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den 11. Mai 2018


# 3623

 

BibCamp - Un-Konferenz - Vanessa Nagel - Digitalisierung – Dirk Baecker – Universität Witten-Herdecke – Medienepochen – Medienkatastrophen – Marshall McLuhan – Fritz Heider – Talcott Parsons – Information Professionals – Untergangsszenarien – Indeterminiertheit – Intransparenz – Medienarchäologie – Intelligenz – Buchdruck – Elektronische Medien – Bruno Latour – Stanislaw Lem – Instantaneität – Netzwerke – Computer – Roboter – Isaac Asimov – Daniel Suarez – Nick Bostom – Vernunft – Komplementarität – Ungleichzeitigkeit – Kritik – Gesellschaft - Gamification

Un-Konferenz BibCamp

Frischer Wind für Bibliotheken!

Sehr geehrter Herr Bredemeier!

Bei der Un-Konferenz BibCamp2018 in Hamburg sind unkonventionelle Ideen, Umdenken und kritische Gedanken rund um das Bibliothekswesen gefragt.

Bibliotheken stehen mit der Digitalisierung in unserer Gesellschaft vor einem Wandel – oder besser gesagt: sie befinden sich mittendrin. Die zentralen Themen lauten: Wie kann die Bibliothek die sozialen Medien gewinnbringend einsetzen? Kann eine öffentliche Bibliothek als Allrounder funktionieren oder muss sie sich stärker auf Nutzergruppen spezialisieren? Wie wird sich das Berufsbild in wissenschaftlichen Bibliotheken ändern?

Um diese und weitere Themen konstruktiv zu diskutieren, ist der Austausch in der Bibliothekscommunity von entscheidender Bedeutung. Eine Möglichkeit zum Austausch bietet das 11. BibCamp in Hamburg. Es handelt sich dabei um das Format des BarCamps, einer sogenannten Un-Konferenz, bei der alle Teilnehmer Fragen, die sie beschäftigen, besprechen oder Ideen verbessern oder erweitern können. Dazu muss diese Frage oder Idee lediglich am Tag der Konferenz selbst vorgestellt und angeboten werden. Die Teilnehmenden werden selbst zu Refernten und/oder Moderatoren einer Sitzung und tauschen sich eine Stunde lang mit Interessierten aus allen Bereichen aus.

Beim BibCamp begegnen sich alle Teilnehmenden auf Augenhöhe. Alle werden gehört, kein Beitrag ist unwichtig. Daher möchten wir vom BibCamp2018 in Hamburg alle aufrufen, die für Bibliotheken brennen und einem Austausch mit Interessierten aufgeschlossen gegenüberstehen - egal, ob erfahrene Bibliothekarin, Young Professional, FaMI oder Bibliotheksnutzer: Kommen Sie nach Hamburg und machen Sie mit! Sie sind der frische Wind, den die Bibliothekslandschaft braucht! Säen Sie frische Ideen oder entwickeln Sie sie weiter. Seien Sie dabei, wenn es heißt: Feel the Elements!

Mehr Informationen rund um das 11. BibCamp in Hamburg finden Sie auf unserer Homepage und auf unseren Social-Media-Kanälen.

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#bib11

#FeelTheElements

#bibcamp

Mit freundlichen Grüßen Vanessa Nagel, HAW Hamburg

 

Trend des Jahres:
Digitalisierung und Disruption

Inmitten einer vierten Medienkatastrophe
die Entdeckung des Menschen als Wetware

Zweiter abschließender Teil des Gespräches mit Prof. Dr. Dirk Baecker, Universität Witten-Herdecke

Sie halten den Prozess der Digitalisierung für derart bedeutend, dass sie die Herausbildung einer neuen Epoche bewirkt. Diese sei nur zu verstehen, wenn man sie zu den vorangegangenen Epochen in Beziehung setzt und diese mit McLuhan nach dominanten Medien (mündliche Kommunikation, Schrift, Buchdruck) voneinander abgrenzt. Dieses Vorgehen hat sich bereits bewährt, da man so interessante Thesen ableiten kann (heuristischer Nutzen). Dabei ist nicht ganz klar, ob diese Aussagen empirisch oder methodologisch zu verstehen sind.  

