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24. Juli 2018


# 408

Quantenphysik - Lars Jaeger - Affektive Ebene - Informationssuche - Gabriele Irle - Wissensgesellschaft – Smarte Länder – Katar - Julia Gremm - Julia Barth - Kaja J. Fietkiewicz - Wolfgang G. Stock – Uni Düsseldorf – Wissensgesellschaft – Wissensmanagement – Wissenschaftsmanagement – Education City – Library and Information Science – Qatar National Vision 2030 – Hamid bin Khalifa University – Qatar University – Studentinnen – Arbeitsmotivation – Expatriates – Rentnergesellschaft – kafāla – Al-Thani-Familie – Brain drain – Work-Life-Balance – Katanisierung - Entwicklungsplanung


Neu erschienen

Wie die Quantenphysik unser Alltagsleben verändert

Die affektive Ebene

bei der Informationssuche

Lars Jaeger, Die zweite Quantenrevolution – Vom Spuk im Mikrokosmos zu neuen Supertechnologien, Springer-Verlag, August 2018.

Der Unternehmer, Physiker, Philosoph und Open-Password-Autor verortet Quantenphysik, Quantencomputer und Wanteninternet mitten in unserem Alltagsleben und nimmt ihr den Anschein des Bizarren und Unverständlichen. Er zeigt die Bedeutung der Quantenphysik auf und geht auf philosophische und weltanschauliche Fragen ein. Sein Buch erschließt dem Leser den heutigen Stand der Quantenphysik, stellt zahlreiche neue Technologien vor und macht die enormen Einflüsse der modernen Physik auf unsere Weltanschauung bewusst. Der Autor, 1969 in Heidelberg geboren, studierte Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte an der Universität Bonn und an der École Polytechnique in Paris. In seinen Büchern und Artikeln konzentriert er sich auf die Themen Investment und Naturwissenschaft.

Gabriele Irle, Gefühlserleben bei der Informationssuche im Internet – Eine qualitative Studie zur Individualität und Alltäglichkeit der Sucherfahrung, ISBN 978-3-86488-126-8.

Gefühle spielen auch bei der Onlinesuche eine Rolle, dies wird im Fachgebiet „Information Seeking Behavior“ erforscht. Die Arbeit möchte das Wissen über die Gefühle der Suchenden erweitern und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Sie geht mithilfe der „Grounded Theory“-Methodologie der Frage nach, wie die Informationssuche im Internet erlebt wird und welche Bedingungen und Ursachen die Suchenden als bedeutsam für ihr emotionales Erleben erachten. Als Datengrundlage dienen Leitfadeninerviews, in denen junge Erwachsene aus Deutschland und den USA ihre Eindrücke und Empfindungen bei der Suche schildern. Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse zur Individualität und Alltäglichkeit der Sucherfahrung formuliert die Arbeit Vorschläge für eine bessere Unterstützung der Suchenden und für die zukünftige Erforschung der affektiven Ebene bei der Onlinesuche – Dissertation an der Universität Hildesheim.

 

Smarte Länder  

Wissensgesellschaft im Entstehen.
Katar als Fallbeispiel

Von Julia Gremm, Julia Barth, Kaja J. Fietkiewicz und Wolfgang G. Stock, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Abteilung für Informationswissenschaft

Zweiter Teil

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Wissens- und Wissenschaftsmanagement auf Staatsebene

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Die in der Öl- und Gasindustrie nötigen hochspezialisierten Mitarbeiter werden dank der Bemühungen der Qatar Foundation im Lande selbst ausgebildet. Seit 2003 bietet die Texas A&M University in Katars Education City diverse Studiengänge in chemischer Technik und Erdölchemie an, deren Absolventen in Unternehmen wie Qatar Petroleum, Maersk Oil, Qatar Shell, RasGas oder Qatar Gas arbeiten können.

