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Open Password - Freitag, den 13. Mai 2022

# 1069
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Hommage an das Buch – Open Password – Simon Verlag für Bibliothekswissen – Sebastian Milkereit – Faust – Johann Wolfgang von Goethe – Weltliteratur – Jugendliche Hybris – Reclam-Ausgabe – Mephistopheles – Zauberlehrling – Am Ende aller Erkenntnis? – Faust-Metamorphosen – Johann Fausten – Christopher Marlowe – Heinrich Heine – Nikolaus Lenau – Thomas Mann – Weimar

Sigrid Dimmers – Heidi – Johanna Spyri – Flüchtlinge – Pucki – Elke – Mädchenzeitschriften – Ein Kampf um Rom – Die letzten Tage von Pompeji – Griechische Heldensagen – Franz Kafka – Siegfried Lenz – Bernhard Schlink – Isabel Allende – Julia Zeh – Christina Brudereck

Thomas Krüger – Nathan der Weise – Gotthold Ephraim Lessing – Aufklärung – Ringparabel – Berliner Ensemble – Nach Israel und Palästina



Hommage an das Buch (XV)

Eine Initiative von Open Password
und dem Simon Verlag für Bibliothekswissen

Mit Herzblut, Leidenschaft und tiefen Kenntnissen über Bücher geschrieben, „die uns bewegten“

Nun, da das Buch durch geringe Aufmerksamkeitsspannen, mangelnde Leselust und elektronische Formate bedroht ist, wird es Zeit für eine Hommage an das Buch. Open Password und der Simon Verlag für Bibliothekswissen haben sich zu dem Projekt, „Bücher, die uns bewegten“ zusammengetan und 41 Autoren gewonnen, die mit Herzblut, Leidenschaft und tiefen Kenntnissen berichten, wie sie von einem bestimmten Buch geprägt wurden.

In der 15. Folge unserer Hommage an das Buch möchte Sebastian Milkereit alles über „Faust“ wissen, allein, dafür reicht ein Menschenleben nicht aus. Sigrid Dimmers liebt und leistet sich Bücher und für Thomas Krüger ist es ein kurzer Schritt von Lessings Ringparabel nach Israel und Palästina.

Sebastian Milkereit liest das Buch seines Lebens.


„Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe

Eine Geschichte jugendlicher Hybris

Faust
Es mag etwas klischeehaft erscheinen, dass ein Germanist und Student der Literaturwissenschaft ausgerechnet wieder Goethes Faust als das Buch herbeizitiert, welches sein Leben verändert haben soll. Warum es das aber wirklich für mich ist, soll die Geschichte erzählen, wie ich sie mit Goethes Magnus Opus erlebt habe.

Die erste Begegnung mit diesem fulminanten Werk hatte ich, als ich ungefähr 16 oder 17 Jahre alt war. Ich tat nicht nur ungern etwas für die Schule, wie die meisten Menschen dieses Alters, sondern ich tat rein gar nichts. Mittlerweile war ich durch meine Faulheit gezwungen, vom örtlichen Gymnasium auf die Hauptschule des Nachbardorfes zu wechseln. Doch trotz aller Unlust, etwas für die gehassliebte Institution Schule zu leisten, war ich stets ein begeisterter Leser und begann mich gerade mit dem auseinanderzusetzen, wozu Goethe – wieder dieser Mann! – den Begriff „Weltliteratur“ geprägt hatte.

Eines Tages hatte ich mich mit meinem guten Freund J. verabredet, den ich in den nächsten Jahren leider etwas aus den Augen verlieren sollte. Wir trafen uns häufig, um Bücher auszutauschen, uns über sie zu unterhalten und - in unseren Augen - sehr gebildete Gespräche zu führen. An jenem Tag drückte er mir ein kleines, gelbes, zerlesenes, mit Anmerkungen und Kommentaren versehenes Bändchen in die Hand. Johann Wolfgang von Goethe – Faust. Der Tragödie erster Teil! Natürlich in der Reclam-Ausgabe, die so viele in meist schlechter Erinnerung aus ihrem Deutschabitur haben. Er sagte, ich müsse es unbedingt lesen, zitierte noch einige Verse des Mephistopheles aus dem Prolog im Himmel und überließ mich der Lektüre. Ich war fasziniert. Von der Sprachgewalt, der poetischen Gewandtheit und der fesselnden Story. Oft unterhielten J. und ich uns über das Werk, welches mich (abgesehen von der üblichen Schullektüre des Zauberlehrling) in die goethische Welt einführte.

