Open Password - Donnerstag, den 12. September 2019

# 626


ZBW – Claudia Thorn – Prägende Köpfe – Entwicklungsetappen – HWWA – Humanisierung – Charakterzeichnungen – Austauschbarkeit von Arbeitnehmern – Gertrud Savelsberg – Wilhelm Gülich – Institut für Weltwirtschaft – Parlamentsbibliothek des Deutschen Bundestages – Deutschnationale Volkspartei – NSDAP – Paul Heile - Welt-Wirtschaftsarchiv – Deutsche Demokratische Partei – FDP – Hamburger Freie Presse – Andreas Predöhl - dcif - Competitive Intelligence - Digitalisierung - Winfried Gödert - Klaus Lepsky - Informationelle Kompetenz - DeGruyter


ZBW

„Keine Bibliothek ohne Leidenschaft“

Lassen sich „prägende Köpfe“ beschreiben und gab es sie wirklich?

Von Willi Bredemeier

Claudia Thorn, Persönlichkeiten – Keine Bibliothek ohne Leidenschaft, Hamburg 2019.

Der schmale Band wurde von der ZBW anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens als Auftragsarbeit vergeben und von der Historikerin Claudia Thorn getextet. https://100jahre.zbw.eu/wp-content/uploads/2019/08/ZBW-Persoenlichkeiten.pdf. Ein weiterer Band von ihr, der dem gleichen Zweck dient, ist unter dem Titel „Erst königlich, dann weltbekannt - Entwicklungsetappen der ZBW“ erschienen. https://100jahre.zbw.eu/wp-content/uploads/2019/01/100Jahre_ZBW.pdf

Ein alternativer Titel von „Persönlichkeiten“ lautet „Prägende Köpfe“. Die Autorin beschreibt den Ansatz ihrer Arbeit so: „Das Ziel der ZBW – Leibniz ­Informations­zentrum Wirtschaft ist es, wirtschafts­wissenschaftliche Forschungsergebnisse aus aller Welt einer möglichst großen Zahl von Menschen einfach zugänglich und transparent zu machen. Geprägt wurden die ZBW und ihre Schwester, die Biblio­thek des HWWA, von einer Vielzahl unter­schiedlichster Protagonist*innen – von Menschen mit Leidenschaft, Engagement und Gestaltungswillen. In diesem Heft »Persönlichkeiten« stellen wir prägende Köpfe vor, die ihr Leben und ihr Herz der Bibliothek gewidmet haben“ (Seite 5).  Als Zusammenfassung dazu lässt sich der Untertitel des Bandes heranziehen: „Keine Bibliothek ohne Leidenschaft“.

Das ist ein im Prinzip wünschenswerter Ansatz. Erstens habe ich seit mehreren Jahrzehnten regelmäßig und seit einigen Wochen im Zuge eines Buchvorhabens verstärkt mit Bibliothekarinnen gesprochen und kooperiert. (Männer scheinen in diesem Berufsfeld, von den wissenschaftlichen Bibliotheken abgesehen, nur selten eine Chance zu haben oder sie sehen sich lieber woanders um.) Ich weiß daher aus der Literatur und eigener Erfahrung, dass das alte Zerrbild vom unerwünschten Kunden in Bibliotheken heute weitgehend ohne Wirklichkeitsbezug ist, auch wenn es noch in den Köpfen mancher Nutzungsverweigerer herumgeistert. Wenn die Bibliothekarinnen hingegen als „leidenschaftlich“, „engagiert“ und „gestalten wollend“ gekennzeichnet werden, so ist das so wahr, dass diese Charakterisierungen einer Schrift, die ohnehin werbenden Charakter haben soll, wohl ansteht.

Zweitens hat die weitgehende Instrumentalisierung der arbeitenden Menschen verbunden mit einem extremen Verzicht auf eine Nutzung ihrer kreativen Potenziale zu individuellem Unglück und politischen Verwerfungen geführt. Womöglich hätte es ohne die Verbreitung dieser massenweisen „Entfremdung“ keine Arbeiterbewegung gegeben. Mittlerweile wurde in einer Vielzahl von Initiativen nachgewiesen, dass Produktivität auch dadurch gesteigert werden kann, dass Arbeitnehmer eben nicht im Zuge einer weitestmöglichen Arbeitszerlegung auf repetitive Fertigkeiten reduziert, diesen vielmehr größere Freiräume eingeräumt werden. Ein personaler Ansatz, der die Individualität von Personen in die Betriebe und sei es erst einmal auf Führungsebene bringt oder zurückbringt, steht in der Tradition dieser Initiativen und ist als Beitrag zur „Humanisierung der Arbeit“ zu verstehen.

