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Open Password - Mittwoch, den 12. Mai 2021

# 921
vfm-Frühjahrstagung – Digitalisierung – Abschaffung der Journalisten – Agile Organisation und Entwicklung – Willi Bredemeier – Virtuelle Veranstaltungen – Corona – Echtzeit-Umfragen – Informelle Räume - Karin Bjerregaard Schlüter – Universität der Künste – Automatisierte Routinen – Medienhäuser – Realtime-Analytics – Künstliche Intelligenz – Neue Produkte – Kundenwünsche – Rudolf Augstein – Automatisierung – One to Many – Many to Many – Produktionsmittel – Disintermediation – Airbnb – Uber – Neue Plattformen – Umschichtung von Werbemitteln – Gruner + Jahr - SPIEGEL – RTL – SWR – Stefan Doganay – Jasmin Baumgartner – Christina Bouche – Theorien mittlerer Reichweite -
Leaders of Tomorrow – Pandemie – Politik – Soziale Medien – Mitbürger – Vertrauensgewinne – Gesundheitssystem – Wissenschaft – Nürnberg Institut für Marktentscheidungen – St. Gallen Symposium – Tageszeitungen – Öffentliches Fernsehen - Nachrichtenmagazine – Fake News – KI und Ethik - Big Tech und die Pandemie – Gesundheitsmapping – Felix Maschewski – Anna-Verena Nosthoff – Luxemburg, Gesellschaftsanalyse und linke Praxis – Gesundheitsmapping – Tim Cook – Google – Gesundheitsdaten – Health Study – Verily – Baseline – Healthy at Work – Google Covid-19-Community Mobility Report – Apple – Apple Watch – Citizen Scientists – Schnittstelle für Tracing Apps – Facebook – Fake News – Data for Good – Facebook Messenger – Prädiktive Modelle – Amazon – Amazon Care – Halo – Affective Computing – GAFA



I.
Titelgeschichte:
vfm-Frühjahrstagung- Die Keynote: Schafft die Digitalisierung die Journalisten ab?

II.
Leaders of Tomorrow: Vertrauensverluste in der Pandemie
bei Politik, Soziale Medien und Mitbürger -
Vertrauensgewinne für
Gesundheitssystem und Wissenschaft


III.
Über den Tellerrand:
Big Tech kartiert die Terra Incognita unseres Körpers - Die Pandemie als Beschleuniger des Gesundheitsmappings






Björregard Schlüter
Prof. Karin Bjerregaard Schlüter

vfm-Frühjahrstagung:
Die Keynote


Schafft die Digitalisierung die Journalisten ab?


Oder ist agile Organisation und Entwicklung
ein Teil der Lösung?

Von Willi Bredemeier

vfm-Frühjahrstagung „Große Freiheit oder Quarantäne – Agile Mediendokumentation in Zeiten von Corona.

Die Evolution virtueller Veranstaltungen schreitet voran, wie auch die vfm-Frühjahrstagung zeigte, die nach einem Jahr Unterbrechung wegen Corona wieder stattfand. So ließ sich eine Umfrage unter den Teilnehmern, ob „agiles Arbeiten“ für den eigenen Laden wünschenswert sei, in Echtzeit in Form von Blockdiagrammen am eigenen PC miterleben (wobei sich eine überwältigende Mehrheit für „wünschenswert“ abzeichnete). Teilnehmer konnten sich in informellen Räumen, die beispielsweise „Kaffeetheke“ oder „Raucherecke“ genannt wurden, zurückziehen und sich dort mit bestimmten Personen, mit denen sie sich zuvor über die Chat-Funktion verabredet hatten, treffen. Früh zeichnete sich eine Frühjahrstagung ab, die erfolgreich sein würde, zumindest was die Teilnehmerzahlen ausgeht. So nahmen an den Veranstaltungen des ersten Tages circa 225 Personen teil, eine Zahl, die sich in branchenrelevanten Präsenzveranstaltungen nur schwer erreichen lässt.

