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Open Password - Mittwoch, den 28. März 2022

# 1047
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Buch des Jahres 2022-2021 – Maelle Gavet – Niedergetrampelt von Einhörnern – Gefährdungen der Demokratie – Gefährdungen der Gesundheit – Tech-Branche – Regulierungen – Moralische Revolution – Willi Bredemeier – Potenziale der Tech-Branche – CEOs – Kollateralschäden – Salesforce – Chief Ethical and Human Use Officer – Chief Empathy Officer – Helen Fry – University College London – Hippokratischer Eid für Naturwissenschaftler – Unabhängige Audits – Branchenspezifische Verhaltenskodizes – Instagram – Content-Moderation – Facebook – Risikokapitalgeber – Business Angels –
Pr ivate Equity – Investmentbanken – Regierungen – Economist – Medialer Opportunismus – DSGVO – Europäische Möglichkeiten – Gig-Economy – WhatsApp – Instagram – Plattform-Unternehmen – Freie Meinungsäußerung – Printmedien – Medienplattformen – Pew Research – Nachrichtenredaktionen – Google – Mark Zuckerberg – Washington Post – Jeff Bezos – Gleichstellung der Tech-Konzerne mit Medienunternehmen

MetaGer – SUMA-EV – Russland-Ukraine-Krieg – EU – Russische Internetseiten – Desinformationskampagnen des russischen Staates – RT – Sputnik – Netzpolitik.org – Informationsfreiheit – Umgehungsmöglichkeiten – EU-Grundrechtecharta – Digitalcourage – Snowflake – Bridges – Ungehinderter Zugang zu Informationen – Rechtsunsicherheit

Nationale Forschungsdateninfrastruktur – Forschungsdatenrepositorien – Fachgemeinschaft Chemie – Fachgemeinschaft Kulturgüter – FIZ Karlsruhe – KIT – TU Dresden - NFD14VCulture – NFD15Chem – RADAR4Chem – RADAR4Culture – RADAR

Qualtrics – Workplace Safety – Well-Being Solutions – PUBMed Central – National Library of Medicine – Getty Images – AI-Training – Thomson Reuters – CLEAR Global Beneficial Ownership – Nature Portfolio – Ring Central Hybrid Work - Outsell

Potsdamer Bibliotheksgesellschaft – Crowdfunding – Hans-Christoph Hobohm – Stadt- und Landesbibliothek Potsdam



I.
Titel:
Maelle Gavet, Niedergetrampelt von Einhörnern: Eine moralische Revolution in den Köpfen der CEOs und der Finanziers der Tech-Branche geboten - Die Tech-Konzerne den Medienunternehmen gleichstellen - Von Willi Bredemeier


II.
MetaGer/SUMA-EV:

Unsere Stellungnahme zur Informationsfreiheit im Russland-/Ukraine-Krieg – Statt Sperren von Desinformationen Herunterranken zwecks Wahrung des Zugangs zu Informationen

III.
Nationale Forschungsdateninfrastruktur:
Forschungsdatenrepositorien für die Fachcommunities Chemie und Kulturgüter


IV.
Internationale Nachrichten


V.
Potsdamer Bibliotheksgesellschaft:
Crowdfunding erfolgreich


Buch des Jahres 2022-2021:

Maelle Gavet,
Niedergetrampelt von Einhörnern


Eine moralische Revolution in den Köpfen der CEOs
und der Finanziers der Tech-Branche geboten

Die Tech-Konzerne den Medienunternehmen gleichstellen

Siehe auch:

Trends des Jahres: Corona als der große Beschleuniger, wie hielten wir dagegen, was gestalten wir neu? - Eine irrationale Widerstandsfront mit „alternativen Fakten“ - Integration von Forschung und InfoPro-Funktionen: Die wunderbare Geschichte von BioNTech und Uğur Şahin, in: Open Password, 12. Januar, #1015

Frau des Jahres 2022/2021: Frances Haugen - Mit Materialbergen und klarem moralischen Kompass das illegitime Handeln von Facebook aufgedeckt - „Wenn Du Deine Furcht zu sterben überwindest, wird alles möglich. Dies gab mir die Freiheit zu sagen: Will ich meinem Gewissen folgen?“ - Wie schaffen wir es, ein Stück weit wie Frances Haugen zu werden?, in: Open Password, 11. Februar 2022, #1020