Genauso zielgerichtet wurden die übrigen Studienangebote in Education City eingerichtet. Hier nur ein paar Beispiele: Die Virginia Commonwealth University unterrichtet seit 1998 Design; die Absolventen finden Anstellung beispielsweise bei Al Jazeera oder in Dohas Kulturzentrum Katara. Weill Cornell bildet seit 2001 Mediziner aus, die in der Hamad Medical Corp. oder im Forschungszentrum Sidra arbeiten könnten. Carnegie Mellon (seit 2004) und HEC Paris (seit 2010) sind unter anderem auf BWL spezialisiert; Abnehmer sind alle Unternehmen Katars. Die Georgetown University richtet ihre Bemühungen (seit dem Jahr 2005) auf Auslandsdienste und Politik. Hier gibt es auch Studiengänge zu Latin American Studies oder zu German and European Studies. Angepeilte Abnehmer der Absolventen sind hauptsächlich die öffentlichen Verwaltungen. Die Northwestern University konzentriert sich seit 2008 auf Unternehmenskommunikation und Journalismus. Absolventen sollen ihre Arbeitsplätze in PR-Abteilung großer Unternehmen (wie etwa Qatar Shell) oder bei Al Jazeera finden. Katar bemüht sich, im Rahmen des staatlichen Wissensmanagements das katarische Bibliothekswesen zu optimieren. Resultate sind die neuerbaute Qatar National Library (auf dem Gelände von Education City) und der Masterstudiengang Library and Information Studies, der seit 2012 vom University College London angeboten wird. Genauso zielgerichtet wird das Personal für die (vielfältigen) Museen als Baustein der Tourismusbranche ausgebildet. Hierfür hat das University College London ein Curriculum für Museum and Gallery Practice kreiert. In Education City sind insgesamt rund 2.700 Studenten eingeschrieben.

Unabhängig von den Zweigstellen der internationalen Universitäten gibt es – vergleichbar in etwa mit Fachhochschulen – weitere von ausländischen Institutionen betriebene Einrichtungen. Die größte ist das kanadische College of the North Atlantic mit einem breiten Angebot an technischen Fächern. Die rund dreißig Ausbildungsgänge haben seit 2002 das explizite Ziel, „zur Wissensökonomie beizutragen und die Qatar National Vision 2030 Realität werden zu lassen“ (so auf deren Homepage).

Nationale Einrichtungen sind die private Hamad bin Khalifa University in Education City (seit 2012 mit einem Angebot, das von Informatik über Data Science bis zum Islamischen Bankwesen reicht), und die öffentliche Qatar University (QU). QU ist eine zweite Säule der Hochschulbildung in Katar neben Education City. Die Universität hat eine große internationale Aufmerksamkeit erlangt und wird häufig in den internationalen Medien erwähnt. Bei QU sind mehr als 20.000 Studenten eingeschrieben. QU ist eine Universität mit neun Colleges: Kunst und Wissenschaft, Wirtschaft, Bildung, Technik, Gesundheitswesen, Recht, Medizin, Pharmazie sowie Scharia und Islamwissenschaft. Laut „Times Higher Education“ ist die Qatar University die internationalste Universität der Welt.

Education City und Qatar University sind jedoch nur schwach miteinander verbunden. Die Institutionen befinden sich an verschiedenen Standorten in Doha. Die Universität von Katar agiert eher auf traditionelle Weise (z. B. indem sie unterschiedliche Bachelorstudiengänge für Männer und Frauen anbietet und die Bibliothek für Männer und Frauen trennt), während die internationalen Universitäten in Education City westlichen Standards folgen. In Education City ist die Unterrichtssprache Englisch, an der QU werden einige Fächer in Arabisch gelehrt.

Da es für katarische Mädchen sehr problematisch war und immer noch ist, im Ausland zu studieren, kamen die Universitäten in Education City quasi zu den Mädchen (und nicht die Mädchen zu den Universitäten im Ausland) und ermöglichten es ihnen, internationale Abschlüsse zu erlangen. Die Vorsitzende von QF, Sheikha Moza bint Nasser Al Missned, hat sich nicht nur dafür eingesetzt, das staatliche Wissens- und Wissenschaftsmanagement in Katar voranzutreiben, sondern hat stets für Bildungsgerechtigkeit bei den Geschlechtern gesorgt.

Die Qualität des Schulabschlusses in Katar ist weit unterhalb des internationalen Durchschnitts. In Education City ist das Betreuungsverhältnis zwischen Dozenten und Studenten sehr günstig, so dass – teilweise durch Einzel(nachhilfe)unterricht – die Studenten im Laufe von Brückenprogrammen und Studium an das internationale Niveau herangeführt werden. Die Kenntnisse der Universitätsabsolventen in Katar sind somit in etwa mit denen in traditionell gewachsenen Hochschulen (etwa in den USA, Großbritannien oder Frankreich) vergleichbar. Vom Wissensstand her sind diese Absolventen auf die wissensintensiven Berufe der Wissensökonomie ausreichend vorbereitet.

Die Autorinnen Julia Barth (links) und Julia Gremm an der Corniche mit Blick auf Dohas West Bay.