Allerdings stellt sich die Frage, inwieweit sich dieser Ansatz realisieren ließ. Hier hat die Autorin die bestehenden Möglichkeiten ausgeschöpft, unterstützt von Porträtzeichnungen der Protagonisten zu Beginn der ihnen gewidmeten Beiträge. Aber reichten ihr die zur Verfügung gestellten Dokumente aus, um ein lebensnahes Bild der „prägenden Köpfe“ der ZBW und des HWWA (das später mit dem ZBW verschmolz) zu zeichnen? Das ist nur bedingt der Fall. Die Wahrheit ist vielmehr, dass die weitgehende Reduzierung von Arbeitnehmern auf einen engen Arbeitsbereich und die tendenzielle Gleichsetzung abhängig Beschäftigter mit ihren Stellenbeschreibungen auch für Führungspositionen, wie sie die ZBW verfügbar gemacht hat, eine lebensnahe Charakterisierung von Protagonisten kaum möglich gemacht hat. So ähneln die Beschreibungen auch in dieser Schrift denn ein wenig den Einträgen in Personalakten und den Arbeitsberichten von Institutionen an vorgesetzten Behörden, wenngleich Frau Thorn die ihr zugänglichen Informationen in ein besseres Deutsch übertragen hat.

Andererseits ist einzuräumen, dass sie zu lebensnahen Schilderungen auch dann kaum hätte kommen können, wenn das ZBW mehr Geld in die Hand etwa für Interviews in die Hand genommen hätte. Denn fast alle von uns haben verlernt oder nie gelernt, Charaktere realistisch zu beschreiben. Das wurde ja auch nicht als nötig angesehen, da Arbeit über die Jahrhunderte so organisiert wurde, bis wir alle austauschbar waren. So muss denn die Frage erlaubt sein, ob nicht auch die Führungskräfte des ZBW weitgehend austauschbar waren, anstatt ihre Organisation nachhaltig zu prägen – von autoritären Herrschern in ihrer Organisation, wie vielleicht Wilhelm Gülich einer war, womöglich abgesehen.

Natürlich gibt es Menschen, die Charaktere nachzeichnen (oder erfinden) können, und wir nehmen das vor allem in der Politikberichterstattung (und in der Belletristik) wahr. Aber die Autoren kommen zu ihren „Charakterbildern“ vor allem über eine längere teilnehmende Beobachtung und diese Bilder enthalten wegen der anzustrebenden Tiefenschärfe notwendigerweise Kritik. Das ist nun wirklich bei weitem jenseits allem, was das ZBW konnte und wollte, obgleich die Bibliotheken einen hohen Anspruch an sich haben und die Leibniz-Bibliotheken erst recht. 

Als interessanteste Teile des Thorn-Buches erschienen mir daher nicht die biographischen Chroniken noch die Schilderung von Arbeitsvollzügen und -initiativen, vielmehr die Verwicklung der Protagonisten in die deutsche Zeitgeschichte, beispielsweise als Gertrud Savelsberg nicht Leiterin des ZBW wurde, obgleich alles für sie sprach, womöglich weil sie eine Frau war (Seite 23). Oder die Verwicklungen oder das Überleben anderer Protgonisten in der NS-Zeit und der jungen Bundesrepublik. Wir zitieren aus dem Leben von Wilhelm Gülich und Paul Heile.

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Wilhelm Gülichs fortgesetzte Karriere in der NS-Zeit und der jungen Republik.
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„Neben der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft wurde Wilhelm Gülich über die Jahre immer wieder mit der Revision oder dem Aufbau anderer Bibliotheken nach dem Prinzip der Bibliothek des IfW beauftragt. Darunter waren die Bibliothek des Marburger Instituts für Grenz- und Auslandsdeutschtum und die Bibliothek der Kieler Zahnuniversitätsklinik. Über mehrere Jahre zeichnete er ab 1941 für den Aufbau der Bibliothek des vom NS-Regime gegründeten Deutschen Auslandwissenschaftlichen Instituts in Berlin verantwortlich. Dies verdeutlicht die Verzahnung nicht nur des IfW, sondern auch seiner Bibliothek mit NS-Stellen und Einrichtungen, die sich auf die Stellung der Bibliothek in Kiel positiv auswirkte. Anfang der 1950er baute Gülich die Parlamentsbibliothek des Deutschen Bundestages auf.

