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Stefan Thurner – Zerbrechlichkeit der Welt – Informationswissenschaft – Tipping Points – Stefan Hauff-Hartig – Complexity Hub Vienna – Club of Rome – Konrad Lorenz – Komplexitätsforschung – Big-Data-Technologien – Revolutionstheorien – Finanzsystem – Finanzkrisen – Complexity Economics – Planet Erde – Artensterben – Erderwärmung – Kollaps – Kollateralschäden – Dilemmas – Mentale Veränderungen – Zivilgesellschaft – Hierarchisch-diktatorische Systeme – Westliche Demokratien - Informationspathologien - John W. Bagby - Pennsylvania State University - Kimberly House - University of North Texas - Artificial Intelligence - Critical Infrastructures – Machine Learning – Industrial Policy – China – United States – European Union - Philipp Steinberg - Nils Börnsen - Dirk Neumann - Digitale Ordnungspolitik – Wirtschaftsdienst – Digitalisierung gestalten – Bundesregierung – Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – Daten- und Evidenzbasierte Wirtschaftspolitik - Tessa Diphhoorn, Nikkie Wiegink, Corporate Sovereignty - Permissive Power - Southern Africa – Sage Journals – Anthropology - Ethnographic Fieldwork

I. Titelgeschichte:
In einer komplexen und fragilen Welt ein klarer Auftrag an die Informationswissenschaft: Tipping Points identifizieren, in die Ferne verschieben und ihr positives Potenzial nutzen -
Von Stefan Hauff-Hartig

II. Übr den Tellerrand
Critical Infrastructures of Artificial Intelligence:
Wo will win – China, United States or the European Union?


Wirtschaftspolitik evidenzbasiert weiterentwickeln

Corporate Sovereignty and Permissive Power in South Africa
Stefan Thurner: Die Zerbrechlichkeit der Welt

In einer komplexen und fragilen Welt
ein klarer Auftrag an die Informations-wissenschaft: Tipping Points identifizieren,
in die Ferne verschieben
und ihr positives Potenzial nutzen

Von Stefan Hauff-Hartig
Hauff-Hartig
Stefan Hauff-Hartig

Stefan Thurner: Die Zerbrechlichkeit der Welt – Kollaps oder Wende. Wir haben es in der Hand. Wien: edition a; 2020. ISBN 978-3-99001-428-8. 259 Seiten. 24,00 €.

In seinem Buch „Die Zerbrechlichkeit der Welt – Kollaps oder Wende. Wir haben es in der Hand“ beschreibt Stefan Thurner unsere Welt als komplexes System, das aus vielen fragilen Unter- und Einzelsystemen besteht. Deren anthropogene Netze können sich durch das Überschreiten kritischer Punkte immer wieder radikal verändern. Darin bestehen große Gefahren für den Status quo, aber gleichzeitig auch Auswege aus aktuellen Krisen.

Der Autor Prof. Dr. Stefan Thurner ist Ökonom und Physiker und leitet als Präsident das Complexity Science Hub Vienna (CSH), das verschiedene Institutionen in Österreich bei der Erforschung von komplexen Systeme und von Big Data zusammenführt und voranbringt.

Mit seiner Expertise beschreibt er den Zustand unserer sozialen und natürlichen Welt und wodurch sie bedroht ist. Das Buch steht damit in einer Reihe mit Publikationen wie der vor knapp 50 Jahren erschienenen interdisziplinären Studie „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome (1972) und in gewisser Weise den „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ von Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1973). Anders als bei letzterem findet man allerdings bei Thurner keine stark moralisierenden und apokalyptischen Schluss­folgerungen.

Vielmehr zeichnet der Autor auf der Grundlage seiner Erkenntnisse auf dem Gebiet der Komplexitätsforschung unsere Welt recht nüchtern als vernetztes System von komplexen vernetzten Systemen. Im Gegensatz zur bislang vorherrschenden empirischen Forschung ist es jedoch durch Big-Data-Technologien möglich, bisher ungeahnte Daten- und Informations­mengen nicht nur zu verarbeiten, sondern auf der Grundlage dieser verfügbaren Mengen neuartige Erkenntnisse zu gewinnen und die Zukunftsforschung neu auszurichten.