Soziologische Theorie ist abstrakt. Wer sich vor einen Gegenstand stellt und anfängt, ihn unvoreingenommen zu beschreiben, wüsste noch nicht einmal, was als ein Gegenstand aufzufassen wäre. Die These von den vier Medienepochen, ja sogar vier Medienkatastrophen -- jedes neue Verbreitungsmedium der Kommunikation überfordert die vorherigen Strukturen und die vorherige Kultur der Gesellschaft -- hat heuristischen, empirischen und methodologischen Wert. Heuristisch macht sie klar, wo diese Art von Soziologie (es gibt auch andere) ihre Einsätze sucht, das heißt wo diese Art von Soziologie ein markantes Kennzeichen der aktuellen Gesellschaft sieht. Empirisch erlaubt sie, Kommunikation unter Bedingungen von Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Buchdruck und elektronischen Medien zu unterscheiden und in ihrer jeweiligen Dynamik zu beschreiben. Damit ist schon einmal sehr viel gewonnen.

Selbstverständlich, das sei sicherheitshalber gesagt, lösen sich diese Medienepochen nicht sauber voneinander ab, sondern überlagern sich. Wir haben es immer noch auch mit den Problemen der Sprache zu tun! Und methodologisch legt diese Art von Soziologie mit dieser These ihre Karten auf den Tisch und sagt: Wir untersuchen Kommunikation, wie untersuchen Medien, wir untersuchen die Dynamik reziproker Beziehungen in einer Multiplizität von Menschen und weiteren Teilnehmern an der Kommunikation (Geister, Götter, Teufel, Pflanzen, Tiere, Maschinen, je nach Gesellschaft).

Allein der Medienbegriff, wie ihn Fritz Heider und Talcott Parsons gefasst haben (als Substrat möglicher Formen und als Attraktor möglicher Selektionen und Motivationen) hat eine große analytische Tiefenschärfe, die methodologisch für die Wissenschaft attraktiv ist, aber in der Rezeption der Wissenschaft in der Öffentlichkeit eher Unbehagen auslöst, da sie mit zu viel Kontingenz einhergeht: mit dem Hinweis darauf, dass zu vieles auch ganz anders sein könnte, von der Liebeserklärung über das politische Parteiprogramm bis zur wissenschaftlichen Theorie.

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Auch für Information Professionals im Belagerungszustand eröffnen sich immer wieder Chancen.
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Um mir eine weitere Anwendungsmöglichkeit vorzustellen: Die gegenwärtige Diskussion über die „Digitalisierung“ wird in beachtlichem Maße von Untergangsszenarien geprägt („Untergang…“ „des Buches“ „…der Printmedien“, „…der Bibliotheken“, „…des Journalismus“, „…des Wahrheitsbegriffes“ usw.). Diese Szenarien sind nach Ihren Aussagen zurückzuweisen. Denn erstens gehen die früheren Medienepochen nicht unter, sondern werden lediglich überlagert. Zitat 7. Zweitens ist die neue Epoche von einer sehr weitgehenden Intransparenz und Indeterminiertheit geprägt. Es entstehen schier unendlich erscheinende neue Möglichkeiten, aber nur einige von ihnen werden umgesetzt. Demnach könnte man, um ein Bild aus der frühen Industrialisierung aufzugreifen, durchaus auch in „Sweatshops“ (oder in Bibliotheken oder in Zeitungsredaktionen) eine Weile weiter erfolgreich sein.

