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27. September 2018

 

#444

Philosophie – Unternehmenserfolg – Wolf Dieter Enkelmann – Daniel Kratz – Willi Bredemeier – Birger P. Priddat – Institut für Wirtschaftsgestaltung – Wirtschaftsethik – Novalis – Peter Sloterdijk – Henri Bergson – Soren Kierkegaard – Artur Schopenhauer – Paul Feyerabend – Karl Marx – Georg Friedrich Wilhelm Hegel – Hannah Ahrendt – Albert Camus – John Rawls – Karl R. Popper – Management - Irrationalisten - Wissenschaftliche Verlage – EBSCO – Microsoft – LinkedIn – Word – Outlook – Harvard Business School – Case Studies – Künstliche Intelligenz – GfK – Consumer Journey Module – Thomson Reuters – ModuleQ - Outsell

 

Über den Tellerrand

Können Philosophen zum
Unternehmenserfolg beitragen?

Mit den Rebellen des „Irrationalismus“
gegen die Durchrationalisierung
unseres Lebens

Wolf Dieter Enkelmann und Daniel Kratz (Hrsg.), Denken handelt – Philosophie für Manager (Reihe Wirtschaftsphilosophie, hrsg. von Birger P. Priddat und Wolf Dieter Enkelmann, Band 6), Metropolis Verlag 2017.

Von Willi Bredemeier

Das Buch ist im Umfeld des Instituts für Wirtschaftsgestaltung entstanden, das seine Hauptaufgabe in der „wirtschaftsphilosophischen Grundlagenforschung“ sieht. Es hat aber auch „seit seiner Gründung im Jahr 2001 in vielen größeren und kleineren Unternehmen diverser Branchen Change- und andere Projekte beraten, unterstützt oder durchgeführt sowie Unternehmen persönlich gecoacht. Dabei war die maßgebliche Ressource, aus der wir Ideen und Verfahren schöpften, eben das, was wir Ihnen mit diesem Buch nun auch direkt zur eigenen Inspiration zugänglich machen.“ Das Buch schöpft „vor allem aus dem Fundus philosophischen Denkens, das nicht bereits über die Wirtschaftsethik praktisch anwendbar gemacht worden ist“ (Seiten 9,10).

Insgesamt werden 24 Philosophen mit ihrem Werk auf typischerweise acht bis neun Seiten vorgestellt und nach ihrer Bedeutung für Unternehmensprobleme und Beratungsmöglichkeiten für Unternehmer abgeklopft. Der eigentlichen Erörterung wird eine Zusammenfassung des Werkes in meistens drei Sätzen vorausgestellt. Es folgt „Ein zentrales Zitat zum Thema“ mit anschließender Kurzinterpretation sowie kurze Darstellungen meistens zu den folgenden Punkten: „Aus dem Leben…“, „Seine Lehre“ und „Einflüsse und Wirkungen“. Teilnehmer philosophischer Seminare dürfte es angesichts dieses Readers-Digest-Formats mit Ansätzen zu einer „Twitterisierung“ schaudern, allerdings sind nicht sie die Zielgruppe. Das ist vielmehr das Management, das wenig Zeit zum Lesen aufbringt und alle entscheidenden Informationen möglichst auf einer Seite haben möchte und vor allem nach einem Nutzen des Gelesenen für die eigene Berufsausübung aus ist.

Die Herausgeber haben Philosophen aus einem Zeitraum von etwa zwei Jahrhunderten gewählt. Ordnet man die Autoren im zeitlichen Ablauf, so beginnt der Reigen mit dem Romantiker Novalis, der „Die Geister der Nacht“ beschwört und nichts Höheres als „des Todes Verzückungen“ kennt. Das ist die Zeit, da sich die Aufklärung totgesiegt hat und die politische Restauration marschiert, allerdings auch die industrielle Revolution vorankommt und sich die Wissenschaft nach eigenem Selbstverständnis als gesellschaftlicher Hort der reinen Vernunft ausdifferenziert. Die Zeitreise endet mit Postmodernen wie Peter Sloterdijk, der die archaische Leidenschaft des Zorns als Mittel gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen heraufbeschwört, und macht vor einer Erörterung aktueller technischer Entwicklungen Halt, in der über die mögliche Ersetzung der menschlichen Vernunft durch die Intelligenz von Robotern zu sprechen wäre.

