Open Password -  Sonntag,

den 1. April 2018


#344

Informationsbranche – Informationswissenschaft – Michael Klems – Willi Bredemeier – Informationszentren – FIZ Chemie – Universität Düsseldorf – ZB MED – Branchenguru – Disketten – Diskettenlaufwerke - DGI – PC Armstrad 1640 - Samsung

 

Die Branche

Der heilige Gral der Informationsbranche

... und das Konzept,
das alles hätte ändern können

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich habe länger überlegt, ob ich Ihnen von den zurückliegenden Ereignissen berichten soll. Denn was sich in den letzten Tagen ereignet hat, muss man als mittelschweres Erdbeben bezeichnen. Ich erzittere immer noch, wenn ich an die letzten Ereignisse zurückdenke.

Vor einigen Tagen rief mich der Herausgeber von Open Password Willi Bredemeier aufgeregt an und berichtete mir enthusiastisch, dass etwas Großartiges und für unsere Branche fundamental Bewegendes bevorstünde. “Michael, es hat sich etwas ereignet, das unsere Branche umwälzen wird!” Bredemeiers Stimme bebte. “Ich habe ein Schreiben erhalten, dass alles, aber auch wirklich alles ändern wird. Die Informationsbranche steht vor dem Durchbruch, wenn dies alles stimmen sollte, was hier steht. Und es muss stimmen, da der Brief von einem unserer Gurus wenn nicht von unserem größten Guru überhaupt kommen muss.“

Was war geschehen? Ein Polsterumschlag hatte ihn per Post erreicht. Mit feiner Handschrift war der Adressat Dr. Wilhelm Heinrich Bredemeier darauf geschrieben. Ein Absender fehlte, lediglich zwei Buchstaben, scheinbar Initialen, waren auf die Rückseite geschrieben. Bredemeier deutete dies als R.K. oder B.K. “Der erste Buchstabe ist durch einen Regentropfen verlaufen, aber das K ist ziemlich wahrscheinlich“, analysierte Bredemeier. “Und was ist das Besondere am Schreiben?“ fragte ich, während ich ein Kribbeln in den Fingern bekam. Langsam begann er mir am anderen Ende der Telefonleitung vorzulesen.

Sehr geehrter Herr Dr. Bredemeier,

ich erzähle ihnen, lieber Herr Dr. Bredemeier, nichts Neues, wenn ich Ihnen sage, was ich sehe, wenn ich auf die aktuelle Situation unserer Branche schaue. Informationszentren verschiedenster Branchen befinden sich im freien Fall. Die öffentlichen Informationseinrichtungen unterliegen einem Streichkonzert der Mittel. Die seinerzeitigen Ereignisse um FIZ Chemie, dem Fachbereich Informationswissenschaft in Düsseldorf und die ZB MED sind erst der Anfang, sofern wir die Dinge wie bisher weiter treiben lassen. Kostenfreie Suchmaschinen und Portale beherrschen den Markt.

Ich denke, es ist an der Zeit, der Informationsbranche und Informationswissenschaft die nötigen Hinweise und Tools an die Hand zu geben, die alles verändern. Ich habe lange gezögert, ob ich damit an die Öffentlichkeit trete. Damals vor 25 Jahren, als ich mein Standardwerk veröffentlichte, wären meine Überlegungen wohl zu modern und für eine Nachwuchskraft unangebracht gewesen. Auch konnte ich es mir damals nicht leisten, so praxisnah wie heute zu erscheinen.

Später habe ich immer gehofft, die Informationsbranche und Informationswissenschaft würden von selbst darauf kommen. Denn so selbstverständlich und nahe liegend erscheint alles auf einmal. Man muss nur vorher darauf gekommen sein.

Glücklicherweise sind meine Überlegungen von damals so aktuell wie eh und je. Ich habe mich gewissenhaft geprüft und gefragt, ob meine Erkenntnisse eine Aktualisierung benötigten. Diese Frage ließ sich mit einem eindeutigen „Nein“ beantworten.

Die von mir vorgeschlagenen Maßnahmen sind ebenso einfach wie simpel. Aber wenn sie erst einmal umgesetzt sind, wird der Informationsbranche alles, was sie in die Hand nimmt, ich wiederhole: alles gelingen. Aus diesem Grunde habe ich meine Ergebnisse unter den Begriff „Heiliger Gral der Informationsbranche“ gefasst.

Die Maßnahmen zur Umsetzung meiner Vorschläge habe ich zu einem Masterplan in zehn Punkten geordnet.  Sie werden sehen, dass alles so gänzlich einfach und naheliegend ist.  

