Open Password - Dienstag,
den 8. Oktober 2019

#640

 

Brexit – Krise der britischen Demokratie – Boris Johnson – Stefan Häseli – Kommunikationsverhalten – PR – Zukunft der Informationswissenschaft – Data Science – Fake News – Qualitätssicherung Informationsprodukte – Anna Knoll – Bernd Jörs – Walther Umstätter – Hans-Christoph Hobohm – Dietrich Nelle – Winfried Gödert – Theorielosigkeit – Zusammenhalt – Domänenspezifisches Wissen – Information Professionals – Data Science – Künstliche Intelligenz - DHZW – Informationsphilosophie – Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg – Willi Bredemeier - Information Professionals - Data Scientists - Buchmesse - GBI-Genios - ZB MED - Eva Sedlmayer - Freies Wissen - Offene Wissenschaft - TIB - Open Educational Resources - Niedersachsen


Krise der britischen Demokratie

Das Geheimnis von Boris Johnsons kommunikativer Wirkung

Warum und wie der britische Premier
eine Rolle spielt 

Von Stefan Häseli

 

Ein guter Politiker oder eher ein guter Schauspieler? Bei Boris Johnson scheiden sich die Geister. Dass der britische Premierminister sehr genau weiß, was er tut, zeigt sich beim Blick auf sein Kommunikationsverhalten.  

Er wirkt oft etwas fahrig, seine Auftritte sind mitunter sogar skurril: Boris Johnson. Doch neben seinem öffentlich oft plakativen Kampf für den Brexit führt genau das dazu, dass er als Person und somit auch seine Inhalte im Netz millionenfache Verbreitung finden und er regelmäßig in den Medien präsent ist.

Boris Johnson spielt eine Rolle – und diese Rolle spielt er verdammt gut. Absichtlich begibt sich der Politiker in die Rolle des Hofnarren und füllt diesen Part glaubwürdig aus. Ob stets verwuschelte Haare oder exzentrische Kleidung: Das ist ein Kostüm, mit dem sich der Premierminister bewusst als eine Art Paradiesvogel nszeniert.
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Fast wie besessen…
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Doch warum hat Johnson diese Strategie gewählt, um sich auf der politischen und öffentlichen Bühne darzustellen? So ein Auftreten lenkt von inhaltlichen Fragen ebenso geschickt ab wie die Körpersprache, die bei Johnson fast immer den Eindruck einer beständigen, starken Spannung verbreitet. Im Parlament springt der Premierminister oft auf, rauft sich die Haare. Dann spricht er sehr emotional zu den Menschen, immer mit einer großen Dringlichkeit, die stellenweise fast besessen wirkt. Inhaltlich setzt er dabei in der Regel auf die kurzfristige Pointe, den Witz und die große Geste, ohne die langfristigen Konsequenzen seiner Erklärungen zu bedenken.

So wie bei jedem sehr guten Schauspieler tritt auch Johnson auf – und in dem Moment ist wahrscheinlich vieles von dem, was er zeigt, echt. Wie auf einer Theaterbühne ist seine politische Inszenierung ein Spiel für den Augenblick. Genau das ist offensichtlich das Geheimnis von Johnsons Wirkung: In dem Augenblick, in dem er redet, glaubt er tatsächlich selbst, was er sagt – auch wenn er es eigentlich besser wüsste. Eben deshalb kommt er ungleich authentischer herüber, als viele seiner Kollegen in der Politik. 

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Ein Kenner der Medienmechanismen
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Johnson kann man durchaus Intelligenz quittieren: Er kennt die Mechanismen der Medien sehr genau und weiß sie, für sich zu nutzen. Diese Eigenschaften sind per se nicht schlecht, sie haben Johnson ja auch weit gebracht. Was jedoch in Berufen, die eher auf Repräsentanz ausgelegt sind, wie zum Beispiel der des Londoner Bürgermeisters, ein großer Gewinn für ein Gemeinwesen sein kann, funktioniert in der Position eines Staatenlenkers meistens nur kurzfristig. Denn das ist ähnlich wie in hohen Management-Positionen: Jenseits aller Spielchen erfolgt zum Schluss fast immer die Konfrontation mit einer Realität, die nicht aus Emotionen, sondern aus Fakten besteht.