Auch während der Zeitreise kommen besonders jene Philosophen zu Wort, die eine Abkehr von der im wirtschaftlichen Leben und auch sonst vorherrschenden Rationalität und einer damit verbundenen Fortschrittsgläubigkeit verlangen, beispielsweise Henri Bergson mit seinem „Lachen als Korrektiv“, Soren Kierkegaard mit seinem „Vorzug der Verzweiflung“, Artur Schopenhauer mit seiner „Produktivität des Pessimismus“, Jacques Derrida mit seinem „Spiel mit dem Unmöglichen“ und Paul Feyerabend, „Wenn Vernunft zu Tyrannei“, wird. Oder Autoren werden so rezipiert, dass sie zu Kritikern geltender wirtschaftlicher Rationalität werden, beispielsweise wenn Karl Marxens „Manifest für die Muße“ betrachtet wird oder der Interpret das „Dionysische“ an Hegel besonders bemerkenswert findet. Hier hätte man zu einer ganz anderen Auswahl vor allem optimistischerer Stimmen kommen können, insbesondere wenn man ein stärkeres Gewicht auf angelsächsische, speziell amerikanische, Autoren und ein geringeres Gewicht auf kontinentaleuropäische Philosophen (Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien) gelegt hätte. Auch fragt es sich, ob sich die Philosophie nicht weitgehend um ihre Einflussmöglichkeit gebracht hat, indem sie „Rationalität“ (wie immer wir diese verstehen mögen) von vornherein unter einen Generalverdacht stellt, die möglichst zu überwinden ist, obgleich Philosophen ohne dieses Konzept gar nicht erst zu denken beginnen könnten. Würden die Sumpfblüten der Fake News so gut gedeihen, wenn ihnen nicht von den „Irrationalisten“ der Weg bereitet worden wäre? Andererseits mag es intellektuelle Freuden bereiten, wenn man gerade Philosophen, die gegen die Durchrationalisierung unseres Lebens rebellieren, nach ihrem möglichen Nutzen für Unternehmensstrategien befragt.

Das Buch erreicht ein mögliches Ziel geradezu spielend, nämlich an grundsätzlichen Fragen interessierte Leser über philosophische Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts kursorisch in Kenntnis zu setzen. Soweit ich das beurteilen kann, weil ich mich mit einzelnen Autoren etwas näher befasst habe (Hannah Arendt, Marx, Rawls, Camus, Popper und Feyerabend), werden diese fair behandelt. Bei den Erörterungen zu Rawls habe ich eine neue Sichtweise auf ihn, „Gerechtigkeit als faires Verfahren“, kennengelernt. Wenn man gemeinsam mit den Interpreten auf die Suche nach wirtschaftlichen Anwendungsmöglichkeiten geht, mögen die Lehren der Philosophen anschaulicher werden. An der pädagogischen Aufbereitung der Texte habe ich nichts auszusetzen. Wissenschafts-, auch Philosophietransfer ist wichtig, und ihr Erfolg sollte daran gemessen werden, ob sie die Leser erreicht.

Allerdings strebt das Buch etwas ganz anderes an, nämlich Managern Hilfestellung in der Praxis zu leisten. Dieses Ziel wird verfehlt und es fragt sich, ob es überhaupt zu erreichen gewesen wäre. Manche vorgeschlagenen Anwendungen scheinen mir an den Haaren herbeigezogen. Natürlich kann es Situationen geben, in denen die Entfesselung brachialen Zorns zu einer Unternehmensressource wird, es wäre aber doch zu diskutieren, unter welchen Bedingungen solches sinnvoll sein könnte. Wenn nur nach Möglichkeiten gesucht wird, wie Derrida und Kierkegaard zum Unternehmenserfolg beitragen können und wann ihre Lehren nicht zum Scheitern des Unternehmens führen, so ist das eine simple Methode, die man bei Philosophen nicht erwarten sollte. Mit am differenziertesten wird die Möglichkeit zu Transfers in die Unternehmenspraxis am Beispiel der Lehren Karl R. Poppers erörtert. Aber man stelle sich vor, wie eine flächendeckende „Falsifizierungskultur“ in der Automobilproduktion funktionieren könnte! Sinnvoll mag dieses Paradigma allenfalls werden, wenn man nach Unternehmensfunktionen oder Subeinheiten (beispielsweise kleinen Teams in der Forschung und Entwicklung) differenzierte, was jedoch auch in der Interpretation aller anderen Philosophen unterlassen wird.