In ihrer Keynote sprach Prof. Karin Bjerregaard Schlüter von der Universität der Künste Berlin über das Thema „Der digitale Wandel und sein Einfluss auf die Bedeutung, die Aufgaben und die Arbeit von Medienhäusern“. Menschen seien Gewohnheitstiere, stellte Frau Schlüter fest, die sich nur ungern von liebgewonnenen Routinen lösten. Das könne nicht anders sein, da viele menschliche Handlungen automatisiert abliefen und aus Kapazitätsgründen so ablaufen müssten. Wie wichtig dies sei, habe man gerade wegen Corona erfahren, als man völlig neue Routinen habe einüben müssen, was sehr anstrengend gewesen sei und zu totalen Erschöpfungen geführt habe. Sie selbst sei zunächst zu den virtuellen Konferenzen immer wieder zu spät gekommen und habe einmal sogar ihren Computer vergessen.

Was allgemein gelte, treffe in gleicher Weise für Medienhäuser zu. Medienhäuser? Das sei auch so ein gewohnheitsmäßig verwendeter Begriff („Ich gehe jetzt ins Studio“), den man im Zuge der Digitalisierung womöglich aufgeben sollte. Ja, früher, da hatte das Medienhaus ein Medienhaus zu sein, in dem die Druckmaschinen donnerten oder Paläste rund um die Studios zur Produktion von Radiosendungen entstanden waren und das zusätzlich zur Funktion als Produktionsstätte weitere Funktionen wie das Gewinnen von Reputation und das Binden von Kapital zu erfüllen hatten. Zudem hatte jeder Mitarbeiter dort seinen festen Arbeitsplatz und hatte man seine Arbeitspflichten nachweisbar erfüllt, wenn man seiner Präsenzpflicht nachgekommen war. Heute seien am Begriff und an der Realität „Medienhaus“ angesichts einer Reihe von Trends Zweifel geboten:
Realtime-Analytics. Erfolgskontrollen waren auch früher möglich und üblich, beispielsweise über Abonnementzahlen, Werbeumsätze und Veränderungen von Marktanteilen. Neuhinzugekommen sind jedoch Analytics etwa von Klicks oder Kommentaren in Chats und Sozialen Medien in Realtime, auf die in Echtzeit reagiert werden kann und eventuell sogar muss.

Nachrichten wurden früher ausnahmslos von Journalisten verfasst. Heute können Verkehrsnachrichten, Sportberichte, Teile der Wirtschaftsnachrichten (beispielsweise aktuelle Entwicklung der Börsenkurse) und weitere Bereiche der Berichterstattung weitgehend von Bots übernommen werden. Das geschieht auch bereits und geschieht nicht nur schneller, sondern womöglich auch richtiger und differenzierter (letzteres unter Rückgriff auf die eigenen Datenbanken). Oder die Ersetzung der Journalisten durch Bots bleibt zumindest vorläufig eine partielle, indem der Journalist als Redakteur seines Roboters fungiert. Wenn Künstliche Intelligenz bereits ansprechende Lyrik generieren kann, wie weit ist es dann bis zur Übernahme der Kommentarspalten?
Die Produkte verändern sich, „weil sie die Ideen des Kunden bereits in sich tragen“. Wenn Journalisten sehr rasch erfahren, welche ihrer Schlagzeilen und welche ihrer Geschichten sich nach Klicks besonders bewährt haben, werden sie nicht lernen, sich immer besser nach den Wünschen ihrer Kunden zu richten und entsprechend zu schreiben? Das ist nicht nur technisch möglich und im wirtschaftlichen Interesse des Trägermediums. Es führt vielmehr auch zu der Frage, ob nicht nur die Parlamente, sondern auch die Medien um Elemente der repräsentativen Demokratie angereichert werden sollten. Jedenfalls gehört eine weitgehende Befolgung der Kundenwünsche zu den durchaus explizit gemachten Erwartungen der Redaktionsleitung und des Managements und würde man Rudolf Augsteins Aussage „Wir schreiben, was wir selbst gern lesen würden“ heute nicht mehr durchlassen.