Von Willi Bredemeier

Dritter Teil
Maelle-Gavet
Maelle Gavet

Nach ihrer umfassenden Kritik an den Tech-Konzernen, von denen einige „heute tatsächlich mächtiger als demokratische gewählte Regierungen“ sind (221), wendet sich Maelle Gavet ihren Verbesserungsvorschläge zu. „Nach wie vor (bin ich) leidenschaftlich davon überzeugt, dass die Tech-Riesen bei sinnvoller Umstrukturierung, Neuausrichtung und Regulierung auf Jahre hinaus eine Kraft des Guten, des menschlichen Fortschritts und der Empathie sein können“ (177).

Ihr Fazit lautet: „Tatsächlich haben die unternehmerischen Lenker dieser vierten industriellen Revolution aufgrund ihres Zugangs zu Kapital und der inhärenten Skalierbarkeit des digitalen Modells eine noch größere Chance – und Verantwortung – als ihre Vorgänger, ein nachhaltiges und integratives Wirtschaftswachstum zu schaffen“ (315).

Wie kann aus Gavets Sicht die fundamentale Wende im Handeln der Tech-Konzerne gelingen? Und wie sind die Vorschläge der Autorin zu bewerten?

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1. Eine moralische Revolution in den Köpfen der CEOs und ihrer Entwickler.
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Um sicherzustellen, dass die Tech-Konzerne in einer gesellschaftlich wünschenswerten Weise handeln, strebt Gavet nicht weniger als eine moralische Revolution in den Köpfen der CEOs, ihrer Entwickler und ihres wirtschaftlichen Umfeldes an. Die CEOs müssen also dazu gebracht werden, dass sie sowohl wirtschaftlich als auch ethisch erfolgreich sein wollen (179) und darauf hinwirken, dass auch ihre Mitarbeiter und ihre Kapitalgeber diesem moralischen Impetus folgen.

Wenn es dazu kommen sollte, müssten sich die CEOs zunächst eingestehen, dass es ihnen bislang an Empathie gemangelt hat (185) und ihnen die Konsequenzen ihres Handels für die Wirtschaft und Gesellschaft gleichgültig waren. Sie müssten „sich Gedanken über die gesellschaftlichen Auswirkungen (Ihres Handelns) machen und negative Folgen bestmöglich … begrenzen“ (181) sowie „in ihren Missionen deutlich machen, dass sie letztendlich danach streben, zum Wohle der Menschheit zu arbeiten“ (180).

Als positives Beispiel führt Gavet Salesforce an, das einen „Chief Ethical and Human Use Officer“ ernannt hat und sich damit verbunden zu einer ethisch einwandfreien Mission bekannte: „Wir verstehen, dass wir eine größere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben, und streben danach, Technologien zu entwickeln, die nicht nur den Erfolg unserer Kunden vorantreiben, sondern auch einen positiven sozialen Wandel bewirken und der Menschheit entgegenkommen“ (219). Dieses Statement wird von Gavet verallgemeinert: „Wir sollten alle Chief Empathy Officer sein“ (und entsprechend von innen und außen auf die Politik der Tech-Konzerne einwirken).

Mit Blick auf die Entwickler und Führungskräfte greift Gavet einen Vorschlag von Helen Fry vom University College London auf. Danach sollten „Mathematiker, Informatiker und Naturwissenschaftler einen hippokratischen Eid ablegen, um die Nutzer vor neuen Technologien zu schützen, die in Laboren und von Tech-Unternehmen entwickelt werden“ (219). Gavet schlägt vor, dass für CEOs und das Management ein Jour Fixe eingeführt wird, an dem diese in regelmäßigen Abständen aus ihrer Filterblase heraustreten und mit Nutzern und anderen Menschen sprechen, denen sie sonst nie begegnen würden.