Thurner zieht zwei elementare Konzepte als Grundlage seiner Thesen heran. Zum einen geht er davon aus, dass jedes komplexe System in miteinander verknüpfte Einzelelemente zerlegt werden kann. Das ist natürlich keine neue Erkenntnis. Big Data allerdings schafft die Voraussetzungen, dass Reduktionen, die für empirische Arbeiten unumgänglich sind, nicht mehr (bzw. nicht mehr im bisherigen Ausmaß) erforderlich sind.

Das zweite Konzept ist der Tipping Point: Ein Kipp-Punkt, das ist genau der Moment, an dem eine verhältnismäßig kleine quantitative Änderung innerhalb eines Systems zu dessen radikaler qualitativer Veränderung führt, möglicherweise sogar zu seiner kompletten Zerstörung. Der Begriff wird seit etwa zehn Jahren verwendet. Vorstellungen zu abrupten Umwälzungen wie bei den Revolutionstheorien gibt es natürlich schon mindestens seit der Industrialisierung.

Selbstverständlich lassen sich Tipping Points im Nachhinein finden, beschreiben und daraus Schlussfolgerungen für künftige Entwicklungen ziehen. Das ist ganz allgemein der Kern von Wissenschaft und Forschung, aber auch von Alltagserfahrungen und Handeln im Alltag. Folgt man Thurner, versetzt uns aber erst Big Data mit der Verarbeitung von riesigen Quantitäten an Daten und deren Beziehungen, Kontexten, Semantiken untereinander in die Lage, mögliche Tipping Points im Vorhinein zu erkennen und auf einer ganz neuen Basis nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Zu den (Teil-)Welten, auf die Thurner die Komplexitätsforschung anwendet, gehört zunächst einmal das Finanzsystem. Das ist naheliegend, denn offensichtlich liegen ihm „Zahlen“, Finanzdaten, zugrunde, und das auch noch in einer unfassbaren Fülle. Gleichzeitig besteht trotz immer weiter ausgebauter Regulations­mechanismen nach wie vor die Gefahr regionaler und weltweiter Finanzkrisen. Deshalb erforscht der Complexity Science Hub Vienna, wie sich verschiedene Regulationsschemata virtuell testen lassen und durch welche Maßnahmen ein System sicherer oder aber instabiler bis hin zum Kollaps wird. Diese Complexity Economics kann also systemische Risiken von Finanzsystemen berechnen.

Das nächste komplexe System, dem sich Thurner widmet, ist unser Planet. Bereits vor dem Auftreten des Menschen lassen sich mehrere Tipping Points nachweisen, die jeweils zu einem massenhaften Artensterben führten. Was lange Zeit im Gleichgewicht ruhte, kommt jedoch seit einigen Jahrzehnten durch die anthropogene Erderwärmung immer dichter nicht nur an einen, vielmehr an mehrere Tipping Points. Durch die im Vergleich zu Finanzsystemen ungleich stärker und komplexer vernetzten Netzwerke besteht die Gefahr, dass sich ökologische und physikalisch-chemische Systeme in gegenseitiger Abhängigkeit irreversibel und selbstverstärkend auf einen Kollaps zubewegen. Aber im Gegensatz zu den Finanzsystemen führt „die Tatsache, dass es derzeit noch keine umfassende, zusammenhängende, standardisierte und Netzwerk-basierte Datengrundlage aus einem Guss gibt, die detailliert angibt, wie die verschiedenen Wirtschafts- und Ökosysteme zusammenhängen, […] auch zu der Schwierigkeit, dass wir die Tipping Points nicht exakt kennen“ (Seite 139), und zu dem Appell, daraus Konsequenzen ziehen: ein mehr als klarer Auftrag an die Informationswissenschaft.

Der Autor macht es sich nicht leicht. Es gibt für ihn keine einfachen Lösungen mit hinzunehmenden Kollateralschäden. Dilemmas stellt er klar heraus, wie z. B. dass Infrastrukturprojekte einerseits ein Viertel der Kohlendioxid-Emissionen verursachen, nichtindustrialisierte Länder aber ein Recht auf menschenwürdige Lebensbedingungen haben. Mögliche Auswege sind für ihn zwar auch technische Fortschritte. Er setzt aber noch stärker auf mentale Veränderungen, die zu einem veränderten Verhalten und damit zu Änderungen der sozio-ökonomischen Netzwerke führen. An dieser Stelle zeigt sich die hoffnungsvolle Seite in seinem Ansatz: Eine allmähliche Veränderung der persönlichen Einstellungen kann zu einem „positiven“ Tipping Point führen, der die fossile Kultur zum Verschwinden bringt.