Immer mehr Prozesse in „Medienhäusern“ unterliegen einem Prozess der Automatisierung. Das gilt in gleicher Weise für die Verwaltung wie für die Redaktion. Je mehr Bereiche aber automatisiert werden, desto mehr werden „Häuser“ und „(Arbeits-)Plätze“ durch Cyberspace ersetzt, indem Geschichten überall und ohne feste Standorte produziert, kollaborativ geteilt und vertrieben werden.
Früher gab es zwischen Journalisten und Lesern keine Kommunikation. Die „Leserbriefe“ dienten allenfalls als Feigenblatt, und wenn Frau Schlüters Oma sich darüber aufregte, dass die Medien zu gut über Boris Becker berichteten, erwartete sie von der Redaktion auch gar keine Antwort. Heute hat sich das Geschäftsmodell „One to many“ mit dem Aufstieg der Sozialen Medien und dem Aufstieg der Leser zu Informationsproduzenten in das Modell „Many to many“ verwandelt und akzeptiert der Leser nicht mehr, wenn der Journalist ihm nicht antwortet. Versucht der Journalist dennoch, mit einem Schweigen durchzukommen, läuft der Gefahr, zum Objekt eines Eskalationsprozesses werden, der binnen kurzem zu einem Shitstorm führen kann.

Oder gehen wir mit der Übernahme der Produktionsmittel durch die Kunden einem Modell „Many to many minus one“, also einer Nachrichtenproduktion ohne Journalisten, entgegen? Hier hatte Frau Schlüter ein schönes Beispiel parat. Der Fernsehsender berichtete „vor Ort“ über die laufende Corona-Impfkampagne, nämlich vor den Toren eines Impfzentrums. Währenddessen weilten jedoch vor der Impfung Stehende und gerade Geimpfte innerhalb des Impfzentrums und tweeteten, was dort geschah, aus persönlicher („authentischer“) Erfahrung. Gleichzeitig stellte sie dazu ihre Bilder zum Geschehen im Impfzentrum ins Netz. Hätte hier das Fernsehteam einen guten Grund, von der überlegenen Qualität der eigenen Sendung gegenüber den Geschichten der „Medienlaien“ zu sprechen? Die hier angesprochene die Digitalisierung begleitende „Disintermediation“, das heißt, die bisherigen Player aus dem Spiel zu nehmen, gilt generell, trifft also nicht nur die Redaktionen, sondern auch die Hotels (zum Beispiel durch Airbnb) und das Taxigewerbe (durch Uber).

Auch die Medienhäuser von früher hätte man als Plattformen bezeichnen können. Aber die Digitalisierung begünstigte den Aufstieg neuer Plattformen mit anderen Gesetzmäßigkeiten und sehr hohen Nutzungsversprechen. Damit ging ein Wandel von geschlossenen Medienmärkten zu offenen weltweiten Märkten einher. Die neuen Plattformen müssen die alten Medien nicht zwangsläufig verdrängen, aber die Drohung als solche besteht. Auch haben bereits Schritte zu einer solchen Verdrängung stattgefunden, insbesondere die Umschichtung von Werbemitteln zu Gunsten von Google, Facebook und Co.

Sind nicht nur die Journalisten, sondern auch die Mediendokumentare von der Digitalisierung bedroht? Dem ist so, auch wenn Frau Schlüter darauf nicht in Einzelheiten einging. Wiederholt wurde auf der Tagung an die bevorstehende Schließung der Mediendokumentation von Gruner + Jahr erinnert, wenngleich diese ähnlich wie die SPIEGEL-Dokumentation Branchenvorbild war und Branchengeschichte geschrieben hat. Wohl will sich G+J künftig nicht von Robotern, sondern von „externen Quellen“ abhängig machen. Aber die Meinung, dass die eigenen Dokumentare abkömmlich seien, wurde deutlich zum Ausdruck gebracht.

