Open Password - Dienstag, den 2. Juli 2019

# 585

 

Sören Auer – Technische Informationsbibliothek – Forschung und bibliothekarischer Kernbereich – Wissenschaftliche Bibliotheken – Transfer – Kooperation – Open Research Knowledge Graph – Forerunner-Einrichtungen – Anna Kasprzik – Irina Sens – Data Science & Digital Libraries – Informatik – Digitale Transformation – Forschungsinfrastruktur -  Globale Player – Open-Source-Software – Citizen Science – Crowdsourcing – Open-Access-Plattform – Langzeitarchivierung – AV-Portal – Bibliothekarische Prozesskette – Predatory Publishing – Peer-Review – Monopolisierung – Evaluierung – Stakeholder – Technische Verbünde – Visual Analytics – Ralph Ewert – Open Science Lab – Semantische Technologien

 

Interview Sören Auer,
Technische Informationsbibliothek

Forschung und bibliothekarischer Kernbereich: Die Zusammenhänge


Wissenschaftliche Bibliotheken und Bürger:
Noch wichtiger als Transfer
ist die Kooperation


Open Research Knowledge Graph und

die gesamte bibliothekarische Prozesskette

 

In einer kleinen Serie wirft Open Password einen zweiten Blick auf die letzten Evaluierungen der Leibniz Gemeinschaft, soweit sie für die Informationsbranche relevant sind (nachdem wir bereits über die Weiterförderung von TIB, DIPF, ZPID, ZBW und FIZ Karlsruhe berichtet hatten). Ein solcher Blick lohnt sich, denn fast nirgendwo sonst werden Daten zur Performance einer Einrichtung so differenziert erhoben und von namhaften Experten im Tätigkeitsbereich dieser Einrichtung bewertet und anschließend veröffentlicht. Damit lassen sich Einsichten gewinnen, wie sich diese Forerunner-Einrichtungen weiterentwickeln sollten und voraussichtlich weiterentwickeln. Im besten Fall gewinnen wir Einblicke, die über die Performance der geprüften Einrichtungen hinausgehen, beispielsweise über zentrale Trends in der Informationsbranche oder über ihren erwünschten Forschungsbedarf.

Prof. Dr. Sören Auer ist Direktor der Technischen Informationsbibliothek (TIB) – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften - Universitätsbibliothek, Hannover. entlichten zunächst einen Beitrag von Sören Auer, Anna Kasprzik und Irina Sens zum Wandel wissenschaftlichen Arbeitens von dokumentenbasierten zu wissensbasierten Informationsflüssen, der mit Hilfe eines „Open Research Knowlege Graphen“ bewirkt werden soll. Dieser Beitrag wird auch in dem Buch „Zukunft der Informationswissenschaften“, einem Projekt von Open Password, erscheinen (in der Pipeline, erscheint in wenigen Monaten). Anschließend stellten wir Prof. Auer auf der Basis der vorliegenden Evaluierungspapiere die folgenden Fragen.

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Den digitalen Wandel vorantreiben.
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Herr Prof. Auer, in der Evaluierung der TIB wurde Ihr bibliothekarischer Kernbereich mit exzellent, die mehr forschungsorientierten Bereiche viermal mit sehr gut, zweimal mit gut bis sehr gut und einmal mit gut bewertet. Bedingen diese sehr guten Leistungen einander (also Exzellenz im bibliothekarischen Kernbereich nur wegen der Forschung in anderen Bereichen) und wie stellen Sie sicher, dass die Forschungen in Ihren Einrichtungen dem bibliothekarischen Kernbereich zugutekommen?

Grundsätzlich denke ich, dass Forschung, Innovation und Dienstleistungen sich gegenseitig bedingen. Bei der TIB ist die Forschung allerdings noch sehr jung und daher kann man wohl noch nicht davon sprechen, dass die exzellenten Leistungen im bibliothekarischen Kernbereich (auch) schon maßgeblich auf die gute Zusammenarbeit mit der Forschung zurückzuführen wären. Es ist wohl hier eher so, dass die maßgeblichen Akteure unseres bibliothekarischen Kernbereichs unter Leitung von Frau Dr. Sens rechtzeitig erkannt haben, in welche Richtung sich die Dinge bewegen und den Digitalen Wandel sehr aktiv vorantreiben, auch wenn dies oft nicht leicht und manchmal (wenn gepflegte bibliothekarische Traditionen auf den Prüfstand kommen) sogar etwas schmerzlich ist.

