Den Netzwerken nicht Strafzahlungen und willkürliche Löschungen,sondern Moderation abverlangen

Von Willi Bredemeier

Michael Klems hat in dieser Woche ein weiteres Mal unser Mantra wiederholt, dass die InfoPros im eigenen Interesse mehr publizieren sollten. Veröffentlichungen erhöhen Bekanntheit und Reputation, schaffen auf längere Sicht Kundschaft herbei und helfen, die eigene Marktnische gegen Invasoren von außen abzusichern.

Publizieren wie und worüber? Das sind Fragen, die bislang weder von uns noch von anderen abgedeckt werden. Weil wir die Meinungsfreiheit nicht einschränken wollen? Nun, eine Zensur findet nicht statt, wenn wir über Möglichkeiten professionellen Schreibens reden. Weil die Antworten selbstverständlich sind? Das sehe ich nur teilweise so.

 

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So nehmen sich viele InfoPros, wenn sie doch einmal zu schreiben beginnen, den Wissenschaftler zum Leitbild und schleppen damit unnötigerweise Fußnoten, Literaturverzeichnisse, Nebenthemen, die von den zentralen Aussagen ablenken und zu einer unverhältnismäßigen Länge eines Beitrages führen, sowie eine Fachsprache mit, die die Adressaten abschrecken. Wenn schon ein Leitbild fürs Schreiben gefragt wird, so stelle ich mir den Redakteur einer nationalen Tageszeitung vor, der ein Spezialist dafür ist, komplexe Sachverhalte verständlich, seriös und attraktiv für seine Zielgruppe aufzubereiten. So komplex ist im übrigen unsere Branche nicht, dass sich nicht alles verständlich ausdrücken ließe, von wenigen speziellen Themen für sehr kleine Lesergruppen vielleicht abgesehen. Und klar, ein Leitbild zu haben, bedeutet nicht, es diesem alsbald gleich zu tun. Wie bei vielen Handwerkern, so macht auch hier die Übung den Meister.

Publizieren worüber? Das sind selbstverständlich die Aufgaben und Herausforderungen, die wir heute und auf längere Sicht zu bewältigen haben. Allerdings hat die Branche und insbesondere die Informationswissenschaft beansprucht, über die Informations- und Wissensgesellschaft und ihre Gestaltungsmöglichkeiten mitzureden. Open Password fordert im Verbund mit der „Steilvorlagen“-Veranstaltung immer wieder dazu auf, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Nun sind diese Aussagen sehr abstrakt und sollten nicht dazu führen, über alles und jedes zu schreiben, beispielsweise sich an jeder aktuellen Erörterung eines Internet-Themas zu beteiligen. Haben wir Eigenes in Sachen „Netzneutralität“ sein? Da würde ich intuitiv erst einmal „Nein“ sagen.

Mir sind drei Kriterien eingefallen, wie man zu einer sinnvollen weiteren Konkretisierung der obigen Forderungen und damit zu handlungsfähigem Wissen kommen kann:

• erstens, allgemeine Internet-Trends, beispielsweise die Digitalisierung oder die Blockchain-Technologie, auf ihre Bedeutung für Information Professionals zu beziehen;

• zweitens nur zu publizieren, wenn man wirklich etwas zu sagen hat, also sich nicht nur in den Mainstream oder in eine der Parteien in einem Polarisierungsprozess einzureihen und nur das zu wiederholen, was andere veröffentlicht haben;

• drittens vor allem dann zu publizieren, wenn man eine Chance hat, gehört zu werden.

Allgemeine Trends auf unsere Branche herunterbrechen. Es ist nicht immer einfach, allgemeine Trends auf kleine Gruppen herunterzubrechen. Ein gutes Beispiel ist „Big Data“, wo es schon ein Overkill an Beiträgen gibt, in denen die Information Professionals aber nicht vorkommen. Die Informationsbranche hat eine ganze Reihe von Veranstaltungen zu „Big Data“ durchgeführt, aber wir haben immer nur zugehört und keiner hat Spezifisches zur Bedeutung von „Big Data“ für Information Professionals zu sagen gewusst. Umso mehr freue ich mich, einen Beitrag von Yannick Loonus in Open Password anzukündigen, der eben dies thematisiert und eine Vielzahl von Einsatzbereichen von Big Data für InfoPros findet und dazu spezielle Zusammenhänge für Information Professionals in der pharmazeutischen Branche und bei Finanzdienstleistern thematisiert. Möge sein in Kürze erscheinender Beitrag viele Nachahmer finden.