Der letzte Komplex, den Thurner betrachtet, ist die Zivilgesellschaft, die für ihn vor allem durch Populisten bedroht ist. Ähnlich wie bei der Erderwärmung lässt sich die Komplexität der Zivilgesellschaft derzeit leider nicht umfassend wissenschaftlich beschreiben. Die Komplexitäts­forschung vergleicht zum Beispiel die Stabilität von hierarchisch-diktatorischen und demokratischen Netzwerken. Während hierarchisch-diktatorischen Systeme die Entscheidungs­prozesse abkürzen und vor allem kurzfristig wirtschaftlich effizienter sein können, hat die Geschichte gezeigt, dass starke hierarchische Strukturen zum Verlust demokratischer und persönlicher Freiheiten sowie zum Missbrauch der Macht durch kleine Eliten führen. Die flachen Hierarchien der westlichen Demokratien hingegen sind auf Dauer anpassungs- und widerstandsfähiger, wichtige Entscheidungsprozesse werden teilweise jedoch viel zu lange verzögert.

Die Stressfaktoren, die dazu führen, dass die demokratischen Spielregeln unter Druck geraten und sich unsere Zivilgesellschaft in Richtung bedrohlicher Tipping Points bewegt, sind nicht unbekannt. Allerdings nehmen Erscheinungen wie Monopolstellungen von Tech-Konzernen, der ultimative Effizienzdruck, aber insbesondere die zerstörerische Wirkung des Nationalpopulismus in diesem Zusammenhang eine neue Dimension an, zumal die Protagonisten des Populismus offen das Ziel verfolgen, demokratische Institutionen zu vernichten und an ihrer Stelle hierarchische Strukturen zu setzen. Informationspathologien wie Fake News, Filterbubbles und Nudging (als undemokratische Manipulationsmethode) wirken dabei als Werkzeuge in einem zerstörerischen Programm.

Mit „Gefangen im Dilemma oder Schritte nach vorne?“ beschreibt der Autor im Abschlusskapitel aus seiner Sicht die Kernfrage, vor der unsere Welt steht, und zu deren Beantwortung er durch die Wissenschaft der komplexen Systeme beitragen will. Dazu sollen auf Grundlage einer breiten Datenbasis und mit wissenschaftlichen Methoden Tipping Points identifiziert und eine mögliche Annäherung an sie überwacht werden. Damit diese Tipping Points nie erreicht werden, müssen Korrekturmechanismen ermittelt werden, die dann von der Politik als verbindliche zumutbare Verhaltensregeln umzusetzen sind.

Stefan Thurner schildert in seinem gut lesbaren Buch, das jeweils am Kapitelende die Kernaussagen zusammenfasst, auf nüchterne Weise, wie zerbrechlich unsere Welt ist, wie zerbrechlich aber auch Subsysteme sein können, weil alles mit allem zusammenhängt. Ohne jedoch das Ende der Welt herbeizurufen, zeigt er, dass Komplexitätsforschung und Big-Data-Technologien es möglich machen, auf einer breiten Datenbasis zerstörerische Tipping Points zu ermitteln oder wenigstens zu verschieben. Und das Potenzial von Tipping Points lässt sich sogar positiv durch gegensteuerndes zivil­gesellschaftliches Handeln nutzen.

Über den Tellerrand:
Empfehlungen der Woche


Critical Infrastructures of Artificial Intelligence:
Wo will win - China, USA or the European Union?

