Open Password - Dienstag, den 30. Juli 2019

# 601

Zukunft der Informationswissenschaft – Informationswissenschaftliche Lehre – Informationswissenschaftliche Forschung – Klaus Gantert – Günther Neher – Frauke Schade – Bologna-Prozess – FaMI – Bachelor – Informationswirtschaft – Bibliotheken – Deutschland – Schweiz – Österreich – Masterstudiengänge – Bibliothekswissenschaft – Promotionszentrum – Praxis – Studienreform – TH Köln – FH Potsdam – HdM – HU Berlin – Nestor – Langzeitarchivierung – Hochschule für den öffentliche Dienst – Bibliotheksakademie Bayern – HS Hannover – TH Wildau - ECTS

Zukunft der Informationswissenschaft
Lehre und Forschung in der Informationswissenschaft

Deutsche, schweizerische und österreichische Informationswissenschaft:

Was tatsächlich gelehrt wird


Von Klaus Gantert, Günther Neher und Frauke Schade

Zweiter Teil
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2. Lehre
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Die Grundlage für ein informationswissenschaftliches Studium in Europa bildet der als Resultat des Bologna-Prozesses entstandene europäische Hochschulraum. Nach der dualen Berufsausbildung zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste (FaMI)[19] qualifiziert der Bachelor als erster Hochschulabschluss für einen Beruf sowie für den gehobenen Dienst und für vergleichbare Entgeltgruppen im öffentlichen Dienst. An neun staatlichen Hochschulen in Deutschland gibt es grundständige Bachelor-Studiengänge, die für die Informationswirtschaft und für Bibliotheken sowie für weitere Kultur- und Gedächtnisinstitutionen ausbilden. Sie haben eine Studiendauer von sechs bis sieben Semestern.

Zu den Hochschulen gehören die Humboldt-Universität zu Berlin (HU Berlin), die Hochschule Darmstadt (HS Darmstadt), die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg), die Hochschule Hannover (HS Hannover), die Universität Hildesheim, die Technische Hochschule Köln (TH Köln), die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig, die Fachhochschule Potsdam (FH Potsdam), die Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern (HföD) in München, die Universität Regensburg sowie die Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. In der Schweiz werden bibliothekarische und informationswissenschaftliche Studiengänge von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Chur und der Haute École de Gestion (HEG) in Genf angeboten. Darüber hinaus gibt es an der Universität Zürich und an der Universität in Bern jeweils einen Weiterbildungsstudiengang. Vergleichbare Angebote in Österreich bietet die Fachhochschule Burgenland am Standort Eisenstadt sowie die Österreichische Nationalbibliothek in Zusammenarbeit mit der Universität Wien.

Konsekutive Masterstudiengänge setzen einen grundständigen Studienabschluss mit bibliotheks- und/oder informationswissenschaftlichem Schwerpunkt voraus. Die Bologna-Reform ermöglicht zudem die Kombination eines informationswissenschaftlichen Bachelors mit einem fachfremden Master und umgekehrt. Die erste Variante wird in konsekutiven Masterstudiengängen realisiert, die entweder stärker informationswissenschaftlich oder stärker bibliothekswissenschaftlich ausgerichtet sind. Sie werden von der HU Berlin, der HS Darmstadt, der HAW Hamburg, der HS Hannover, der FH Potsdam, der TH Köln sowie der HTWK in Leipzig angeboten. Berufsbegleitende Masterstudiengänge gibt es als Weiterbildungsstudiengänge an der HS Hannover, der Technischen Hochschule Köln, der TH Wildau und der HU in Berlin.

Im Bereich der Bibliothekswissenschaft ist eine Promotion ausschließlich am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) der Humboldt-Universität zu Berlin möglich, in der Informationswissenschaft in Berlin, Düsseldorf, Hildesheim und Regensburg. Darüber hinaus gibt es seit 2017 ein gemeinsames Promotionszentrum für Angewandte Informatik der Hochschulen Darmstadt, Fulda, RheinMain (Wiesbaden, Rüsselsheim) und Frankfurt mit Sitz in Darmstadt. Im Rahmen der Promotionsförderung kooperieren darüber hinaus einige Hochschulen mit zum Teil fachfremden Universitäten und/oder Universitäten im nicht-deutschsprachigen Ausland.

