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den 4. Mai 2018


# 360

 

Rückblick 2017 – Ausblick 2018 - Digitalisierung – Disruption – Rafael Ball – Steilvorlagen – Big Data – Künstliche Intelligenz – Informationsbranche – Dirk Baecker – Universität Witten-Herdecke – Soziologische Theorie – Komplexität – Praxisrelevanz – Ausdifferenzierung – Rationalität – Netzwerke – Funktionssysteme – Individualität – Korruption – Niklas Luhmann – Soziologische Aufklärung - Smart Glasses - Bitkom - Frunhofer IAO - 3D-Drucker - Context - Stratasys - EOS - Alexa - Amazon - Statista - Siri - RFID - TNS Infratest - KI - Hotsport Berlin - Sportfolio - Virtual Reality - Kzero - highcharts - KVD - Datennutzung - Datenbasierte Services

Rückblick 2017 – Ausblick 2018

Digitalisierung und Disruption

Statt Rationalität und Fortschritt
Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit

Die Wahlen des Jahres:

I. Trends des Jahres

1. Digitalisierung und Disruption

Digitalisierung muss sich entwickeln können – Ausbau der Netze, Kontrolle der Monopole – Möglichkeiten und Grenzen soziologischer Theorie – Gespräch mit Prof. Dr. Dirk Bäcker, Universität Witten-Herdecke

2. Big Data und Künstliche Intelligenz

Philipp Cimiano und Yannick Loonus, Dark Data zähmen: Intelligente Entscheidungsfindung mit datengetriebener Analytik für Information Professionals, 7. März

3. Bitcoin, Blockchain, Biometrie

Disruptive Technologie mit ganz besonderen Chancen - Bereits viele Anwendungen, obgleich Technologie in den Kinderschuhen steckt, 8. Dezember

Bitcoin vor dem Crash: Was danach kommt - Welchen Einfluss werden Kryptowährungen und Blockchain-Technologie haben? - Von Lars Jaeger, 27. April

4. Bürgerwissenschaft

Frank Hartmann, Citizen Science, Hochschulen als Brutstätten einer starken Bürgerwissenschaft - Von „Citizen Science light“ bis zur Mitformulierung relevanter Forschungsfragestellungen, 6. Februar

II. Einrichtung des Jahres
In der Pipeline

III. Information Professional des Jahres
In der Pipeline

IV. Bibliothekarin des Jahres

Bibliothekarin des Jahres: Helga Schwarz – Von Willi Bredemeier, 27. März

Wie TTIP der europäischen Kultur zu einer Bedrohung wurde - Die heimische Kreativwirtschaft sollte bei internationalen Abkommen besser vertreten werden - Von Helga Schwarz,17. April

V. Publikation des Jahres

Richard David Lankes, Erwarten Sie mehr!: Verlangen Sie bessere Bibliotheken für eine komplexer gewordene Welt, Berlin 2017

Trend des Jahres:
Digitalisierung und Disruption

Digitalisierung muss

sich entwickeln können

Ausbau der Netze, Kontrolle der Monopole

Möglichkeiten und Grenzen

soziologischer Theorie

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Rationalität und Fortschritt werden durch Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit, gesellschaftliche Aufgabenbereiche durch Netzwerke abgelöst.
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Sie beschreiben wie andere die Entstehung (Ausdifferenzierung) gesellschaftlicher Aufgabenbereiche vom Militär bis zur Wissenschaft mit jeweils eigenen Fachsprachen und eigenen Regeln fürs Kommunizieren. Siehe auch Zitat 1. Zwar sind wir und sind sie auf die (anderen) Funktionsbereiche angewiesen, doch stellt die Gestaltung der Interaktionen und Kommunikationen zwischen ihnen eine weitere besondere Herausforderung dar. Gehen nicht viele gesellschaftliche Fehlschläge (meinethalben auch viele Anstöße zum Wandel) auf intendierte und misslungene Missverständnisse zwischen diesen Aufgabenbereichen zurück? Brauchen wir womöglich gerade hier eine Weiterentwicklung der Kommunikations- und soziologischen Theorie?

Die funktionale Differenzierung in Systeme wie die Politik, die Wirtschaft, das Recht, die Religion, die Kunst oder die Wissenschaft war eine Errungenschaft der Moderne. Die Moderne hat ihre durch den Buchdruck ausgelöste Dynamik mit Mitteln der Vernunft zu ordnen versucht. Jedem Bereich seine Rationalität! Damit war viel gewonnen, weil man nicht mehr gezwungen war, die Gesamtgesellschaft nur einer Rationalität, etwa jener der Politik oder der Religion oder der Wirtschaft zu unterwerfen.

