorteilhaft, weil man sich davon eine administrative Entlastung versprach und sich ein Geschäftsmodell nicht vorstellen konnte (Reichman & Okediji 2012).

Seither lassen sich zwei zentrale Faktoren für die Formierung eines Marktes für das wissenschaftliche Publizieren ausmachen:

• die Zunahme an wissenschaftlichen Einrichtungen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, die für eine erhöhte Nachfrage sorgte;

• die Einführung des Science Citation Indexes (SCI) im Jahr 1963, eine Metrik, die ursprünglich entwickelt wurde, um relevante Fachzeitschriften zu identifizieren (eine für Bibliotheken nützliche Information), nun aber einem Qualitätswettbewerb dient.

Der SCI entwickelte in der Folge sogenannte ‘Core Journals’ und prägte damit das Verhalten vieler Disziplinen nachhaltig. Veröffentlichungen in Zeitschriften mit hohem ‘Impact’ etablierten sich als Proxy für Exzellenz und flossen fortan in Entscheidungen der Mittelvergabe und Berufungen ein. Artikel setzten sich als wesentliche Kulturtechnik der Wissenschaft in nahezu allen Disziplinen durch (eine Ausnahme bilden die Geisteswissenschaften, in denen Bücher und gegebenenfalls die Höhe der Auflagen wichtig ist). Relevanz wird seither durch Zitationen gemessen.

Im Zuge von Aufkäufen und Zusammenschlüssen entwickelte sich das wissenschaftliche Verlagswesen zu einem Markt mit nur wenigen Anbietern. Eine bibliometrische Analyse zeigt, dass 1973 gerade 20 Prozent aller Artikel bei einem der heute fünf führenden Fachverlage erschienen (Larivière 2015). 2006 waren es bereits fünfzig Prozent. Die größte Konzentration lässt sich in den Sozialwissenschaften (Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Anthropologie, Politikwissenschaft, Stadtsoziologie) feststellen, wo siebzig Prozent aller wissenschaftlichen Artikel bei einem der fünf großen Fachverlage erscheinen. Obwohl die Herstellung und Qualitätssicherung wissenschaftlicher Erkenntnis weiterhin öffentlich finanziert wird, verloren wissenschaftliche Einrichtungen die Kontrolle über Zugang und Verbreitung ihres Wissens. An die Stelle der “Geschenkökonomie” trat der gewinnorientierte Verkauf wissenschaftlicher Texte. Um dies zu ermöglichen, treten Autoren ihre Verwertungsrechte an Verlage ab, damit diese die Inhalte an Forschungsbibliotheken verkaufen können (Hofmann 2015). Üblicherweise erhalten weder die Autoren noch die wissenschaftlichen Einrichtungen, für die sie arbeiten, einen Anteil an den erwirtschafteten Erträgen.

Bereits in den 70er Jahren kündigte sich die ‘Zeitschriftenkrise’ an. Moderat wachsenden Bibliotheksbudgets standen deutlich schneller steigende Subskriptionskosten gegenüber. Die durchschnittlichen Preise für Zeitschriften stiegen seit den 1970er Jahren um ein Vielfaches stärker als die Verbraucherpreise – ein deutliches Zeichen für einen oligopolistischen Markt. Allein zwischen 1990 und 2000 wuchsen sie um circa 180 Prozent (OECD 2005). Der Umstieg der Wissenschaft auf Open Access gilt als Maßnahme, die selbstverschuldete Pfadabhängigkeit durch die Veräußerung der Fachzeitschriften zu überwinden.

Plattformisierung in der wissenschaftlichen Kommunikation. Eine Reihe von Innovationen veränderte im Zuge der Digitalisierung, wie wissenschaftliche Erkenntnisse produziert, verbreitet und bewertet werden. Für den Markt des wissenschaftlichen Publizierens sind Plattformisierungstendenzen insofern von besonderer Bedeutung, als größere Mengen an Artikeln von einzelnen Intermediären abgewickelt werden. Die Plattformisierungstendenzen lassen sich als Folge neuer Kommunikationsbedingungen und Rezeptionsgewohnheiten verstehen.

Deutlich wird die Plattformisierung mit der Entstehung von Megajournals wie PLOS ONE, Scientific Reports und Palgrave Communications.

