Open Password - Freitag, den 8. März 2019

# 525

 

Facebook - Soziale Medien - Mark Zuckerberg - Informationswissenschaft – Walther Umstätter – Online-Branche – UB Ulm – DIMDI – GRIPS – Kölner Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen – Konrad Umlauf – Bibliothek und Dokumentation – Bibliothekswissenschaft – Semiotischer Thesaurus – Institut für Bibliothekswissenschaft – Humboldt-Universität – Verteilungskämpfe – Internet in Bibliotheken – Libreas – BAK – TU Berlin – Zukunft der Informationswissenschaft – Rainer Kuhlen – Nachwuchswissenschaftler – Digital Humanities – Fake News – Informationskompetenz – Willi Bredemeier – Elisabeth Simon – David Lankes – Kulturstiftung der Länder – Password Online

Facebook

Zukunft liegt in private verschlüsselte Dienste

“Ich glaube, dass sich die Zukunft der Kommunikation in private, verschlüsselte Dienste verschieben wird, in denen Menschen darauf vertrauen können, dass das, was sie sagen, sicher ist und ihre Nachrichten und Inhalte nicht ewig verfügbar sind.”

Mark Zuckerberg, in: A Privacy-Focused Vision of Social Networking

Informationswissenschaft

Walther Umstätter 1941 - 2019

 

Die Community verliert einen aufrechten Streiter für die Wahrheit, die Wissenschaft
und die Informationsbranche

Ein Nachruf von Willi Bredemeier

Prof. Dr. Walther Umstätter ist nach langer und schwerer Krankheit in Altlandsdorf nahe Berlin gestorben. Wir verlieren mit ihm einen aufrechten Streiter für Wahrheit, Wissenschaft und die Informationsbranche. Er hinterlässt Frau, zwei Kinder, Enkelkinder und eine Community, die seine Stimme weiter nötig gehabt hätte.

Walther Umstätter wurde 1941 in Ploiesti im Königreich Rumänien geboren. Er studierte Biologie an der FU Berlin und wurde 1978 in diesem Fach promoviert. Er war einer der ersten Pioniere der sich in den 70er Jahre in Deutschland entfaltenden Online-Branche. So richtete er 1975 die erste Online-Vermittlungsstelle an einer deutschen Universitätsbibliothek, an der UB Ulm, ein und lehrte die Fachwissenschaftler, insbesondere die Mediziner, eine neue Form der Informationskompetenz. Als DIMDI die Retrievalsprache GRIPS für biomedizinische Datenbanken entwickelte, geschah dies auch auf der Basis von Umstätters Anregungen.

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An der Kölner FH der erste, der sich für die Einführung des Computers in der Lehre einsetzte.

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Von 1982 bis 1994 lehrte Umstätter an der damaligen Kölner Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen und bildete so Dokumentare und Bibliothekare in Kernfächern wie Online-Retrieval, Fachbibliografie und Dokumentation und in dem gerade entstandenen Thema „Neue Medien“ aus. Zu seiner Kölner Zeit merkte Konrad Umlauf in seiner Laudatio für Umstätter anlässlich dessen Emeritierung im Jahre 2006 an: „An der FHBD war er der erste Hochschullehrer, der mit Konsequenz die (damals noch nicht so genannte) Informationstechnologie vertrat und sich mit großem Nachdruck für die Einführung des Computers in der Lehre einsetzte“ (in: Petra Hauke, Konrad Umlauf, Hrsg., Vom Wandel der Wissensorganisation im Informationszeitalter – Festschrift für Walther Umstätter zum 65. Geburtstag, Bad Honnef 2006).

Zu Umstätters wissenschaftlichen Arbeit merkt Umlauf unter anderem an: „Die ungute deutsche Tradition der Trennung von Bibliothek und Dokumentation, von Bibliothekswissenschaft und Informationswissenschaft hat er sich nie zu eigen gemacht. Man kann ihn nicht als Grenzgänger zwischen B (Bibliothek) und D (Dokumentation) bezeichnen, denn diese Grenze hat es nie für ihn gegeben. Sein Focus war immer die Informationslogistik – dabei bezog er Schulbibliotheken und deren besondere Aufgaben ebenso in die Betrachtung ein wie Dokumentationseinrichtungen und Online-Informationsvermittlung. Viel zitiert ist seine Definition von Bibliothek, der er nicht die Institution oder den Raum zugrunde legte, sondern die Funktion und damit maßgeblich zur  Begriffsschärfung beitrug:  „Die Bibliothek ist eine Einrichtung, die unter archivarischen, ökonomischen  und synoptischen Gesichtspunkten publizierte Information für die Benutzer sammelt, ordnet und verfügbar macht.“

