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17. Juli 2018


# 403

Richard D. Lankes - Friedrich Figge - Nico Liebig - Theresa Liebig - Ronja Wehausen - Viviane Wilde – Deutsche Nationalbibliothek – Zukunft der Bibliotheken – Datenskandale - Wissenschaftliche Bibliotheken - Peer Reviews – Öffentliche Bibliotheken - Communities - Bibliothekartag - Kleine und mittlere Verlage - Elisabeth Simon - Urheberrechtsverletzungen - Amazon - DSGVO - EU-Urheberrecht

 

Impressionen inspired by Lankes

Die neue Wissensgesellschaft

mit Bibliotheken als Community-

und Peer-Review-Anbieter

Von Prof. Friedrich Figge mit Mitgliedern eines Forschungsseminars im Studiengang Informations- und Bibliothekswissenschaft an der HTWK Leipzig (Nico Liebig, Theresa Liebig, Ronja Wehausen und Viviane Wilde)

Durch digitale Medienangebote wird die traditionelle Medienausleihe der Bibliotheken unbedeutender. Dafür können Bibliotheken wichtige neue gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Hier bieten sich auch für die neue Bundesregierung Möglichkeiten, unsere Gesellschaft durch neue Konzepte und ohne große zusätzliche Ressourcen zukunftsfähiger zu gestalten.

Spätestens seitdem die Nationalbibliothek angesichts der digitalen Datenflut weitgehend zur maschinellen Verschlagwortung übergegangen ist, aber wichtige neue Medienformen wie Apps weiter gar nicht erfasst, während Millionen Nutzer sich kostenfrei oder kostengünstig einen fast unbegrenzten Zugang zu Medieninhalten über Amazon, Aldi, Google und Co., Selfpublisher und Datenbanken verschaffen, ist klar geworden, dass sich die traditionelle Rolle der Bibliotheken verändern muss. Oder die Bibliotheken werden an Bedeutung verlieren.

Gleichzeitig zeigen Datenskandale, wie wichtig eine unabhängige Sammlung und Bewertung von Inhalten ist. Hierfür sind die Bibliotheken gut aufgestellt.

Ein Beispiel im Wissenschaftsbereich ist die Organisation des Peer-Review-Prozesses. Dieser wird angesichts der Open-Access-Anforderungen der Forschungsförderung für Wissenschaftsverlage immer unrentabler und lockt andererseits gewinnorientierte neue Anbieter an, deren Objektivität und Sorgfalt fragwürdig ist. Hier sollten die wissenschaftlichen Bibliotheken als neutrale und unabhängige Einrichtungen die Organisation übernehmen und auch selbst Open Access publizieren.

Forscher wie Lankes fordern seit längerem, dass sich die Bibliothek als Community verstehen sollte. Die Autoren dieses Beitrages bauen auf einem eigenen Artikel von 2007 in der BuB auf, der die Community als höchste Stufe der Bibliothek sieht. Denkt man dies weiter, sollte die Bibliothek sich sogar selbst als Sprachrohr und Organisator der Bedürfnisse und des Wissens der regionalen Communities wie Städte und Gemeinden weiterentwickeln. Sie wäre ein geeigneter Ort, das lokale Wissen bewusst zu bündeln und ihre Nutzer zu handlungsfähigen Gruppen zusammenzuführen, beispielsweise durch Treffen in der Bibliothek vor Ort oder durch eine Beteiligung an der Definierung und Umsetzung gemeinsamer Projekte.

Dies kann so weit gehen, dass die Grenzen zwischen Community und Bibliothek verschwimmen und sich die Community selbst als Bibliothek empfindet. Jeder Einwohner und dessen individuelles Wissen könnte darin Wertschätzung erfahren und mit anderen Nutzern zu Wissensclustern zusammengeführt werden. Die Community würde die Bibliothek als Agora, als einen zentralen Versammlungs-, Wissens- und Austauschort, nutzen. Themen würden durch partizipative Prozesse auf die Agenda gesetzt, lokale Initiativen hätten ein Forum der Informationsweitergabe, die Bibliothekare sorgten für Ausgewogenheit und Vielstimmigkeit der Informationen. Die Bibliothek fungierte als nicht-kommerzieller Wächter beim Ringen um Wissen und Wahrhaftigkeit in Zeiten alternativer Fakten.

