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Open Password - Montag, den 7. Dezember 2020

# 862
Lars Jäger – Sternstunden der Wissenschaft – Willi Bredemeier – Südverlag Konstanz – Wissenschaftstransfer – Rezensionskontrolle – Yuval Noah Harari – Fake News – Existenzielle Gefahren – Umsetzung von Wissen in Technologie – Wissenschaftliches Denken – Niedergang rationalen Denkens – China – Kollateralschäden – Emotionale Bedürfnisse – Politiker – Nicht-Regierungsorganisationen – Hochkulturen – Wissenschaftliche Tugenden – Abkehr von Dogmen – Vertrauen in die eigenen Wahrnehmungen – Vertrauen in die Mathematik – Biographien - Hagiographie - Facebook – Twitter -Plattformen – Sebastian Turner – Trafo Media Tech – Plattformprivileg – Medienfreiheit – Presserecht – Wer weiß was? – Happy Story- TV Group - Julian Webe – Sören Zschoche


Lars Jäger:
Sternstunden der Wissenschaft


Die existenziellen Probleme der Menschheit
mit mehr Wissenschaft und
Öffentlichkeitsarbeit lösbar?

Von Willi Bredemeier
Lars Jaeger II
Lars Jäger

Lars Jäger, Sternstunden der Wissenschaft – Eine Erfolgsgeschichte des Denkens, Südverlag Konstanz 2020. Open Password hat seit seinem Bestehen in jedem Jahr Beiträge von Lars Jäger publiziert, auch weil Jäger und ich die Ansicht teilen, dass der Wissenschaftstransfer in eine breitere Öffentlichkeit eine zentrale gesellschaftspolitische Aufgabe ist. Diese wird von den Wissenschaftlern selbst insgesamt gesehen nicht ausreichend wahrgenommen. Seinerseits bedarf Wissenschaftstransfer einer Rezensionskontrolle, auch dies eine dringende Aufgabe, wenn man sieht, wie Bücher mit abstrusen Verschwörungstheorien erfolgreich als Wissenschaft vermarktet werden.
Immerhin sehen immer mehr Wissenschaftler den Transfer ihrer Erkenntnisse über ihre Fachgrenzen hinaus mit als ihre eigene Aufgabe an (so dass die Frage, ob der Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse Spezialisten überlassen werden sollte, unentschieden bleibt). Eine dieser (immer noch) Ausnahmen ist Yuval Noah Harari, dessen Veröffentlichungen 2020 von Open Password ausführlich referiert und rezensiert wurden.

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In einer mehr und mehr durch Fake News geprägten Welt größer werdende existenzielle Gefahren für die Menschheit.
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Harari und Jäger sind sich einig, dass die Existenz unserer Spezies hier und heute hochgefährdet ist. Wohl haben wir es in „der Umsetzung von Wissen in Technologie … weit gebracht“ (Jäger, 304). Auch wäre es uns grundsätzlich möglich, die gegenwärtigen Probleme wie „Überbevölkerung, Klimawandel, die Versorgung des Menschen mit Trinkwasser und Energie und nicht zuletzt die Bedrohung unseres Mensch-Seins durch Gentechnologie, künstliche Intelligenz und virtuelle Realitätstechnologien“ (312) mit wissenschaftlichem Denken zu lösen. Aber wir haben es „immer noch nicht geschafft, die Folgen von Technologien redlich abzuschätzen und die negativen Effekte zu begrenzen“ (304). Demnach werden unsere technischen Möglichkeiten immer gigantischer. Hingegen gleicht unsere Kompetenz, mit diesen Möglichkeiten angemessen umzugehen, einer Konstanten auf niedrigem Niveau.

Jäger nimmt aktuell sogar einen Niedergang des rationalen Denkens an, der nunmehr auch die Wissenschaften bedrohe. An Attacken, die vor allem das wissenschaftliche Denken gegenwärtig bedrohen, nennt Jäger:


  • fundamentalistisch-dogmatische Bewegungen;
  • Präferenz für Fake News statt den eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen;
  • Aufteilung und Segmentierung der Öffentlichkeit in immer weitere „Informations- und Wahrheitsblasen“ und
  • Nutzung neuer Technologien durch den Staat zur Unterdrückung der Bürger (beispielsweise in China) (16).
Die Kollateralschäden, die bei der Anwendung von Wissen entstehen, nehmen also zu und haben mittlerweile eine die Menschheit gefährdende Größe erreicht.

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Abwendung existenzieller Gefahren für die Menschheit durch eine bessere Öffentlichkeitsarbeit?
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Als Lösung existenzieller Gefahren schlägt der Autor eine Verbesserung des Wissenschaftstransfers vor. Damit dürfte er als Zielgruppe vor allem die Politiker und die Bürger, die Politiker wählen, meinen. Jägers Fazit lautet: „Laien müssen so wie Wissenschaftler lernen, auf intellektuelle Disziplin und Redlichkeit zu setzen. Die wissenschaftlichen Tugenden sind sehr mächtige Werkzeuge, die zukünftigen Herausforderungen zu meistern. Dass uns das gelingt, wird über das Überleben unserer Art entscheiden“ (312).