Neue Argumente außerhalb des Mainstreams und von Polarisierungsprozessen. Wenn wir über die Wissensgesellschaft mitreden wollen, müssen wir auch etwas zu sagen haben. Wo haben wir nun unseren USP (= Unique Selling Point)? Hier sind mehrere Antworten möglich. Beispielsweise habe ich immer engere Zusammenhänge zwischen Dokumentation und Journalismus oder zwischen Informationsgenerierung und intellektuelle Informationsverarbeitung als zwischen Dokumentation und Informatik gesehen. Da ich an dieser Schnittstelle beheimatet bin, konnte ich anlässlich der öffentlichen Erregung über „Google Maps“ darauf verweisen, dass sich die Politiker in ihrer Abneigung über die Internet-Konzerne verrannt hatten, indem sie die Hausfassaden als Privatsphäre ihrer Besitzer bezeichneten, obgleich diese die öffentliche Repräsentanz ihrer Eigentümer sind und es die Architektur als Kunst und als Handwerk nicht gäbe, wenn sich Individuen und Institutionen nicht über Steine und Wände öffentlich präsentieren möchten.

Im Streben nach Akzeptanz bescheiden bleiben. In der Informationsbranche sind die Chancen, publiziert zu werden, gar nicht so schlecht, nicht zuletzt wegen der Angebote von Open Password. Auch kann man bereits seine Chancen verbessern, zur Kenntnis genommen zu werden, wenn man sich ansieht, wie es die anderen machen. Allerdings mag man sich vieles mehr wünschen, beispielsweise, nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auch gelesen zu werden, sogar zu überzeugen, wenn nicht Debatten loszutreten, und andere in ihrem Verhalten und Politiken zum Besseren zu veranlassen. Hier lehrt uns Michael Klems, bescheiden zu bleiben, wenn er das voraussichtliche Response auf seine Videos berechnet. Im Übrigen ist das Finden größerer Akzeptanz auch eine Sache von Glück, aber wer viel publiziert, hat durchaus mal Fortune. Leider ist der Prozess der Akzeptanzgewährung ein weitgehend irrationaler und von Willkür getriebener Prozess, und es sollte überlegt werden, was sich unternehmen ließe, um dem besseren Argument in gesellschaftlichen Prozessen zum Sieg zu verhelfen. Aber das ist nicht unser Thema für heute.

 

Das Beispiel Netzwerkdurchsetzungsgesetz:

Warum die gegenwärtigen Regelungen und Erörterungen von einem falschen Ansatz ausgehen.

Spielen wir unsere Überlegungen an einem aktuellen Beispiel öffentlicher Empörung, über die am Netzwerkdurchsetzungsgesetz durch. Haben wir hier einen USP? Ja, da es vor allem um die Zurückdrängung von „Fake News“ geht, und was wäre die Informationsgenerierung und intellektuelle Informationsverarbeitung ohne den Wahrheitsbegriff?

Ist es unabhängig von der öffentlichen Empörung dringlich, Positionen zu beziehen? Ja, denn die Sozialen Medien haben die jüngeren Alterskohorten weitgehend im Griff und nicht nur die Aufgabe des Wahrheitsbegriffs, sondern auch die Verrohung in den Kommunikationen untereinander haben nicht nur dort, aber vor allem dort ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Noch schlimmer, die Sozialen Medien sind zum Schauplatz eines neuen Kalten Krieges geworden, in dem Bots und Schreiberlinge zum Illegitimierung und Destabilisierung demokratischer Gesellschaften eingesetzt werden. Bereits heute haben sie den Anstieg des Populismus begünstigt und den amerikanischen Wahlkampf womöglich zum Schlechteren entschieden.