Einige Monate später sprach meine hochgeschätzte Klassen- und auch Deutschlehrerin über ihre erste Begegnung mit dem Faust. Sie sei damals neunzehn Jahre alt gewesen, habe sich eingebildet, das Werk vollumfänglich durchdrungen zu haben und habe erst in der Rückschau erkannt, wie wenig sie damals erst verstanden hatte. An diesem Punkt setzte bei mir eine jugendliche – und fast schon faustische – Hybris ein. Ich bildete mir in meinem Leichtsinn ein, meiner Lehrerin – oder zumindest der 19-jährigen Frau H. – weit überlegen zu sein. Anstatt also zu hinterfragen, ob ich das Werk tatsächlich so gut verstanden hatte wie ich meinte, entschied ich mich als eine Art Ausnahmetalent den ganzen Faust mit gerade einmal 16 oder 17 Jahren erschlossen zu haben und bildete mir Wunder was darauf ein.

Im Jahr meines Abiturs begegnete ich dem Faust erneut. Und wieder einmal durch Frau H. Ich hatte mich von der Hauptschule zurück auf das Gymnasium hochgearbeitet und mein Abitur mehr oder weniger erfolgreich absolviert. Kurz vor der Zeugnisvergabe erreichte mich ein Brief von meiner alten Hauptschulklassenlehrerin. Sie gratulierte mir herzlich und bat um Entschuldigung, da sie nicht bei meiner Abiturzeugnisvergabe anwesend sein könne, was sie aufrichtig bedauerte. Anbei hatte sie einen Gutschein über 20 Euro für eine große Büchereikette beigelegt. Mit diesem fuhr ich also in die Innenstadt und wühlte in der Auswahl der kleinen gelben Bändchen herum (dies schien mir am meisten Buch für das Geld zu bringen), als mir erneut Goethes Faust zwischen die Finger kam. Natürlich nahm ich das Buch mit nach Hause. Und wieder verschlang ich es förmlich. Der Band, der heute mindestens ebenso zerlesen ist wie der, welchen mir J. einige Jahre zuvor in die Hände gedrückt hatte, wurde zu einem treuen Begleiter. Oft musste er ein hartes Leben on the road in der Jackentasche oder zwischen zerknüllten Socken in Reisetaschen führen. Eine Erkenntnis hatte ich damals allerdings noch. Nach dieser zweiten Phase der intensiven Lektüre wurde mir klar, wie recht meine Lehrerin Frau H. hatte. Ich las den Faust nun mit ganz neuen Augen und verstand so viel mehr als beim ersten Mal. Doch die Hybris packte mich von neuem. Meine scheinbar logische Schlussfolgerung: Wenn ich das Werk ein paar Jahre zuvor schon für erschlossen hielt und jetzt noch mehr darüber verstand, musste ich am Ende aller Erkenntnis über Goethes Meisterwerk angelangt sein. Und so ging es mir in den folgenden Jahren bei fast jeder erneuten Lektüre dieses Buches.
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Faust gänzlich verstehen? Für ein Menschenleben etwas überambitioniert.
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Das nächste Schlüsselerlebnis hatte ich dann während meines Germanistikstudiums. Allein die Fachwahl fußte zu einem nicht unerheblichen Teil auf meiner immer weiter wachsenden Liebe zum Faust. Im dritten Semester kam dann meine erste Vorlesung im Bereich der Neueren deutschen Literatur (um Missverständnisse zu vermeiden: Dieser Terminus bezeichnet in der Germanistik alle deutschsprachige Literatur nach 1500, also mitnichten neu!). Es war die einzige Vorlesung, die in diesem Semester angeboten wurde und hatte damit für viele meiner Kommilitonen den bitteren Beigeschmack einer Pflichtveranstaltung. Doch für mich waren diese anderthalb Stunden über Monate das Highlight meiner Uniwoche. Titel der Veranstaltung: Faust-Metamorphosen. Die Vorlesung gab einen Gesamtüberblick über die Rezeption des Fauststoffes, von den Anfängen mit der Historia von D. Johann Fausten aus dem 16. Jahrhundert über Goethe hin zu den obskuren sowjetischen Faust-Romanen der 1980er. Es gab zu der Vorlesung keine abschließende Klausur oder sonst eine Prüfung. Deshalb verbrachten die meisten meiner Kommilitonen ihre Zeit am Handy, während ich in der ersten Reihe sitzend Seite um Seite Mitschriften anfertigte. Abgeschlossen wurde das Ganze mit einem Theaterbesuch, zu welchem am Ende lediglich eine Kommilitonin und ich erschienen. Obgleich die Aufführung aus meiner damaligen Sicht etwas enttäuschend verlief, war nun mein Interesse an den anderen Bearbeitungen des Faust-Stoffes geweckt. Ich sah langsam ein, noch nicht allzu viel über Faust zu wissen oder zu verstehen, doch nun wollte ich absolut alles wissen. Ich besorgte mir also fleißig alle Werke, die es in bezahlbaren (gelben) Ausgaben zu erstehen gab. Trotz der beachtlichen Sammlung weiterer Faust-Bearbeitungen, wie z. B. Marlowe, Heine, Lenau und Mann, - ja ich besorgte mir sogar antiquarisch Theodor Storms Pole Poppenspäler nur um des in dem Werk aufgeführten Faust-Puppentheaters willen - blieb Goethes erster Teil des Faust immer mein Liebling.