Zu Beginn der Weimarer Republik war Wilhelm Gülich Mitglied der rechtskonservativen und monarchistischen Deutschnationalen Volkspartei geworden, aus der er jedoch 1921 wieder austrat. Später schloss er sich dem Republikanischen Club an. Gülich, der nicht Mitglied der NSDAP gewesen war, trat in der Nachkriegszeit der SPD bei, für die er zunächst von 1946–1948 auf Kreisebene als Landrat des Kreises Herzogtum Lauenburg, als Vorsitzender des Schleswig-Holsteinischen Landkreistages und im Präsidium des Deutschen Landkreistages tätig war. Von 1947–1949 saß er im schleswig-holsteinischen Landtag, bevor er ein Jahr Finanzminister des Landes wurde. Ab 1949 bis zu seinem Tod 1960 war er Abgeordneter im Deutschen Bundestag. …

Wilhelm Gülich war ein extrem umtriebiger Mann, der für die Bibliothek viel bewegte und vor allem durch sein über Jahre entwickeltes Katalogsystem große Bekanntheit unter Forschenden und Bibliotheken erlangte. Die Stringenz und seine Beharrlichkeit bei der Umsetzung der für die Bibliothek gesteckten Ziele sowie die vollständige Konzentration auf die Effizienz und das Wohl der Bibliothek machten ihm nicht nur Freunde und Freundinnen. Auch hatte er von seiner Zunft nicht immer die beste Meinung, was daran gelegen haben mag, dass die Leitung einer Bibliothek durch einen Ökonomen anstelle eines Fachbibliothekars gelegentlich nicht als professionell angesehen wurde. Gülich seinerseits haderte mit seinen Kolleg*innen aus dem Bibliothekswesen, weil sie von „wissenschaftlichen Problemen nicht ergriffen sind (...). Insbesondere die großen Probleme des politischen und sozialen Lebens scheinen vollkommen außerhalb der Welt der Bibliothekare zu liegen“ (Seiten 9-11).

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Paul Heiles gebrochene Laufbahn durch Widerstand gegen die NSDAP und parteipolitische Querelen.
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„Am Hamburgischen Welt-Wirtschaftsarchiv – bis 1919 noch Zentralstelle des Kolonialinstituts – übernahm er 1916 die Hauptschriftleitung der neu gegründeten Wochenzeitschrift „Wirtschaftsdienst“, die noch heute von der ZBW herausgegeben wird. … Nachdem Heile die Hauptschriftleitung des „Wirtschaftsdienst“ aufgegeben hatte, wechselte er 1924 innerhalb des HWWA in die Leitung der Bibliothek, die er bis 1933 innehatte. Die in seine Amtszeit fallende Weltwirtschaftskrise wirkte sich durch die vielfältigen Tauschbeziehungen mit internationalen Einrichtungen und Organisationen kaum negativ auf den Bibliotheksbestand aus. …

Schwierig wurde die Lage jedoch für Paul Heile persönlich. Seit Erstarken des Nationalsozialismus hatte er sich immer wieder in Artikeln dagegen positioniert. Kurz nach der Machtübergabe an das NS-Regime, die im HWWA zur Verdrängung der jüdischen und politisch nicht genehmen Mitarbeiter*innen inklusive des Direktors führten, musste auch Paul Heile gehen. Als Mitglied der ehemaligen linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, die 1930 als Deutsche Staatspartei einen völkisch-nationalen Kurs eingeschlagen hatte, schloss sich Paul Heile 1933 dem Widerstandskreis um seinen ehemaligen Parteifreund Friedrich Ablass an, wurde mehrfach verhaftet, kam aber nach kurzer Zeit unter Auflagen wieder frei. …

Nach der Kapitulation des Deutschen Reichs 1945 gehörte Paul Heile zu den Mitbegründern der PFD, der Partei Freier Demokraten, ab 1946 Freie Demokratische Partei (FDP). Aufgrund seiner journalistischen Erfahrungen wurde er 1946, als die britische Verwaltung vier Zeitungen in Hamburg zuließ, mit der Leitung der neu gegründeten, den Liberalen nahestehenden „Hamburger Freien Presse“ betraut. …

Auf die Schließung des HWWA für die Öffentlichkeit im Mai 1945 war im August die Ernennung des ehemaligen Direktors des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Andreas Predöhl als kommissarischer Direktor erfolgt. Paul Heile kämpfte um die Wiedereinstellung im HWWA, lehnte es jedoch vehement ab, unter Predöhl zu arbeiten. Gemeinsam mit Carl Rathjens, einem ebenfalls 1933 entlassenen wissenschaftlichen Mitarbeiter des HWWA, protestierte Heile gegen die Beschäftigung Predöhls wegen dessen Beziehungen zu den NS-Regierungsstellen. Rathjens und Heile argumentierten, dass die britische Militärregierung wohl kaum einer Wiederzulassung des HWWA unter Leitung des belasteten Andreas Predöhl zustimmen würde. Mit diesem Argument sollten sie erfolgreich sein. Predöhl trat zurück.