 

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Motivation zur Partizipation an der Wissensgesellschaft

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Aber wollen sie auch in wissensintensiven Unternehmen arbeiten? Wollen sie überhaupt hart arbeiten? Hier müssen wir zwischen Einheimischen und Expatriates und zwischen Männern und Frauen unterscheiden, denn da gibt es beträchtliche Unterschiede.

Für die einheimischen Katari gilt: Sie leben in einem „Rentnerdasein“. In Rentnerstaaten – und Katar ist zweifelsohne ein solcher Staat – sind staatliche Institutionen die mächtigsten Player in der gesamten Volkswirtschaft; nur wenige Personen sind direkt mit dem Erwirtschaften des Wohlstandes (also der Rente) befasst. Die großen Staatsunternehmen wie Qatar Petroleum oder – in Zukunft immer wichtiger werdend – Qatar Investment Authority sorgen für die Einnahmen, die an die einheimische Bevölkerung (und nur an die Katari) verteilt werden. Dies geschieht durch großzügig honorierte, aber gleichzeitig wenig Anwesenheit und Engagement erfordernde Stellen im öffentlichen Dienst oder (für den recht unwahrscheinlichen Fall einer Arbeitslosigkeit) durch ebenso großzügig bemessene Arbeitslosenmittel. Es gibt freie Erziehung, ein freies Gesundheitswesen und freie Wasserversorgung in den Haushalten. Natürlich fallen keine Steuern an. Hier entstehen drei Probleme: (1.) Es ist sehr problematisch, die Einheimischen zu motivieren, überhaupt hart zu arbeiten (denn das Geld kommt ja ohnehin). (2.) Wenn die nicht-privilegierten Expats Arbeit in einem Rentnerstaat aufnehmen (jemand muss ja die Arbeit machen!), dürfen sie das ausschließlich unter Aufsicht eines Kataris, was zu dem System der Schirmherrschaft“ (kafāla) führt. (3.) Die privilegierten Einheimischen tendieren dazu, die Anzahl der Staatsbürger klein zu halten, was dazu führt, dass Expats keine Chance auf die katarische Staatsbürgerschaft haben.

In Katar leben knapp 2,7 Millionen Menschen (Stand 2018), davon sind 11 Prozent (privilegierte) Katari und entsprechend 89 Prozent (nicht privilegierte) Ausländer. Katar (und ähnlich Dubai) haben einen der höchsten Ausländeranteile an der Gesamtbevölkerung weltweit. Das Land ist eine Monarchie; die herrschende Al-Thani-Familie führt das Land jedoch analog zu einem Unternehmen. Die Konzernspitze nimmt der Emir ein; die wichtigen Staatsunternehmen und öffentlichen Dienste werden von Personen geleitet, die entweder selbst zur Al-Thani-Familie gehören oder ihr nahestehen. Da es im Lande keine Gewerkschaften und keine nennenswerte Opposition gibt, sind Entscheidungen schnell und effizient durchsetzbar.

Unter den Bedingungen von Katars Rentnergesellschaft ist es nicht verwunderlich, dass die katarischen Absolventen der nationalen wie internationalen Hochschulen wenig Motivation zeigen, hart zu arbeiten. Vielmehr ziehen sie es vor, ihr erworbenes Wissen eher nicht einzusetzen und stattdessen im öffentlichen Dienst beschäftigt zu sein. Die Privatwirtschaft sowie wissensintensive Institutionen werden als Arbeitsplatz weitgehend gemieden. An der öffentlichen Qatar University gibt es beispielsweise 1.210 wissenschaftlich Beschäftigte (2014/2015), davon sind 222 Katari und 988 Ausländer. An den privaten Hochschulen forschen und lehren im selben Studienjahr 969 Personen, aber nur 8 Katari und entsprechend 961 Ausländer.