Nehmen wir uns als Beispiel für den engen Bezug zwischen Forschung und Dienstleistungen den Bereich „Data Science & Digital Libraries“ vor, da dieser Bezug hier besonders eng sein könnte?

Ein großer Vorteil ist zunächst, dass ich als Wissenschaftler in einer für die TIB relevanten Fachdomäne selbst sehr gut einschätzen kann, welche Dienste für Forscher relevant sind. Besonders in Data Science und Informatik zeigt sich der Digitale Wandel in der Art, wie Wissenschaft betrieben wird, ganz dramatisch. Informatiker arbeiten fast nur noch mit digitalen Publikationen (oft auch auf Konferenzen) und weitere digitale Artefakte wie Software, Daten oder Videos spielen eine große Rolle. Außerdem hilft uns die Erforschung neuer digitaler Möglichkeiten deren Anwendbarkeit und Nutzung auf Dienstleistungen und Forschungsinfrastrukturen zu eruieren. Als Informatiker können wir dann neue Dienstleistungsangebote auch direkt entwickeln und damit den Kreis zwischen Forschung und Anwendung selbst schließen.

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Unsere Mission bleibt die Infrastruktur für Technik und Naturwissenschaften.

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Ich habe in den Evaluierungspapieren durchaus einige Male den Begriff „Transfer“ gefunden, dies vor allem aber im Sinne eines Transfers von Forschungs- und Entwicklungsergebnissen in Ihren „Routinebetrieb“. Müsste der Transfer für eine Forerunner-Einrichtung wie die TIB in andere wissenschaftliche Bibliotheken und weitere verwandte Einrichtungen nicht eine ähnliche Bedeutung bekommen wie der interne Transfer?

Da haben Sie natürlich in gewisser Weise Recht, allerdings besteht die Gefahr, dass wir uns als TIB zu sehr ausruhen oder in Sicherheit wiegen, wenn wir uns zu sehr auf wissenschaftliche Bibliotheken fokussieren. Bei der Gründung wurde die TIB-Forschungsinfrastruktur für Technik und Naturwissenschaften konzipiert und an dieser Mission hat sich seitdem nichts geändert. Wir können Innovationen nur dann an andere wissenschaftliche Bibliotheken transferieren, wenn es uns gelingt, unsere Nutzer in Technik und Naturwissenschaften zu bedienen. Dieser Aspekt muss also absolute Priorität haben und trotz unserer guten Aufstellung sind wir noch weit davon entfernt, das Potential hier vollständig ausgeschöpft zu haben. Was die Zusammenarbeit mit anderen Bibliotheken angeht, so denke ich, dass es vielleicht weniger Transfer und mehr Zusammenarbeit braucht. In der digitalen Welt konkurrieren wir Bibliotheken in der Informationsversorgung mit globalen Playern wie Google, YouTube oder Amazon. Nur wenn wir noch besser zusammenarbeiten, können wir hier Bestand haben. Zum Beispiel: Die gemeinsame Arbeit an Open-Source Software und darauf aufbauenden Diensten kann in diesem Zusammenhang hilfreich sein.

Citizen Science und weitere Partizipationsmöglichkeiten der Bürger breiten sich in der Wissenschaftsgemeinschaft aus. Ein neues mögliches Betätigungsfeld auch für die wissenschaftlichen Bibliotheken und die TIB?

Absolut. Unsere Aufgabe als Bibliothek ist natürlich, auch den Austausch zwischen Bürgern und Wissenschaftlern zu unterstützen. In diesem Kontext treiben wir in unserem Open Science Lab eine Reihe Projekte voran, wo z.B. Crowdsourcing für die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern mit interessierten Bürgern eine wichtige Rolle spielt.

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Herausforderungen, die ambitionierte Vorhaben gebieten.
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Der „Transformationsprozess von einer klassischen Bibliothek zu einem zunehmend digitalen Informationszentrum“ wird von Ihnen „überzeugend gestaltet“. Was sind hier die wichtigsten Initiativen/Maßnahmen und Perspektiven für die kommenden Jahre?

Zentral ist hier, dass wir unsere digitalen Dienste ausbauen und neue realisieren. Dazu gehört insbesondere der Aufbau einer Open-Access-Publikationsplattform, unserer Langzeitarchivierung-as-a-Service, Dienste für Forschungsdaten und das AV-Portal für Videos. Mittel- und langfristig wird der Wandel von dokumenten- zu stärker wissensbasierten Informationsflüssen in der Forschung und der von uns geplante Dienst „Open Research Knowledge Graph“ eine wichtige Rolle spielen.

