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den 21. Oktober 2019

# 647

Zukunft der Informationswissenschaft – Vivien Petras – Library and Information Science – Bibliothekswissenschaft – Informationswissenschaft - Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft - Humboldt-Universität – UB TU Berlin – iSchools – Fritz Milau – Martin Schrettinger – Dokumentation – FID – DGD – Lechmanns Leitsätze – BMFT – IuD-Programm – INER – LID – FU Berlin – Universität Konstanz – Universität Saarbrücken – Universität Regensburg – Universität Hildesheim – Mangelnde Sichtbarkeit der Bibliotheken – Paul Kaegbein – ZfBB – Horst Kunze – H. Borko – American Documentation – M. J. Bates – JASIS – J. Wobbrock – A. Ko – J. Kientz – ACM Interactions - Refinitiv - Relativity Space - De Gruyter - University Press Library - Skillsoft - Morningstar Credit Ratings - Blockchain - Copyright Clearance Center - Rights Link - Career Building Talent - Discovery Platform - Walmart - Indian Fisheries Industries - CAS - Formula

Zukunft der Informationswissenschaft -
Hat die Informationswissenschaft eine Zukunft?

Vivien Petras

Die Trennung zwischen Bibliotheks- und Informationswissenschaft
auf Institutsebene rückgängig gemacht

Vivien Petras kehrte aus den USA zurück und rieb sich angesichts ihrer Erfahrungen zum Stand der Library and Information Science metaphorisch gesprochen die Augen: Konnte es sein, dass die „Krise der Informationswissenschaft“ auf die deutschsprachigen Länder beschränkt ist und es sich womöglich gar nicht um ein reales, sondern lediglich um ein Wahrnehmungsproblem handelt? Einmal angenommen, diese Krise gäbe es, könnte ein wesentlicher Beitrag zur Lösung darin bestehen, dass Bibliotheks- und Informationswissenschaften zusammengehen?

Diese Überlegungen mussten für Vivien Petras naheliegen - nicht nur wegen ihrer amerikanischen Erfahrungen, sondern auch als geschäftsführende Direktorin des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, da das IBI die Trennung von Bibliotheks- und Informationswissenschaft letzten Endes nicht mitgemacht hat. Wer nun auf der Veranstaltung „Zukunft der Informationswissenschaft – Hat die Informationswissenschaft eine Zukunft“ an der UB der TU Berlin ein vehementes Plädoyer für die Integration von Bibliotheks- und/oder Informationswissenschaft erwartet hatte, wurde nicht enttäuscht („Bibliotheks- und/oder Informationswissenschaft? – Strategische Überlegungen am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin“).

 Vivien Petras (r.) mit Frauke Schade und Dirk Lewandowski
auf der Veranstaltung der UB der TU Berlin.

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Der teilweise deutsche Sonderweg.

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Frau Petras ging von dem Tatbestand aus, dass es sich bei Deutschland aus internationaler Sicht um einen teilweise abweichenden Fall handelt, da man hier zum Teil vor der Alternative „Bibliotheks- ODER Informationswissenschaft“ gestellt wird. Dabei gehen die weltweit agierenden iSchools oder Information Schools ebenso wie die Library and Information Science von einer Einheit von „Bibliotheks- UND Informationswissenschaft“ aus und wird Bibliothekswissenschaft als Teilbereich einer breiteren Informationswissenschaft verstanden.

Allerdings lag eine Trennung der Disziplinen auch in Deutschland keineswegs von vornherein nahe. So wurden von Bibliothekswissenschaftlern immer wieder Überlegungen angestellt, die man heute der Informationswissenschaft zuordnen würde. So sah Fritz Milkau, Generalsdirektor der Preußischen Staatsbibliothek und Professor für Bibliothekswissenschaft, der 1928/29 das IBI gründen sollte, als Gegenstand seiner Disziplin „das Buch in allen Formen“ und die „Bibliotheken in allen Formen“ an. Martin Schrettinger von der Hofbibliothek München verlangte bereits eingangs des 19. Jahrhunderts ein Eingehen der Bibliotheken auf die Nutzerbedürfnisse. In seinem „Lehrbuch 1808 – 1810“ schrieb er: „Die Einrichtung einer Bibliothek muss so beschaffen seyn, dass sie das schnelle Auffinden der zur Befriedigung eines jeden literärischen Bedürfnisses nöthigen Bücher möglichst befördere.“