Aber Sie haben vollkommen Recht, in der aktuellen Gesellschaft ist das möglicherweise nicht viel mehr als eine schöne Erinnerung an eine einst funktionierende großartige Lösung. Die aktuelle Gesellschaft ist hochgradig vernetzt. Einzelne Soziologen haben den Eindruck, die Struktur der aktuellen Gesellschaft sind nicht mehr Funktionssysteme, sondern Netzwerke. Netzwerke wie etwa die deutsche Industrie, die italienische Mafia, Silicon Valley, Al-Qaida, der Vatikan und viele andere funktionieren dann, wenn sie ein profilstarkes Amalgam aus politischen, ökonomischen, religiös-ideologischen, wissenschaftlich-pädagogischen und ästhetischen Motiven und Ressourcen bilden.

Es regieren nicht mehr die Rationalität und der Fortschritt, sondern die Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit. Früher hätte man von Korruption gesprochen: Wirtschaft wird von Politik, Politik von Religion, Religion von Kunst korrumpiert, also um ihre "reine" Perfektion gebracht. Heute scheint mir das jedoch das Gesetz der Dinge zu sein. Und dies ganz in Ihrem Sinne: zwecks Verdichtung und Vernetzung der Interaktion und Kommunikation zwischen heterogenen Elementen des Netzwerks; und umgekehrt zwecks Abschottung von anderen Netzwerken.

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Lösungen werden in der Praxis gefunden, nicht in der Theorie.

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Was kann die soziologische Theorie im Falle der Digitalisierung leisten? Für Absolventen anderer Disziplinen, die an technische Anwendbarkeit, pragmatisch relevante Wenn-Dann-Ableitungen, Zukunftsszenarien und Widerlegbarkeit gewöhnt sind, hört sich Folgendes wie eine Kapitulation der Soziologie an: Sinnvolle Fragen aus traditionellen Kategorien entwickeln? Den Sinn der Menschen „für nichttriviale Lösungen komplexer Medienlagen in der Evolution der Gesellschaft zu schärfen?“ Sich die Lösungen ansehen, die die Menschen in ihrem praktischen Handeln im Zuge der Digitalisierung bereits gefunden haben und nachträglich versuchen, diese auf den Begriff zu bringen? Siehe auch die Zitatenbeispiele 2-6.

Sie haben Recht, manche Soziologen sind in der Vergangenheit so aufgetreten und treten auch heute noch so auf, als könnten sie die Gesellschaft belehren. Unvergessen sind in der Soziologie die großen Hoffnungen der 1950er und 1960er Jahre, als man dachte, allein die Entdeckung von "Komplexität" sei schon die Voraussetzung dafür, neue Gestaltungs- und Steuerungsideen zu entwickeln. Ich würde einen Abschied von solchen hochfliegenden Erwartungen nicht als Kapitulation bezeichnen, sondern als kluge und entsprechend vorsichtige Einschätzung der tatsächlichen Lage.

Niklas Luhmann hat von "soziologischer Aufklärung" gesprochen: Aufklärung darüber, dass die Gesellschaft immer wieder Mittel und Wege gefunden hat, mit Komplexität umzugehen, etwa durch funktionale Differenzierung, aber eben "soziologische" Aufklärung in der Hinsicht, dass es die Gesellschaft ist, in der die Lösungen gefunden werden, nicht die Soziologie, die anschließend nur beschreiben kann, welche Lösungen für welche Probleme gefunden worden sind. Denken Sie an die Marktwirtschaft, die Demokratie, die empirische Forschung, die theologisch gezähmte Religion, die kulturell eingebundenen Künste, die aus der Familie herausgelöste und dann wieder zu ihr führende Liebe: All das muss man erst einmal beschreiben, um zu verstehen, welche Probleme hier wie gelöst worden sind.

Ok, die Beschreibung ist dann vielen schon zu viel, die lieber schnell verstehen wollen. Aber darum geht es, wenn man es mit Komplexität zu tun hat: um das Eingeständnis der eigenen Überforderung und um die Beobachtung, dass die Praxis sich von ihrer eigenen Überforderung nicht lahmlegen lässt. Es ist nicht immer gut, was man tut, ganz im Gegenteil. Aber -- ich wiederhole mich -- Lösungen werden in der Praxis gefunden, nicht in der Theorie.