Mit Blick auf die Investoren schwebt der Autorin vor, dass diese „zusätzlich zu den testierten Jahresabschlüssen systematisch ein unabhängiges Audit über den Umgang mit freien Mitarbeitern, Auftragnehmern und Zulieferern“ erhalten (208). Zudem solle der Aufsichtsrat jährlich eine vom Vorstand unabhängige Erfolgskontrolle veranlassen (213). Es gelte, branchenspezifische Verhaltenskodizes festzulegen und durchzusetzen (217).

Nun behaupten Unternehmen wie Facebook und Google seit längerem, dass sie für das Wohl der Menschheit unterwegs sind. Schritte in die von Gavet favorisierten Richtungen unternehmen sie gelegentlich auch. Die Autorin nennt hier als positives Beispiel das „Anti-Mobbing-Tool von Instagram …, das mithilfe von KI feststellt, wenn ein Text den Beiträgen ähnelt, die von den Nutzern am häufigsten als unangemessen markiert wurden“ (217). Aber nur zu häufig sind diese Schritte unzureichend – man denke nur an die Content-Moderation von Facebook –, und sie erfolgten erst nach öffentlichem und/oder politischem Druck. Gavet zitiert einen Beamten des US-Justizministeriums, nach dem die Verantwortlichen der Tech-Konzerne „keinen moralischen Kompass (haben). Sie versuchen einfach, jeden einzelnen Markt zu dominieren und sich so viele Daten wie möglich anzueignen“ (224).

Eine ethische Umorientierung der Tech-Konzerne ohne Aufrechterhaltung und Verstärkung politischen und öffentlichen Drucks erscheint nach allen bisherigen Erfahrungen extrem unwahrscheinlich, zumal sich die CEOs der Tech-Konzerne mit ihren Gewinn- und Wachstumsmaximierungskalkülen gar nicht so sehr von CEOs in anderen Branchen in den USA und vermutlich in anderen Ländern (wenn man die Vorstandsvorsitzen dort entsprechende Freiräume ließe) unterscheiden. Noch unwahrscheinlicher ist, dass sich die Risikokapitalgeber mit ihrem manischen Streben nach Hypergrowth auf ihre gesellschaftliche Verantwortung besinnen. Zwar werden von Gavet alternative Finanzierungsquellen der Tech-Konzerne zum Risikokapital erörtert (Beispiele sind Business Angels, Private Equity und Investmentbanken, 135), aber mir fehlt die Phantasie zu sehen, wie eine Veränderungen der Finanzierungsquellen einen „ethischen Schub“ bei den Tech-Konzernen bewirken könnte.

Wenn also die Tech-Branche nicht in der Lage ist, sich aus eigenem Antrieb in einer wirtschafts- und gesellschaftspolitisch erwünschten Weise zu reformieren, bleibt nur der öffentliche und politische Druck, die ernstzunehmende Drohung mit weitgehenden Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen und der tatsächliche Vollzug dieser Drohung, wenn die erwünschte Verhaltensänderung der Tech-Konzerne nicht eingetreten ist. Eine stärkere ethische Orientierung der Verantwortlichen in der Tech-Branche könnte sich dann als Folge dieser Maßnahmen ergeben.
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2. Die Regulierungsbehörden zwischen „Mischmasch“ und „Biss“.

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Allerdings ist die Geschichte der bisherigen Regulierungen der Tech-Konzerne, aber auch die der Kontrolle der Tech-Konzerne durch die Medien kein Ruhmesblatt.. Die Tech-Konzerne vertreten selbst das „libertäre/technologische Narrativ, dass die Regierung lächerlich inkompetent ist“ (246). Nach Berechnungen des Economist machten die von den Behörden verhängten Bußgelder und Strafen weniger als 1 Prozent des kombinierten Marktwerts der Big Five aus (234). In den USA wird die Regulierung von einem „Mischmasch“ aus Behörden auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen, so dass eine Bundes- oder Super-Aufsichtsbehörde mit echtem Biss und klar definierten Spielregeln vorzuziehen wäre.

Die Berichterstattung der Medien über die Tech-Branche findet Gavet insgesamt gesehen als grundsolide. Allerdings beklagt die Autorin die Zersplitterung der Medien und die hohe Zahl schreibender Opportunisten. „Besonders ärgerlich ist die Art und Weise, wie bestimmte Titel nach der Pfeife der Risikokapitalgeber tanzen“ (300).