Ja, genau. Deswegen rede ich von einer Medienarchäologie. Nichts geht unter. Die meisten Dinge werden reformatiert. Tatsächlich finde ich es faszinierend zu sehen, wie alte Ideen wie die von der Wirklichkeit, der Wahrheit, der Freiheit, des Subjekts, der Natur, der Kultur und so weiter eine neue Gestalt oder Form annehmen. Plötzlich sehen wir, wie sehr einige dieser Ideen in der Antike verankert sind oder ein spezifisch modernes Gesicht haben. Wir historisieren diese Ideen, ohne uns deswegen von ihnen verabschieden zu müssen. Das einzige, wovon wir uns verabschieden, sind die Absolutheitsansprüche, das heißt Ansprüche, Ideen und Dinge aus ihren Kontexten herauslösen (absolvere) und für sich stehen lassen zu können.

Und wir sehen, wie diese Ideen im mal schmerzhaften, mal anregenden Kontakt mit den elektronischen Medien einen neuen Charakter, eine neue Färbung annehmen. Zum Beispiel die Idee des "Menschen": Wir verabschieden uns ja nicht von ihm, sondern wir nehmen mit Blick auf die Maschinen seine Ansprüche auf eine einzigartige Intelligenz zurück. Wir fragen, worin die Intelligenz des Menschen besteht, und entdecken, dass sie etwas mit der Bindung seines Bewusstseins und seiner sozialen Praxis an seinen Körper und seine jeweilige Umwelt zu tun hat. Wir entdecken den Menschen als Wetware. Für mich ist das kein Untergang, sondern ein Gewinn.
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Was bröckelt, sind alle Gewissheiten.

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Wir Kinder der Aufklärung sahen „Humanismus“, „Aufklärung“, den „Gedanken einer Bildung für alle“ und anderes als evolutionäre Universalien an und verbanden diese mit dem Glauben an einen sich in die Ewigkeit reichenden Fortschritt. Wenn Sie diese „Universalien“ als Ergebnis des Buchdrucks historisch relativieren und der Buchdruck mittlerweile als dominantes Kommunikationsmedium abgelöst worden ist, was vor allem bröckelt derzeit weiter und was bröckelt demnächst? Siehe auch die Zitate 7-9.

Vor allem bröckelt unsere Unterscheidung zwischen spontaner Natur und gepflegter Kultur. Bruno Latour hat dazu in seinem Buch "Wir sind nie modern gewesen" alles Erforderliche gesagt. In der Auseinandersetzung mit den Maschinen, aber auch in der davon ausgelösten Auseinandersetzung mit uns selbst wissen wir nicht mehr, was in unserer Umwelt spontan ist und was gepflegt. Wir haben es mit Technologien zu tun, die beides zugleich sind. Unsere Umwelt ist, ja wir selbst sind technologisch, wie Stanislaw Lem und andere es schon seit vielen Jahren beschreiben. Es bröckeln unsere Gewissheiten. Und das finde ich angesichts der ökologischen Gefahren, die wir Menschen auf der Erde auslösen, alles andere als bedauerlich.

Um noch einmal ähnlich zu fragen: Wenn die neue Epoche bereits mit der Elektrizität oder vielleicht besser mit Telegraf, Telefon und Radio begonnen hat, was ist schon untergegangen (ohne dass wir es vielleicht gemerkt haben) und was haben die sich später entwickelnden Medien wie das Internet bereits geleistet, um die neuen durchaus disruptiven Tendenzen einzuhegen?

Nun gut, untergegangen ist die Vorstellung geschützter Räume, Regionen und Nationen. Marshall McLuhan hat ja als die wichtigste Herausforderung unserer Zeit die Einführung der Instantaneität benannt, die wir der Elektrizität, die Verbindungen in nahezu Lichtgeschwindigkeit herzustellen vermag. Deswegen verschwinden Raum und Zeit nicht, wie man manchmal lesen muss. Aber sie verlieren ihre strukturell und kulturell gewohnte Pufferfunktion. Wenn eine Nachricht Stunden, Tage, Wochen braucht, um jemanden zu erreichen, gewinnt man Zeit, sich auch noch um etwas anderes zu kümmern. Wenn man nicht weiß, was in ferner Nachbarschaft passiert, hält man die eigene Wirklichkeit unbefragt für normal. Wenn Sie heute auf jedem Bildschirm eines Smartphones Bilder der fernsten Wirklichkeit zu sehen bekommen, ist es kein Wunder, dass sich die einen sich auf die Wanderschaft begeben und die anderen in Panik geraten.