Der Informationswissenschaft liegt das Verständnis einer Informationswissenschaft zugrunde, die sich an den Bedarfen der Berufspraxis orientiert. Angesichts der in Kapitel I dargestellten Bandbreite informationswissenschaftlicher Handlungsfelder sowie der Herausforderungen der Digitalisierung und deren Veränderungsdynamik, die sich naturgemäß in den Curricula widerspiegelt, ist die kompakte Darstellung einer in sich konsistenten Fachdisziplin, die in einen festen Kanon der Lehre mündet, weder möglich noch zielführend. Im Kern bezieht sich die Informationswissenschaft jedoch auf die Kuratierung, Strukturierung, Bereitstellung und Vermittlung von Information und Medien[20]. In das Studium werden die spezifischen Rahmenbedingungen einbezogen, die auf dem Informationsmarkt sowie in Gesellschaft, Politik, Recht und Ethik bestehen[21]. Unter Fragestellungen des Informationsmanagements, der Informationslogistik und des Informationsverhaltens werden Theorien, Methoden und Konzepte aus anderen Wissenschaftsdisziplinen integriert und angewendet (z. B. Betriebswirtschaft, Informations- und Medienökonomie, Informatik, Recht, Pädagogik, Psychologie und Ethik)[22]. Folgerichtig haben die bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Studiengänge unterschiedliche Schwerpunktsetzungen und Profilierungen, z. B. in den Bereichen Open Access und Open Science, Forschungsdatenmanagement, Lernraum, Digital Literacy, Digital Humanities und Data Science. An einigen Hochschulen ist eine Spezialisierung mit Blick auf bestimmte Medienformen und Nutzergruppen von Bibliotheken möglich, z. B. im Bereich der Kinder- und Jugendbibliotheken sowie Kindermedien (HdM Stuttgart, HTWK Leipzig) sowie im Bereich „Musikbibliotheken und Bibliotheksinformatik“ (HTWK Leipzig).

Studienreformen, wie sie aktuell z. B. in Köln, Stuttgart, Potsdam und Berlin umgesetzt werden, dokumentieren, wie die Hochschulen auf die Veränderungen der Digitalisierung mit einer Anpassung ihrer Schwerpunktbildungen reagieren. Der Bachelorstudiengang „Bibliothek und digitale Kommunikation“ an der TH Köln bildet so mit dem Schwerpunkt „Community Building“ für die Bedarfe öffentlicher Bibliotheken in ihrer Rolle als dritter Ort mit allen anverwandten Themen mit dem Schwerpunkt „Scholarly Communication“ für die Bedarfe wissenschaftlicher Bibliotheken aus. Fast alle bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Studiengänge haben in den letzten Jahren mit einer deutlichen Verstärkung informatischer Schwerpunkte auf die zunehmend datengetriebene Informationswirtschaft reagiert. Diese spiegelt sich teilweise in den Bezeichnungen der Studiengänge wieder (z. B. „Informations- und Datenmanagement“ an der FH Potsdam). Der Bachelorstudiengang „Data and Information Science“ an der TH Köln richtet sich mit dem Schwerpunkt „Data Librarian“ an den Anforderungen öffentlich finanzierter Wissenschaftseinrichtungen, mit dem Schwerpunkt „Data Analyst“ an den Bedarfen der Wirtschaft aus. Der Studiengang „Informationswissenschaft“ an der HdM in Stuttgart fokussiert sich mit dem Wahlbereich „Bibliotheks-, Kultur- und Bildungsmanagement“ vor allem auf Aufgaben und Rollen zur Gestaltung von Öffentlichkeit im kommunalen Raum, während der Wahlbereich „Daten- und Informationsmanagement“ mehr auf die technischen Aspekte der Kuratierung, Strukturierung, Bereitstellung und Vermittlung von Daten und Information und die Entwicklung von Informationsinfrastrukturen sowie die Zukunftsfelder Forschungsdatenmanagement und Open Science eingeht. Dies ist eine Schwerpunktsetzung, die auch im BA-Studiengang „Bibliothekswissenschaft“ an der FH Potsdam erfolgt ist.