Unter einem stärkeren „Biss“ der Regulierungsbehörden versteht die Autorin beispielsweise, hier in Zitierung eines Beitrages von Quest und Charry: „Ersetzt man Quartalsberichte durch Technologieplattformen – wodurch die Aufsichtsbehörden Informationen zu den wichtigsten Risikofaktoren direkt aus den Systemen der Unternehmen abrufen können -, werden sie die Unternehmen effizienter überwachen können“ (289). Allerdings bestehen die Gefahren, dass die Regulierungen der Tech-Konzerne in den USA hinter dem Gebotenen zurückbleiben, da die beiden großen Parteien in den USA aus europäischer Sicht durchaus unternehmensfreundlich sind. Zudem werden sich die Tech-Konzerne auf jede Regulierung eine Ausweichstrategie und neue Innovationen einfallen lassen wollen, während die Europäer von den Sozialen Medien weiterhin nach amerikanischem Recht drangsaliert werden.

Gavet scheint teilweise auf die Regulierungsbemühungen der EU zu setzen, zumal die Tech-Konzerne dort angesichts ihrer in Europa erzielten Umsätze durchaus verwundbar sind. Jedenfalls „wirkte die DSGVO als Katalysator für eine weltweite Welle an Datenschutzbestimmungen in Indien, Brasilien, Japan und in anderen Ländern – indirekt auch für das Entstehen einer Vielzahl anderer Initiativen“ (263), dies auch in einigen US-Bundesstaaten wie Kalifornien. Zudem weist Gavet auf die mittlerweile zumindest teilweise erfolgreichen internationalen Bemühungen um eine faire Besteuerung der Tech-Konzerne hin, die bislang faktische Steuerflucht betreiben, indem sie ihren Sitz in Ländern mit minimalen Steuersätzen wählten, während sie in Ländern wie Deutschland, wo sie ihre eigentlichen Umsätze generieren, kaum etwas zahlen.

Eine „Europäisierung“ der rechtlichen Rahmenbedingungen wäre auch in den Bereichen des Arbeitnehmerschutzes und der Arbeitsbedingungen anstelle der gegenwärtigen teilweisen „Amerikanisierung der europäischen Arbeitsmärkte“ geboten: „Die Gig-Economy lässt Millionen von Arbeitnehmern und ihre Familien völlig im Stich – ohne sozialen Schutz und Leistungen wie Mindestlohn, Gefahrenzulage und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall“ (257). „Die Unterscheidung zwischen Arbeitnehmern und freien Mitarbeitern muss grundlegend überprüft werden. … Kein Job sollte unter dem lokalen Mindeststundenlohn entlohnt werden, egal ob die Person ein freier Mitarbeiter oder ein Angestellter ist. Flexibilität sollte keine Ausrede für Ausbeutung sein“ (258).

Gavet rät davon ab, in einer Zerschlagung der großen Tech-Konzerne ein Allheilmittel zu sehen, da solches unzureichend wäre. Wohl scheint sie in Erwägung zu ziehen, die Übernahme von WhatsApp und Instagram durch Facebook rückgängig zu machen. Zudem plädiert sie für ein verändertes Verfahren bei der Fusionskontrolle: „Wir sollten letztlich die Beweislast dafür, dass eine Fusion den Wettbewerb erhält, den Verbrauchern nützt und die Innovation steigert, auf das Unternehmen verlagern, anstatt es der Regierung zu überlassen, das Gegenteil zu beweisen“ (231). Andererseits sieht Gavet Gefahren der Überregulierung. Am besten wäre es aus ihrer Sicht, wenn die Tech-Konzerne die notwendigen Maßnahmen von sich aus ergreifen würden, um einer drohenden Regulierung durch die Behörden zuvorzukommen „und somit drakonische Kontrollen von außen überflüssig (zu) machen“ (311).
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3. Die Tech-Konzerne den Medienunternehmen gleichstellen.
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Die Autorin geht mit ihren Vorschlägen zur Regulierung der Tech-Branche durchaus ins Detail, so dass die Übersicht, was sie vor allem priorisiert, ein Stück weit verlorengehen kann. Unter ihren Vorschlägen befindet sich einer, der von Open Password und weiteren europäischen Autoren, die allerdings in der europäischen Öffentlichkeit eine winzige Minderheit sind, seit längerem präferiert wird. So haben diese wiederholt gefordert, die Social-Media-Unternehmen rechtlich den Medienunternehmen gleichzustellen. Medienunternehmen müssen für jede ihrer Veröffentlichungen eine Person angeben, die dafür verantwortlich ist.

