Open Password - Donnerstag,
den 14. November 2019

# 662


Zukunft der Informationswissenschaft – Kommerzielle Suchmaschinen – Dirk Lewandowski – Google – Fachdatenbanken – Informationswissenschaft – Safiya Noble – Search Engine Bias – Entwicklung von Suchmaschinen – Algorithmen – R.W. White – Nutzerverhalten – Suchergebnisse – Suchmaschinenmarkt – Marktmacht – J.M. Weber – B. Cassin – Suchmaschinenmarkt – Marktmacht – Suchmaschinenmarketing – Suchmaschinenoptimierung – Anzeigenkampagnen – J. Jansen – Information Professionals – Informationskompetenz – Suchmaschinenkompetenz – Suchwerkzeuge – Transfer in die Praxis – Big Data – Zugang zu Daten – Bing-API - Informationswissenschaftliche Forschung - IBI - Humoldt-Universität - Vivien Petras - Frauke Schade - Udo Kruschwitz - Bernard Bekavac - Veronika Kuhberg-Lasson - Philipp Schaer - Marc Rittberger - Christa Wormser-Hacker -

Hochschulverband Informationswissenschaft

Informationswissenschaftliche Forschung
an alten und neuen Standorte

Informationswissenschaftliche Forschung im institutionellen Zusammenhang  - Traditionelle und neue Standorte der Informationswissenschaft stellen sich vor -  Montag, 3. Februar 2020 Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin, Dorotheenstraße 26, Raum 121

Die Informationswissenschaft in den deutschsprachigen Ländern hat in den letzten Jahren einige institutionelle Veränderungen erfahren. In diesem Workshop stellen sich neue und traditionelle Standorte der informationswissenschaftlichen Forschung in Überblicksvorträgen vor. Dabei soll es um das Gesamtprogramm des jeweiligen Standorts und seine Verortung im Fach Informationswissenschaft gehen. Wir loten Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus, fragen nach Kooperationsmöglichkeiten und einer stärkeren Vernetzung der Community. Am Abend folgt die Mitgliederversammlung des Hochschulverbands Informationswissenschaft.

Anmeldung unter https://bit.ly/32Dt5pa

Programm

9:30 Registrierung 

10:00 Begrüßung und Einführung Prof. Dr. Vivien Petras, Humboldt-Universität zu Berlin, und Prof. Dr. Dirk Lewandowski, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg 

10:20 Informationswissenschaftliche Forschung und Lehre an den Hochschulen der KIBA
Prof. Frauke Schade, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg 

10:40 Informationswissenschaft an der Universität Regensburg
Prof. Dr. Udo Kruschwitz, Universität Regensburg 

11:20 Die Informationswissenschaft an der Fachhochschule Graubünden: Lehre und Forschung
Prof. Dr. Bernard Bekavac, FH Graubünden (Chur)

12:00 Pause 

12:20 Informationsangebote für die Psychologie und ihre Anknüpfungspunkte für die Informationswissenschaft
Veronika Kuhberg-Lasson, Leiterin Informations- und Recherchedienste, ZPID, Trier

13:00 Mittagessen 

14:00 Ein Brückenschlag zwischen Daten- und Informationswissenschaft
Prof. Dr. Philipp Schaer, Technische Hochschule Köln

14:40 Die informationswissenschaftliche Forschung am DIPF
Prof. Dr. Marc Rittberger, Stellvertretender Geschäftsführender Direktor des DIPF

15:20 Die Hildesheimer Ausprägung der Informationswissenschaft
Prof. Dr. Christa Womser-Hacker, Universität Hildesheim

16:00 Pause 

16:20 Plenumsdiskussion und -reflektion: Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der informationswissenschaftlichen Forschung und Lehre
Moderation: Dr. Ulrich Herb (angefragt)

17:00 Abschluss und weitere Schritte 

17:30 Ende des Workshops 

18:00 - 20:00
HI-Mitgliederversammlung und gemeinsames Abendessen

Anmeldung unter  https://bit.ly/32Dt5pa

www.informationswissenschaft.org

 

Simon-Verlag für Bibliothekswissen

Zukunft der Informationswissenschaft
Hat die Informationswissenschaft
eine Zukunft?

