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Open Password - Dienstag, den 14. April 2020

# 737


Open Password – Willi Bredemeier – Corona – Pandemie – Informationsbranche – Wuhan – Österreichischer Ski-Urlaub – Verdoppelungsrate – ZB MED – Virologen – Guiseppe Conte – Shutdown – Politischer Diskurs – Semi-Quarantäne – Hochrisikogruppe – Social Distancing – Zivilgesellschaft – Internet – Robert-Koch-Institut – John Hopkins University – Outsell – New Economy – Finanzkrise – Weltwirtschaftskrise – Amazon – Exit-Strategie
Corona – Informationsflut – David Bawden – Lyn Robinson – University of London – Imperva – Nachrichten – Open-Acess-Tage – Online-Tagung – Ulrike Kändler - TIB -
Wissenschaft und Praxis


Ein Brief des Herausgebers
von Open Password
verbunden mit einem nachösterlichen Gruß


Unter der Bedrohung von Corona
sind wir alle zusammengerückt

Die Informationsbranche vor
einer weiteren existenziellen Krise

Appell an Anbieter, Wissenschaftler und Nutzer:
Angesichts der Größe der Gefahren
darf Schweigen keine Option sein

Willi und Gerda Bredemeier (sziz)
Willi und Gerda Bredemeier in Semi-Quarantäne

Als die chinesischen Behörden die Corona-Epidemie in Wuhan bekanntgaben und die Tagesschau ein erstes Mal darüber berichtete, nahm ich als Nachrichtenjunkie dieses Ereignis zur Kenntnis. Nicht, dass ich mich persönlich betroffen gefühlt hätte. Als Mitarbeiter eines bayerischen Unternehmens mit ihrer Rückkehr aus China das Virus nach Deutschland übertrugen, freute ich mich, dass unser Gesundheitssystem die Infektionsketten lückenlos rekonstruierte und die Krankheit bei uns unter Kontrolle brachte. Aber als die im österreichischen Ski-Urlaub infizierten Touristen nach Deutschland zurückkamen, stieg die Zahl der neu Infizierten exponential an und dauerte es nur 1,9 Tage, bis sich die Zahl der Infizierten in unserem Lande verdoppelt hatte. Jetzt wurde ich von Tag zu Tag besorgter, aber ich plante weitere Einzelheiten zu unseren Urlauben im Hochschwarzwald, auf Fehmarn und in der Toskana, die in den nächsten Wochen und Monaten stattfinden sollten, und veröffentlichte das Programm „Zukunft der wissenschaftlichen Bibliotheken?!“ in Open Password, das die ZB MED und ich schon einmal wegen eines Bombenfundes mit anschließenden Evakuierungen hatten verschieben müssen. Als ein deutscher Virologe erklärte, man müsse die deutsche Wirtschaft für 14 Tage vollständig dicht machen, um des Corona-Spuks Herr zu werden, fand ich das übertrieben und beinahe witzig. Wenige Tage später verkündete Ministerpräsident Conte einen solchen „Shutdown“ für Italien, und dann überschlugen sich die Ereignisse, die Kitas und Schulen wurden dicht gemacht und wenig später hatten wir den „Shutdown“ für die Wirtschaft auch hier.

Auch wegen dieser Erfahrungen tendiere ich dazu, Milde walten zu lassen, wenn gelegentlich an die Politik der Vorwurf gerichtet wird, sie habe an dieser und jener Stelle nicht rasch genug gehandelt. Politiker sind eben auch Menschen, und wie wir brauchen sie Zeit, um sich auf eine neue Situation einzustellen und das ganz besonders, wenn es sich um ein Jahrhundert-Ereignis wie die weltweite Corona-Pandemie handelt. Dazu kommt, dass in der Politik Kompromisse ausgehandelt werden müssen und solches im Regelfall einige Zeit verschlingt. Wie ich so scheint auch mein persönliches und redaktionelles Umfeld fast ohne Ausnahme von der Entschlossenheit der Politik und der Geschwindigkeit, mit der sie Entscheidungen trifft, angetan, von Kritikmöglichkeiten zu Einzelheiten abgesehen. Auch kenne ich persönlich niemanden, der die getroffenen Entscheidungen, so hart sie ihn treffen mögen, nicht mittragen würde. In der Praxis sieht das manchmal anders aus, beispielsweise, wenn es darum geht, den Zwei-Meter-Abstand zu wahren. Meine persönlichen Erfahrungen werden durch die aktuellen Umfragewerte für die Politik bestätigt, die sozusagen durch die Decke gehen, und durch den politischen Diskurs, in dem die ansonsten übliche Polarisierung (und Hysterisierung auch über Kleinigkeiten) weitgehend aufgehört hat. Kritik, auch scharfe Kritik, muss geäußert werden, das ist die Essenz der Demokratie, aber wir verschieben sie erstmal, bis wir gemeinsam Corona besiegt haben.