Was ist zu tun, um durch die sich abzeichnenden Trends nicht verdrängt zu werden? So gut Frau Schlüter die Herausforderungen der Digitalisierung für die „Medienhäuser“ charakterisiert haben mochte, hier blieb sie im Vagen. Man müsse innehalten und reflektieren, was gewinnbringend weiterbetrieben werden könne und worauf man in Zukunft verzichten müsse. Wie sich allerdings in der folgenden Sitzung „Agile Organisation und Entwicklung“ an den Beispielen RTL und SWR zeigte, musste man sehr schnell sehr konkret werden, um erfolgversprechendes Arbeiten unter den Bedingungen der Digitalisierung zu ermöglichen (Stefan Doganay, RTL News, Köln, Agiles Arbeiten im Content Management bei RTL News – Jasmin Baumgartner und Christina Bouche, SWT, Baden-Baden und Mainz, Reinventing IDA – Wie und warum Mitarbeiter:innen ihre HA umgestalten). Dazwischen, also zwischen den allgemeinen Tendenzen, wie sie Frau Schlüter beschrieb, und den schier unendlich erscheinenden konkreten Bedingungen und Gestaltungsmöglichkeiten, wie sie bei RTL und SWR vorgefunden und weiterentwickelt bzw. ersetzt wurden, mangelt es an „Theorien mittlerer Reichweite“.

Mehr zur vfm-Frührjahrstagung in Kürze.
Leaders of Tomoroow
Leaders of Tomorrow

Vertrauensverluste in der Pandemie
bei Politik, Soziale Medien und Mitbürger

Vertrauensgewinne für
Gesundheitssystem und Wissenschaft

(NIM) In der COVID-19-Pandemie zeigt sich deutlich die Gefährlichkeit von Fake News. Doch wem vertrauen, wenn es um die Vermittlung von Fakten und Einschätzungen geht? Für junge Toptalente und Nachwuchsführungskräfte ist klar: Falschinformationen sind vor allem in sozialen Netzwerken zu finden. Sie sind der Ansicht, dass ihre eigene Generation den sozialen Medien zu sehr vertraut, anstatt etwas zur Bekämpfung von Fake Facts zu unternehmen. Generell sehen sie das Problem, dass die Grenze zwischen objektiven Tatsachen und subjektiven Meinungen immer mehr verschwimmt. Dies sind Ergebnisse der diesjährigen Studie "Voices of the Leaders of Tomorrow - Challenges for Human Trust in a Connected and Technology-Driven World" des Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) und des St. Gallen Symposiums.
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Leaders of Tomorrow sehen die eigene Generation kritisch.
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Die für die Studie befragten 620 Nachwuchsführungskräfte, Jungunternehmer und Studierende aus dem Netzwerk des St. Gallen Symposiums stammen aus 84 Ländern und sind überwiegend nach 1990 geboren. Diese Generation ist mit sozialen Medien und einer Vielzahl an Medienangeboten groß geworden - und übt gleichzeitig auffallend starke Kritik an der Vertrauenswürdigkeit von Social-Media-Kanälen: 90 Prozent der jungen Toptalente antworten, dass Fake News ihrer Meinung nach vor allem bei Facebook, Twitter und Co. kursieren. Klassische Medien, wie beispielsweise Tageszeitungen, stehen bei ihnen in der aktuellen COVID-19-Pandemie mit Abstand an der Spitze, wenn es um vertrauenswürdige Mediengattungen geht: Über zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie in Tageszeitungen nur zuweilen beziehungsweise nie Falschinformationen wahrnehmen. Auf den Plätzen zwei und drei rangieren Nachrichtensendungen bei öffentlichen TV-Sendern und Nachrichtenmagazine.

Die Grenze zwischen objektiven Tatsachen und subjektiven Meinungen verschwimmt immer mehr, so die Meinung der Leaders of Tomorrow. Auch in diesem Kontext sehen und bemängeln sie die Arglosigkeit und Trägheit der eigenen Generation, die ihrer Meinung nach den sozialen Medien ein zu hohes Vertrauen entgegenbringt: 53 Prozent halten den blinden Glauben junger Menschen an die Nachrichteninhalte auf Social-Media-Kanälen für ein großes Problem und 75 Prozent stimmen der Aussage zu, dass ihre Generation zu wenig zur Bekämpfung von Fake Facts unternimmt. In etwa genauso viele sind der Ansicht, dass die meisten Online-Firmen und Plattformanbieter nicht genug tun, um Fälschungen und gefälschte Bewertungen zu kennzeichnen oder zu verhindern.