Die Strategie des Instituts für Informations- und Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin setzt hingegen zusätzlich zu einer generalisierten Ausbildung in den Bachelorstudiengängen „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ sowie „Informationsmanagement und Informationstechnologie“ auf eine starke Spezialisierung in den Masterstudiengängen. Der Masterstudiengang „Digital Curation“ in Kooperation mit dem Kings College London fokussiert sich auf das Thema der digitalen Langzeitarchivierung. Der Studiengang „Digital Information Stewardship“ in Kooperation mit dem University College Dublin befasst sich mit der Integrität von Daten, Inhalten und Forschung. Seit 2006 haben sich über Nestor das Kompetenznetzwerk „Langzeitarchivierung“ und mehrere Hochschulen unter anderem aus dem KIBA-Kreis über ein Memorandum of Understanding zusammengeschlossen, um Qualifizierungsangebote im Bereich der Langzeitarchivierung zu realisieren[23]. Durch seine verwaltungsinterne Organisation stellt der Bachelorstudiengang „Bibliotheks- und Informationsmanagement“ am Fachbereich „Archiv- und Bibliothekswesen“ der Hochschule für den öffentlichen Dienst in München eine Besonderheit dar. Die Ausbildung der wissenschaftlichen Bibliothekare wird in den meisten Bundesländern in Form eines zweijährigen Referendariats oder Volontariats organisiert. Diese schließen an einen bereits erworbenen Masterabschluss bzw. ein Universitätsstudium mit Abschluss Diplom oder Magister oder an ein Staatsexamen an[24]. Die praktischen Anteile dieser Ausbildung finden an den jeweiligen Einstellungsbibliotheken statt. Die theoretischen Anteile eignen sich die Studierenden an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) oder an der Bibliotheksakademie Bayern (BAB) in München an. Mit der Bologna-Reform wurde in einigen Bundesländern, beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, das Referendariat durch Masterabschlüsse ersetzt[25].

Zusätzlich zu den überwiegend als Vollzeitstudiengänge konzipierten Bachelorstudiengängen bietet die Fakultät „Medien, Information und Design“ der HS Hannover einen berufsbegleitenden Bachelorstudiengang. Eine ähnliche Möglichkeit, den Bachelorabschluss zu erwerben, ist die Fernweiterbildung „Bibliothekswissenschaft“ des Fachbereichs Informationswissenschaften der FH Potsdam. Berufsbegleitende Masterstudiengänge im Bibliotheks- und Informationsbereich gibt es als Weiterbildungsstudiengänge an der HU in Berlin, der HS Hannover und der TH Köln. Der vom Institut für Informationswissenschaft der TH Köln gestaltete viersemestrige Weiterbildungsstudiengang „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (MALIS) qualifiziert für Leitungs- und Führungsaufgaben im Bibliothek- und Informationsbereich. Die TH Wildau bietet einen berufsbegleitenden Masterstudiengang „Bibliotheksinformatik“ an und kommt damit dem gestiegenen Bedarf an informatikaffinen Absolventen nach. Die HU Berlin und die FH Potsdam starten ab dem Sommersemester 2019 in einer Kooperation den weiterbildenden Masterstudiengang „Digitales Datenmanagement“. Die Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart stellt gezielte Personalentwicklung in den Mittelpunkt ihres Kontaktstudiums und bietet mit einzeln buchbaren Weiterbildungsmodulen auf Masterniveau Vertiefungsmöglichkeiten zu aktuellen Themen und Anforderungen. Diese Module können in einen akkreditierten Masterstudiengang eingebracht werden. Zertifikatskurse, die eine wissenschaftlich fundierte und anwendungsorientierte Weiterbildung in thematisch und organisatorisch abgeschlossenen Modulen bieten, sind unter einem Zertifikat als Leistungsnachweis international anerkannt (Vergabe von ECTS) und werden an der HdM in Stuttgart als Kontaktstudium und am Zentrum für Bibliotheks- und Informationswissenschaftliche Weiterbildung (ZBIW) der TH Köln angeboten.