Sie fragen danach, ob und wie diese neuen Wirklichkeiten eingehegt werden. Ich denke, hier kommen die oben genannten Netzwerke zum Zuge: Schleppernetzwerke ebenso wie Netzwerke der Ausländerfeindlichkeit. Die einen setzen sich mit den anderen auseinander und die Politik, wie eh und je, sucht nach Lösungen.

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Mit dem Einzug der Roboter erhebt sich die Frage, was menschliche Intelligenz ist.

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Sie verstehen Digitalisierung als „Prozess der Einführung und Durchsetzung rechnender Maschinen … in soziale Praktiken aller Art…, vom Alltag über die Organisation bis zu den Massenmedien.“ Dabei sehen Sie Computer als „nicht-triviale Maschinen“, das heißt, die Transformation einer Eingabe in einen Output bleibt unverständlich und die erzielten Ergebnisse stellen zunehmend Überraschungen für uns dar. Zitate 9 - 11. Eine plausible These lautet nun, dass die Gewinner der neuen Epoche jene sind, die am besten mit Computern (und den elektronischen Medien) umgehen können. Aber was bedeutet das konkret?

Das bedeutet konkret, dass Gewinner der jetzigen Situation zum einen diejenigen sind, die eine App, eine Plattform, eine Datenbank, einen Algorithmus programmieren können, und zum anderen diejenigen, die die daraus entstehenden Vernetzungsmöglichkeiten in Beruf und Alltag produktiv zu nutzen verstehen. Das ist ja eine weitere spannende Entwicklung der Gegenwart. Kein Programmierer weiß, auf welche Ideen die Nutzer kommen werden. Aber die einen sind auf die anderen angewiesen.

Das Verständnis von Robotern als hochentwickelte Rechner auf einer sehr allgemeinen Ebene scheint wenig mehr als das über der Belletristik hinausgegangen zu sein. Diese schwankt zwischen den Programmierregeln Asimovs (zusammengefasst: Roboter dienen dem Wohle der Menschen) und dem „Aufstand der Roboter“. Oder geht unser Verständnis doch weiter und geht es vielleicht auch konkreter?

Schwierige Frage. Ich verweise gerne auf die beiden Romane "Daemon" (2009) und "Freedom^TM" (2010) von Daniel Suarez. Ein krebskranker, genialer Softwareentwickler reizt sämtliche Möglichkeiten der Unterwerfung der Menschheit unter die Herrschaft der Maschinen aus, um sie auf die Probe zu stellen. Wie werden sie die Maschinen nutzen? Unter welchen Bedingungen setzt sich welche Art von Freiheit durch?

Lesenswert ist aber auch Nick Bostroms Buch "Superintelligence" (2014), in dem zum einen referiert wird, welche Chancen aktuell auf welchen Wegen bestehen, um eine Maschinenintelligenz zu entwickeln, die der menschlichen überlegen ist, und zum anderen darüber nachgedacht wird, ob es irgendwelche Möglichkeiten gibt, diese neue Superintelligenz schon jetzt auf ein Verhalten festzulegen, dass den Menschen zumindest nicht schädlich ist. Asimovs Robotergesetze helfen ja nur dann, wenn die Roboter sich an sie halten. Welche Garantie haben wir dafür? Keine.

Wissenschaftlich interessant wiederum ist an dieser Fragestellung, dass man immer genauer definiert beziehungsweise darüber rätselt, was denn unter einer "menschlichen" Intelligenz zu verstehen ist. Meint man seine mentale, seine emotionale, seine körperliche oder sogar seine soziale? Darauf hat die Diskussion schon deswegen keine Antworten, weil ihr Verweis auf den "Menschen" jede sinnvolle Unterscheidung unmöglich macht.