Die amerikanischen Social-Media-Unternehmen gehen davon aus, dass sie eine Plattform für die individuellen Meinungen ihrer Nutzer zur Verfügung stellen, für die sie inhaltlich keine Verantwortung tragen und in keiner Weise haftbar sind. Die Nutzer machen ihrerseits von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch, das im US-Recht exzessiv weit gefasst ist, so dass auch sie, operieren sie von amerikanischem Boden aus, für Hassbotschaften und die Verbreitung von Falschmeldungen kaum belangt werden können. Noch sind sie gehalten, ihre Statements mit ihrem Klarnamen zu zeichnen oder eine Adresse anzugeben, so dass sie ohne eine weitgehende Kooperation der Social-Media-Unternehmen kaum zu finden sind.

Gavet formuliert ihren Vorschlag zu den Tech-Konzernen so: „In Wirklichkeit sind die Tech-Konzerne (bis auf ihren Namen) selbst Medienunternehmen, dank der proprietären algorithmischen Empfehlungen, die entscheiden, was den Nutzern gezeigt wird, und somit das digitale Äquivalent zu von Journalisten getroffenen redaktionellen Entscheidungen. Wenn ohnehin angeschlagene Medienunternehmen die Zeche für unseriöse, hetzerische, schädliche, gefälschte oder illegale Inhalte zahlen müssen, dann sollten ähnliche Maßstäbe auch für Social-Media-Plattformen gelten (einschließlich empfindlicher Geldstrafen, Rechtsstreitigkeiten und der Verpflichtung, Gegendarstellungen an prominenter Stelle zu veröffentlichen)“ (274f.).

Die Autorin sagt an anderer Stelle: Die Tech-Konzerne „müssen für die von ihnen veröffentlichten Inhalte zur Rechenschaft gezogen werden, genau wie Fernsehsender und Verlage von (Print-)Medien“ (297). Eine Neueinstufung der Tech-Konzerne, beispielsweise zu „Medienplattform-Unternehmen“, würde „die Plattformen auch dazu ermutigen, ihre Algorithmen so zu optimieren, dass vertrauenswürdige und zuverlässige Nachrichtenquellen zuerst angezeigt werden“ (299).

Für diesen Vorschlag spricht auch, dass die Social-Media-Unternehmen für den Niedergang der Nachrichtenmedien mitverantwortlich sind und sich parasitär an deren Inhalten bedienen. So ermittelte Pew Research, dass „die Anzahl der Beschäftigten in US-Nachrichtenredaktionen von 2008 – 2019 um 23% gesunken sind“ (291). Derweil liegt „der Nachrichtenanteil in den Google-Suchergebnissen zwischen 16 und 40%, und die Plattform konnte 2018 geschätzte 4,7 Milliarden Dollar an Einnahmen durch Web Crawler und Web Scraping auf journalistischen Inhalten generieren“ (292).

Zwar erklärte Facebooks CEO Zuckerberg: „Wir müssen mehr tun, um die Nachrichtenindustrie zu unterstützen, damit diese wichtige gesellschaftliche Funktion überlebensfähig bleibt“ (293). Allerdings belaufen sich die entsprechenden Initiativen der Social-Media-Unternehmen „bisher auf wenig mehr als kunstvoll verpackte Trostpreise, wenn man es ins Verhältnis setzt zum weltweiten Ausbluten der Werbeeinnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe“ (296). Hier sieht Gavet mit der Renaissance der Washington Post nach der Übernahme durch den CEO von Amazon, Jeff Bezos, eine positive Ausnahme.