Herausgegeben von Willi Bredemeier – Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2019 – Weitere Veröffentlichungen in Open Password (laufend) sowie Open-Access-Publikation auf der Webseite einer branchenrelevanten Einrichtung (in Kürze)

I. Teil: Die Ausgangspunkte einer informationswissenschaftlichen Debatte in Open Password: Briefe von Walther Umstätter und Winfried Gödert

II. Teil: Grundsätzliche Kritiken an der Informationswissenschaft

III. Teil: Die Suche nach einem Bezugsrahmen

IV. Teil: Wissenschaftliche Bibliotheken

V.  Teil: Aus der informationswissenschaftlichen Lehre

VI. Teil: An den Forschungsfronten der Informationswissenschaft

An den Forschungsfronten der Informationswissenschaft

VI.1 Online Marketing
VI.2 User Experience

VI.3 Suchmaschinen

- Warum sich die Informationswissenschaft mit kommerziellen Suchmaschinen befassen sollte - Von Dirk Lewandowski

- As a monopoly in search and advertising Google is not able to resist the misuse of power - Is the Internet turning into a battlefield of prpaganda? - How Gooogle should be regulated - Interview mit Jon von Tetzchner

VI.4 Fake News
VI.5 „Smart City“ und „Smart Country“
VI.6 Digitalisierung
VI.7 Forschungsinfrastruktur

Zukunft der Informationswissenschaft
Hat die Informationswissenschaft eine Zukunft?

Warum sich die Informationswissenschaft mit kommerziellen Suchmaschinen befassen sollte

Von Dirk Lewandowski

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Einleitung

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Die Informationswissenschaft beschäftigt sich mit vielfältigen Fragestellungen rund um das Suchen und Finden von Informationen, auch und zuvorderst im Web. In vielen Fällen werden kommerzielle Suchmaschinen wie Google in Studien beispielhaft behandelt, etwa um allgemeine Aussagen über das Suchverhalten zu erlangen. Weniger werden kommerzielle Suchmaschinen in ihrer Bedeutung als dominierendes Mittel zur Informationsgewinnung betrachtet – abgesehen von der immer wieder vorgebrachten Gegenüberstellung von kommerziellen Suchmaschinen auf der einen Seite und Fachdatenbanken auf der anderen Seite.

In diesem Kapitel möchte ich zeigen, wie die Informationswissenschaft zu einem besseren Verständnis von Suchmaschinen beitragen kann und warum gerade die informationswissenschaftliche Perspektive in dem interdisziplinären Feld der Suchmaschinenforschung gefragt ist. Beispielhaft lässt sich das anhand eines aktuellen Buchs zum Thema „Search Engine Bias“ beschreiben: In „Algorithms of Oppression“ (Noble, 2018) beschreibt Safiya Noble Probleme des Search Engine Bias, in diesem Fall von Verzerrungen in den Suchergebnissen vor allem von Google. Sie zeigt anhand von Beispielen, wie insbesondere schwarze Frauen in den Top-Suchergebnissen diskriminierend dargestellt werden. Ohne den Wert des Buchs in Frage zu stellen, hätte man sich doch gewünscht, eine tiefergehende empirische Untersuchung des Befunds zu lesen. So stellt sich die Frage, ob es sich vielleicht nur um Einzelfälle handelt (wovon ich nicht ausgehe) oder ob es sich doch um ein systematisches Bias handelt. Hier können informationswissenschaftliche Studien ansetzen, die diese Frage sozialwissenschaftlich fundiert auf der Basis eines aussagekräftigen Datensatzes von Suchergebnissen untersuchen.

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Suchmaschinenforschung

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Die Forschung zu Suchmaschinen ist vielfältig. Ich selbst habe in meinem Buch „Suchmaschinen verstehen“ (Lewandowski, 2018) versucht, das Themenfeld aus einer 360-Grad-Perspektive zu beleuchten. In einer solchen Analyse wird klar, dass kein einzelnes Fach das gesamte Themenfeld abdecken kann. Doch welches sind diewichtigsten Forschungsfelder?

• Zunächst einmal geht es um die technische Entwicklung von Suchmaschinen, insbesondere ihrer (Ranking-)Algorithmen. Dies gilt sowohl für die Entwicklung der „großen“ Web-Suchmaschinen als auch für die Entwicklung kleinerer Spezialsuchmaschinen und anderer Suchsysteme. Eine Entwicklung in diesem Bereich ist der zunehmende Einsatz maschinellen Lernens, welches umfassende Nutzer- und Nutzungsdaten analysiert, um Suchmaschinen automatisch anzupassen und zu verbessern (siehe White, 2016, S. 61ff.).