Sein „Semiotischer Thesaurus Bibliothekswissenschaft“ sollte die Basis für eine Terminologie der neueren Bibliothekswissenschaft werden. Diese definierte Umstätter als „hochgradig interdisziplinären, aber auch eigenständigen Wissenschaftsbereich, der mit den modernen multimedialen Möglichkeiten Lehre, Forschung und Kulturmanagement rationalisiert, indem überflüssige Doppelarbeiten in der Wissenschaft verhindert, Anstrengungen zur geistigen Zusammenarbeit unterstützt, Begabte gefördert und die allgemeine Aufklärung der Bevölkerung erhöht werden, um den Übergang von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft evolutionär und nicht revolutionär gestalten zu helfen“ (Walther Umstätter, Die Diskussionsgrundlage für einen Semiotischen Thesaurus der Bibliothekswissenschaft).

1994 wurde Umstätter Professor mit dem Schwerpunkt Dokumentation am Institut für Bibliothekswissenschaft (seit 2005 Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft) der Humboldt-Universität zu Berlin. 2009 wurde der Humboldt-Universität durch die Sparauflagen der Berliner Landesregierung ein Drittel der Professuren gestrichen. „Dass im Ergebnis die Bibliothekswissenschaft personell und strukturell mit dem Schwerpunkt Digitale Bibliothek – Umstätters genuines Thema – aus diesen Verteilungskämpfen hervorging, daran hat Umstätter einen erheblichen Anteil“ (Umlauf).

Als Umstätter 2006 emeritiert wurde, umfasste seine Veröffentlichungsliste 130 Positionen, darunter drei Lehrbücher sowie zahlreiche Sammelbände und Kongressschriften. Er suchte den Dialog mit der Praxis und der Gesellschaft und nahm in der Informationswissenschaft eine Reihe von Ämtern wahr. Konrad Umlauf schätzte seine „unkomplizierte Art, seine Offenheit und seine engagierte Nüchternheit… Fair und konstruktiv in allen Gremiensitzungen zu bleiben – diese Disziplin und Gabe zeichnet Umstätter aus. Er war … ein scharfsinniger und Präzision verlangender Doktorvater zahlreicher Promovenden, darunter Kandidaten aus China und Iran.“

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Hoffnung auf eine neue Generation von Informationswissenschaftlern.

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Ich lernte Umstätter erst näher kennen, als sich dieser auf seinen Ruhesitz in Altlandsberg zurückgezogen hatte. Er gehörte zu jenen, die mit dazu beitrugen, dass „Internet in Bibliotheken“ nicht zu einer ausschließlichen Stellenvermittlungsbörse schrumpfte, sondern dass die Debatte um die Zukunft der Bibliotheken und der Informationswissenschaft weitergeführt wurde – immer verständlich, immer argumentativ nachvollziehbar und immer fair, wenngleich durchaus streitbar. Bald war er regelmäßiger Autor in Password und Open Password und ich lernte bei meinen Besuchen in Altlandsberg sein engagiertes Eintreten für Wahrheit und Wissenschaft schätzen. Uns verband vielleicht auch, dass wir uns außerhalb unserer üblichen Genres an Texten versuchten, Umstätter mit einem Bibliothekskrimi für Kinder, ich mit einem belletristischen Rundumschlag durch sieben Jahrzehnte Bundesrepublik (den Umstätter nicht unkritisch, aber positiv in Libreas rezensierte). Unsere größte gemeinsame Veranstaltung fand in Trägerschaft des Berliner Arbeitskreises Information an der TU Berlin statt.

Ohne Umstätter hatte es meinen in Kürze erscheinenden Reader „Zukunft der Informationswissenschaft“ (Berlin 2019) womöglich nicht gegeben. Mit Umstätter springen wir in diesem Buch gleich mitten in die Krise der Informationswissenschaften, indem wir seine Antwort auf Briefe von Rainer Kuhlen, mit dem er sich wohl unvermeidlicherweise häufiger stritt, veröffentlichen. Hier setzte Umstätter vor allem auf eine „neue Generation von Wissenschaftlern (, die) das Gedankengebäude der Informationswissenschaft unter dem Scherbenhaufen ausgraben und auf einer gesunden Grundlage neu errichten“ (Seite 25). Auch nach einer Erneuerung, so Umstätter in einem weiteren Beitrag, sei noch viel zu leisten, „insbesondere in den Digital Humanities. Längerfristig werden aber nicht nur die Information Professionals, sondern auch die Laien mehr Informationskompetenz erwerben. Die Informationswissenschaft muss dieser geistigen Evolution vorauseilen. Wie sich zurzeit immer deutlicher abzeichnet, besteht eine ihrer wichtigsten Teilaufgaben darin, „Fake News“ aufzudecken und zu unterbinden“ (Walther Umstätter, Vom Information Retrieval zur Wissensorganisation, in: Zukunft der Informationswissenschaft, Berlin 2019, Seite 120).