Auch wenn man den Alarmismus von Jäger und Harari nicht in allen Punkten zu teilen vermag, die von ihnen aufgezeigten Gefahren sind immens und die sehr wahrscheinlich eintretenden Kollateralschäden sehr hoch. Wenn Jäger allerdings zur Vermeidung der Katastrophe wenig mehr empfiehlt, aus wissenschaftlichen Laien – etwa durch eine bessere Informationspolitik? – Semi-Wissenschaftler zu machen, so mutet das in den Jahren des Aufstiegs von Sozialen Medien, Filterblasen und Fake News naiv an. Viele Menschen wollen vor allem emotionale Bedürfnisse befriedigen und ziehen die vermeintliche Sicherheit von Dogmen einer Wissenschaft vor, die gerade nicht auf Emotionalität bauen will und immer die Vorläufigkeit ihrer Ergebnisse betonen soll. Was die Politiker angeht, die vor allem wiedergewählt werden wollen, so sind sie mindestens zum Teil eine abhängige Variable der sie wählenden Bürger. Auch bedarf es zur Lösung der obigen Probleme Beiträge aus nicht-wissenschaftlichen. Zum Beispiel benötigen wir staatsmännische Kunst, Unternehmertum und Hintanstellung kurzfristiger eigener Interessen seitens der Bürger.

Allerdings ist zugunsten von Jäger zu sagen, dass Alternativen zu seinem Vorschlag – etwa die Stärkung von Nicht-Regierungsorganisationen? – rar sind.
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Die Merkmale wissenschaftlichen Denkens – Spitzenwissenschaftler als Popstars.
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Jäger fragt, was das wissenschaftliche Wissen ausmacht und wie es sich in den „Sternstunden der Wissenschaft“ weiterentwickelte. Das Buch besteht vor allem aus Lebensläufen von Wissenschaftlern und Anwendern wissenschaftlichen Wissens beispielsweise von Abälard über Gutenberg bis Newton, Leibniz und Immanuel Kant. Dabei steht meistens im Fokus, wie diese großen Männer das wissenschaftliche Denken weiterentwickelten bzw. vollständiger machten, bis es zunächst in Europa und dann weltweit – wenn auch nur vermeintlich - an allen Fronten gesiegt hatte. Beispielsweise war Galileo Galilei der erste, der es zunächst in der Astronomie schaffte, systematische Experimente und mathematische Beschreibung miteinander zu verzahnen (205).

Jäger fragt ferner, was das wissenschaftliche Denken ausmacht, wo es insbesondere aktuell bedroht ist und warum es eine Reihe von Hochkulturen nicht schafften, ein wissenschaftliches Denken zu entwickeln und Institutionen als Heimstatt für das wissenschaftliche Denken (zum Beispiel Universitäten und Forschungsinstitute) zu schaffen. Oder die Hochkulturen ließen es zu oder wurden etwa durch Invasionen gezwungen, dass Ansätze zum wissenschaftlichen Denken innerhalb ihrer Grenzen zerstört wurden. Was können wir also, fragt Jäger implizit, aus der Geschichte lernen, damit sich das wissenschaftliche Denken weiterhin gegen seine Feinde beispielsweise angesichts des Aufstiegs des neuen Populismus behaupten kann. Das ist in der Tat eine hochrelevante Frage.
Was ist wissenschaftliches Denken? Der Autor fasst dessen Merkmale in vier wesentlichen Tugenden zusammen:

„1. Die Abkehr von Dogmen. Mit einer kompromisslos offenen Einstellung zum eigenen Wissen können zwei Menschen, die nicht dieselbe Auffassung vertreten, das Für und Wider der Argumente abwägen und so der Wahrheit einen Schritt näherkommen. Die Offenheit betrifft auch die Tatsache, dass jederzeit neue Fakten auf den Tisch kommen können, die uns dazu zwingen, unsere Auffassung zu überdenken.

2. Das Vertrauen in die eigenen Wahrnehmungen. Diese Tugend ist eng an die Entdeckung der Individualität gekoppelt. Erst als wir begannen, uns aus dem Machtbereich der Dogmen zu befreien, konnten wir als „Ich“ neugierig sein und vorgegebene Wahrheiten hinterfragen.

3. Das Vertrauen in die unbestechliche Mathematik. Die Mathematik ist die Sprache der Natur, also aller physikalischen Phänomene, die wir beobachten, und ihrer Gesetze. Solange wir uns daranhalten, dass Zwei plus Zwei immer Vier ergibt, haben wir eine Basis der Verständigung.

4. Die Umsetzung von Wissen ins Technologie. … Auch in der vierten Tugend sind wir schon weit gekommen – heutige Lebensumstände in der westlich geprägten Welt sind geradezu paradiesisch im Vergleich zu denen, die vor wenigen Generationen noch geherrscht haben. … Ob unter dem Strich bisher ein Plus oder ein Mimus herausgekommen ist, darüber lässt sich streiten. Doch wir sollten uns einig sein im Bemühen, Technologie in Zukunft zum Wohle aller Menschen einzusetzen“ (297-298).