Um mir ein Beispiel vorzustellen, wie Sie mit der Politik ins Gespräch kommen könnten: Mehr als 50% aller politisch relevanten Aussagen lassen sich einem der drei folgenden Statements zuordnen: „Wir müssen mehr für die Digitalisierung tun“ bzw. „Wir brauchen ein Digitalisierungsministerium“ „(oder keines)“. „Das schnelle Internet ist vor allem auf dem Land auszubauen.“ Dazu sagen Sie: „Diese Art Diskussion zu führen ist unterkomplex und wird dem Gegenstand nicht gerecht.“ Der Politiker antwortet: „Was vor allem sollte zusätzlich gesagt werden? Geben Sie mir eine Aussage, mit der ich etwas anfangen kann.“ Was antworten Sie?

Digitalisierung, was immer das ist, muss sich entwickeln können! Und das heißt: Ausbau der Netze und Kontrolle der Monopole!

Lesen Sie in der abschließenden Folge: Inmitten einer vierten Medienkatastrophe die Entdeckung des Menschen als Wetware.

Zitate

Die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Aufgabenbereiche

(1)„Die Differenzierung der Funktionssysteme der Gesellschaft (ermöglicht es), die allgegenwärtige und allfällige Kritik in die „rationalen“ Bahnen der politischen Opposition, der ökonomischen Konkurrenz, der theoretisch und methodisch begründeten Entdeckung, des individuell beglaubigten Glaubens, der passioniert begründeten Liebe und der nicht mehr an Nachahmung, sondern an neuen Formen orientierten Kunst zu lenken. Jedes dieser Funktionssysteme profitiert ebenso wie das erst jetzt erfundene Individuum von einer Kulturform des unruhigen Gleichgewichts, die es erlaubt, den ständigen Wechsel der Formen als Erhaltung von Identität zu behaupten.“

Zur Bedeutung der Soziologie für die Digitalisierung

(2)   „Gesellschaft läuft auch ohne eine Soziologie … Aber will man wissen, was die Praxis schon kann, und will man reflektieren, wie kreativ diese Praxis mit sich selber umgeht und auf welche Fatalitäten sich diese Praxis möglicherweise eingelassen hat, braucht man die Soziologie und damit auch den Streit unter den Theorien und Methoden, mit deren Hilfe sie sich reproduziert.“

(3)   „Wir arbeiten deskriptiv, nicht normativ, das heißt, wir nehmen an, dass im Gegenstand Probleme bereits gelöst sind, deren Problemstellung und Lösung durch Beobachtung, Beschreibung und Erklärung („Theorie“) erst noch herausgefunden werden muss.“

(4)   „Man wagt sich kaum vorzustellen, welche Aufgaben die soziologische Theorie zu bewältigen hat, um in der Abstimmung mit Kulturtheorie, Medientheorie, Techniktheorie und Gesellschaftstheorie zunächst nicht mehr viel mehr als den Sinn für nichttriviale Lösungen komplexer Medienlagen in der Evolution der Gesellschaft zu schärfen.“

(5)   „Aber weder fühlen wir uns in dieser Welt der elektronischen Medien wohl noch haben wir die Begriffe, sie zu verstehen. Praktisch jedoch bewegen wir uns in ihrem ebenfalls nicht zufällig so genannten „Flow“ wie die Fische im Wasser.“

(6)   „…stellt uns die „Digitalisierung“ vor die Herausforderung, so viel „Theorie“ zu produzieren, dass wir die traditionellen Kategorien zur Beschreibung der Lage des Menschen wieder in Fragen übersetzen können, auf die wir neue Antworten suchen können.“

Zitate aus: Dirk Baecker, Wie verändert die Digitalisierung unser Denken und unseren Umgang mit der Welt, in: Rainer Gläß und Bernd Leukert (Hrsg.), Handel 4.0: Die Digitalisierung des Handels – Strategien, Technologien, Transformation, Berlin 2016 – ders., Digitalisierung als Kontrollüberschuss von Sinn, in: Zukunftsinstitut (Hrsg.), Digitale Erleuchtung: Alles wird gut, Frankfurt am Main 2016 (Beilage)

Technology Corner

Nutzungsmöglichkeiten von Smart Glasses

Welche Funktionen sind bei Datenbrillen besonders interessant? Das hat Bitkom gefragt und folgende Antworten bekommen: 63 Prozent interessieren sich für Zusatzinformationen, 50 Prozent für Navigation. 31 Prozent möchten Nachrichten im Blick behalten, 28 Prozent setzen auf Foto- und Videoanwendungen. Produktinformationen sind für 25 Prozent interessant, 12 Prozent wollen Personendaten auf die Glasses gespielt bekommen.