Mit der rechtlichen Gleichstellung der Tech-Konzerne mit Medienunternehmen liegt ein Instrument vor, das geeignet wäre, den massenhaften Missbrauch sozialer Kommunikation durch die Sozialen Medien zu beenden.
Ukraine
MetaGer/SUMA-EV

Unsere Stellungnahme zur Informationsfreiheit
im Russland-/Ukraine-Krieg

Statt Sperren von Desinformationen Herunterranken zwecks ungehinderten Zugang
zu Informationen

Die EU (Rat der Europäischen Union) hat mit einer Verordnung vom 1. März 2022 (1) Maßnahmen in die Wege geleitet, die unter anderem dazu führen, dass russische Internetseiten europaweit nicht mehr erreichbar sind. So sollen Desinformationskampagnen des russischen Staates Einhalt geboten werden. Auch die Inhalte des russischen Staatssenders RT und Sputnik dürfen in der EU von nun an nicht mehr verbreitet werden. Damit üben auch die Länder des Westens eine schärfere Informationskontrolle aus.

Es melden sich vermehrt NetzpolitikerInnen zu Wort, die dieses Vorgehen kritisieren und einschränkende Maßnahmen als Zensur bezeichnen. Angst vor russischen Gegenmaßnahmen, die die Informationsfreiheit russischer Bürger sowie Journalisten beeinträchtigen würden, wären die Folge, heißt es in einem Artikel von Netzpolitik.org [https://netzpolitik.org/2022/informationskontrolle-russland-verschaerft-internet-und-pressezensur/]. In Russland ist die Informationsfreiheit schon jetzt erheblich eingeschränkt. Zudem ist es auch für BürgerInnen des Westens wichtig, sich darüber zu informieren, welche Sicht die russische Seite einnimmt. Informationen nur hinsichtlich ihres Manipulationspotentials zu betrachten, ist in einer demokratischen Gesellschaft äußerst problematisch. Informationsfreiheit ist ein hohes Gut, das nicht voreilig und ohne demokratischen Diskurs - der auf parlamentarischer Ebene stattfinden sollte - über Bord geworfen werden darf.

Die EU-Verordnung kann auch als Verbot von Projekten gelesen werden, die ein Umgehen der Internetzensur ermöglichen bzw. darüber informieren. Demnach ist es verboten, „wissentlich und vorsätzlich an Aktivitäten teilzunehmen, mit denen die Umgehung der in dieser Verordnung festgelegten Verbote bezweckt oder bewirkt wird. (...)“. Der SUMA-EV verurteilt dieses EU-weite Verbot, auf Umgehungsmaßnahmen hinzuweisen im Hinblick auf unseren Fokus auf Wissensfreiheit. In dem Umgehungsverbot sehen wir einen unangemessen schwerwiegenden Verstoß gegen Art. 11 der EU-Grundrechtecharta. Jede Person hat gemäß der Charta das Recht auf freie Meinungsäußerung und Informationsfreiheit, die zum einen ohne behördliche Eingriffe und zum anderen über alle Staatsgrenzen hinweg ermöglicht werden muss.

Die EU-Verordnung könnte nun einerseits Aktionen betreffen, die Bürgerinnen und Bürger darüber informieren, wie technisch eine Umgehung von Zensur realisiert werden kann. So bietet der Verein Digitalcourage auf seiner Internetseite (2) eine Anleitung, die sich insbesondere an russische und ukrainische Bürger richtet. Andererseits könnten Aktionen wie die Stärkung des Tor-Netzwerkes ("Snowflake") betroffen sein. Mit "Snowflake" - einer austauschbaren Übertragungsart - ist es möglich, die Internetzensur zu umgehen (3). Benutzer können somit auf das offene Internet zugreifen, auch wenn reguläre Tor-Verbindungen zensiert werden. Viele Aktivisten arbeiten daran, das Tor-Netzwerk zu stabilisieren, um Blockaden zu verhindern. Dabei verhelfen diese durch Aktivisten gebauten sog. Bridges vor allem auch Menschen in Russland zu der Möglichkeit unabhängiger Informationen. Ungehinderter Zugang zu Informationen ist zudem ein wesentliches journalistisches Werkzeug. Nur ein unzensiertes Internet bietet Journalisten die Möglichkeit, investigativ zu arbeiten, Informationen auszutauschen und sich zu vernetzen.
Sowohl der Aufbau von Infrastruktur als auch die Anleitung zur Umgehung von Zensur könnten durch die Verordnung aber strafbar werden und das Projekt behindern. Wenn sich Akteure durch Angebote - zu denen auch unsere MetaGer-Instanz im Tor-Netzwerk gezählt werden kann - künftig in Rechtsunsicherheit begeben, erschweren sich auch innerhalb der Europäischen Union die Bedingungen für Wissensfreiheit. Zwar liegen laut der EU-Verordnung Sperrungen von Websites bzw. Verbote von Zensur-Umgehungswerkzeugen in einer Sanktionsstrategie begründet. Dass sie aber auch ein Zensurinstrument sind, das hier eingeführt wurde, darf bei alledem nicht vergessen werden.