Spekulatives Denken, als solches gekennzeichnet, sollte auch Wissenschaftlern erlaubt sein. Wenn Sie sich Ihre Beschreibung der Buchdruckgesellschaft ansehen, durch welche Begriffe würden Sie die dortigen Oberbegriffe ersetzen, wenn Sie an unsere Epoche der elektronischen Medien denken?

Ich würde Vernunft durch Komplexität ersetzen.

Das erste Interview, das ich mit einem Wissenschaftler der Universität Witten-Herdecke führte, war im Jahr 1984. Damals erörterte ich mit einem Ökonomen die Frage: „Geht der Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus?“ Unsere Antworten fielen ziemlich konventionell aus und waren von der Art: „Wir werden immer genügend viele Innovationen haben, um wegfallende Arbeitsplätze ersetzen zu können.“ Heute, 2017, sollten wir vielleicht ähnlich fragen, aber anders antworten: Geben wir die Arbeit an die Maschinen ab und müssen uns neu erfinden, und schaffen wir das, und wie schaffen wir das?

Da bin ich überfragt.

Zitate

Menschheitsgeschichte nach Medienepochen

(7)   „Wir haben es mit einer prinzipiellen und extremen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zu tun. … Während unsere praktische Intelligenz sich relativ rasch auf die neuen Verhältnisse der je aktuellen Medienepoche einstellt, denken wir in den Begriffen der vorherigen und fühlen wir in den Konzepten und der Perzepten … der vorvorigen Epoche.“

(8)   „Der Humanismus, die Aufklärung und der Gedanke einer Bildung für alle inklusive der dafür erforderlichen Alphabetisierung kamen gerade recht, den fehlenden Content nachzuliefern und rezipierbar zu machen. … Tatsächlich besteht der neue Überschusssinn der modernen Gesellschaft nicht nur in Aufklärung, Vernunft und Bildung, sondern darin, dass, einmal alphabetisiert, liberalisiert, individualisiert und privatisiert (siehe den vielbesprochenen Effekt des stillen Lesens, in dem ein Individuum erstmals sein eigenes Bewusstsein erfährt), jeder jederzeit alles lesen und jeden andern vor dem Hintergrund des Gelesenen, aber nur schwer zu Überprüfenden kritisieren kann. … Die Kritik dynamisiert die Kommunikation der Gesellschaft. Aufklärung, Vernunft und Bildung sind streng genommen bereits Sekundärinnovationen, die diese regelrecht wildgewordene Kritik in geordnete Bahnen zu lenken weiß. … Die großartige Idee von Kant, dass man die Kritik kanalisieren kann, indem man darauf achtet, dass von der Vernunft nur öffentlicher Gebrauch zu machen ist (auf dass die Aussage eines Gelehrten vor Publikum immer von einem zweiten kontrolliert werde; Kant 1783), unterstellt dort eine Kontrolle der Kommunikation durch die Interaktion (immerhin: nicht mehr durch die Stratifikation), wo sich längst die Funktionssysteme Politik, Wirtschaft, Recht, Religion, Kunst und Wissenschaft sowie Organisationssysteme wie Behörden, Unternehmen, Gerichte, Kirchen, Armeen und Universitäten ausdifferenziert haben, die sich weder durch Interaktion noch durch Schrift kontrollieren lassen, sondern eigenen Regeln (auch „Bürokratie“ genannt…) der Ermutigung und Entmutigung von Kritik folgen.