Die letzte große Epoche in meinem eigenen Ringen um das Verstehen des Faust machte ein Jahr darauf ein Seminar, das derselbe Professor gab, der mich schon mit seiner Vorlesung so restlos begeisterte. Es widmete sich ganz allein Goethes Faust. Wir besprachen beide Teile. An den recht kryptischen, überladen allegorischen zweiten Teil hatte ich mich bis dato noch überhaupt nicht herangewagt. Nun also das ganze Werk en Detail wissenschaftlich durchgearbeitet ließ langsam etwas in mir dämmern. Die schiere Masse an Kommentaren, kommentierten Ausgaben und Forschungsliteratur zeigte mir recht unsanft, dass mein Ziel, schier alles über den Faust und den Faust-Stoff wissen und verstehen zu wollen, für ein Menschenleben etwas überambitioniert war.

Am Ende habe ich also eingesehen, dass ich das Werk, das ich damals mit gerade einmal 17 Jahren verstanden zu haben glaubte, wohl niemals ganz verstehen werde. Meiner Begeisterung für den Faust und dem Gesamtwerk Goethes gegenüber tat dies allerdings keinen Abbruch.

Auch später war das Buch von entscheidender Bedeutung für mein Leben. Meine Lebensgefährtin und ich lernten uns in einem Seminar kennen, das erneut von dem Professor gegeben wurde, welcher hier schon mehrfach Erwähnung fand. Wir unterhielten uns einige Male und ich stellte schnell fest, eine große Kennerin des Faust vor mir zu haben. Oft unterhielten wir uns stundenlang bei einigen Gläsern Weißwein über Literatur, Goethe und Faust. Einige Zeit später besuchten wir Weimar. Natürlich begleitete mich meine kleine gelbe Faust-Ausgabe auch an diesen besonderen Ort. Wir schauten uns mit Begeisterung eine Aufführung des Faust im Rheinischen Landestheater in Neuss an. Der Faust ist also auch aus unserem gemeinsamen Leben kaum mehr wegzudenken.

Trotz der vielen Bücher, welche ich in meinem Leben vor allem in meinem Studium gelesen habe, bleibt Goethes Faust das Buch, dass mein Leben am nachhaltigsten verändert hat.
Sigrid Dimmers liest das Buch ihres Lebens.

„Heidi“ von Johanna Spyri

Heidi
Das Buch, das mein Leben veränderte, gibt es nicht.

Aber es gibt in meinem Leben viele Bücher, die mich in eine Traumwelt führten, die Seele und Geist einfingen, beflügelten, die mich alles um mich herum vergessen ließen.
Mein erstes Buch, ein Geschenk meiner Mutter, war „Heidi“ von Johanna Spyri.

Es war (kurz) nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir – meine Eltern, meine Schwester und ich – waren als Flüchtlinge aus Schlesien in den „Westen“ gekommen. Ich war acht Jahre alt, wurde ins zweite Schuljahr aufgenommen und holte schnell auf, was ich in den letzten Kriegsmonaten versäumt hatte. Vor allem lernte ich das Lesen.

Das Buch war mein größter Schatz und blieb auch lange Zeit mein einziger.