Noch einmal der bibliothekarische Kernbereich. Sie wollen die „bibliothekarische Prozesskette von der Erwerbung und Lizenzierung über die Erschließung, Bereitstellung und Archivierung der Literaturbestände entlang der Themenkomplexe Visuelle Medien, Open Science und Forschungsdaten vorantreiben“. Ließe sich das für unsere Leser konkretisieren?

Wir beobachten, dass in unseren Gebieten zunehmend weitere Artefakte neben den klassischen Publikationen eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören wissenschaftliche Videos ebenso wie Forschungsdaten und Software. Diese Artefakte wissenschaftlicher Arbeit müssen wir ebenso gut unterstützen wie klassische Publikationen. Für Forschungsdaten arbeiten wir daher an der Open-Source-Plattform „Leibniz Data Manager“ und planen Dienste für die Archivierung wissenschaftlicher Software.

Mit dem „Open Research Knowledge Graph“ wollen Sie einen wichtigen Beitrag zum Wandel von dokumentenbasierten zu wissensbasierten Informationsflüssen leisten. Die Evaluierungskommission riet hier eher zur Vorsicht und dazu, erst einmal „die Entwicklung im Forschungsbereich zu konsolidieren“.

Natürlich ist das ein sehr ambitioniertes Vorhaben, was sicher nicht nur uns, sondern wahrscheinlich die gesamte Landschaft wissenschaftlicher Bibliotheken in der Zukunft beschäftigen wird. Natürlich war es sehr ambitioniert, so kurz nach meinem Start an der TIB mit einem solchen bahnbrechenden Vorhaben zu starten. Andererseits drängt die Zeit, wir sehen überall, wie die klassischen Methoden der dokumentenbasierten Informationsflüsse in den Wissenschaften an Ihre Grenzen stoßen. Denken Sie z.B. an die Fake Science/Predatory Publishing Debate, die Reproduzierbarkeitskrise, das ungebremste Wachstum wissenschaftlicher Publikationen, die einbrechende Qualität des Peer-Review und die Monopolisierungsbestrebungen kommerzieller Akteure. Als Wissenschaftler sehe ich selbst in meiner täglichen Arbeit, wie die etablierten Prozesse immer schlechter funktionieren und absolut drängend es ist, dass wir hier etwas tun. Die Evaluierungskommission sah das, denke ich, genauso und hat uns bestärkt, unsere Arbeiten in diesem Bereich zu intensivieren. Mit dem ERC-Projekt ScienceGraph und dem ORKG-Dienst, den wir derzeit entwickeln, sind wir in dieser Beziehung, denke ich, auf einem guten Weg. 

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Perspektiven für einzelne Arbeitsbereiche.
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Gehen wir zu den Maßnahmen/Initiativen und Perspektiven in ausgewählten TIB-Arbeitsbereichen über. Wie stellen Sie sich die Entwicklung des Bereichs „Interaktion & Kommunikation“ vor.

Hier wollen wir in der Zukunft noch stärker direkt mit unseren Stakeholdern in Kontakt treten. Wir haben Webinare für unsere Fachcommunities geplant und organisieren eine Veranstaltungsreihen zu Informationskompetenz und Data Science, die auch als Videoaufzeichnungen verfügbar sein werden. 

Im Bereich der Langzeitarchivierung wollen Sie beispielsweise Ihre Lösungen in fachliche Verbünde integrieren. 

Wir wollen anderen Gedächtnisinstitutionen die Nutzung unserer Langzeitarchivierung als Dienstleistung (as-a-Service) anbieten. Die Realisierung unseres LZA-Dienstes und die Nestor-Zertifizierung waren sehr aufwendig und es macht sehr viel Sinn, dass andere Einrichtungen nun davon profitieren können. 

Für den Bereich „Visual Analytics“ haben Sie bereits eine Schwerpunktplanung für die nächsten drei bis fünf Jahre vorgelegt. 

Unsere von Prof. Ralph Ewerth geleitete Forschungsgruppe ist sicher ein sehr gutes Beispiel, wie Forschung und Infrastrukturdienste verzahnt werden können. Die von Prof. Ewerth erforschten Methoden zur automatisierten Erschließung von audiovisuellen Materialien können in idealer Weise zur automatisierten Erschließung z.B. in unserem AV-Portal eingesetzt werden.