• Ein zweiter Bereich der Forschung beschäftigt sich mit dem Nutzerverhalten in Suchmaschinen, wobei die Methoden von Interviews über Eyetracking-Studien im Labor bis zur Analyse von Massendaten aus Logfiles von Suchmaschinen reichen. Zu diesem Bereich hat die Informationswissenschaft mit ihren Modellen des Informationsverhaltens und zahlreichen empirischen Studien erheblich beigetragen und wird dies aller Voraussicht nach auch in Zukunft tun.

• Der dritte Bereich beschäftigt sich mit der Analyse von Suchergebnissen kommerzieller Suchmaschinen, was häufig unter dem Begriff „Search Engine Bias“ geführt wird. Solche Analysen benennen Probleme einseitiger Darstellungen von Diskriminierungen und falschen Darstellungen in den (Top-)Suchergebnissen. Die bisherige Forschung in diesem Bereich – vor allem aus der Medien- und Kommunikationswissenschaft – basiert häufig auf wenigen Beispielen oder auf sehr kleine Datensätzen. Hier bietet sich für die Informationswissenschaft ein interessantes Feld der Datenanalyse.

• Der vierte Bereich der Suchmaschinenforschung befasst sich mit dem Umfeld der Suche vor allem im Web. Hier geht es unter anderem um den Suchmaschinenmarkt und die Bedeutung der Marktmacht von Google, um juristische Fragen (zum Beispiel Umsetzung des Rechts auf Vergessenwerden oder den Zugang zu Googles Datenbeständen für Konkurrenten, siehe Weber, 2017)) sowie um philosophische/kulturelle Fragen (unter anderem Cassin, 2018).

• Zuletzt ist noch der Bereich des Suchmaschinenmarketings zu nennen, wo es um die externe Einflussnahme auf die Suchergebnisse kommerzieller Suchmaschinen geht. Dies kann zum einen durch Suchmaschinenoptimierung geschehen (also die Beeinflussung der organischen Ergebnisse), zum anderen durch das Schalten von Anzeigen auf den Ergebnisseiten der Suche. Die Verwaltung solcher Anzeigenkampagnen ist im Lauf der Jahre immer komplexer geworden (Jansen, 2011); in der Forschung werden unter anderem optimale Strategien für Anzeigenkampagnen behandelt.

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Die Rolle der Informationswissenschaft

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Die Informationswissenschaft kann zu allen genannten Bereichen nennenswerte Beiträge leisten. Naheliegende Schwerpunkte liegen in den Bereichen Informationsverhalten und Informationskompetenz. In beiden Bereichen spielen Suchmaschinen eine zentrale Rolle, werden aber aus meiner Sicht bislang nicht ausreichend berücksichtigt.

Im Bereich Informationsverhalten sollte beispielsweise die über verschiedenste Quellen reichende Recherche von Informationsprofis/ Knowledge Workern verstärkt untersucht werden. Diese nutzen selbstverständlich auch Suchmaschinen; die bisherige Forschung bezieht sich aber meist entweder auf die Recherche in Suchmaschinen oder auf die Recherche in Fachdatenbanken. Dabei hat sich seit langem in der Realität beides vermischt. Hier wäre es fruchtbar, die Rolle der verschiedenen Informationsquellen und ihre Wechselbeziehungen innerhalb der Recherchen der Nutzer zu beleuchten.

Im Bereich der Informationskompetenz lässt sich ähnliches feststellen; auch hier wird meist zwischen den unterschiedlichen Werkzeugen der Recherche unterschieden oder diese sogar einander diametral gegenübergestellt. Aus meiner Sicht müsste hier erstens eine stärkere Schulung der Informationskompetenz im Sinne auch einer Suchmaschinenkompetenz stattfinden (Lewandowski, 2016) und zweitens eine integrative Sichtweise auf Suchwerkzeuge geschult werden. Gerade die Auswahl eines geeigneten Recherchewerkzeugs kann ja in vielen Fällen zugunsten einer Suchmaschine ausfallen; allerdings sollte man schon wissen, wann es sich lohnt, ein anderes Recherchewerkzeug einzusetzen.

Zusätzlich zu den Aktivitäten in einzelnen der genannten Bereiche bietet sich für die Informationswissenschaft ein attraktives Feld, wenn sie ihre Kernkompetenz im Bereich der Analyse des Nutzerverhaltens (Bereich 2 oben) mit der Analyse von Suchergebnissen (Bereich 3) kombiniert, um zu einem besseren Verständnis des Umfelds der Suche im Web (Bereich 4) beizutragen. Damit kann sie nicht nur einen wichtigen Beitrag zu einem gesellschaftlich hoch relevanten Thema liefern, sondern sich als Fach auch für den Transfer in die Praxis (Politik, Verbraucherschutz usw.) attraktiv machen.