Die Kunst des Bibliothekars bestünde hauptsächlich darin, das Wissen und die Wissensbewertung zu bündeln, Wissensprozesse zu moderieren und Objektivität und Neutralität herzustellen. Dies könnte in Zusammenarbeit mit Bürgerinitiativen, aber auch mit freien Journalisten, Autoren und (weiteren) kritischen Denkern geschehen.

Der Bibliothekartag in Berlin hat Themen wie Digitales Zeitalter, Community Engagement und Open Access als regionale Strategien diskutiert. Doch scheint die zukünftig grundsätzlich neue gesellschaftliche Rolle der Bibliotheken etwas außer Acht geblieben. Ein übergreifendes Forschungsteam im Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HTWK Leipzig unter Leitung von Prof. Figge hat sich dieser neuen Rolle und der damit verbundenen Fragestellungen angenommen.  

Kleine und mittlere Verlage

Was ihnen das Leben schwer macht

Von Elisabeth Simon

Der Fachverlag für Bibliotheks- und Informationswissenschaft Simon-bw. (www.simon-bw.de) unterhält zwei Serien, die eine für Zeitzeugen, die andere für die Musik. Ein kleines Buch in unserer Musikreihe, „Er ist ganz Ohr“ von Dietlind Rohm, enthält skurril satirische Geschichten über Musiker und Musikinstrumente und wurde auf den Buchmessen in Leipzig und Berlin vorgestellt.  Die Autorin unterrichtete uns, dass ihr Buch auf der Webseite „Kostenlose Bücher herunterladen“ angeboten wurde, und zwar mit Titelseite und Abstrakt (in Italienisch!)

Dies war eine eindeutige Urheberrechtsverletzung. Die angegebene Webseite DMCA bot zwar an, einer Urheberrechtsverletzung nachzugehen, aber das tat sie nicht. Dem konnte auch nicht weiter nachgegangen werden, weil die Webseite entgegen den gesetzlichen Bestimmungen kein Impressum enthielt. Wir mussten also einen Rechtsanwalt einschalten.

Dieser ermittelte sodann als Inhaber die Website xy., ein Unternehmen in Phoenix, Arizona, das in ihren Zielsetzungen etwa dem bei uns genutzten Strato als Datenbankanbieter entspricht. Der Anwalt beschwerte sich bei xy mit bindender Terminangabe. Der Beschwerde wurde entsprochen und die Seite ist jetzt gelöscht.

„Ende gut, alles gut!!!“, könnte man an dieser Stelle sagen. Aber wären andere kleine und mittlere Verlage, kostenbewusst wie sie meistens sind und die Ungewissheit abwägend, was ein grenzüberschreitender Rechtsstreit an weiterem Ärger bringen wird, so wie ich auf die Barrikaden gegangen? Zumal sie an weiteren Fronten zu kämpfen haben, wie auf der Versammlung kleiner und mittlerer Verlage, die auf Einladung der Bundestagsfraktion der „Linken“ zustande kam, deutlich wurde. Als Wirtschaftsunternehmen eingestuft, verlieren sie nicht selten ihre Selbständigkeit, da sie die vom Finanzamt angegebenen Vorgaben nicht erfüllen. Dem Vertrieb über Amazon steht die Forderung Amazons entgegen, eine Provision von 50 bis 60 % zu gewähren. Und dies, obgleich Amazon in Deutschland keine Steuern zahlt.

Hier sollte man noch die Datenschutzgrundverordnung auf Bundeseben und das neue allerdings noch nicht verabschiedete Urheberrecht auf EU-Ebene, die vor allem den kleinen Anbietern schaden, obgleich die Intention eine andere war, dazunehmen. Beide Gesetze sind zudem unklar formuliert, so dass es zu langwierigen Klärungsprozessen über die Gerichte kommen wird. Da liegt für manch einen kleinen und mittleren Verlag der Gedanke nahe, von seinem größten Kapital, der gnadenlosen Selbstausbeutung, zu lassen, und den eigenen Laden zu schließen. Dass die kleinen und mittleren Verlage häufig Ideengeber und Trendsetter sind und Wissenschaft und Buchmarkt von ihnen stark profitieren, wird in dieser Gemengelage häufig unberücksichtigt gelassen.

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