Open Password - Dienstag, den 14. Juni 2019

# 575

 

Wissenschaftliche Bibliotheken – Zukunft wissenschaftlicher Bibliotheken – Dietrich Nelle – Digitalisierung – Open Access Paradigma – Berliner Erklärung – Verlagskonzentration -Reputationssystem – Open Science - DEAL – BMBF – Access - Verfügbarkeit - Cal Newport - Digitaler Minimalismus - Redline-Verlag - Paper Trails Conference - Postbank - Alexa - Siri - Google Assistant - Nutzung


Wissenschaftliche Bibliotheken

Überlegungen zur Zukunft
wissenschaftlicher Bibliotheken
in Deutschland

Open Access, Open Science und
Organisierung eines vollständigen Zugangs zur wissenschaftlichen Information

Von Dietrich Nelle

Zweiter Teil
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2. Förderung von Open Access und offener Wissenschaft – Organisation eines möglichst vollständigen Zugangs zur wissenschaftlichen Information
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Digitaler Wandel und das Open Access Paradigma. Bereits 2003 stellte die von großen europäischen Wissenschaftsinstitutionen unterzeichnete Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen fest[9]: „Das Internet hat die praktischen und wirtschaftlichen Bedingungen für die Verbreitung von wissenschaftlichem Wissen und kulturellem Erbe grundlegend verändert. Mit dem Internet ist zum ersten Mal die Möglichkeit einer umfassenden und interaktiven Repräsentation des menschlichen Wissens einschließlich des kulturellen Erbes bei gleichzeitiger Gewährleistung eines weltweiten Zugangs gegeben.“ Darauf aufbauend wurde der Übergang zu Open Access als neues Paradigma für elektronische Publikationen postuliert. Die Bedeutung von Open Access liegt vor allem darin begründet, dass es den effektivsten Zugang zu vorhandenem Wissen eröffnet[10]. Nur in Open Access erschienene Veröffentlichungen stehen uneingeschränkt, zeitnah und niedrigschwellig für die Erarbeitung neuen Wissens zur Verfügung. Hinzu kommen weitere entscheidende Vorteile wie die bessere Überprüfbarkeit der Ergebnisse, die stärkere Wahrnehmbarkeit von unkonventionellen oder von weniger bekannten Autoren stammenden Forschungsergebnissen, der effiziente Einsatz von Fördermitteln durch die erleichterte Nachnutzbarkeit von Forschungsergebnissen sowie nicht zuletzt die Schaffung von Möglichkeiten zur Forschung auf neuen Wegen der Erkenntnisgewinnung, z.B. durch „Smart Data“ als Analyse großer Mengen digitaler Volltexte[11].

Traditionell waren die Bibliotheken verlässliche Garanten eines umfassenden Zugangs zum gesamten Wissen ihres Aktionsfeldes. Im Zuge des digitalen Wandels können sie diese Funktion derzeit nur mehr eingeschränkt erfüllen. Die Nutzung von Ver„öffentlich“ungen, die hinter Bezahlschranken verborgen werden, ist intern und extern mit hohem bürokratischem Aufwand verbunden. Das behindert gleichermaßen die Rezeption neuer Erkenntnisse wie den kritischen Diskurs zu den aufgestellten Hypothesen. Auch begünstigt es Geschäftsmodelle, welche die Auswahl der bezogenen Zeitschriften von realen Bedürfnissen der Nutzerschaft auf den Erwerb von Paketen umschichtet, welche neben zwingend vorzuhaltenden Standardpublikationen auch zur Abnahme weniger attraktiver Zeitschriften und Zeitschriftenneugründungen zwingen, welche in Konkurrenz zu etablierten Qualitätsprodukten kleiner und mittlerer Verlage stehen und diese so auf die Dauer verdrängen. Die dadurch in den letzten Jahren eingetretenen Verzerrungen und Konzentrationsbewegungen im Verlagswesen sind weder wirtschaftlich noch mit Blick auf die dadurch bewirkten Leistungseinschränkungen für die Wissenschaft zu rechtfertigen.

Instrumente für eine gelingende Umgestaltung – Aufgaben für Reputationssysteme in der Wissenschaft. Das Zusammenstehen der deutschen Wissenschaft im Kontext der DEAL-Verhandlungen zur Erzielung eines substantiellen Qualitätsgewinns in der Versorgung mit wissenschaftlicher Information bei einem in der Summe unverändertem Gesamterwerbungsbudget hat die Verhandlungslage entscheidend verändert und neue Chancen für eine Rückkehr marktwirtschaftlicher Mechanismen geschaffen. Das Gelingen dieser Verhandlungen ist ein entscheidender Meilenstein sowohl für die Informationsversorgung der Wissenschaft als auch für längerfristig tragfähige Geschäftsmodelle im Verlagswesen.