Methodisch liegen der Informationswissenschaft alle Möglichkeiten offen, da der vorgeschlagene Schwerpunkt bereits verwendete Methoden kombiniert und in die Richtung passt, in die sich das Fach meinem Eindruck nach sowieso bewegt: hin zu mehr Analysen großer Datenmengen, ohne auf tiefergehende Studien mit kleineren Nutzergruppen zu verzichten. Gerade die Interdisziplinarität der Informationswissenschaft macht sie zu einem starken Fach, denn sie kann in die Lücke zwischen rein technischen und rein sozialwissenschaftlichen Fragen stoßen. Ich sehe einen besonderen Bedarf für informationswissenschaftliche Forschung in den Bereichen, in denen die Informatik nicht kompetent ist und zu dem die Suchmaschinenbetreiber nicht veröffentlichen wollen. Dies betrifft beispielsweise Studien zum „Search Engine Bias“ und zur Kommerzialität von Suchergebnissen bzw. allgemeiner zu gesellschaftlichen Fragen, die sich aus der Zusammenstellung und Präsentation von Suchergebnissen sowie aus dem Nutzerverhalten ergeben.

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Zugang zu Daten von Suchmaschinen

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Ein Problem, das im Bereich der Suchmaschinenforschung häufig benannt wird, ist der Zugang zu Daten von den Suchmaschinen selbst.

Möchte man deskriptive Analysen des Nutzerverhaltens erstellen, besteht der beste Weg natürlich darin, einen entsprechenden Datensatz auf den Logfiles einer Suchmaschine zur Verfügung zu haben. Hier bieten die großen Suchmaschinenbetreiber teils in eigenen Verfahren der Forschungsförderung die Möglichkeit, Anträge auf Zugang zu Ausschnitten aus den Logfiles zu stellen.

Auf der anderen Seite bietet sich die Möglichkeit, selbst Daten zur Analyse von Suchergebnissen zu crawlen, was allerdings mit zahlreichen Hindernissen verbunden ist. Eine für Forschungszwecke in diesem Bereich sicherlich einfachere Lösung ist, über die Bing-API auf Suchergebnisse zuzugreifen, was die Analyse natürlich auf Ergebnisse dieser Suchmaschine beschränkt. Doch für eine Vielzahl von Untersuchungen sollten diese Daten mehr als ausreichend sein.

Traditionell basieren die meisten Nutzerstudien in der Informationswissenschaft auf relativ kleinen Samples, die in vielen Fällen von Studierenden des eigenen Fachs zusammengestellt sind. Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden, allerdings sollten Ergebnisse aus solchen Studien immer in einen größeren Kontext eingebunden werden, beispielsweise durch einen Vergleich mit Massendaten. Ebenso sollten Forscher vermehrt die Möglichkeiten repräsentativer Studien nutzen, welche von den Forschenden gestaltet, aber von einem Marktforschungsinstitut durchgeführt werden. Die Kosten für eine solche externe Datenerhebung sind erstaunlich niedrig. Das gilt insbesondere, wenn man sie mit den sonstigen Kosten in einem Forschungsprojekt vergleicht.

 

Literatur

Cassin, B. (2018), Google Me: One-Click Democracy, Fordham University Press, New York.

Jansen, J. (2011), Understanding sponsored search: Core elements of keyword advertising, Cambridge University Press, New York.

Lewandowski, D. (2016), „Suchmaschinenkompetenz als Baustein der Informationskompetenz“, in Sühl-Strohmenger, W. (Hrsg.), Handbuch Informationskompetenz, De Gruyter, Berlin, Boston, S. 115–126.

Lewandowski, D. (2018), Suchmaschinen verstehen, 2. Aufl., Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg, verfügbar unter: https://doi. org/10.1007/978-3-662-56411-0.

Noble, S.U. (2018), Algorithms of Oppression: How Search Engines Reinforce Racism, New York University Press, New York, USA.

Weber, J.M. (2017), Zugang zu den Softwarekomponenten der Suchmaschine Google nach Art. 102 AEUV, Nomos, Baden-Baden.

White, R.W. (2016), Interactions with Search Systems, Cambridge University Press, New York.

 

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