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Strukturierte Tage in der Semi-Quarantäne.
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Meine Frau und ich sind zwar nicht infiziert, gleichwohl leben wir in einer Semi-Quarantäne, zumal wir zur Hochrisikogruppe gehören und ich wegen meiner Vorerkrankungen besonders. Wir haben unsere Urlaube, einen nach dem anderen, gecancelt. Unsere Besuche bei den Enkelkindern (jede Woche in Bielefeld, alle sechs Wochen in Potsdam) haben aufgehört. Aber wir führen gemeinsame Aktionen aus, zum Beispiel das Ausmalen eines Regenbogens zum Ausdruck der Hoffnung für eine gute Zukunft beim Skypen am Bildschirm. Oder wir singen das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ gegen 19 Uhr vor der Haustür und denken aneinander. Zwar ist der „Andere Heimatroman“ von meiner Frau und mir soeben erschienen, aber die sonst üblichen Lesungen nach Erscheinen fallen aus. Meine Vorsorgetermine in mehreren Arztpraxen habe ich verschoben bis auf den einen Termin, den ich halten musste. Vor der Praxis standen die Patienten Schlange und wurden einzeln hereingeholt, was zügig geschah. In der Praxis sah ich, dass die Belegschaft der MTAs weitgehend geschrumpft war, die übrig gebliebenen Mitarbeiter hatten wie ich Maske auf und Handschuhe an, so dass ich mich wie auf einer Raumstation fühlte. Ansonsten wurde jeder Patient wie ein Privatpatient behandelt, weil er im Moment der einzige Patient war. Kurz nach diesem Besuch rief mich die Praxis an, um einen Folgetermin zu verschieben, weil alle weniger wichtigen Termine abgesagt werden mussten. Noch halten meine Frau und ich private Termine im Mai, im Juni und September, aber noch beim September-Termin wurden bei mehreren der Gäste, die wir eingeladen und die zunächst zugesagt hatten, mit den Augen gerollt.

Es ist wichtig geworden, die Tage zu strukturieren. Ich habe das Fitnessstudio durch morgendliche Übungen ersetzt, die ich zum guten Teil von meiner ehemaligen Trainerin gelernt habe. Ich verlasse dreimal am Tag unser Haus, um spazieren zu gehen. Es fühlt sich eigenartig an, die anderen Passanten vor allem als mögliche Virenträger zu sehen, denen man besser ausweichen sollte, was dann, wenn die anderen Passanten auch noch Hunde mitführen, schwerfallen kann. Wir waren ohnehin mit mehreren unserer Nachbarn befreundet, aber jetzt ist das Verhältnis zu den Nachbarn noch besser geworden, zumal sie die einzigen sind, mit denen wir ohne elektronische Hilfsmittel persönliche Gespräche – sie auf der rechten, wir auf der linken Straßenseite – führen können. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass alle Menschen zueinander noch netter zueinander geworden sind und hilfsbereiter sowieso. Kaum war die Meldung heraus, dass wir in unserem Alter möglichst nicht einkaufen sollten, da hatten wir schon drei Angebote, das Einkaufen für uns zu übernehmen. Mittlerweile ist die Anzahl dieser Angebote auf sechs gestiegen. Eins kam von der evangelischen Kirchengemeinde, ein anderes davon kam von einer Unternehmerin, denen wir angeboten hatten, unsere nächsten Aufträge an sie im Voraus zu bezahlen. Auch an anderer Stelle wurde unser privates Programm zur Förderung des selbstständigen Mittelstandes in Hattingen abgelehnt, angeblich, weil der Unternehmer im Falle von Einnahmen seine staatlichen Zuschüsse hätte zurückzahlen müssen. Und dann die vielen Aktionen der anderen, wo sie einander nahe sind, ohne sich körperlich berühren zu dürfen, beispielsweise das Musizieren auf Balkonien und der gemeinsame Applaus abends für die Mitglieder unseres Gesundheitssystems, die für uns an vorderster Front um Leben kämpfen. Unsere Zivilgesellschaft lebt und unser Gesundheitssystem funktioniert (noch)!!