Das muss für eine Politikerpersönlichkeit wie Johnson nicht unbedingt ein Problem sein. Scheitert er mit dem Brexit ohne Deal im Parlament, tritt er vielleicht einfach ab. Ein solcher Rücktritt wird einen überzeugenden Schauspieler wie Johnson nicht einmal viele Sympathien kosten. Es wäre eine neue Rolle, in die er dann schlüpfen würde – und natürlich macht er das wieder mit entsprechend großer Geste. Ganz abgesehen davon, hat er die Mechanismen harter Verhandlungen durchaus verinnerlicht. Ob sie am Ende des Tages auch erfolgreich sind, werden wir sehen. 

Stefan Häseli ist Kommunikationstrainer, Keynote-Speaker, Moderator und Autor mehrerer Bücher. Er betreibt ein Trainingsunternehmen in der Schweiz.  https://stefan-haeseli.com/

 „Zukunft der Informationswissenschaft“

Wo die Informationswissenschaft
Positionen gewinnen und verlieren kann

Übergang zur Data Science – Aufdeckung von Fake News – TÜV zur Qualitäts-sicherung von Informationsprodukten

Von Anna Knoll

Der Reader „Zukunft der Informationswissenschaft“ beleuchtet in 34 Beiträgen die Frage „Gibt es eine Zukunft für die Informationswissenschaft?“ von verschiedenen Seiten. Er gibt tolle Impulse für Information Professionals, die nicht schon tief in dieser Debatte drinstecken. Aufmerksamen Lesern von „Open Password“ dagegen dürfte der Band bis auf den letzten sechsten Teil nichts Neues bieten. In den ersten drei Teilen wird die Informationswissenschaft und deren Untergang ausführlich dargestellt. Im vierten und fünften Teil wird auf Bibliotheken und die Hochschullehre eingegangen. Im sechsten Teil werden Beispiele aus Praxis und Forschung vorgestellt (z.B. Suchmaschinen, Smart Cities, UX, Online Marketing). Die Autoren sind „Altbekannte“ im Open-Password-Universum – Jörs, Umstätter, Hobohm, Nelle, Gödert. Auch die Themen überschneiden sich immer wieder, vor allem die Theorielosigkeit und der fehlende Zusammenhalt der Branche (sofern es überhaupt eine gibt) werden unermüdlich betont. Einige interessante Aspekte aus den Beiträgen möchte ich im Folgenden herausstellen.

Mehrere Autoren im Band (z.B. Gödert, Jörs) bemerken die Tendenz der Informationswissenschaftler, sich forschungsmäßig ihrer Herkunftsdisziplin zuzuwenden. Diesen Trend könnte man stoppen, indem man die Informationswissenschaft den Herkunftsdisziplinen überordnet, meint Gödert. Er nennt es „Ganzes – Teil – Prinzip“ und führt dies anschaulich in seinem Artikel aus (S. 43ff.). So könnte die Informationswissenschaft wieder an Bedeutung gewinnen und sich neu positionieren.

Jörs nimmt wie gewohnt die Position des Schwarzmalers und Unkenrufers ein (und das mit Genuss, wie es scheint). In langen, ausschweifenden Sätzen degradiert er die Informationswissenschaft zu einer überflüssigen Hilfswissenschaft, die – falls sie verschwände – niemand vermissen würde. In seinem ersten Artikel (S. 61ff.) erläutert er, warum Daten Medien und Informationen abgelöst haben (das „Ich mach was mit Medien“ der Nullerjahre wird zu „Ich mach was mit Daten“). Laut Jörs scheitern die informationswissenschaftlichen Studiengänge, weil sie kein domänenspezifisches Wissen vermitteln, also keine tiefere Kenntnis über die Branchen, in denen Absolventen Arbeit finden. Ein Biologe/Chemiker/etc. möchte sich auf Augenhöhe unterhalten, wenn er Hilfe bei einer Recherche braucht. Das können Information Professionals nicht leisten, außer sie haben bereits eine vorherige Ausbildung oder ein Studium in einem domänenspezifischen Bereich absolviert. Jörs fordert die Abschaffung der traditionellen InfoWiss-Studiengänge (außer dem Bibliothekswesen) oder die Umstrukturierung in „zukunftsträchtige Berufsfelder“ wie Online Marketing oder Datenmanagement (S. 87).