Als Andreas Predöhls Nachfolger Heinrich Waltz in den Ruhestand ging, wurde Paul Heile im Oktober 1946 als neuer kommissarischer Leiter des HWWA eingesetzt. Zeitgleich erwirkte er zusammen mit Carl Rathjens in den Verhandlungen mit der britischen Militärregierung und dem Senat die Aufhebung der vollständigen Schließung des HWWA und die Einrichtung eines Notdienstes, dem im Dezember 1946 die Zulassung zur Nutzung des HWWA durch die Öffentlichkeit folgte. Nach fast zwei Jahren als kommissarischer Leiter blieb Paul Heiles Bewerbung um die Einstellung als hauptamtlicher Direktor des HWWA 1948 allerdings erfolglos. Stadt und Beirat sprachen sich für Chlodwig Kapferer aus, was Paul Heile tief enttäuschte. Er zog sich nach und nach aus dem öffentlichen Leben zurück.

Mit der Währungsreform geriet die „Hamburger Freie Presse“ unter wirtschaftlichen Druck, gleichzeitig gab es Streit mit Teilen der Hamburger FDP, wegen der von Heile als übergriffig empfundenen Einflussnahme der Fraktion auf die Redaktion. 1949 entschloss sich Heile, der seit 1946 für die FDP in der Bürgerschaft saß, nicht erneut zu kandidieren“ (Seiten 37-39).

 

 11. Jahreskonferenz dcif 

„Digitalisierte CI/MI – Fluch oder Segen?

“25. – 26. September, 11. Jahreskonferenz dcif, „Digitalisierte CI/MI – Fluch oder Segen?“ in Trägerschaft des Deutsche Competitive Intelligence Forum – (dcif e.V. – Bundesverband Wettbewerbs- und Marktanalyse), im Welcome Kongresshotel Bamberg. Das Programm:

25. September

09:00 – 13:30 Uhr        Workshop „Strukturiert - Schnell - Beweissicher - Effiziente
                                    Internetrecherche“

12:30 – 17:00 Uhr        Workshop „Soziale Medien und Market Intelligence, wen interessiert
                                    das eigentlich?“

17:45 – ca. 22 Uhr        Netzwerkveranstaltung Stadtführung – Launiger Vortrag –
                                    Abendessen

26. September

08:00 – 08:45 Uhr        Registrierung, Silke Maczewski (dcif e.V.)

08:45 – 08:55 Uhr        Begrüßung / Eröffnung / Organisation, dcif-Vorstand

08:55 – 09:15 Uhr        Podiumsdiskussion mit den Ausstellern

09:15 – 10:00 Uhr        "Strategic Intelligence – How AI will change the face of competitive
                                    assessment?", Marcos Dreher (Director Global Market Research &
                                   Intelligence, Hartmann AG, Heidenheim)

10:00 – 10:45 Uhr        "Automatisierter Abruf von Wettbewerberinformationen: Ein auf
                                    KNIME basierender Ansatz für maschinelles Lernen", Dr. Matthias
                                    Stephan (Siemens AG, Digital Factory, Nürnberg)

10:45 – 11:15 Uhr        Pause

11:15 – 12:45 Uhr        Marketplace, moderierter Austausch in Gruppen zu drei aktuellen CI-
                                    Themen

12:45 – 13:45 Uhr        Mittagspause

13:45 – 14:45 Uhr        Moderierte Zusammenfassung (und Diskussion)
                                    der Arbeitsgruppenergebnisse

14:45 – 15:30 Uhr        „CI beim Innovationsführer der mechatronischen Antriebstechnik –
                                     Mehrwert für Lastenheft und Vertrieb“, Florian Kohlschreiber
                                     (Mitarbeiter Produktmanagement, WITTENSTEIN alpha GmbH)

15:30 – 16:00 Uhr        Pause

16:00 – 16:45 Uhr        "Wie KI lernt die Lücke zwischen Daten und Competitive
                                     Intelligence  zu überbrücken", Dr. Yannick Loonus (CSO, Semalytix
                                    GmbH, Bielefeld)

16:45 – 17:00 Uhr        Konferenzabschluss, dcif-Vorstand

 

 

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