Auch wenn es um Werte und die Haltung gegenüber neuen Technologien geht, äußert sich der Führungsnachwuchs in der Studie kritisch gegenüber der eigenen Generation: 66 Prozent sind der Überzeugung, dass ihre Altersgenossen zu wenig Wert auf ethische Standards legen. Und knapp unter 60 Prozent der Befragten bewerten die Haltung gegenüber neuen Technologien, wie z.B. künstlicher Intelligenz (KI), für zu unkritisch.

Da neue Technologien auch in Zukunft enorme digitale Möglichkeiten schaffen werden, halten die Leaders of Tomorrow eine Reihe von Maßnahmen für notwendig bzw. sehr dringend, um das Vertrauen in die Technik zu stärken: Diese reichen von einer höheren Transparenz, wie die persönlichen Daten der Nutzer verwendet werden, über eine umfassende Bildung der Menschen zu Risiken und Chancen von Technologien bis hin zur Einrichtung und Stärkung von Aufsichtsbehörden.
Gefragt, welche Institutionen und Gruppen in der aktuellen COVID-19-Pandemie an Vertrauen gewonnen beziehungsweise verloren haben, verzeichnen Politiker und Regierungen mit 64 Prozent bei den Toptalenten den stärksten Vertrauensverlust, gefolgt von den sozialen Medien. Fast 60 Prozent geben an, dass ihr Vertrauen in Social Media leicht oder sogar deutlich gesunken ist. Knapp die Hälfte berichtet, dass ihr Vertrauen in ihre Mitbürger während der Pandemie gelitten hat. Klare Vertrauensgewinner sind das medizinische Personal, wie Ärzte und Krankenpfleger, sowie die Berufsgruppe der Wissenschaftler: 68 Prozent beziehungsweise 63 Prozent geben an, dass beide Gruppen bei ihnen im Laufe der Pandemie Vertrauen gewannen.

Über den Tellerrand:
Big Tech und die Pandemie (47)


Big Tech kartiert die Terra Incognita
unseres Körpers
Die Pandemie als Beschleuniger
des Gesundheitsmappings

Felix Maschewski und Anna-Verena Nosthoff, Big Tech und die Pandemie – Smarte Retter in der Not?, in: Luxemburg – Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, April 2021. Die Autoren gehen davon aus, dass „Big Tech die Welt als auslesbare Karte versteht. Wurden bereits jede Straße, jeder Hügel und jedes Haus erfasst, jedes Buch und Foto ins Digitale übersetzt, wird seit geraumer Zeit auch unser Verhalten immer eindringlicher datafiziert und aggregiert, seine Muster analysiert. Karten sind dazu da, sich zu orientieren und zu navigieren, sie machen die Welt gangbar, aber auch beherrschbar. Der Gesundheitsmarkt soll 2025 ein Volumen weltweit von 979 Milliarden Dollar, in Deutschland von knapp 57 Milliarden Dollar erreichen. Es überrascht daher nicht, dass die Digitalkonzerne „zuletzt vor allem den menschlichen Körper als Terra incognita ausmachten“. Apple-CEO Tim Cook antwortete 2019 „nahezu stellvertretend für das Silicon Valley auf die Frage, was der wichtigste Beitrag seines Unternehmens für die Menschheit sein solle: „die Gesundheit“.