Allerdings begann die Dokumentation ausgangs des 19. Jahrhunderts einen eigenen Weg einzuschlagen. 1895 wurde das Institut International de Bibliographie gegründet (1937 in Federation Internationale de Documentation umbenannt) und damit ein Sonderweg der Dokumentation institutionell ermöglicht. 1941 entstand die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation. 1962 postulierte der Bundesrechnungshof in seiner „Untersuchung über die wissenschaftliche Dokumentation“, dass es sich bei der Information und Dokumentation um eine staatliche Aufgabe handelt. In „Lechmanns Leitsätzen“ zur Entwicklung einer nationalen Fachinformation wurde 1967 ein nationales Informationssystem verlangt. 1974 begannen Gelder des Bundesministeriums für Forschung und Technologie in die neuen Online-Technologien zu fließen, konkret für die Tiefenerschließung von Dokumenten aller Art sowie für den technischen und institutionellen Aufbau von Informationsinfrastrukturen. Konzeptionelle Basis war das „Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation“ (1974-1977).

Der institutionellen Ausgliederung der Dokumentation folgte der Aufbau der Informationswissenschaft. 1953 gründeten Instanzen der DDR das Institut für Informationswissenschaft, Erfindungswesen und Recht (INER) an der TU Ilmenau. Der Westen folgte mit der Gründung eines Instituts für Dokumentationswissenschaft an der Freien Universität Berlin (1966) und des Lehrinstituts für Dokumentation (LID) in Frankfurt (1967). Informationswissenschaftliche Studiengänge etablierten sich an den Universitäten Konstanz und Saarbrücken (1980), der Universität Regensburg (1981) und der Universität Hildesheim (1988).

Hier einmal unabhängig von Frau Petras argumentiert: Offensichtlich dachte die (Förder-)Politik für den Aufbau einer neuen Informationsinfrastrukturen nicht an die Bibliotheken und sah hier auch keine relevanten Potenziale, die sie sich für die eigenen Zwecke hätte nutzbar machen können. Das Problem der mangelnden Sichtbarkeit, das auch auf der Berliner Veranstaltung immer wieder der Informationswissenschaft angelastet wurde, bestand also seinerzeit auch für die Bibliotheken. Seitens der Bibliotheken ist keine Strategie bekannt, auf ihre Potenziale bei der Umsetzung der Fachinformationspolitik auf sich aufmerksam zu machen.

Jedenfalls ergaben sich im Zuge dieser Entwicklungen grundlegend unterschiedliche disziplinäre Positionen zwischen Deutschland einerseits und den USA und den iSchools auf der anderen Seite. Allerdings gab es in Deutschland zu dem separaten Weg, der hier eingeschlagen wurde, immer auch Gegenstimmen:

• Disziplinposition I: „Die Informationswissenschaft hat nichts mit Bibliotheken zu tun.“ Hingegen stellte Paul Kaegbein 1973 fest, dass es sich bei Bibliotheken um spezielle Informationssysteme handele (Bibliotheken als spezielle Informationssysteme, ZfBB, 20).

• Disziplinposition II: „Die Bibliothekswissenschaft ist getrennt von der Informationswissenschaft.“ Dagegen Horst Kunze 1978: „Historisch betrachtet ist also die Dokumentation nichts anderes als die Weiterentwicklung der bibliothekarischen Arbeit. Ihr Ausgangspunkt ist die Sache, das Problem, und nicht der Bestand einer Bibliothek“ (Bibliothek und Information, in: Peter R. Frank (Hrsg.), Von der systematischen Bibliographie zur Dokumentation, Darmstadt).

 

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Die integrativen Positionen in den USA und der iSchools.

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Nun die disziplinären Positionen aus den USA…:

• „Information science is that discipline that investigates the properties and behavior of information, the forces governing the flow of informtion, and the means of processing information for optimum accessibility and usability. Is is concerned with that body of knowledge relating to the origination, collection, organization, storage, retrieval, interpretation, transmission, transformation, and utilization of information“ (H. Borko, Information science: what is it?, in American Documentation, 1968).  

• „1. The physical question: What are the features and laws of the recorded information universe?
2. The social question: How do people relate to, seek, and use information?

3. The design question: How can access to recorded information be made most rapid and effective?“ (M. J. Bates, The invisible substrate of information science, in: JASIS, 50, 1999).“

Und wo finden sich in diesen Definitionen die Bibliotheken? Sie sind so selbstverständlich in ihnen enthalten, dass Borko und Bates sie nicht einmal ausdrücklich erwähnen mussten.