Wie positioniert sich MetaGer? Wir bedauern, dass bestimmte Inhalte inzwischen gesperrt und von Suchmaschinen nicht mehr auffindbar sind. Im Sinne der Informationsfreiheit sperren wir keine Seiten, sondern ranken allenfalls Seiten herunter, die Desinformationen verbreiten. Uns ist bewusst, dass auch dieser Eingriff keine ideale Lösung darstellt. Aber damit gehen wir einen Kompromiss ein, mit dem wir trotz allem versuchen, sicherzustellen, dass Informationen, die gesucht werden, auch gefunden werden können. Die Möglichkeit, über Zensur-Umgehungsinstrumente zu informieren bzw. sie aktiv bereitzustellen, spielt hierbei eine große Rolle und sollte von politischer Seite aus nicht eingeschränkt werden.

(1) https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=uriserv%3AOJ.L_.2022.065.01.0001.01.DEU&toc=OJ%3AL%3A2022%3A065%3ATOC
(2) https://digitalcourage.de/blog/2022/tor-for-peace
(3) https://support.torproject.org/de/censorship/what-is-snowflake/

Wir wünschen Ihnen eine gute Zeit. Mit besten Grüßen aus Hannover,
Ihr Team MetaGer/SUMA-EV




Nationale Forschungsdateninfrastruktur

Forschungsdatenrepositorien für
die Fachcommunities Chemie und Kulturgüter


(FIZ Karlsruhe) FIZ Karlsruhe hat im Konsortium für Forschungsdaten zu materiellen und immateriellen Kulturgütern (NFDI4Culture) sowie im Fachkonsortium Chemie (NFDI4Chem) im Rahmen der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur gemeinsam mit KIT und der TU Dresden Lösungen zum Management von Forschungsdaten erarbeitet.

Mit „RADAR4Chem“ und „RADAR4Culture“ werden für Forschende aus den Bereichen Chemie und Kulturwissenschaften leistungsstarke Services zur einfachen Publikation ihrer Forschungsdaten angeboten. Die beiden neuen RADAR-Angebote ergänzen das bereits existierende Portfolio an Fachrepositorien in der Chemie sowie im gesamten Bereich der Kulturgüter, von der Architektur-, Kunst- und Musik- bis hin zur Theater-, Tanz-, Film- und Medienwissenschaft. Forschende dieser Disziplinen können die neuen RADAR-Angebote kostenfrei und unabhängig von ihrer institutionellen Zugehörigkeit nutzen.

Es ist Anspruch und Anliegen der NFDI, möglichst auf existierenden Infrastrukturen und Diensten aufzusetzen und diese interoperabel zu machen. Von besonderer Bedeutung für die wissenschaftlichen Fachcommunitys sind in diesem Zusammenhang disziplinspezifische Repositorien für die Publikation und Langzeitarchivierung digitaler Forschungsdaten. Bisherige Angebote decken in der wissenschaftlichen Praxis jedoch nicht alle relevanten Anwendungsfälle ab, wie aus Analysen der NFDI-Konsortien hervorging. Ein generisch ausgerichtetes Datenrepositorien wie RADAR kann dabei helfen, diese Lücken zu schließen.