An diesen Themen werden wir – auch in Umstätters Sinn – weiter arbeiten.

Informationswissenschaft (II)

Walther Umstätter 1941 – 2019

Gesuchter Gesprächspartner,
geduldiger Berater,
immer präsente freundliche Humanität

Ein Nachruf von Elisabeth Simon, HonFCILIP

Prof. Dr. rer nat.   Walther Umstätter ist tot. Er starb in den Armen seiner Frau am 6. März.

Walther Umstätter war ein Zeitzeuge, wie sie jetzt allmählich von der Weltbühne abtreten. Geboren am 12. Juni 1941 im Königreich Rumänien wurde er als Kind Zeuge des dramatischen Umbruchs in Ost- und Mitteleuropa, dessen Folgen heute erst absehbar sind Er wurde wieder Zeuge der gewaltigen Veränderungen nach dem Fall der Berliner Mauer und übernahm 1994 das  Rektorat an dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität Berlin.

Walther Umstätter war Naturwissenschaftler, wie es seine wissenschaftliche Biographie, Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum, Berlin 2009, beweist.  Er erwarb 1970 an der FU Berlin sein Diplom und promovierte 1978. Von 1975 bis 1982 baute er die Online-Literaturdokumentation an der UB Ulm auf, deren Grundideen der Serviceleistungen an akademischen Bibliotheken bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren haben. Die UB war 1975 die einzige Universitätsbibliothek der Bundesrepublik mit einem weiblichen Direktor.

Die Übernahme des Instituts, für das er bis zu seiner Pensionierung 2006 verantwortlich war, war durch die personellen Änderungen und infolge personellen Verletzungen und Schwierigkeiten gekennzeichnet und daher oft nicht einfach. Der Untertitel seiner Autobiographie Bibliotheken als Bildungs- und Machtfaktor der modernen Gesellschaft ist sein Motto für die Bibliotheken und ihre soziale Rolle in der Community, möge es nun eine Universität, eine Stadt, ein Land oder eine Institution sein. Mit dieser Überzeugung legte er den Grundstein für das Buch von David Lankes, Erwarten Sie mehr, dessen Forderungen heute sogar in der kleinsten Stadtbibliothek zur Kennntnis genommen werden und  von der Kulturstiftung der Länder in ihrem Jahresbericht im letzten Jahr als Motto benutzt wurde.

Walther Umstätter lud mich zu einem Lehrauftrag über europäisches und internationales Bibliothekswesen ein.  Ich bin dieser Einladung gerne gefolgt und habe meine Kontakte u.a. zu Russland, Polen, Kroatien, der Tschechischen Republik, Slowakei, Großbritannien und den Vereinigen Staaten dazu genutzt, Bibliothekare aus diesen Ländern unmittelbar zu den Studenten sprechen zu lassen.

In all diesen Jahren war Walther Umstätter ein von mir gesuchter Gesprächspartner und geduldiger Berater. Er ließ mich unmittelbar an seinen Ideen (auch Zweifeln) teilhaben, was sich auch auf die Betreuung der ausländischen Studenten auswirkte.

Dieser Gesprächsfaden und diese Kontakte rissen auch nicht ab, als er sich aus Berlin zurückzog. Die Besuche zusammen mit Dr. Bredemeier bei ihm waren immer von einem intensiven Austausch und herrlichem Kuchen der besten Kuchenbäckerin, die man sich vorstellen kann, gekrönt. Er veröffentlichte wiederholt in Password Online und in dem Sammelwerk Zukunft der Informationswissenschaft, das noch in Jahr erscheinen wird.  

Ich habe in meinem langen Berufsleben viele Bibliothekare aus den verschiedensten Ländern und Bibliotheken, jung und alt, manche weise und manche ein wenig töricht, kennengelernt.  Das nie nachlassende  berufliche und geistige Interesse, aber auch seine immer präsente freundliche Humanität waren Lichtblicke in meinem Leben. Ich werde sie vermissen. Ich werde Walther Umstätter schmerzlich vermissen, meine Gedanken werden zu ihm gehen und dabei mit ihm sprechen.

Seiner Frau, seiner treuen Begleiterin, die uns zu einer Freundin wurde, gilt unser tiefes Mitgefühl.

 

 

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