Auch wenn die DEAL-Verhandlungen mit den drei großen Verlagshäusern bereits einen erheblichen Teil des Publikationsmarktes abdecken, darf die Entwicklung dabei nicht stehen bleiben. Gerade für die in Deutschland noch starken kleinen und mittleren Verlagshäuser ist der Umstieg auf wirtschaftlich und wissenschaftlich tragfähige Modelle zur Transformation als Open Access überlebenswichtig.

Allerdings sind für alle Akteure adäquate vertragliche Rahmenbedingungen notwendige, aber nicht hinreichende Elemente eines gelingenden Umstiegs. So könnte die vom BMBF angekündigte Ausschreibung eines nationalen Kompetenz- und Vernetzungszentrums für Open Access eine wichtige Drehscheibe für den Erfahrungsaustausch und -transfer der relevanten Akteure werden, diese Erfahrungen zu bündeln und auszuwerten und zu einer rascheren Diffusion bewährter Modelle beizutragen.

Die Umstellung der Finanzierungswege bietet auch eine Chance, Auswahlentscheidungen für „Bestellungen“ von Publikationen bzw. für die Bereitstellung von Author Processing Charges grundlegend neu zu denken. Wenn im Zuge der Transformation zu Open Access Mittel in Töpfe für Veröffentlichungsgebühren umgeschichtet werden, ließe sich auch das Bewilligungsverfahren für solche Gebühren grundlegend umgestalten. So könnte die Auswahl der zu veröffentlichenden Schriften vollständig dem Qualitätssicherungssystem des jeweiligen Publikationsorgans überlassen bleiben, wenn sich die einzelnen Zeitschriften um Kontingente aus solchen Töpfen bewerben müssten und über den Zuschlag nicht die Stärke des jeweiligen verlegerischen Verhandlungspartners entscheidet, sondern eine Evaluierung der Angebote nach diesen Kriterien: wissenschaftliche Relevanz – Belastbarkeit und Effizienz des Qualitätssicherungssystems – gute wissenschaftliche Praxis mit Blick auf die Veröffentlichung von Datenanhängen usw., aber auch im Hinblick auf die Angemessenheit der geforderten Gebühren in Relation zum damit verbundenen Aufwand für die verlegerischen Aufgaben – Effektivität der mit dem Einsatz des Veröffentlichungsbudgets zu erreichenden Verbreitung neuen Wissens. Zudem könnte damit ein neues Instrument der Qualitätsbewertung jenseits der klassischen Journal-Impact-Faktoren entstehen, das nicht nur quantitativ arbeitet, sondern nach den Anforderungen des Wissenschaftsrats zur Steuerung und Bewertung guter Forschungsleistungen auf eine informierte qualitative Bewertung gründete[12].

Noch mehr als auf solche Stellschrauben wird es aber darauf ankommen, dass das Wissenschaftssystem selbst Fehlsteuerungen durch die gegenwärtig vorherrschenden, primär auf nur zwei Impaktfaktoren basierenden Reputationsmechanismen korrigiert. Zunehmend wird erkannt, dass schlichte Zitationsindizes aus marktstarken, aber stark selektiven und damit leistungsverzerrenden Datenbanken eine nur sehr eingeschränkte Aussagekraft haben[13]. Die Realisierung von Open Access ist auch für die Entwicklung aussagekräftigerer Informationen zur Qualität wissenschaftlicher Publikationen eine wichtige Grundlage. Allgemeine Verfügbarkeit der Veröffentlichungen sind die Basis dafür, um mit neu verfügbaren Werkzeugen des Text- und Data-Mining nicht nur die klassischen Indikatoren zu verbessern, indem beispielsweise „Zitationskartelle“ leichter aufgedeckt werden und auch der jeweilige Beitrag von Autoren oder Autorengruppen zu Entstehung und Verbreitung neuer wissenschaftlicher Konzepte besser nachvollziehbar wird. Auch lässt sich die Reichweite von Veröffentlichungen in verschiedenen Zielgruppen besser erfassen und werden so beispielsweise in kleinen Fächern erbrachte Leistungen besser erkennbar. Überdies ist eine verbesserte Sichtbarkeit anderer Qualitätsdimensionen wie Transfer in die Praxis und Infrastrukturleistungen notwendig, um für solche Aufgaben spezifisch qualifizierten Nachwuchs zielgenauer zu rekrutieren[14]. So wäre es wünschenswert, beispielsweise zu den Bezügen zwischen wissenschaftlichen Leistungen und Patenten und anderen technologischen Innovationen, zu für die ärztliche Praxis maßgeblichen Leitlinien oder zu Entstehung und Fortgang gesellschaftlicher Diskurse über bessere Informationen zu verfügen. Auf diese Weise könnten z.B. in allen Phasen von Berufungsverfahren zielgenauer am jeweiligen spezifischen Rekrutierungsinteresse orientierte Auswahlentscheidungen unterstützt werden.