Industrie 4.0: IuK mit höchster Wertschöpfung. Fraunhofer IAO und Bitkom haben eine Prognose zur Steigerung der Bruttowertschöpfung ausgewählter Branchen durch Industrie 4.0 in Deutschland für das Jahr 2025 aufgestellt. Das Ergebnis: 107,7 Mrd. Euro werden von Informations- und Kommunikationstechnologien erwartet, 99,8 Mrd. Euro vom Maschinen- und Anlagenbau. Automotive steht an Rang 3 mit 88,8 Mrd. Euro, Elektrische Ausrüstung folgt mit 52,3 und die chemische Industrie mit 52,1 Mrd. Euro.

3D-Drucker: US- und deutsche Unternehmen ganz vorne. Wenn es um Marktanteile bei 3D-Druckern geht, liegen amerikanische und deutsche Unternehmen vorne. Nach Zahlen von Context ist das US-Unternehmen Stratasys mit 34 Prozent Marktführer vor EOS aus Deutschland mit 17 Prozent. Es folgen 3D Systems aus den USA mit 11 Prozent vor dem deutschen Anbieter SLM Solutions mit 6 Prozent.

Sprachassistenten: Alexa kennt jeder Zweite. Sprachassistenten sind im Kommen. Vor allem Amazon hat den Markt mit der Echo-Lösung gepusht. Dementsprechend ist der Amazon-Sprachassistent Alexa auch am bekanntesten: 57 Prozent kennen nach einer Umfrage von Statista Alexa, immerhin 43 Prozent kennen Apples Siri. Knapp dahinter liegt mit 42 Prozent der Google Assistant

RFID: Kosten sind eine hohe Hürde. Wenn Unternehmen nicht auf die RFID-Technologie setzten - woran könnte das liegen? Das wollte TNS Infratest wissen und hat herausgefunden: Bei 44 Prozent scheitert es an zu hohen Kosten, bei 37 Prozent sind es Datenschutzprobleme. Bei 30 Prozent ist das Budget zu gering, 28 Prozent machen es an fehlenden Standards fest.

Künstliche Intelligenz: Hotspot Berlin. Wo befinden sich die Treiber Künstlicher Intelligenz? Nach einer Erhebung von Spotfolio aus dem Jahr 2017 liegt Berlin ganz vorne mit 43 Unternehmen, es folgen München mit 24 und Hamburg mit 14. Jeweils 10 Unternehmen sind es in Rhein-Ruhr und in Rhein-Main, Rhein-Neckar kommt auf 9 Unternehmen. Stuttgart und Bremen beherbergen jeweils 8 KI-Unternehmen. Die Karte dürfte sich aber weiter stark verändern, da immer mehr Unternehmen auf diese Technologie setzen.

Virtual Reality: Massive Verbreitung erwartet. 90 Millionen Virtual-Reality-Nutzer hat Kzero 2017 gezählt, für 2018 werden 171 Millionen Nutzer erwartet - fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Schon 2017 hatte sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt - 2016 waren es 43 Millionen Nutzer. In den Kinderschuhen steckte die Technologie zuvor: 2015 waren es 6,8 Millionen Nutzer, 2014 200.000 Anwender. Die beliebteste Lösung kommt von Google: Cardboard hat einen Marktanteil von 30 Prozent, vor Samsung Gear und Playstation mit jeweils 21 Prozent. Für Oculus Rift hat highcharts.com 8 Prozent Nutzer erhoben, HTC Vice kommt auf 7 Prozent.

Datennutzung: Wichtig für operative Entscheidungen. Neben datenbasierten Dienstleistungen gewinnen weitere Verwendungen von Daten stark an Bedeutung. Wie die KVD-Service-Studie 2017 zeigt, sind dies konkret die Planung und Steuerung von Prozessen und die Durchführung von Optimierungsprojekten. Die Champions unter den Dienstleistern sind hier in der heutigen Anwendung führen. 79,5 Prozent nutzen bereits heute gezielt Daten für die Umsetzung von Optimierungsprojekten. Immerhin über die Hälfte der Verfolger (51,5 Prozent) tun es ihnen gleich. Zur Planung und Steuerung von Prozessen nutzen 75 Prozent der Champions gewonnene Daten und 49,5 Prozent der Verfolger. 51 Prozent der Champions integrieren bereits heute datenbasierte Dienstleistungen in Kundenprozesse. Die Entwicklung konkreter datenbasierter Dienstleistungen treiben 54 Prozent von ihnen voran. Es zeigt sich, dass die Verfolger der Umfrage noch nachziehen müssen. 41 Prozent von ihnen integrieren datenbasierte Dienstleistungen in ihre Kundenprozesse, nur etwas über ein Drittel der Verfolger (36 Prozent) entwickeln konkrete datenbasierte Dienstleistungen.

                                                                     Quelle: Kundendienstverband Deutschland e.V.

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