Einer der avanciertesten Player im Geschäft des Gesundheitsmapping ist Google. Zuletzt konzentrierte dieser sich „vor allem auf die Entwicklung von Algorithmen, mit denen Krankheitsverläufe von Patienten vorhergesagt, die Bettenbelegungen besser organisiert werden sollen.“ Google ging Kooperationen mit externen Gesundheitsdienstleitern ein, über die - häufig ohne das Wissen der Patienten - Millionen von Datensätzen über Krankheitsverläufe erworben wurden. In der „Health Study“ der Google-Tochter Verily werden seit 2018 „10.000 Menschen über vier Jahre hinweg mit sogenannten Study Watches (ausgestattet), um sämtliche (In-)Aktivitäten (von der Schrittzahl bis zur Schlafqualität) zu tracken. Zugleich sollen die Probanden kontinuierlich Fragebögen ausfüllen, Checkups in Kliniken und Tests – vom Seh- bis zu Gehtest – absolvieren, die dem Konzern Einblick in alle Bereiche des Lebens (und Sterbens) eröffnen.“ Im Projekt „Baseline“ wurden bis Februar 1,7 Millionen Amerikaner auf Corona getestet. Mit „Healthy at Work“ wird ein beständiges Covid-19-Screening von Belegschaften angeboten. In „Google Covid-19-Community Mobility Reports“ werden auf der Basis von Standortdaten der Smartphonebenutzer die aktuellen Bewegungstrends der Bevölkerung wiedergegeben. Diese dienen dazu, „mögliche Risikogebiete der Ansteckung evidenzbasiert zu lokalisieren und zu eruieren, inwiefern Maßnahmen zur Kontakteinschränkung greifen oder nicht.“

„Neben Googles Fitbit nimmt vor allem die Apple Watch eine Schlüsselposition am Handgelenk ein, ermöglicht es seinen Nutzern (doch), zu Citizen Scientists zu werden und via App persönliche Daten - von der täglichen Aktivität bis zum Schlafrhythmus – zur Früherkennung von Covid-19 zu spenden.“ Über Apples Research-App ist das Spenden der eigenen Daten zur Erforschung weiterer Daten möglich. Sowohl Google als auch Apple machten eine „eigens entwickelte Schnittstelle (verfügbar), die einen fast dezentralen, anonymisierten Datenaustausch via Bluetooth möglich macht und heute den Standard für fast sämtliche nationale Tracing-Apps in Europa bildet“.

Facebook „hat ein Corona-Virus-Impfzentrum für den Newsfeed entwickelt und konsequenter als je zuvor Fake News – vor allem bei Impfungen – bekämpft“. Das Unternehmen machte eine Plattform verfügbar, auf der täglich 50.000 Menschen den Forschern zweier Universitäten berichten, damit der Virus getrackt werden kann. Unter dem Motto Data for Good erfassen Apps, „wie der Bewegungsradius und die sozialen Kontakte zur Verbreitung des Corona-Virus beitragen, ob die Ausgangsbeschränkungen greifen oder neue Maßnahmen zu empfehlen sind“. Beispielsweise mit Facebook Messenger werden die jeweiligen Standortdaten in Echtzeit erfasst, um „so prädiktive Modelle zu erstellen, die den Verlauf der Krise prognostizieren“.

Zunächst nur für die eigene Belegschaft im Großraum Seattle hat Amazon „Amazon Care“ geschaffen. „Via Chat oder Videocall können sich die Mitarbeiter jederzeit von Ärzten diagnostischen Rat holen, gegebenenfalls Haustermine vereinbaren oder sich direkt beim … Arbeitgeber betreuen lassen.“ Der Fitnesstracker Halo „kann nicht nur Schritte zählen, den Pulsschlag oder die Hauttemperatur messen, es ermöglicht auch eine Körperfettanalyse über eine Art 3-D-Scan“. Dafür müssen sich die Nutzer „halb nackt fotografieren und die Fotos in die Amazon Cloud hochladen. … Auch die Stimme soll via Mikrofon aufgezeichnet werden, um via affective computing sowohl Rückschlüsse auf die emotionale Verfasstheit seines Trägers zu ziehen als auch seine Wirkung auf Fremde aufzuzeigen.“

Bei allen diesen Aktivitäten hat die Pandemie als Beschleuniger von Wandlungsprozessen fungiert, „die bereits vor ihr einsetzten, nun jedoch noch konzentrierter verfolgt werden.“ Dabei präsentieren sich die Smart-Tech-Unternehmen als „smarte Heilsbringer…, die häufig jenseits des staatlichen Zauderns Aufgaben übernehmen und ohne demokratische Abwägungsprozesse agieren. … Was während der Pandemie verständlich, vielleicht notwendig erscheint, kann schnell eine neue Dynamik entfalten. Wenn es nach GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) geht, haben sie noch nie genug Daten gesammelt, wissen sie stets zu wenig, was die Welt und uns im Innersten zusammenhält.“

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