Dieser Befund widerspricht nicht der Behauptung, dass das Spielbein des Instituts für Wirtschaftsgestaltung in einer erfolgreichen Unternehmensberatung besteht. Soweit die nicht von Philosophen betriebene Unternehmensberatung auf Theoreme aufbaut, sind diese häufig so eindimensional wie die Lehren mancher Philosophen und nicht von vornherein den philosophischen Lehren überlegen. Womöglich siegt in einer erfolgreichen Unternehmensberatung in beiden Beratungstypen am Ende das gleiche, nämlich der wie immer kostümierte gesunde Menschenverstand.

Können die Philosophen, unter ihnen die Propheten der „Irrationalität“, zum Unternehmenserfolg beitragen? Ich sehe die Befassung von Managern mit philosophischen Fragestellungen als Teilmenge der „Bildungsrevolution“, der wohl wichtigsten Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert (dies ungeachtet aller Kriege und technischen Entwicklungen). Wie gebildete Menschen insgesamt gesehen mit ihrem Leben besser als ungebildete zurechtkommen dürften, so dürfte ein philosophisch gebildeter Manager seinem philosophisch desinteressierten Kollegen ceteris paribus überlegen sein, weil er über mehr Handlungsoptionen verfügt. Noch schadet es, das Management mit den „Grenzen der Rationalität“ vertraut zu machen und sie so dazu anzuhalten, ihre eigene Praxis distanzierter zu sehen. Persönlich würde ich eine Zusammenarbeit mit einem philosophisch gebildeten Manager vorziehen.


Provider´s Corner

 

Wissenschaftliche Verlage wollen Preise zwischen 5 und 6% erhöhen

The 2019 Serials Price Projection Report from EBSCO Information Services (EBSCO) is now available. The report projects that the overall effective publisher price increases for academic and academic medical libraries are expected to be in the range of five to six percent (before currency impact).

Microsoft mit Linked In in Word, Exccel und PowerPoint.  Microsoft is planning to more deeply integrate LinkedIn into the company’s Office apps. While we saw some LinkedIn integration in Word last year, Outlook will be updated to include information about contacts for calendar appointments and document sharing. Outlook users will soon be able to coauthor documents with LinkedIn contacts in Word, Excel, and PowerPoint, making it a little easier to share documents to friends or coworkers on LinkedIn.

Harvard Business School mit Case Studies zur Künstlicher Intelligenz. Harvard Business School (HBS) announced a $5 million gift from alumnus Stephen A. Schwarzman, chairman, CEO, and co-founder of Blackstone, to support the development of case studies and other programming that explore the implications of artificial intelligence (AI) on industries, business, and markets. 

Moody’s Analytics mit Credit Lifecycle Management Solution. Moody’s Analytics, a global provider of financial intelligence, is pleased to announce new enhancements to the CreditLens platform. Built on the latest cloud-based technology, the CreditLens platform is a credit lifecycle management solution that helps financial institutions digitally transform their commercial credit processes to make better and faster credit decisions.

GfK mit Kaufhistorien der Kunden für Online- und Offline-Produkte. GfK has launched its Consumer Journey module of the Consumer Insights Engine, the first solution to provide a true market view of the online and offline consumer purchase journey for the technology and consumer durables industries. The Consumer Insights Engine is available in over 10 markets, globally.

Thomson Reuters. Zeitkritische Informationen für Mitarbeiter an der Front. Thomson Reuters and ModuleQ announced a partnership to assist professionals with time sensitive insights. The companies are integrating their AI technologies to help provide proactive distribution of mission-critical business information to clients' front-line personnel. The solution combines AI technology from Thomson Reuters to extract important business insights from large volumes of data with ModuleQ’s AI, which maps business insights to the fast-changing priorities of individual professionals.

Quelle: Outsell

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