Ich hatte kein Spielzeug, aber ich hatte mein Buch, und ich las es mehr als einmal.

Ich vergaß die Welt, denn ich versank in der Welt der Heidi.

Ihre Geschichte berührte mich. Ich litt mit ihr, und ich freute mich mit ihr, als sie endlich glücklich war.
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Ich liebe Bücher. Ich leiste mir Bücher.
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Nach diesem Leseerlebnis wuchs der Hunger nach Büchern. Aber es gab damals nur schwer einen Zugang. Das Angebot war noch knapp, das Geld meiner Eltern auch. Zum Glück wuchs die Freundschaft zu einem Mädchen, das von ihren Eltern immer wieder mit Büchern versorgt wurde. Christel war meine erste Freundin. Sie lieh mir ihre Bücher aus, und wir lasen alles, was Mädchen damals zu lesen bekommen konnten – vor allem Bücherreihen wie „Pucki“, „Elke“, Mädchenzeitschriften, und, und, und. Lesen war unsere Welt. Lesen blieb meine Welt bis heute.

Den Mädchenbüchern folgten zum Beispiel „Ein Kampf um Rom“, „Die letzten Tage von Pompeji“, „Griechische Heldensagen“, Schriftsteller der Gegenwart, Romane mit oder ohne geschichtlichen Hintergrund, Biografien.

Die Leselust hat mich nie verlassen. Intensiv war die Beschäftigung mit Franz Kafka und seinem Werk. Heute lese ich gern moderne Schriftsteller wie Siegfried Lenz, Bernhard Schlink, Isabel Allende, Juli Zeh oder Christina Brudereck.

Bei manchen Neuerscheinungen komme ich nicht über die erste Seite hinaus. Die Sprache muss stimmen, muss mich fesseln.

Ich liebe Bücher, ich leiste mir Bücher.

Sie bestimmen nicht mein Leben, aber sie sind Teil meines Lebens.

Während meiner Zeit als Grundschullehrerin gab es oft eine Zeit zum Vorlesen. Die habe ich genossen, und meine Enkelkinder profitierten davon, indem sie viele Bücher für Kinder und Jugendliche von mir bekamen, weil auch sie vom Lesefieber ergriffen waren.
Thomas Krüger** liest das Buch seines Lebens.

„Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing

Nathan der Weise
Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise ist eines der Bücher, die mich in meiner persönlichen Entwicklung am meisten beeinflusst haben. Ein Buch voller gesellschaftlicher, menschlicher und politischer Bedeutungen. Ich habe es auf eher unspektakuläre Weise entdeckt, nämlich im Deutschunterricht durch einen Lehrer, bei dem ich all die Jahre zuvor auch noch Französischunterricht hatte und darin eher eine Niete war.

Überraschenderweise hat mich das Buch fasziniert und in seinen Bann gezogen. Natürlich aufgrund der inhaltlichen Auseinandersetzung im Buch mit dem großen Thema der Aufklärung. Ein Buch, in dem es grundsätzlich um ein Bild der Gesellschaft und ein gleichberechtigtes Leben über sämtliche Kultur- und Religionsschichten hinweg geht, über die Liebe einzelner Charaktere mit fundamentalistischen Positionen, die zueinander finden. Im Fokus dieses historisch großartigen Werkes steht die Ringparabel, die am Ende ganz einfach und klar erklärt, dass die großen drei Weltreligionen - das Christentum, das Judentum und der Islam - in ihrem Ursprung auf eine gemeinsame Geschichte zurückzuführen sind. Ich sah mir sogar infolgedessen das Theaterstück dazu gleich zweimal in den darauffolgenden Jahren im Berliner Ensemble an.

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Weitere Reisen führten mich folgerichtig nach Israel und Palästina.
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Es ist ein Buch, das mich in der politischen Betrachtung von Religion und Kultur zu einer unvoreingenommenen Denkweise geführt hat und mich in meiner damaligen pubertären Entwicklung leitete. Weitere Reisen führten mich dann Jahre später folgerichtig in andere Teile der Welt, so auch in den Nahen Osten nach Israel und Palästina.

**Der Text entstand in der Schreibwerkstatt Marzahn, ein Treffpunkt für junge Autorinnen und Autoren in der Bezirkszentralbibliothek "Mark Twain". – Kursleiterin war Renate Zimmermann.

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