Jäger weist anhand seiner Beispiele nach, dass sich mit der von ihm gewählten Definition wissenschaftlichen Denkens vielversprechend arbeiten lässt. Sein Verfahren, die Entwicklung und Ausbreitung wissenschaftlichen Wissens an Biographien von bedeutenden Wissenschaftlern deutlich zu machen, ist ein Stück Hagiographie, zumal es nur um „Sternstunden“ der Wissenschaft geht und diese „Sternstunden“ an einzelnen „großen Männern“ verdeutlicht werden (Wissenschaftlerinnen kamen vor dem 18. Jahrhundert nicht vor). Damit werden die strukturellen Faktoren, die die Weiterentwicklung und Verbreitung wissenschaftlichen Wissens begünstigten, allenfalls gestreift und wird auf Stagnationsperioden in der wissenschaftlichen Entwicklung nicht eingegangen. Auch müsste das Buch, das den Tatbestand behandelt, dass die Feinde des wissenschaftlichen Denkens immer wieder auch in den wissenschaftlichen Institutionen vertreten waren, noch geschrieben werden. Noch geht der Autor auf die besonderen Probleme der Geisteswissenschaften ein, die nicht auf Invarianzen oder Naturgesetze zurückgreifen können.

Andererseits sind Jägers Biographien von Wissenschaftlern flüssig zu lesen und machen es dem Leser leichter, sich mit dem wissenschaftlichen Denken und der wissenschaftlichen Entwicklung zu identifizieren. Insoweit sind sie Teil der von Jäger empfohlenen Öffentlichkeitsarbeit. Geht man von den langfristigen Wirkungen dieser Wissenschaftler und Anwender wissenschaftlichen Wissens aus, so müssten eigentlich Gutenberg und Newton unsere Popstars statt Generäle, das Haus Windsor oder Sänger sein. Wenn Jäger auch das außerwissenschaftliche Leben seiner „Helden“ behandelt, so werden damit häufig der gesellschaftspolitische Hintergrund ihrer Zeit und die Widerstände deutlich, gegen die sich die Wissenschaftler durchsetzen mussten. Wir müssen allerdings auf diese Biographien, auch wenn sie den Hauptteil von Jägers Buch ausmachen, nicht im einzelnen eingehen.

Was können wir aus den Kämpfen unserer Spitzenwissenschaftler lernen, ebenso aus dem Prosperieren und Scheitern von Hochkulturen? Das sind letztlich die von Jäger gestellten Fragen. Diese sind im Zeichen einer existenziellen Krise und des Niederganges rationalen Denkens relevanter denn je.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Die Verbreitung und Vervollständigung wissenschaftlichen Denkens - Von den Griechen über die Römer ins „finstere Mittelalter“: Eine Geschichte des Niedergangs - War das Christentum für die Zerstörung wissenschaftlichen Denkens verantwortlich? – Die islamischen Länder und Indien: Vielversprechende Anfänge zunichte gemacht

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„Das Plattformprivileg (der sozialen Medien, Red.) bedeutet, dass eine Plattform das Vorrecht hat, nicht dafür verantwortlich zu sein, was sie verbreitet. Dazu ein unerträgliches, absurdes Beispiel. Wenn ein Schüler in einer Schülerzeitung seinen 500 Mitschülern mitteilt, dass das Mensaessen nach Seife schmeckt und der Unterrichtsausf all eine gute Sache ist, dann muss ein Verantwortlicher im Sinne des Presserechts genannt werden und auch die Druckerei mit Namen und Anschrift.
Wenn derselbe Schüler ein Enthauptungsvideo aus einem Religionskrieg auf einer sozialen Plattform an Tausende Teenager verbreitet, dann ist die einzige Verantwortung der Plattform, dass sie im Fall einer Meldung das Video löscht. Zum Vergleich die Spielregeln für Medien. Sie sind haftbar für alles, was sie veröffentlichen, auch alle Leserbriefe und Anzeigen, und Zeitungen müssen nicht nur löschen, wenn sie Fehler machen, sondern richtigstellen und für Schäden aufkommen. Selbstverständlicherweise! Zur wertvollen Medienfreiheit gehört die Medienverantwortung. Absurderweise gilt das für jede Schülerzeitung, nicht aber für das größte Medium der Welt namens Facebook.
Hier ist ein rechtsfreier Raum entstanden, der Freiheit und Verantwortung entkoppelt mit all den Verwerfungen, die wir von Brasilien bis Brexit beobachten können. Es ist noch schlimmer. Hass lohnt sich. Hassbotschaften sind emotionaler, führen zu mehr Reaktionen und Verweildauer und damit zu mehr Einnahmen.

Liebe Medienpolitiker, bitte ändern Sie das. Auch asoziale Medien sind Medien und sollten damit dem Presserecht unterliegen. Es gibt eine einfache Forderung: Gleiches Presserecht für alle Medien. Punkt.

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