Zur Abwicklung von ZB MED (1)

119 Mitarbeiter schwer getroffen
Abwicklungsprozess bis 2018/2019

In der Nacht zum Freitag wandte sich der Direktor der ZB MED, Ulrich Korwitz, kurz vor Mitternacht (23.13 Uhr) an einen Teil der Informationsbranche und teilte ihm den Abwicklungsbeschluss des Senates der Leibniz Gemeinschaft mit:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es fällt mir sehr schwer, Ihnen das Folgende mitzuteilen, aber es muss sein:

Der Senat der Leibniz-Gemeinschaft hat soeben beschlossen, Bund und Ländern zu empfehlen, ZB MED ab 2017 nicht mehr gemeinsam zu fördern. ZB MED als von Bund und Ländern geförderte Einrichtung wird damit in spätestens 3 ½ Jahren abgewickelt werden. ...

Die Entscheidung trifft alle 119 Kolleginnen und Kollegen in ZB MED schwer. Wir werden die Situation zusammen mit dem Ministerium in Ruhe analysieren und mögliche Konsequenzen betrachten. Der Abwicklungsprozess streckt sich bis mindestens Ende 2018, wahrscheinlich sogar bis Ende 2019 hin. Es wird Alternativen zum jetzigen Status geben.

Mit bestem Gruß Korwitz

Zur Abwicklung von ZB MED (2) 

Die Informationsversorgung wird sich
drastisch verschlechtern 

Wissenschaftler mit ihren Publikationswünschen
im Regen stehen gelassen 

Am Freitag wandte sich Ulrich Korwitz ein weiteres Mal an eine nunmehr breitere Öffentlichkeit:  

Mit großer Bestürzung hat ZB MED - Leibniz-Informationszentrum Lebenswissenschaften erfahren, dass der Senat der Leibniz-Gemeinschaft das Ende der Finanzierung durch Bund und Länder empfohlen hat. ...

Begründet wird dies damit, dass es ZB MED in den vergangenen Jahren trotz einiger Teilerfolge nicht in dem notwendigen Maß gelungen sei, sich auf die erheblichen Veränderungen im Fachinformationswesen einzustellen.  In der Begründung durch den Senat der Leibniz-Gemeinschaft wird verkannt, dass sich ZB MED mit digitalen Angeboten auf dem nationalen oder internationalen Markt behauptet.

Die Nachricht kommt für alle 119 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter völlig überraschend und ist unverständlich. Noch im Juni 2015 hatte eine Bewertungskommission ZB MED sehr gute und gute Arbeit attestiert und Anregungen zur Stärkung der Forschungsaktivitäten gegeben. In gemeinsamer Berufung mit der Universität zu Köln war 2015 eine W3-Professur zur Leitung von ZB MED ausgeschrieben worden; das Berufungsverfahren ist weit gediehen und mit der Ruferteilung war Mitte März 2016 zu rechnen. Gemeinsam mit der Universität Bonn war eine W2-Professur für Wissenserschließung zur Ausschreibung gelangt; eine Ruferteilung war für Mitte April vorgesehen. Dieser Ausbau der Forschungsaktivitäten wird durch die Empfehlung der Leibniz-Gemeinschaft gestoppt. Insofern ist die Begründung für die Schließung von ZB MED völlig unverständlich.

In anderen Fällen hat man Instituten in gleicher Situation (Leitungswechsel) eine vierjährige Bewährungschance eingeräumt.ZB MED stellt mit seinen vielfältigen Aktivitäten die überregionale Informationsversorgung in den Lebenswissenschaften, vor allem der Medizin, sicher. Dies leistet ZB MED seit 43 Jahren mit großem Erfolg. 2.700 Zeitschriften befinden sich allein in ZB MED und sonst nirgendwo in Deutschland. Die Informationsversorgung wird sich mit der Abwicklung von ZB MED drastisch verschlechtern. Wie sich dies auf Wissenschaft, Forschung und Krankenversorgung auswirken wird, ist unabsehbar.

Das Schicksal von fruchtbaren Kooperationen mit wissenschaftlichen Gesellschaften und Forscherinnen und Forschern - ZB MED ist sehr erfolgreicher Open-Access-Publikationspartner - ist offen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden mit ihren Publikationswünschen im Regen stehen gelassen. Vor allem ist das berufliche Schicksal der 119 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab 2017 ungewiss. Die meisten von ihnen werden vom Land NRW unterzubringen sein, leider gilt das aber nicht für alle. Mit der Einstellung der Förderung von ZB MED wird die Wissenschaftslandschaft in Deutschland um eine bedeutende und anerkannte Einrichtung ärmer...

Zur Abwicklung von ZB MED (3)

Open Password: Leibniz-Senat entscheidet
in ausdrücklichem Gegensatz
zu Empfehlungen seiner Bewertungskommission

Mumenthaler: Vorgaben der Evaluierung
von vornherein nicht zu erfüllen

Open Password berichtete, dass sich der Senat der Leibniz Gemeinschaft gegen die Empfehlungen seiner Bewertungskommission für eine Abwicklung von ZB MED entschieden hat. In einer ersten Analyse schrieben wir:

"Halten wir fest: Von fünf Programmbereichen werden vier mit „sehr gut“ oder „gut“ bewertet,, während für einen weiteren Programmbereich („derzeit noch im Aufbau“) zunächst keine Zensur vergeben wurde. Dies wird in einer Gesamtbeurteilung für die Programmbereiche 1 – 3 noch einmal ausdrücklich bestätigt (Seite 25):

„Der Direktor der ZB MED organisiert die Bearbeitung und Modernisierung des klassischen Kerngeschäfts sehr gut. Die ZB MED profitiert auch sehr von der hohen Kompetenz in den fünf Dezernaten.“

Demnach müsste die Weiterförderung der ZB MED sichergestellt sein, es sei denn, der Stand des Programmbereiches „Anwendungsorientierte Forschung und Innovation“ ist doch kritisch zu sehen und dieser Bereich ist wesentlich wichtiger als alle anderen Programmbereiche zusammen. Dieser Ansicht können die Mitglieder der Bewertungsgruppe unmöglich gewesen sein, zumal sechs von 13 Mitgliedern aus dem Bibliotheksbereich kommen und die Deutsche Nationalbibliothek sowie die Bibliotheken der Medizinischen Universität Wien und der Universitäten Dresden, Tübingen, Göttingen und Freiburg auch nicht und schon gar nicht ausschließlich nach ihren Forschungsleistungen bewertet werden."

Mittlerweile regt sich die Informationsszene und sieht die bevorstehende Abwicklung der ZB MED ausschließlich kritisch.  Wichtige Beiträge stammen vom Rudolf Mumenthaler (HTW Chur) und Walther Umstätter (Berlin). Mumenthalers Schlussfolgerungen decken sich weitgehend mit den Beurteilungen von Open Password, während Umstätter nach den Folgen für die Informationswissenschaft fragt (http://ruedimumenthaler.ch/2016/03/18/ab

wicklung-der-zbmed-beschlossen/ - Internet in Bibliotheken vom Sonntag). Mumenthaler findet zu dem Beschluss des Senates der Leibniz Gemeinschaft erfreulich klare Worte. Er schreibt unter anderem:

"Die Vorgaben (aus dem letzten Evaluierungsprozess aus dem Jahre 2012) waren in der kurzen Zeit nicht zu erfüllen, und die Ausrichtung auf Forschung ist eigentlich Unsinn. ... Mit diesen Argumenten könnte man wohl fast alle überregional ausgerichteten Bibliotheken abwickeln."

Wir kommen auf diese Beiträge zurück.

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