Megajournals sind eine inkrementelle Innovation des wissenschaftlichen Publizierens, sie stützen sich im Wesentlichen auf die etablierte Artikelkommunikation, etwa in Format, Qualitätssicherung durch Peer-Review und Relevanzmessung durch Zitate. Das Besondere an Megajournals ist, dass sie ohne Artikellimitierung arbeiten, Inhalte stärker nach wissenschaftlicher Richtigkeit und weniger nach Relevanz auswählen (so ausdrücklich PLOS One) und meist disziplinübergreifend veröffentlichen.

Megajournals publizieren Artikel immer Open Access, wofür von den Autoren des Artikels (oder deren Einrichtungen) in der Regel APCs (Article Processing Charges) gezahlt werden müssen. Begutachtete Artikel, die online beim Journal frei verfügbar sind, werden als ‘Golden Open Access’ bezeichnet. Zwar bedeutet das nicht automatisch, dass für deren Verfügbarkeit eine Gebühr gezahlt wurde, in der Praxis ist das aber fast immer das Geschäftsmodell der Megajournals. Viele Verlage, die traditionelle Fachzeitschriften herausgeben, unterhalten mittlerweile Megajournals, so Nature: Scientific Reports, Sage Publications: Sage Open und Elsevier: Heliyon, BMJ: BMJ Open.  

Das Megajournal PLOS One veröffentlichte 2016 mehr als 22.000 Artikel (Davis 2017). Stand September 2017 hat das Journal insgesamt mehr als 200.000 Artikel publiziert.[1] Das Journal wurde 2010 in den Journal Citation Report aufgenommen (mit einem beachtlichen Impact-Faktor von über 4 – 2017 betrug der Impact-Faktor 2,77). Im November 2016 überholte Scientific Reports – ein Journal der Nature Publishing Group – PLOS One und wurde das outputstärkste Journal. Insgesamt nimmt die Anzahl der bei Megajournals veröffentlichten Artikel jährlich zu – von circa 7.000 im Jahr 2010 auf 58.000 im Jahr 2017 (Björk 2018). Es ist anzunehmen, dass Megajournals in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen.

Lesen Sie in der abschließenden Folge: Open Access als Geschäftsmodell - Infrastruktur-Governance als informationswissenschaftliche Aufgabe

APE 2020

Driving the Change – together!

14. – 15. Januar 2020, APE 2020 – Driving the Change – together! www.ape2020.eu

14. Januar

10 Uhr, Open Scholarship? Maybe Europe should lead the Change (Jean-Claude Burgelman, Advisor European Commission)

The World of Research: its evolving Needs, Challenges, and Diversity of Views (Kumsal Bayazit, CEO, Elsevier, Amsterdam)

The QUEST Center in Berlin – a Laboratory for Behavior Change in Academic Biomedicine (Prof. Dr. Ulrich Dirnagl, Charite Berlin)

13.30 Uhr, Tackling the Pain Points in Funding and Publishing Workflows (Gabriela Mejias, ORCID, Berlin)

Communicating Value: Price Transparency in Scholarly Communication (Alicia Wise, Information Power, Winchester)

14.30 Uhr, Session 1: Catalyst of Change – Why SDGs (= Sustainable Development Goals) are important for Innovation and Scholarly Communication?

15.30 Uhr, Session 2: Behind the Scenes of the New DEALs

Panel: The Road to Open Access, are we are on the same Journey? Competing Visions, Competing Priorities

17.30 Uhr, 150 years of Nature – Celebrating a century and a half of research and and its influence (Magdalena Skipper, Nature, London)

15. Januar

9.30 Uhr, Session 4: Driving Researc Data: announcing 2020 as STM´s Research Data Year

11 Uhr, Session 5: How dows Open Science impact Libraries?

13.30 Uhr, Openness in Arts, Humanities and Social Sciences

13. Januar – Pre-Conference

10.05 Uhr, Understanding and Accelerating Change

11.45 Uhr, Vision 2030? Sharing a succesful Future of Scientific Publishing. New Opportunities by Open Access!

17 Uhr, Panel: Back to 2020. Creating and Sharing Learning Facilities: do we need a Scientific Publishing Academy

 

 

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