Wirtschaftspolitik evidenzbasiert weiterentwickeln

Corporate Sovereignty and Permissive Power
in South Africa

John W. Bagby, Pennsylvania State University, and Kimberly House, University of North Texas, Artificial Intelligence: The Critical Infrastructures, September 2021, in: https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3924512. Artificial Intelligence (AI) innovation is most strongly impacted by AI Critical Infrastructures. These are the conditions, capacities, assets and inputs that create an environment conducive to the advancement of the AI technologies. Close inspection of AI’s generalized architecture reveals a supply chain that implies six AI critical infrastructures. There are at least seven necessary steps or processes contained in a generalized AI architecture. These steps are: (1) occurrences, events, facts or conditions transpire enabling the creation of potentially useful data, (2) these data are logged through capture and (increasingly computer and telecommunications enabled) initial storage, (3) such data are aggregated, often by numerous data repositories or AI operators, (4) human intelligence performs iterative analysis as derived from deployment of algorithms, (5) initial machine learning occurs, (6) near constant feedback loops are deployed by many AI applications that adapt the underlying model as new data is incorporated, and (7) based on insights resulting from AI, decision-making occurs, both automatically by computer or by human intervention. Successful Machine Learning requires ample supply of the six broad AI critical infrastructures: (i) strategic insight/vision largely expressed as regional and/or national Industrial Policy, which is paramount in impacting all four other AI critical infrastructures, (ii) human intellect is needed to foster a deep-bench, from a competent AI Workforce, (iii) R&D Investment in AI, (iv) AI Hardware, both Computing Power and Connectivity (ICT), (v) bountiful and ever growing supply of Accessible Data, and (vi) market receptivity as sustainable demand for AI knowledge to monetize successful AI innovation. This article provides an initial foundation for a comparative of the three world economies (regions) seemingly best positioned to make substantial AI advancements. Predictably, significant differences among the political and cultural drivers in these three regions are likely to impact needed commitment to AI critical infrastructures: China (Asia) vs. the United States (North America) vs. European Union (EU). The harsh reality of AI innovation is that delays in commitment and deployment of AI critical infrastructures will relegate the losing region(s) to become, at best, a chronic AI customer rather than a major successful AI supplier.

Philipp Steinberg, Nils Börnsen, Dirk Neumann, Digitale Ordnungspolitik — Wirtschaftspolitik daten- und evidenzbasiert weiterentwickeln, in: Wirtschaftsdienst. Die Digitalisierung bringt weitreichende Änderungen für Wirtschaft und Gesellschaft mit sich. Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie als Teil der Umsetzungsstrategie „Digitalisierung gestalten“ der Bundesregierung im Dezember 2020 ein Konzeptpapier für ein ordnungspolitisches Handlungsprogramm zur Unterstützung des digitalen Wandels veröffentlicht. Dessen Kernthese ist, dass die Grundgedanken der Ordnungspolitik in der digitalen Wirtschaft gültig bleiben. Ihre Grundsätze sind bis heute Pfeiler der Sozialen Marktwirtschaft und können in einer zunehmend digitalen Wirtschaft klare Orientierung für die Wirtschaftspolitik der Zukunft bieten. Das Konzeptpapier wird vorgestellt und einer der dort skizzierten Ansätze für die Umsetzung einer digitalen Ordnungspolitik genauer beleuchtet: die daten- und evidenzbasierte Weiterentwicklung der Wirtschaftspolitik.

Tessa Diphhoorn, Nikkie Wiegink, Corporate sovereignty: Negotiating permissive power for profit in Southern Africa, September 2021, https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/14634996211037124. The growing engagement with sovereignty in anthropology has resulted in a range of concepts that encapsulate how various (non-state) actors execute power. In this paper, we further unpack the concept of ‘corporate sovereignty’ and outline its conceptual significance. Corporate sovereignty refers to performative claims to power undertaken by (individuals aligned to) corporate entities with profit-making objectives within a state-sanctioned space. This contrasts with claims made by other (non-state) actors who operate in a permissive space that (regularly) lacks this legally grounded relationship with the state. By unpacking this state-sanctioned permissive space and highlighting the role of the state as the arbiter, our approach to corporate sovereignty offers a new comparative analytical perspective to theorize how sovereignty is performed and opens ethnographic avenues to explore how sovereignty is negotiated and co-produced across diverse localities. To elucidate our argument, we draw from ethnographic fieldwork conducted on coal mining companies in Mozambique and private security companies in South Africa. By focusing on cases that differ, we want to show the multitude of ways in which corporate sovereignty is enacted and takes shape.

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