Perspektiven des Open Science Lab, beispielsweise im Bereich Open Content…?

Im Open Science Lab spielt die Erforschung und Entwicklung von Methoden zur Zusammenarbeit (z.B. Crowdsourcing) eine zentrale Rolle. In den Foster Booksprints werden kollaborative Techniken z.B. für die Erstellung von digitalen Büchern genutzt, wir erforschen im OSL, wie Blockchain-Technologien für die dezentrale Zertifizierung von (informellen) Lernfortschritten genutzt werden kann. Und natürlich spielt das offene Forschungsinformationssystem VIVO und dessen Anpassung an die deutschen Gegebenheiten (z.B. Kerndatensatz-Forschung) eine wichtige Rolle.

… und Scientific Data Management, wo es unter anderem darum geht, „effiziente und skalierbare Methoden für die Integration großer Datenmengen“ zu entwickeln?

Es ist sehr wichtig, dass wir Forschungsdaten „nicht nur“ oberflächlich verwalten, sondern besser vernetzbar, integrierbar, auffindbar und explorierbar machen. Mit diesen Fragestellungen beschäftigt sich die von Frau Prof. Vidal geleitete Forschungsgruppe unter anderem in großen EU-geförderten Forschungsvorhaben. Auch hier spielen semantische Technologien wie Vokabulare und Ontologien zur Beschreibung der Daten und die Vernetzung mit einem Wissensgraph eine wichtige Rolle.

Briefe

Open Science 2020mit Barcamp

Sehr geehrter Herr Dr. Bredemeier, 

ich würde mich freuen, wenn Sie folgende Termine in Ihren Terminkalender eintragen könnten: Die internationale Open Science Conference wird vom 11. bis 12. März 2020 in Berlin stattfinden. URL: www.open-science-conference.eu 

Das vorgelagerte Barcamp Open Science findet am 10. März 2020 ebenfalls in Berlin statt. URL: www.barcamp-open-science.eu

https://twitter.com/lfvopenscience/status/1138415339757297665

 Vielen Dank! Mit freundlichen Grüßen Doreen Siegfried, ZBW

Informationskompetenz und Demokratie

Bürger, Suchverfahren und Alogorithmen
in der politischen Meinungsbildung

18.- 19. Oktober, Informations­kompetenz und Demokratie - Bürger, Suchverfahren und Analyse-Algorithmen in der politischen Meinungsbildung, an der Universität Hildesheim – Das Programm:

18. Oktober

12:00 Begrüßung und Vorstellung

12:15 Lisa Merten (Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut) – Alles anders durch Google und Facebook? Praktiken, Prinzipien und Paradoxien der informationsorientierten Mediennutzung online

13:15 Session 1: Informationsraum Internet

13:15: Joachim Griesbaum (Universität Hildesheim) – Informationsraum Internet: Informationsraum Internet: komplex, interessengesteuert, intransparent

14:00: Workshop 

15:00 Session 2: Förderung von Informationskompetenz

15:00: Vortrag von Thomas Mandl (Universität Hildesheim) – Förderung von Informationskompetenz in Europa: Problemfelder und Lösungsansätze

15:30: Workshop 

16:30 Session 3: Lehrkräftebildung

16:30: Vortrag von Elke Montanari (Universität Hildesheim) – Lehrkräftebildung, Sprachkompetenz und Informationskompetenz

17:00: Workshop 

17:45 Zusammenführung der Ergebnisse

19:00 Gemeinsames Abendessen

19. Oktober

9:00 Begrüßung

9:15 Session 4: Informationsverhalten und Informationskompetenz

9:15 Vortrag: Matthias Ballod  (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) – Nachrichten-/ medienbezogenes Informationsverhalten und Informationskompetenz

9:45: Workshop 

10:45Session 5: Informationskompetenzvermittlung

10:45 Vortrag: Lisa Neumann (Felix-Klein-Gymnasium Göttingen) – Digitale Medien im DaZ-Unterricht. Neue Wege der Informationskompetenzvermittlung in der Schule

11:15: Workshop 

12:00 Mittagspause

12:30 Session 6: Zukünftige Anforderungen an Informationskompetenz

12:30: Vortrag Inka Tappenbeck (Technische Hochschule Köln), Antje Michel (Fachhochschule Potsdam) – One size doesn’t fit all – Zukünftige Anforderungen an Konzepte und Vermittlungspraktiken von Informationskompetenz

13:00: Workshop

13:45 Zusammenführung der Ergebnisse

 

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