Wir sind uns in den letzten Jahrzehnten wiederholt begegnet, ohne dass wir immer einen rechten Gefallen aneinander gefunden haben. Da waren wir beide wohl weniger weise als heute. Jetzt vertraue ich Ihnen den „Heiligen Gral der Informationsbranche“ an, weil ich sicher bin, dass Sie meine Vorschläge mit Energie und Umsicht weiterbetreiben und sich am Ende mit den richtigen Partnern durchsetzen werden.“

An dieser Stelle unterbrach Bredemeier die Vorlesung und sagte: „Ich setze voraus, Michael, dass wir das gemeinsam machen. Allein schaffe ich das nicht.“ Er fuhr fort:

„Und Sie werden Erfolg haben, während ich mich, nachdem ich alles gesagt habe, was gesagt werden kann, in ein tibetanisches Schweigekloster unerreichbar für die chinesischen Behörden zurückziehe.

Sie finden meinen Masterplan auf der beigefügten Diskette.

Zu guter Letzt doch noch Ihr Freund aus Branche und Wissenschaft“

„Eine Diskette, das ist nicht dein Ernst, Willi?“ fragte ich ungläubig “Ja, es ein schwarzes Viereck aus Kunststoff mit einem größeren Loch in der Mitte dabei“, entgegnete Bredemeier. „So etwas nannte man früher eine Diskette.“ „Und es ist wirklich schwarz?“ erkundigte ich mich. „So schwarz wie die Katze einer Bibliothekarin“, antwortete Bredemeier.

 

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Wie mein Partner die goldene Zukunft der Branche verdaddelte.

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„Wo um Himmels willen finden wir jemand, der einen Rechner mit einem 5 ¼ Zoll Laufwerk hat?“ fragte ich. „Wie steht es mit unseren aktuellen diplomatischen Beziehungen zur DGI?“ erkundigte sich Bredemeier. „Wenn wir häufiger anrufen, wird jemand den Hörer abnehmen“, vermutete ich. „Dort könnte sowas noch stehen“, sagte Bredemeier. „Und wenn nicht, dann hat die DGI doch immer für ein Problem gleich die richtige praktische Lösung.“

Diesmal hatten wir jedoch bei der DGI kein Glück. Also machten wir uns an in den nächsten aufreibendsten zwölf Stunden unseres Lebens an eine umfassendere Suche. Ich muss schon sagen, dass ich höchstmotiviert war. Wenn der Informationsbranche bald alles gelingen und wir der Bill Gates und Steve Jobs eben dieser Branche würden, dann nähmen unsere Verpflichtungen bald überhand und wir könnten ihnen nur mehr nachkommen, wenn wir uns einen Privatjet anschafften. Kaufen oder leasen, das war hier die Frage.

Nach zwölf Stunden hatte ich eine Reihe von Redaktionen und Informationszentren telefonisch abgeklappert, aber in allen Fällen gehörten deren Maschinenparks jüngeren Generationen an. Sollten wir aufgeben müssen? Da rief Bredemeier an: „Ich habe gleich einen Termin und werde dann die Diskette ausdrucken lassen, lieber Michael!“ Bredemeier hatte es geschafft. Der Hattinger Schachverein „Rochade Hattingen 1987“ verfügte über einen Armstrad 1640* mit zwei Diskettenlaufwerken. Darauf befanden sich die Spielpartien der Großmeister der letzten 80 Jahre sowie die Chroniken der Vorstandswahlen und Jahreshauptversammlungen. „Ich rufe Dich an, sobald ich wieder zu Hause bin.“ Sagte es und hatte schon aufgelegt.

Ich klickte die Seite von Netjets.com weg und versuchte zu arbeiten. Schwierig, denn ich dachte daran, welch ein goldenes Jahrhundert uns allen bevorstand. Es mussten so zwanzig Minuten vergangen sein, als die Handy-Nummer von Bredemeier auf dem Display erschien. Gott sei Dank. Aber Bredemeier sagte: „Michael, wir haben ein Problem.“ „Was steht drauf?“ fragte ich ungeduldig. „Nein – die Diskette lässt sich nicht öffnen“, murmelte Bredemeier. „Wie? Lässt sich nicht öffnen?“ sagte ich. „Der Kassierer des Schachvereins meint, dass die Diskette entmagnetisiert wurde“, sagte mein Partner.

Um es kurz zu machen: Bredemeier hatte für den Weg zum Schachverein den Polsterumschlag nebst Diskette in seine berühmte ausgebeulte braune Aktentasche gepackt. Mit in der Tasche befand sich sein SmartPhone von Samsung, das über mehr Rechenleistung als die Apollo-Kapsel verfügt und ein Magnetfeld beim Signalaufbau erzeugt, an dem Nikolas Tesla seine Freude gehabt hätte.

Jetzt wissen wir immerhin, mein Partner eingeschlossen, dass man kein SmartPhone neben einem Magnet-Datenträger legen sollte, auch wenn sich die Informationsbranche einschließlich der Wissenschaft weiter mit eigenen Ideen und aus eigener Kraft berappeln muss. Wenn man es recht bedenkt, hat das auch einiges für sich, dachte ich und begann wieder zu arbeiten. Und was hat man schon von einem privaten Jet.

Herzliche Grüße zum 1. April sendet Michael Klems

 

*PC Armstrad 1640 - http://www.computinghistory.org.uk/det/733/amstrad-pc1640-hd20/

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