Was hätten wir in Corona-Zeiten nur ohne Telefon, Internet und WhatsApp gemacht? Wir skypen mehrere Male die Woche mit unseren Kindern und Enkelkindern und jeden Abend ruft mein Sohn bei uns an, so dass wir auch diesen Tag in Corona-Zeiten für uns gemeinsam bilanzieren. Die Arbeit an Open Password ist eher leichter geworden, weil meine Partner am Telefon noch herzlicher und endlich einmal telefonisch erreichbar sind. Und was sollte sich ein Autor mehr wünschen als die Einsamkeit und Freiheit, die er nun hat, sofern er nicht von sich aus zum Telefon greift. Ich sehe zweimal am Tag die Nachrichten und vergleiche die neuesten Ergebnisse vom Robert-Koch-Institut und der John Hopkins University mit den Zahlen der Vortage. Zwar erkenne ich die neuesten Trends nicht früher als der RKI-Präsident, aber ich kann meiner Frau früher davon berichten, weil ich nicht jedes Wort in der Öffentlichkeit wägen muss. Meine Frau und ich haben das Privileg, nicht nur einander nahe zu sein, sondern über genügend Platz zu verfügen, um gelegentlich unsere Ruhe voreinander zu haben. Dazu unser Garten, der in voller Blüte steht. Sowohl meine Frau als auch ich haben den Eindruck, dass die Tage schneller als früher vorübergehen, aber wie sollte das sein können?
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„Even in times of crisis, companies need good data.“
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Die Informationsbranche ist nicht existenziell bedroht, weil, wie Outsell in seinem Beitrag für Open Password für den April schreiben wird: „Even in times of crisis, companies need good data“ (Outsells Analyse und Prognose zu den einzelnen Segmenten der Informationsbranche erscheinen wahrscheinlich am 17. April). Gleichwohl steht der Branche, nachdem sie schon aus den Krisen der New Economy und der Finanzbranche nicht besonders gut herausgekommen war, auf Anbieter- und Nutzerseite eine weitere Krise bevor, weil uns die wahrscheinlich schlimmste Weltwirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg bevorsteht und Aufträge nicht einfach wieder aufgenommen werden, wenn sie einmal gestoppt sind. Open Password hat über den Informationsdienst der ZB MED zur Corona-Pandemie berichtet. Diese Initiative lag bei einem Institut für Lebenswissenschaft sicherlich besonders nahe. Gleichwohl hätte ich mir von den Anbietern, Wissenschaftlern und Nutzern unserer Branche eine stärkere Antwort als interne Reorganisationen und die Freischaltung mehrerer seit längerem bestehender Angebote für alle gewünscht, auch wenn die Branche zu bedeutungslos und zu wenig sichtbar erscheint, um an der Suche nach Medikamenten, Impfstoffen und weiteren Therapien sowie nach ökonomischen Lösungen beteiligt zu werden. Angesichts der Größe der Herausforderung stellt Schweigen jedoch keine Option dar.

Immerhin wird sich die Digitalisierung bei uns weiter beschleunigen, digitale Dienste werden noch selbstverständlicher werden, und sogar der stationäre Einzelhandel behält trotz der laufenden „Amazonisierung“ unseres Handels mit eigenen Lieferdiensten, großer Flexibilität und hoher Serviceorientierung seine Chance, was er gerade nach unseren persönlichen Erfahrungen unter Beweis gestellt hat. Virtual Learning, vielleicht auch Virtual Decision Making is here to stay. Wenn sich die Wirtschaft nach Corona und den sich anschließenden Restrukturierungen erholt hat, wird sie eine andere sein, und die Marktnischen, die sich neu aufgetan haben, früher als andere zu entdecken, wird eine ebenso schwierige wie im Erfolgsfall lohnende Aufgabe.

Bis zum Ostermontagabend stieg die Verdopplung der Infektionsrate auf 20. Mittlerweile wird eifrig diskutiert, wie die gegenwärtigen Beschränkungen intelligent gelockert werden können, ohne dass die Infektionsraten wieder in die Höhe schnellen. Erste Erleichterungen werden für Mittwoch erwartet, wenn sich Bundesregierung und Bundesländer erneut zusammenzusetzen.