Eine regulierungsfreie Spielwiese dürfen Internet und Soziale Medien demnach nicht sein. Aber ist das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ein geeignetes Tool, um Fake News zu eliminieren, zur Netiquette anzuhalten und den Kalten Krieg außen vor zu halten? Im Kern werden mit diesem Gesetz Soziale Netzwerke mit mehr als zwei Millionen registrierte Mitglieder verpflichtet, offensichtlich rechtswidrige Hetze und Falschmeldungen binnen 24 Stunden zu löschen. Nun wird vermutet, die Beauftragten der Netzwerke würden weit mehr als notwendig eliminieren, um den angedrohten hohen Strafzahlungen zu entgehen. Damit werde jedoch Zensur ausgeübt. Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Sahra Wagenknecht, kann auf einen weitgehenden gesellschaftlichen Konsens bis hin zur AfD vertrauen, wenn sie behauptet, das Gesetz schlage „allen rechtsstaatlichen Grundsätzen ins Gesicht“. Nicht private Unternehmen, sondern Richter müssten entscheiden, was rechtswidrig sei.

 

Bei den Sozialen Medien sollte es nicht um die Eliminierung strafrechtlich relevanter Inhalte, sondern um die Förderung von Qualität gehen.

 

Noch einmal: Haben wir von der Informationsbranche dazu etwas zu sagen? Ich behaupte: Ja, sofern wir an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Dokumentation beheimatet sind.

Zuvor aber noch ein paar allgemeine Einwände: Positiv ist anzumerken, dass für das Netzwerkdurchsetzungsgesetz eine Erprobungsphase vorgesehen ist, da wir anders als dies die öffentliche Empörung suggeriert gar nicht wissen, wie die einzelnen Bestimmungen wirken. Zweitens sind die Löschungen im Satireorgan Titanic und eines Tweets des Bundesjustizministers keine ausreichenden Gründe, um ein Gesetz zu falsifizieren. Fehler passieren überall, und viele Menschen sind unterschiedlicher Meinung, ob Böhmermanns Einlassungen über Erdogan noch Satire oder schon Beschimpfungen sind. Jedenfalls sollten wir auch in politischen Diskussionen fehlertoleranter werden. Drittens ist die von Sarah Wagenknecht vorgeschlagene Regelung offensichtlich unpraktikabel, da sie zu einer Überlastung des Justizapparates führen und bei den Sozialen Medien (fast) alles beim Alten belassen würde.

Mein Haupteinwand ist jedoch, dass die Sozialen Medien nicht nur von Sahra Wagenknecht, sondern auch vom Bundesjustizminister als Entität sui generis und nicht als das, was sie sind, nämlich als Medienprodukt, gesehen werden. Ginge man von letzterem aus, so sähe man schnell, dass Probleme der Falschmeldungen, der Hetze und der politischen Instrumentalisierung nicht in jedem Fall, aber insgesamt gesehen zufriedenstellend von den meisten anderen Medienprodukten, unter anderem der Presse, gelöst werden. Das geschieht, indem die „Posteingänge“ von dafür qualifizierten Redakteuren moderiert werden. Der Übergang zu diesem Ansatz wäre durchaus ein radikaler Schritt, da es nun nicht mehr um die Eliminierung strafrechtlich relevanter Inhalte, sondern um die Förderung und Sicherstellung von Qualität ginge. Aber warum diese Lösung für Soziale Medien nicht funktionieren sollte, dafür fehlt bislang jede Begründung.

 

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Ginge man von den Sozialen Medien als Presseerzeugnis aus und verlangte man ihnen eine Moderation der Eingänge ab, dann ließen sich in einem zweiten Schritt auch Spezifika Sozialer Netzwerke berücksichtigen. Soziale Medien unterscheiden sich von klassischen Presseerzeugnissen dadurch, dass eine radikale Demokratisierung der Autorenschaft stattgefunden hat und der Tendenz nach jeder Bürger zum Publizisten geworden ist. Das publizistische Upgrading des einfachen Bürgers bringt aber auch Verantwortlichkeiten mit sich und bedarf, wenn er seiner Verantwortung nicht nachkommt, eines Gatekeepers. Den damit großen Massen an Texteingängen würde man besser Herr, wenn man sich bei der Moderation im Routinefall auf Stichproben beschränkte, sich zunächst auf besonders kritische Fälle konzentrierte und bei der Entdeckung beispielsweise problematischer Chatgruppen auch auf die Mithilfe und Intelligenz, also auf die „Wisdom der Crowd“, verließe.