Notwendig ist aber zugleich, dass das Reputationssystem selbst eine angemessene Sensitivität für die Relevanz des Veröffentlichens in Open Access entwickelt. Die in Open Access veröffentlichenden Autoren leisten einen signifikant größeren Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt als Autoren, welche eine Publikation gleicher Qualität nur eingeschränkt zugänglich machen. Dieser Zusammenhang sollte zu einem Standardelement von Auswahlentscheidungen werden.

 

Organisation eines möglichst vollständigen Zugangs zur wissenschaftlichen Information. Im Zuge dieser Umbrüche verändert sich auch der Versorgungsauftrag wissenschaftlicher Bibliotheken grundlegend. Wenn der Großteil wissenschaftlicher Publikationen in Open Access verfügbar ist, kommt es immer weniger darauf an, die relevante Literatur umfassend selbst zu erwerben. Der Beschaffungsauftrag kann sich stattdessen auf die Erschließung schwer zugänglicher Literatur z.B. aus dem Ausland oder aus der „Grauen Literatur“ konzentrieren. Dazu kommen verstärkt begleitende und unterstützende Aktivitäten für die wissenschaftliche Nutzerschaft und die Aufbereitung der Literatur einschließlich der zugehörigen Daten in einer Weise, dass darauf effektive Mehrwertdienste nicht zuletzt der Bibliotheken selber aufbauen können. Im Zuge der Digitalisierung gewinnt zudem die klassische Archivfunktion wissenschaftlicher Bibliotheken eine grundlegend verschärfte Relevanz. Waren früher veröffentlichte Publikationen durch Aufbewahrung in einer Mehrzahl wissenschaftlicher Bibliotheken mit einem fachgeleiteten Aussonderungsverfahren in ihrem Fortbestand effektiv geschützt, so ist heute die langfristige Verfügbarkeit von Publikationen, die elektronisch nur an einem einzigen Standort wie z.B. einem Verlagsserver dauerhaft gehostet werden, gefährdet, wenn eine solche Einrichtung den Betrieb aus technischen oder wirtschaftlichen Gründen einstellt. Bibliotheken als Gedächtnisinstitutionen der Wissenschaft haben deshalb eine besondere Verantwortung, Open Access nicht nur im Sinne einer einmalig bei Erscheinen der Publikation gegebenen allgemeinen Verfügbarkeit zu verstehen, sondern sich auch um die langfristige Sicherung dieser Verfügbarkeit zu kümmern. Konkret bedeutet dies insbesondere, im Zuge der Transformation von Open Access darauf zu achten, dass die elektronischen Archivbestände dauerhaft an mehreren Standorten gehostet und zugänglich gemacht werden.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Eine nationale Infrastruktur für Forschungsdaten! - Langzeitarchivierung und eigene angewandte Forschung

Postbank Digitalstudie 2019 

Ein Drittel der Deutschen spricht mit
Alexa, Siri und Co.

Google Assistant vor Siri und Alexa

32 Prozent der Deutschen nutzen digitale Sprachassistenten wie Apples Siri oder Google Assistant. Die Zahl der Anwender ist damit innerhalb eines Jahres um zwölf Prozent angestiegen. Bei den jüngeren Deutschen unter 40 Jahren spricht schon mit 48 Prozent bereits fast jeder Zweite mit Siri, Google oder Alexa. Dies sind Ergebnisse der repräsentativen Postbank Digitalstudie 2019. Am häufigsten nutzen die Deutschen Google Assistant (19%), an zweiter Stelle folgt Siri (15%). Amazons Echo mit Alexa nutzen acht Prozent der Deutschen, vier Prozent sprechen mit Alexa über das Amazon Tablet.

Für die Jüngeren, die so genannten Digital Natives, ist Siri die Nummer eins. Sie kommt in dieser Altersgruppe auf 28 Prozent vor Google Assistant mit 27 Prozent. 