Die moderne Gesellschaft wird zur Gesellschaft im Modus der Kritik an sich selbst, kontrolliert durch Formen der Differenzierung, die Stichworte wie Demokratie, Marktwirtschaft, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Ästhetik und Methode dazu nutzen, um Kritik in den jeweiligen Funktionssystemen hochspezifisch und streng selektiv produktiv werden zu lassen.“

Die Computergesellschaft

(9)    „Die Epochenschwelle selber (wird) nicht auf die Einführung von Computern, sondern auf die Einführung und gesellschaftsweite Durchsetzung von Elektrizität und damit auf die Jahrzehnte 1860 bis 1910 datiert … Die neue Katastrophe sind nicht die Rechenvorgänge des Computers, sondern die Möglichkeit weltweiter instantaner Verbindungen, die alle traditionellen Puffer und Filter für Raum und Zeit, etwa Reisezeiten, nationale Grenzen, Vorstellungen familiärer Planung und ehelicher Treue, Entwicklungszeiten unternehmerischer Investitionen, Erprobungs- und Auswertungszeiten politischer Programme oder geduldige Arbeiten an wissenschaftlichen Ideen unterläuft … Konnektivität (ist) … bereits eine Form der Zähmung der Instantaneität, nämlich ihre Überformung durch das, was Hardware und Software jeweils zulassen – so sehr diese Zähmung als Reduktion von Komplexität ihrerseits eine weitere Steigerung der Komplexität inklusive neuer Katastrophen (Stichwort: Singularität) ermöglicht“.

(10)          „Digitalisierung als sozialer und kultureller Prozess … ist ein Prozess der rasant zunehmenden Beteiligung „intelligenter“ Maschinen an Kommunikation, und zwar an Kommunikation, die nicht als Signalübertragung, sondern als selektive Vernetzung subjektiv eigensinniger Akteure (das heißt hinreichend komplexer Einheiten) zu verstehen ist. Diese Beteiligung von „intelligenten“ Maschinen ist die eigentliche „Katastrophe“, die den Wandel von der modernen Buchdruckgesellschaft zu einer nächsten Gesellschaft elektronischer Medien auslöst ... Die von anderen Teilnehmern an der Kommunikation entsprechend wahrgenommene und zugeschriebene „Intelligenz“ dieser Maschinen besteht darin, dass sie an der Mensch/Maschine-Schnittstelle Operationen durchführen, die es schwer, wenn nicht unmöglich machen, eindeutige oder gar kausale Beziehungen zwischen einer Eingabe von Information und einer Eingabe von Information herzustellen … „No computer has ever been designed that is ever aware of what it´s doing, but most or the time we aren´t either“.“

(11)          „Digitalisierung als sozialer und kultureller Prozess heißt, dass sich Maschinen an Kommunikation beteiligen und dass alle andere n Akteure (Menschen, Organisationen, Teams) sich darauf einstellen, dass sie sich beteiligen. Maschinen verändern die zu verarbeitenden Informationen, indem sie aus ihren Codes, Speichern und Algorithmen Konditionierung beisteuern, an die andere Akteure möglicherweise nicht „gedacht“ haben. Sie machen mit Mitteilungen auf sich aufmerksam, deren Intention, Autorität, Zeitpunkt und Konditionierung in einem Netzwerk weiterer Beobachter nur schwer, wenn überhaupt zu kontrollieren ist. … Gamification (wird) zum Paradigma einer Einübung in die sozialen, nicht technischen Prozesse der Digitalisierung … (Es entsteht eine) Suggestion von Folgenlosigkeit, die sich zur Erprobung zuvor ungeahnter Möglichkeiten ausnutzen lässt … (Es gilt) herauszufinden, worauf sich diese Maschinen einlassen.“

Zitate aus: Dirk Baecker, Wie verändert die Digitalisierung unser Denken und unseren Umgang mit der Welt, in: Rainer Gläß und Bernd Leukert (Hrsg.), Handel 4.0: Die Digitalisierung des Handels – Strategien, Technologien, Transformation, Berlin 2016 – ders., Digitalisierung als Kontrollüberschuss von Sinn, in: Zukunftsinstitut (Hrsg.), Digitale Erleuchtung: Alles wird gut, Frankfurt am Main 2016 (Beilage)

 

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