Lesen Sie in der abschließenden Folge: Was an den deutschsprachigen Hochschulen geforscht wird

Tag der Bibliotheken
in Berlin und Brandenburg

Grenzen überwinden –
Netzwerke gestalten

14. September, 7. Tag der Bibliotheken in Berlin und Brandenburg - https://www.ub.tu-berlin.de/t3b2019/ Vormittagsprogramm:

10:30 Uhr, Grußworte

12:00 - 12:30 Uhr: "Eine vernetzte Bibliothekslandschaft für Berlin". Positionspapier des Landesverbands Berlin im dbv – Gemeinsame Diskussion über Chancen, Möglichkeiten und Grenzen - Format: Fishbowl

Session 1: Lebenslanges Lernen

13:30 Uhr, bak Information, Lebenslanges Lernen und Weiterbildung im Zeitalter der Digitalisierung - Format: Podiumsdiskussion

14:00 Uhr, Nadin Sternberg (Fouqué-Bibliothek Brandenburg an der Havel), Hör(t)bücher
 
14:20 Uhr, Leslie Kuo (Stadtbibliothek Pankow), Pankows Stadtbibliotheken öffnen sich!

14:40 Uhr, Kathrin Hartmann (dbv-Bundesgeschäftsstelle), Kampagne "Netzwerk Bibliothek" des dbv

15:30 Uhr, Ursula Jäcker und Christina Schmitz (SBB), E.T.A.-Hoffmann-Portal - Vernetzung von Forschung, Lehre, Bildung und Bibliothek - Format: Vortrag

15:50 Uhr, Wenke Zeibe und Marie-Christin Pangritz (Medienzentrum Ostprignitz-Ruppin, Neuruppin), Neue Medien - neues Lernen. Medienkompetenztage in Neuruppin

Session 2: Vernetzung

13:30 Uhr, Netzwerk Grüne Bibliothek - Vorstellung der Initiative sowie Best Practice -  Beispiele aus ÖB und WB

14:00 Uhr, OPL Berlin Brandenburg - Gesprächsrunde eines lebendigen Arbeitskreises -
Format: Gesprächsrunde

14:30 Uhr, AGSBBB e.V. - Regionale Vernetzung zwischen Berliner Schulbibliotheken und Bezirksbibliotheken - Format: Workshop     

15:30 Uhr, Artem Bezukladnikov (Bachelorarbeit FH Potsdam), Öffentliche Bibliotheken und Jobcenter - Kooperationen

15:45 Uhr, Valentina Mazzola (Anna-Seghers-Bibliothek, Berlin-Lichtenberg) - Nutzergruppe Jugendliche – Verhalten in schwierigen Situationen

16:00 Uhr, Tim Schumann (Stadtbibliothek Pankow), Essbare Bibliothek

16:15 - 16:30 Uhr, Beate Detlefs (Patientenbibliothek CCM), Fotos aus der neuesten öffentlichen Bibliothek Helsinkis

Session 3: Neue Trends

13:30 Uhr, Cornelia Vonhof (HdM Stuttgart) sowie Herr Falke und Frau Schreiber (BTU Cottbus), Lego Serious Play (zwei parallele Workshops)

15:30 Uhr, Pixel Saloon, User Experience Design - Digitale Services der Bibliotheken aus Nutzersicht - Format: Interaktiver Vortrag

15:30 Uhr, Marten Seedorf und Alfred Raddatz (ZLB), Resonanzraum - der Musikelektroniktreff der ZLB - Format: Workshop

 

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