Digitale Sprachassistenten können auf Zuruf zum Beispiel den Wetterbericht ansagen, Fragen beantworten, Musik, Podcasts oder Hörbücher abspielen oder die Terminplanung übernehmen. Auch Smart-Home-Anwendungen, die sich immer stärker durchsetzen, haben den Siegeszug von Alexa und Co. befördert. Denn auch die Beleuchtung oder das Anschalten elektronischer Geräte kann über Sprachassistenten gesteuert werden. 

In großen Haushalten zu Hause. Am intensivsten werden Sprachassistenten derzeit von Familien genutzt: 52 Prozent der Haushalte mit vier Personen und mehr leben mit einem Sprachassistenten unter einem Dach und nutzen ihn aktiv. In Drei-Personen-Haushalten sind es ebenfalls noch überdurchschnittliche 39 Prozent. Wer allein lebt, lässt dagegen eher selten einen sprechenden Assistenten bei sich einziehen: Nur rund jeder fünfte Single-Haushalt nutzt Siri und Co.  

Großes Potenzial besteht noch bei den Best Agern. Finanzgeschäfte per Sprachbefehl befinden sich im Trend.

Cal Newport: Pro Digitalem Minimalismus

"Willensstärke, Tipps und halbgare Lösungen nicht ausreichend, um das Eindringen der neuen Technologien in unsere kognitive Landschaft im Zaum zu halten. Das Suchtpotenzial ihrer Erscheinungsform und die Stärke des damit zusammenhängenden kulturellen Drucks sind zu stark, als dass ein Ad-hoc-Ansatz Wirkung zeigen könnte.Bei meiner Arbeit zu diesem Thema bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass wir stattdessen eine voll ausgereifte Philosophie der Technologienutzung brauchen, die tief in unseren Wertvorstellungen verwurzelt ist und klare Antworten auf die Fragen bietet, welche Tools wir verwenden und wie wir sie verwenden sollten, und die uns – was ebenso wichtig ist – in die Lage versetzt, selbstbewusst alles andere zu ignorieren. ...

Von den unterschiedlichen Wertvorstellungen, die ich untersucht habe, ragte als überlegene Antwort insbesondere eine heraus für all diejenigen, die sich trotz der derzeitigen technologischen Überforderung immer noch wohlfühlen wollen. Ich bezeichne sie als digitalen Minimalismus, und sie folgt der Überzeugung, dass bei unserem Verhältnis zu digitalen Tools weniger mehr sein kann.

Quelle: Cal Newport; DIGITALER MINIMALISMUS | Redline Verlag www.m-vg.de"



 Questions to the Archives

Paper Trails Conference 2019

Thu, 4 July 2019, Paper Trails Conference 2019, in: University College London, G46 HO Schild Pharmacology Lecture Theatre, Medical Sciences and Anatomy, Gower Street, London – https://blogs.ucl.ac.uk/special-collections/2019/04/08/call-for-papers-paper-trails-conference-4th-july-2019/ - PROGRAMME: 

09:30-10:00 Registration & Welcome

10:00-11:30 PANEL 1. (Beyond) The Margins:

Cath Bannister (Sheffield): Annotating the Opies: Teachers’ Notes and Marginalia in Children’s Responses to Iona and Peter Opie’s Survey of Folklore of Schoolchildren.

Michael Durrant (Bangor): Lost, Found, and Lost Again: The Messy Histories of Bangor’s ‘Cranmer’ Bible (c.1540)

Chloe Ward (Sheffield):  Counting cards — Exploring the Contexts of Historical Archaeological Archives

11:45-13:15. PANEL 2. Lives Overleaf:

Elizabeth DeWolfe (New England): Agnes Parker, Miss Johnson, Jane Tucker, and Me: Archival Layering, Received Narratives, and the Spy Who Hid in Plain Sight

Katrina Goldstone (Independent): A Photograph. A Scrapbook. Three Large Cardboard Boxes: The Lost World of Irish Radical Writers in the Thirties

Hannah Parker (Sheffield): The Emotional Lives of Letters: Encountering Soviet Letter-Writing in the Archive

14:00-15:15 PANEL 3. Responding to the Archive:

Kim Martin (Guelph): Stories of Serendipity: Reflections on Studying the Research Habits of Historians

Sarah Grange (Brighton): Improvising with the Archives

15:30-17:00 PANEL 4.Archival Sleuths:

Will Pooley (Bristol): Quest for the Absent Narrator: A Criminal Paper Trail in Alsace, 1925

Alexandra Steinlight (IHR): From ‘Paper Monster’ to Relic: The Jewish Card File in Post-Holocaust France

Lotte Fikkers (Leiden) & David Mills (QMUL): The Archive in the Fish Cellar

 

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