In seinem zweiten Beitrag ab S. 213 nimmt er die Lehre der Informationswissenschaft vollständig auseinander. Die Data Science, die aus der Mathematik stammt, hat die Information Science obsolet gemacht, alles konzentriert sich jetzt auf KI (Künstliche Intelligenz) (S. 230). Aufgrund ihrer Theorielosigkeit, fehlenden Problemlösungskompetenz, Heimatlosigkeit in den Wissenschaftsdisziplinen und Isolation in der Forschung (keine DFG-Bedeutung), sollte die Informationswissenschaft keine eigene Studienrichtung sein, meint Jörs (S. 231ff.). Er bemängelt auch die hohe Abbrecherquote der InfoWiss-Studierenden (S. 236) – allerdings ist dies in vielen anderen Fächern ebenfalls der Fall. Das DHZW hat 2017 ein Paper[1] herausgegeben, warum und wo Studierende ihr Studium abbrechen. In den wenigsten Fällen hat das mit den Inhalten zu tun.

Umstätter ist ebenfalls mit mehreren Artikeln vertreten. In einem von diesen erklärt er, warum Wissen nicht veraltet und warum sich viele fälschlicherweise als ‚Knowledge Manager‘ bezeichnen. Er sieht – wie einige andere Autoren dieses Bandes – die Aufdeckung von „Fake News“ als eine der wichtigsten Aufgaben von InfoPros (S. 117ff.). Siehe hierzu auch den Abschnitt 6.4 (S. 369 – 400). Dies ist ein interessanter Ansatz, die Arbeit mit Falschinformationen, Fehl- und Desinformationen, Lügen, Unwahrheiten usw. war schon immer Teil der Aufgaben eines Information Professionals. Seit den US-Präsidentschaftswahlen 2016 rückt dieser wichtige Job aber immer mehr in die Öffentlichkeit und könnte von der Informationswissenschaft genutzt werden.

Hobohm untersucht den „Untergang der Informationswissenschaft“ philosophisch (S. 127ff.). Er sieht die Informationsphilosophie als Leitdisziplin des 21. Jahrhunderts für Informationswissenschaftler. In Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung, in der Maschinen einen großen Teil unserer (Denk-)Aufgaben übernehmen, wirkt der Ansatz gut. Leider ist sein Artikel sehr wissenschaftlich und schwer lesbar ohne die entsprechenden Vorkenntnisse.

Die unterschiedlichen Schreibstile der Autoren machen einen Großteil des Charmes des Readers aus. Von locker-reißerisch bis hochwissenschaftlich ist alles vertreten und alles findet seine Leser. Allerdings wird in dem Band genau das gemacht, was immer bemängelt wird: es wird aus einer Meta-Ebene auf das Problem geschaut und darüber geschrieben, aber wenig praxistaugliche und reale Vorschläge gemacht, wie man die Informationswissenschaft aus ihrem Tal herausholen kann. Der letzte Teil des Bandes klang vielversprechend, aber auch hier nahm man die Gelegenheit nicht wahr, echte gute Beispiele aus der Praxis darzustellen, wie Informationswissenschaftler tatsächlich eine Zukunft im Berufsleben haben.

Bredemeiers Vorschlag von einem „TÜV zur Qualitätssicherung von Informationsprodukten“ (S.39) ist grandios. Große Firmen oder Unternehmensberatungen könnten von so einer Position profitieren. In den Steilvorlagen-Veranstaltungen im Rahmen der Buchmesse wurden etliche exzellente Vorschläge gemacht, wie sich Information Professionals in der Wirtschaft behaupten. Allerdings widmet sich der Band „Zukunft der Informationswissenschaft“ ja der rein wissenschaftlichen Seite und bewegt sich meiner Meinung nach dadurch im Kreis.