Wie sieht es bei den Expats aus, die eine der Hochschulen Katars besucht haben und nun auf den Arbeitsmarkt streben? In Führungspositionen werden sie schwerlich hineinkommen, da diese den Einheimischen vorbehalten sind. Theoretisch stehen den ausländischen Absolventen Jobs im öffentlichen Dienst sowie in der Privatwirtschaft offen. Einer langfristigen Beschäftigung steht jedoch das kafāla-System entgegen. Ein Sponsor muss gefunden werden, der zumindest für einen gewissen Zeitraum eine Beschäftigung garantiert. Ansonsten muss der Absolvent das Land verlassen (und sein Wissen geht mit ihm). Ähnlich sieht es übrigens für die ausländischen Studenten aus. Da sie von ihrer Familie und diese vom Sponsor des Vaters oder der Mutter abhängig sind, müssen auch sie (mit ihrer Familie) das Land verlassen, wenn keine „Schirmherrschaft“ mehr gegeben ist. Und so werden nach wie vor Jobs in den wissensintensiven Branchen an Ausländer vergeben, die kurzzeitig (für rund drei bis fünf Jahre) ins Land geholt werden und dann wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Bei der Arbeitsmotivation der Expats sind keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern erkennbar. Bei den Katari ist dies anders. Männer mit Bachelorabschluss hängen gerne ein Masterstudium im Ausland (beliebt sind Großbritannien und die USA) an. Frauen dürfen alleine das Land nicht verlassen, so dass diese Option nur selten ergriffen wird. Einige Männer ziehen Arbeitslosigkeit einer Tätigkeit im öffentlichen Dienst vor (etwas anderes kommt ohnehin für sie kaum infrage). Für die Frauen war schon das Studium eine Chance, den engen Grenzen des katarischen Familienlebens zu entkommen. Als Absolventinnen sind sie durchaus motiviert zu arbeiten – allerdings vorwiegend auch im privilegierten öffentlichen Dienst. Durch die wenig Zeit fordernde Beschäftigung ist die Work-Life-Balance für Frauen optimal. Zusätzlich ist es üblich und problemlos finanzierbar, dass die Familie pro Kind auch jeweils ein Kindermädchen bekommt. Damit stünde den Frauen eine Karriere im öffentlichen Dienst offen – und wird auch zunehmend beschritten. Probleme entstehen jedoch mit ihren Männern und den Familien, da das Rollenverständnis der Frauen als (auch führende) Arbeitskraft sehr weit von den traditionellen Anschauungen der Rolle der Frau in Katar abweicht.

Die Abhängigkeit der katarischen Wirtschaft von Expats, die nur kurz- oder mittelfristig im Land arbeiten, ist hoch riskant. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt und ebenso lange wird durch Programme der „Katarisierung“ versucht, dem entgegenzuarbeiten. Katarisierung bedeutet, dass Führungspositionen in staatlichen Unternehmen von Katari ausgeführt werden und dass die Einheimischen auch in der Privatwirtschaft maßgeblich mitarbeiten. Bei den Führungspositionen in öffentlichen Unternehmen und Institutionen ist das Programm bereits recht erfolgreich, jedoch nicht bezogen auf Führungspositionen in der Privatwirtschaft. Insgesamt weisen nur 12 Prozent aller katarischen Arbeitskräfte einen Arbeitsplatz in der Privatwirtschaft vor. Bei den Frauen ist jedoch ein Trend unübersehbar: Waren im Jahr 2001 nur 2 Prozent der weiblichen Arbeitskräfte in der Privatwirtschaft beschäftigt, so hat sich deren Anteil im Jahr 2013 auf rund 15 Prozent gesteigert. Es ist in der Tat so, dass die Hoffnungen der katarischen Wissensgesellschaft im steigenden Maße auf die Leistungen der Frauen gegründet sind.

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Zusammenfassung: Katars Wissensgesellschaft

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Um der Abhängigkeit von Öl und Gas langfristig zu entgehen, setzt der Staat Katar – eines der reichsten Länder der Welt – auf den Aufbau einer Wissensgesellschaft. Da man von Wissen alleine selbstverständlich nicht leben kann, plant man den Auf- und Ausbau wissensintensiver Branchen und Unternehmen mit dem Ziel, den Wohlstand in Katar zu halten. Bevorzugte Branchen der Diversifikation von Katars Wirtschaft sind IKT, erneuerbare Energien, MICE, Tourismus und Auslandsinvestitionen. Die letzten drei Branchen arbeiten bereits erfolgreich, insbesondere die langfristigen Investitionen in ausländische Unternehmen sind ausgesprochen vielversprechend.

Für alle wissensintensiven Branchen sind Experten nötig. In einer Planung, die ca. Mitte der 90er Jahre einsetzt, sind staatlicherseits Bemühungen sichtbar, Wissens- und Wissenschaftsmanagement auf höchster Ebene zu betreiben. Neben Institutionen zur Ausbildung von Technikern sind sowohl die staatliche Qatar University ausgebaut als auch ein völlig neuer Campus, die Education City, aufgebaut worden. In Education City siedelten sich international renommierte Universitäten mit Zweigstellen an, die passgenau die Studiengänge offerieren, die Katars gegenwärtige Wirtschaft wie auch die Diversifikationsstrategien unterstützen. Zusätzlich wurde erreicht, dass auch Mädchen (denen nicht erlaubt war und ist, das Land alleine zu verlassen) studieren und den Abschluss einer internationalen Universität erhalten können. Die Resultate dieses Aus- und Aufbaus sind ein durchschlagender Erfolg, das staatliche Wissens- und Wissenschaftsmanagement hat für sich gesehen perfekt gearbeitet.

