Der mittlerweile weit fortgeschrittene Abbruch

der Fachinformationseinrichtungen

setzt sich fort

 

Keine Fortsetzung der Förderung,

obgleich vier von fünf Arbeitsbereichen

rundum positiv bewertet wurden

 

Sollen nur Forschungsleistungen

für wissenschaftliche Bibliotheken relevant sein?

 

Der Senat der Leibniz Gemeinschaft hat heute entschieden, die Zentralbibliothek für Medizin abzuwickeln. Der mittlerweile weit fortgeschrittene Abbruch der Fachinformationseinrichtungen, die einmal einen deutschen Sonderweg in der Informationspolitik sicherstellen sollten, setzt sich fort.

 

Die Entscheidung des Senates steht im Widerspruch zu dem Bewertungsbericht seiner Gutachter. Damit drängen sich weitgehende Parallelen zu der seinerzeitigen Abwicklung des Fachinformationszentrums Chemie auf, als der Senat gleichfalls eine Weiterförderung im Widerspruch zu der eigenen Bewertungskommission ablehnte. Abermals gelangt der Senat zu seiner Entscheidung, weil er das Kerngeschäft von Fachinformationszentren und wissenschaftlichen Bibliotheken gering schätzt und die Weiterförderung praktisch ausschließlich von deren Forschungsleistungen abhängig macht. Das allerdings ist ein illegitimes Kriterium und wird daher nicht offen kommuniziert.

 

Begründet wird dies damit, dass es ZB MED in den vergangenen Jahren trotz einiger Teilerfolge nicht in dem notwendigen Maß gelungen sei, sich auf die erheblichen Veränderungen im Fachinformationswesen einzustellen.

Weitere Informationen dazu gibt es in der Pressemitteilung der Leibniz-Gemeinschaft

___________________________________________________________________________

 

Senat der Leibniz Gemeinschaft stellt sich abermals in ausdrücklichem Gegensatz zu den Bewertungen seiner Gutachter.

___________________________________________________________________________

 

Der Senat der Leibniz Gemeinschaft stellt sich mit seiner Entscheidung in einen ausdrücklichen Gegensatz zu den Bewertungen seiner Gutachter. Sehen wir uns deren Bewertungen nach den einzelnen Programmbereichen der ZB MED an:

 

ZB MED ist in fünf Programmbereiche gegliedert. Der Programmbereich 1 wird ab 2016 in zwei Förderbereiche aufgeteilt (1a und 1b).

 

Wie wurden diese (ab 2016 bestehenden) fünf Programmbereiche beurteilt? Dazu steht im Bewertungsbericht (Seite 11):

 

"Im PB 1a „Bestandsentwicklung“ werden die Arbeiten im Bereich der Bestandsentwicklung als „gut“ bewertet. Die zwei neuen Abteilungen „Lizenzen“ und „Digitale Langzeitarchivierung“ befinden sich noch im Aufbau.

 

Im PB 1b „Open-Access-Publizieren und -Beraten“ sind die Arbeiten rund um das neue Publikationsportal PUBLISSO angesiedelt, sie werden als „sehr gut“ bewertet.

 

Im PB 2 „Bereitstellung von Informationsdiensten“ wird das Suchportal LIVIVO betreut. Mit Blick auf die technische Architektur wird LIVIVO als „sehr gut“ bewertet. In Bezug auf die Marktpositionierung besteht jedoch noch Klärungsbedarf. ...

 

Im PB 3 „Volltextversorgung“ werden die Arbeiten im Bereich der Volltextversorgung als „gut“ bewertet. Auf Grund der sinkenden Auftragszahlen in der Volltextversorgung (Dokumentenlieferung) wurden Personalkapazitäten frei, die ZB MED zum weiteren Ausbau des Bereichs der Digitalen Sammlungen genutzt hat. Daran anknüpfend wird ein Bereich Themenportale (interaktive Orte, die Wissen zu bestimmten Themenbereichen bündeln) aufgebaut. Die Arbeiten im Bereich der Digitalen Sammlungen und der Themenportale sind interessant und können als Keimzelle für weiterführende Projekte dienen. ...

 

Der PB 4 „Anwendungsorientierte Forschung und Innovation“ befindet sich derzeit noch im Aufbau."

 

Halten wir fest: Von fünf Programmbereichen werden vier mit "sehr gut" oder "gut" bewertet,, während für einen weiteren Programmbereich ("derzeit noch im Aufbau") zunächst keine Zensur vergeben wurde. Dies wird in einer Gesamtbeurteilung für die Programmbereiche 1 - 3 noch einmal ausdrücklich bestätigt (Seite 25):

 

"Der Direktor der ZB MED organisiert die Bearbeitung und Modernisierung des klassischen Kerngeschäfts sehr gut. Die ZB MED profitiert auch sehr von der hohen Kompetenz in den fünf Dezernaten."

 

Demnach müsste die Weiterförderung der ZB MED sichergestellt sein, es sei denn, der Stand des Programmbereiches "Anwendungsorientierte Forschung und Innovation" ist doch kritisch zu sehen und dieser Bereich ist wesentlich wichtiger als alle anderen Programmbereiche zusammen. Dieser Ansicht können die Mitglieder der Bewertungsgruppe unmöglich gewesen sein, zumal sechs von 13 Mitgliedern aus dem Bibliotheksbereich kommen und die Deutsche Nationalbibliothek sowie die Bibliotheken der Medizinischen Universität Wien und der Universitäten Dresden, Tübingen, Göttingen und Freiburg auch nicht und schon gar nicht ausschließlich nach ihren Forschungsleistungen bewertet werden.

 

Wir kommen auf den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED zurück.

Ihr Statement zur Abwicklungsempfehlung der ZB MED? Wir freuen uns im Kommentarbereich über Ihre Meinung!

 

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf "Open Password" - alles elektronisch und alles kostenfrei - um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.