Die Frage, ob die Informationswissenschaft nun eine Zukunft hat, ist nicht beantwortet worden (kann sie das überhaupt?). Am Ende fehlte mir ein abschließendes Fazit des Herausgebers. Bredemeier ist bekannt dafür, Dinge pointiert zusammenzufassen und scharfzüngig zu bewerten (siehe seine Tagungsberichte und Interviews in Open Password), dies hätte mir zum Schluss gefallen.

[1] Vgl. https://www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201701.pdf 

Frankfurter Buchmesse:
Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg

International vergleichende Antworten
der Praxis auf eine Existenzfrage

Stirbt der Beruf des Information Researchers aus? Übernehmen in Zukunft Datenanalysten unseren Job? Nein, sicher nicht. Warum? Was müssen Sie tun? „Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg“ bietet Ihnen international vergleichende Praxisbeispiele, die Ihnen auf diese Existenzfrage klare Antworten gibt und Wege zu Ihrem persönlichen Erfolg aufzeigt.

Das erwartet Sie:

• Keynote-Sprecherin Mary Ellen Bates aus den USA analysiert, wie der intelligente Einsatz von innovativen KI- und Big Data-Technologien Ihren Information Research für Kunden künftig unverzichtbar macht. 
 

• Gerlinde Mohr von Bain & Company Germany berichtet, wie Advanced Research Tools den Information Research im globalen Netzwerk einer Unternehmensberatung verändern. 
 

• Dr. Anni-Barbara Endler Jobst zeigt, wie Roche Pharmaceutical Research durch Machine Learning-Prozesse zu einem weitaus besseren Verständnis der Patientenbedürfnisse kommt. 
 

• Stephan Raif von PERSONAL BRANDS erläutert, was Sie tun müssen, um bei Ihren Kunden oder Vorgesetzten zu überzeugen.

Ihr besonderer Vorteil: Im Veranstaltungsticket für 139 Euro ist der Besuch der Frankfurter Buchmesse (im Wert von 75 Euro) bereits enthalten. Informationen zur Veranstaltung und die direkte Anmeldung sind unter diesem Link möglich: https://www.buchmesse.de/besuchen/konferenzen/steilvorlagen

Aus: GENIOS-Newsletter vom 4. Oktober

 

ZB MED

Im Zeichen der Offenen Wissenschaft

Dr. Eva Seidlmayer von der ZB MED erhält ein Stipendium im Fellow-Programm „Freies Wissen“. Das gemeinsame Programm von Wikimedia Deutschland, dem Stifterverband und der VolkswagenStiftung steht im Zeichen der Offenen Wissenschaft. 

Mit dem Fellowship richten sich die Stiftenden an Nachwuchswissenschaftler. Entscheidendes Kriterium für eine erfolgreiche Bewerbung ist die Motivation, eigene Forschungsprozesse offen gestalten zu wollen. Zudem bringen alle Fellows die Bereitschaft mit, die Idee von Offener Wissenschaft in der eigenen Institution und Community zu verbreiten.

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Technische Informationsbibliothek

Infrastruktur für Open Educational Resources in Niedersachsen

Um eine Infrastruktur für die nachhaltige Bereitstellung von OER im Hochschulbereich in Niedersachsen aufzubauen, hat das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) im Rahmen des Masterplans Digitalisierung der Landesregierung das Projekt „OER-Portal Niedersachsen“ initiiert (OER = Open Educational Resources) und am Kick-off-Meeting teilgenommen.  

Ziel des Projektes, das von der TIB geleitet wird, ist es, eine nachhaltige Infrastruktur für freie Bildungsmaterialien zur Unterstützung von Hochschullehrenden aufzubauen. „Neben der Entwicklung eines OER-Portals für Niedersachsen auf der Basis der Open-Source-Software edu-sharing wollen wir die Vernetzung mehrerer Portale zur Suche in verteilten Instanzen ermöglichen. Auf diese Weise können über das OER-Portal auch Lernmanagementsysteme wie Stud.IP oder Moodle, Videoplattformen wie das TIB AV-Portal und Präsentationsplattformen wie SlideWiki angebunden werden“, fasste Margret Plank, Leiterin des Labs Nicht-Textuelle Materialien an der TIB und Projektkoordinatorin des OER-Portals, zusammen.

 

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