Trotzdem klappt der Übergang der gut ausgebildeten Absolventen auf den Arbeitsmarkt der wissensintensiven Branchen und Unternehmen nicht optimal. Durch die Rentnermentalität der Katari sind insbesondere die Männer wenig geneigt, hart zu arbeiten. Frauen dagegen sehen durch Studium und Beruf Chancen, sich den traditionellen Schranken der katarischen Familie (etwas) zu entziehen. Allerdings arbeiten die meisten Absolventen, Männer wie Frauen, vor allem im sehr gut bezahlten öffentlichen Dienst, wo sie ihr erworbenes Wissen nicht anwenden können. Bei den Expats unter den Absolventen ist problematisch, dass sie zur Arbeitsaufnahme einen Sponsor benötigen und dass sie kaum die Chance bekommen werden, in Führungspositionen aufzusteigen, da diese soweit wie möglich mit Einheimischen besetzt werden. So kommt es letztendlich dazu, dass die Arbeitsplätze in den wissensintensiven Unternehmen und Institutionen (etwa in den Hochschulen selbst) von im Ausland ausgebildeten Experten ausgeführt werden, die nur kurz- oder mittelfristig im Lande bleiben. Zugespitzt ausgedrückt heißt dies, dass man sich das kostspielige Wissensmanagement hätte ersparen können, wenn man wegen sozialer und kultureller Gewohnheiten nicht in der Lage ist, das Potential der (ja völlig erfolgreichen) Bemühungen adäquat abzuschöpfen. Dies kann (ja: muss) sich in Zukunft ändern, sonst wird die Lage in Katar nämlich prekär. Sollten die hochgebildeten Ausländer Katar verlassen, ist kaum noch jemand (außer der katarischen Führungselite) da, der das erarbeitete Wissen weiterführen und anwenden kann. Mit den ausländischen Experten verlässt auch deren Wissen Katar; das derzeit vorhandene Wissen versickert wie Wasser im Wüstensand.

Was können Informationswissenschaft und -praxis aus dieser katarischen Lektion lernen? Man kann erstklassige Arbeit im Wissensmanagement abliefern, aber trotzdem im gesamten Plan scheitern, wenn man Kultur und Gesellschaft nicht berücksichtigt hat. Änderungen in Wissensproduktion, Informationsübermittlung, Wissenskonsum sowie die Kreation smarter Dienste, Produkte und Branchen gehen notwendig mit Änderungen in Gesellschaft und Kultur einher.


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Weitere Informationen

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Barth, J., Fietkiewicz, K. J., Gremm, J., Hartmann, S., Henkel, M., Ilhan, A., Mainka, A., Meschede, C., Peters, I., & Stock, W. G. (2017). Informationswissenschaft in der Urbanistik. Teil 1: Konzeptioneller Forschungsrahmen und Methoden. Information – Wissenschaft & Praxis, 68(5-6), 365-377. (Link zum Volltext)

Barth, J., Fietkiewicz, K. J., Gremm, J., Hartmann, S., Henkel, M., Ilhan, A., Mainka, A., Meschede, C., Peters, I., & Stock, W. G. (2018). Informationswissenschaft in der Urbanistik. Teil 2: Erste empirische Ergebnisse zu smarten Städten. Information – Wissenschaft & Praxis, 69(1), 31-46. (Link zum Volltext)

Gremm, J., Barth, J., Fietkiewicz, K. J., & Stock, W. G. (2018). Transitioning Towards a Knowledge Society. Qatar as a Case Study. Cham, Switzerland: Springer Nature. XVII, 244 pp. (Link)

Gremm, J., Barth, J., & Stock, W. G. (2015). Kuwait is the past, Dubai is the present, Doha is the future: Informational cities on the Arabian Gulf. International Journal of Knowledge Society Research, 6(2), 51-64. (Link zum Volltext)

Kosior, A., Barth, J., Gremm, J., Mainka, A., & Stock, W. G. (2015). Imported expertise in world-class knowledge infrastructures: The problematic development of knowledge cities in the Gulf region. Journal of Information Science Theory and Practice, 3(3), 17-44 (Link zum Volltext)

 

 

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