RADAR ist ein auf die Bedürfnisse von Forschenden ausgelegter und über mehrere Jahre bewährter Dienst. Er wird bisher vorranging von akademischen Einrichtungen für das institutionelle Forschungsdatenmanagement eingesetzt. Seinem Anspruch an Nachhaltigkeit entsprechend, macht FIZ Karlsruhe RADAR nun direkt für Forscher:innen zugänglich und passt den Dienst für die beiden neuen Angebote RADAR4Chem und RADAR4Culture an die jeweiligen disziplinspezifischen Anforderungen an.


Internationale Nachrichten

Qualtrics Launches Workplace Safety and Well-Being Solutions

Qualtrics is launching two new solutions to help employers improve employees’ sense of physical safety and overall well-being at work. Qualtrics’ Safe Workplace solution helps employers use experience data to understand employee sentiment around certain key drivers to determine the full scope of how safe employees feel working in a physical environment.

PubMed Central Website has a Fresh Look, First Step in Ongoing Modernization Complete

The National Library of Medicine announces an update to the user interface of its PubMed Central digital archive. PMC’s fresh look and feel is the first step in an ongoing effort to modernize PMC, create a more accessible user experience across NLM literature databases, and enhance the long-term stability of the PMC infrastructure.

Getty Images Launches Model Release Supporting Data Privacy in Artificial Intelligence and Machine Learning

Getty Images announces the introduction of an industry first Enhanced Model Release form, recognising advancements in data privacy and security and the growing importance of biometric data for the training of Artificial Intelligence (AI) and Machine Learning (ML) applications.

Thomson Reuters Launches Global Beneficial Ownership and Additional Sanctions Data to CLEAR Offering

Thomson Reuters has launched CLEAR Global Beneficial Ownership (GBO), a new product enabling organizations to quickly understand the ownership and control of international corporate entities and to help find global business registry information.

Nature Portfolio to Expand with Three New Journals in 2023

Three new Nature journals are to launch in 2023 as publisher Springer Nature continues to reflect the needs of research communities through its Nature portfolio. With the first issues due in January 2023, Nature Mental Health, Nature Water and Nature Reviews Bioengineering will have multi-disciplinary scopes.

RingCentral Announces Innovations to Make Hybrid Work Simple

RingCentral announced several new innovations designed to make hybrid work simple. Each is designed to solve the challenges of hybrid work: simplifying communications and collaboration; gaining data and insights to inform business decisions; and enhancing customer experience.

Source: Outsell
Potsdamer Bibliotheksgesellschaft

Crowdfunding erfolgreich

(Hobohm) Nur noch eine Woche läuft die Aktion der Potsdamer Bibliotheksgesellschaft zur Unterstützung der Jubiläumsfeierlichkeiten der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam in diesem Jahr: 100 Jahre Landesbibliothek, 30 Jahre SLB, 20 Jahre Förderverein und 25 Jahre Buchpatenschaften. Der Förderverein möchte zu den Geburtstagsfeiern einen immerwährenden Kalender produzieren lassen mit hochwertigen Fotos aus den über 500 Jahre umfassenden Beständen der Landesbibliothek und bittet dazu um Spenden auf der Crowdfunding Plattform: www.potsdam-crowd.de/bibliothekskalender - jede Spende über 10 Euro wird aufgestockt durch die Stadtwerke Potsdam
.
In den ersten drei Wochen sind schon über 2.000 Euro zusammengekommen! Der Vorsitzende der Bibliotheksgesellschaft, Prof. Dr. Hobohm: „Gerade die aktuelle Weltlage macht überaus deutlich, wie wichtig historische Bildung und die Wahrung regionalen Kulturguts ist. Wir sind erfreut und zugleich beschämt, dass wir für das Brandenburgische Kulturerbe eine so große Teilnahme an unserer Spendenaktion verzeichnen können. Wir sehen das als Bestätigung des meist stillen, aber immer sehr breiten Rückhalts von Bibliotheken in unserer Gesellschaft!“

Eine Beteiligung ist noch bis zum 3. April um 20 Uhr möglich: nur bei Erreichen der anvisierten Summe von 2.500 Euro wird das Geld dem Verein ausgezahlt und kann für die Produktion des Kalenders verwendet werden.

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