… und der iSchools:

„Some iSchool researchers will predominantly study people. Others will predominantly invent new technologies. But as a whole, the iSchools aren´t just promoting social science, because iSchools also invent new things. Sociology, communication, and STS departments do not. However, iSchools aren´t computer science or engineering departments. iSchools study people, deeply and rigorously, and most engines do not. Information schools must both study and invent to define the intersection between people and technology“ (J. Wobbrock, A. Ko, J. Kientz, Reflections on the Future of iSchools from Inspired Junior Faculty, in: ACM Interactions, 2009.

Dies sind auch die Positionen, wie sie Frau Petras und das IBI vertreten.

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Der integrative Ansatz des IBI.
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Das IBI an der HU Berlin ist ein Institut, das zunächst an der Trennung von Bibliothekswissenschaft und Informationswissenschaft teilnahm, diese Trennung aber später aufhob: 1928/29 wurde es als Bibliothekswissenschaftliches Institut an der Universität Berlin gegründet. 1954 – 1966 arbeitete es als Institut für Bibliothekswissenschaft, um 1966 in Institut für Bibliothekswissenschaft und wissenschaftliche Information und 1993 in Institut für Bibliothekswissenschaft umbenannt zu werden. Derweil residierte die Informationswissenschaft an der Freien Universität. Aber 1993 kam es zur Fusion der Institute an der HU und FU und 2005 erhielt die neue Einrichtung ihren heutigen Namen, also „Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft“.

Heute sieht sich das IBI, so Vivien Petras, so: „Wir sind

• „historisch geprägt durch die Konvergenzen von bibliothekarischer und dokumentarischer Ausbildung;

• ein informationswissenschaftliches Institut, das Gedächtnisinstitutionen (allen voran Bibliotheken) als spezielle Ausprägung von Informationsorganisationen untersucht

• eine iSchool, die dokument- und tchnologievermittelte/-gestützte Informationsprozesse untersucht.“

Interntionale Nachrichten

Refinitiv mit Raketen aus dem 3-D-Drucker

Relativity Space closed its $140 million Series C funding round led by Bond and Tribe Capital. Founded in 2015, Relativity Space is building the world’s first autonomous rocket factory and launch services for satellite constellations. With this $140 million funding round, Relativity is fully funded to become the first company in the world to launch an entirely 3D printed rocket to orbit and enter commercial service in early 2021.

De Gruyter startet die University Press LibraryThe University Press Library is the result of a five-year pilot project initiated by De Gruyter, the three prestigious presses of Harvard, Columbia and Princeton with collaboration from LYRASIS and ten participating academic libraries. The pilot project sought to address the challenges of acquiring complete DRM-free frontlist eBook collections of university press content for both the press and the academic library. The data gathered from this successful pilot inspired the University Press Library, a sustainable model that meets the financial and academic needs of both university press partners and the library in a digital environment. 

„Demokratisierung der Fähigkeiten“. Skillsoft has announced the expansion of its network of partners, connecting customers with essential learning solutions to ensure that organizations and learners can efficiently and effectively develop skills for the modern age. The expanded partner network, which now includes SumTotal, SAP SuccessFactors, Amazon Web Services, Korn Ferry, Cornerstone, Saba, IBM and Tata Consultancy Services supports Skillsoft’s continued efforts to accelerate the democratization of skills development by enabling customers to access the most comprehensive online learning ecosystem.

Ratingagentur für Kryptowährungen.  Morningstar Credit Ratings plans to move into the digital asset markets by offering a range of crypto asset rating services. The first offering focuses on placing the company’s debt ratings on the Ethereum blockchain (and eventually other blockchains) using oracles. The second offering will involve making Morningstar’s rating model available on a blockchain to enable investors to determine the creditworthiness of a debt security themselves (for a fee).

Rights Link wird umbenannt. Copyright Clearance Center (CCC), a company that advances copyright, announces the release of RightsLink for Scientific Communications, formerly RightsLink Author, which builds on a market-leading platform to help publishers quickly model and support a wide variety of transformative agreements.    

Raschere und schnellere Entscheidungen auf dem Arbeitsmarkt. CareerBuilder is rolling out updates to enhance both the employer and job seeker experience. Built on a foundation of billions of data points and extensive client and user feedback, CareerBuilder's enhanced Talent Discovery Platform enables companies to hire 30% faster, and support job seekers as they determine the next steps in their professional development or look for new opportunities.

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CAS baut Specialized Formulations Solutions auf. CAS, a division of the American Chemical Society that specializes in scientific information solutions, has expanded its product portfolio with the launch of Formulus, a new solution aimed at getting innovations to market faster by addressing the unique information needs of formulations scientists. By providing ready access to the detailed insights formulators need, Formulus inspires new ideas, reduces iterations required to optimize each formulation and informs problem resolution.

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