Wir haben wieder die Kraft, an die anderen zu denken. In Italien und Spanien scheinen sich die Aussichten zu verbessern. Wir schauen entsetzt auf die Entwicklungen in den USA und realisieren, dass wir die größte Katastrophe, die in den Entwicklungsländern, noch vor uns haben. Mögen wir bald stark genug sein, um ihnen ein Stück weit zu helfen.

Bleiben Sie gesund, widerstehen auch Sie den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und bleiben Sie zuversichtlich. Blicken wir hoffnungsvoll den Zeiten nach Corona entgegen.

Herzlichst Ihr Willi Bredemeier
Corona

Bevorzugung unseriöser Informationen?

Die Informationsflut über COVID-19 führt dazu, dass die Menschen bizarre, wenig hilfreiche Entscheidungen treffen

Eine Untersuchung der Titelseiten der Zeitungen, der Top-Storys in jedem Nachrichtensender oder der Trendthemen auf Twitter zeigt, dass die COVID-19-Krise von einer unablässigen Informationsflut begleitet wurde.

Der TMI-Effekt (TMI = too much information) hat zur Gefahr der Informationsüberlastung geführt, - ein Phänomen, das seit über zwanzig Jahren von Professor David Bawden und Dr. Lyn Robinson vom Department of Library and Information Science der City, University of London erforscht wird. Ihre Meinung:

„Wir wissen, dass wir zuverlässige Quellen nutzen sollten - das Gesundheitswesen, die Regierung, wissenschaftliche Quellen wie das Coronavirus-Dashboard der John Hopkins Universität - aber es ist oft einfacher, sich auf unsere Social-Media-Blasen zu verlassen. Schlimmer noch, angesichts eines so scheinbar endlosen Informationsflusses besteht die Tendenz, das Bizarre und Sensationelle herauszupicken; zu lesen, dass das Coronavirus von den Illuminaten als Mittel zur Weltherrschaft genetisch manipuliert wurde, aber dass es durch das Trinken von heißem Wasser besiegt werden kann, ist irgendwie attraktiver als vernünftigere Erinnerungen an das Zu-Hause-Bleiben und das Händewaschen“.



Imperva

Hunger auf Nachrichten nimmt
in Corona-Zeiten zu

● Nachrichten (+64%)
● Lebensmittel und Getränke (+34%)
● Einzelhandel (+28%)
● Gaming (+28%)
● Recht und Regierung (+17%)
● Bildung (+17%)
Bei diesen Branchen kam es zu Rückgängen:
● Sport (-46%)
● Adult (-42%)
● Reisen (-41%)
● Automobilindustrie (-35%)
● Finanzdienstleistungen (-7%)
● Glücksspiel (-3%)
● Gesundheitswesen (-3%)



Briefe

Open-Access-Tage schalten
auf Online um

Liebe Open-Access-Community!

At home but open - aufgrund der unübersichtlichen Lage in der COVID-19 Pandemie haben wir entschieden, dass die Open-Access-Tage 2020 nicht als Vor-Ort-Veranstaltung in Bielefeld stattfinden werden. Stattdessen wollen wir eine reine Online-Tagung mit Ihnen vorbereiten.

Open Access lebt von den Möglichkeiten des digitalen Austauschs und der räumlichen Unabhängigkeit. Es wird eine spannende Aufgabe, dies auch für unsere Tagung zu erproben. Gleichzeitig möchten wir allen Interessierten die Teilnahme ermöglichen, unabhängig von der Lage im September, von eventuellen Reisebeschränkungen oder der Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe. Wir arbeiten mit Freude und Neugierde an der Organisation und laden Sie hierzu mit Ihren Beiträgen herzlich ein.

Der Call for Proposals ist verlängert bis zum 3. Mai 2020: https://open-access.net/community/open-access-tage/open-access-tage-2020/call-for-proposals (deutsch) https://open-access.net/en/community/open-access-tage/open-access-tage-2020/call-for-proposals (englisch)

Viele Grüße, Organisations- und Programm-Komitee
der Open Access Tage 2020 - Dr. Ulrike Kändler,
Technische Informationsbibliothek, Hannover

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