Anmerkungen zur Lage der Informationswissenschaft

Lieber Herr Bredemeier,

ich verfolge nun schon lange, auch Dank password-online, das ausgebrochene Entsetzen und Wehklagen der deutschen Informationswissenschaftler über die Schließung von informationswissenschaftlichen Lehrstühlen und bibliothekarischen Einrichtungen. Als selbst seit über zehn Jahren in einem Studiengang Informationswissenschaft tätiger Hochschullehrer (Darmstadt) kann ich mir über die Entwicklungen in der Informationswissenschaft vielleicht doch ein Urteil erlauben.

 

In Ihrer password-online-Ausgabe vom 23. März lassen Sie Rainer Kuhlen zu Wort kommen, der als einer der Koryphäen der deutschen Informationswissenschaft schon wieder den Vorschlag machen muss, über die Zukunft der Informationswissenschaft zu sprechen, möglichst gleich auf einer „Sondertagung“. Das macht die informationswissenschaftliche Community nun schon seit Jahren, ob bei DGI-Tagungen oder Workshops in Hildesheim, Düsseldorf, Berlin oder gar in Darmstadt. Sie sucht ihre Akzeptanz in der Scientific Community und Praxis und erntet nun die Früchte ihrer wissenschaftlichen Bedeutungslosigkeit und vor allem ihrer zum Teil fatalen realitätsfernen Wahrnehmung und Selbstüberschätzung. Eine bedauernswerte Entwicklung, die aber größtenteils selbst verschuldet wurde. Lassen Sie mich das später anhand des Darmstädter Beispiels demonstrieren.

 

Hilflose Dauerdiskussion in Halbjahresabständen zur Zukunft der Informationswissenschaft, noch ein von der Öffentlichkeit ignoriertes Symposium und wieder eine Flut von unterschiedlichen Auffassungen über die disziplinäre Ausrichtung der Informationswissenschaft, gepaart mit dem naiven Stolz, die heterogenste Wissenschaftsdisziplin oder gar die „wichtigste Wissenschaft“ (Umstätter/Schwarm) zu sein. Mit dem Darmstädter-DGI-Symposium möchte man sogar jedes Jahr über ein „ständiges Update einer Roadmap für die Informationswissenschaft“ diskutieren. Einfach nur Irrsinn. Alles das hat dieser Informationswissenschaft eher geschadet und sie in der Wissenschaftslandschaft und Praxis zu einer fast lächerlich-tragischen Figur verkommen lassen. Man scheint völlig in einer realitätsfernen Parallelwelt zu leben und wundert sich, dass die Menschen außerhalb der Informationswissenschaft die Dinge ganz anders sehen. Welche Hilflosigkeit spricht nur aus solch’ einer Einstellung und Entwicklung einer geschlossenen Gesellschaft, die auf „offen“ tut und eine nie geklärte „Informationskompetenz“ beansprucht. Ihre nun erkannte Randstellung ist leider absolut mitverschuldet und die Selbst-Kannibalisierung erfolgt auch noch dummerweise gezielt und aktiv betrieben.

 

Im oben genannten password-online vom 23.März plädiert Rainer Kuhlen für mehr „öffentliche Präsenz“ und lobt insbesondere die gute Arbeit des Kollegen Dirk Lewandowski, dessen herausvorragende wissenschaftlich fundierte und praxisbezogene Öffentlichkeitsarbeit für die Domäne „Suchmaschinen“ ich sehr schätze. Kuhlen spricht sogar von einer Verpflichtung, die Informationswissenschaft für eine breite Öffentlichkeit und Akzeptanz präsenter zu machen.

 

Wie gesagt, mit einer unendlich langweiligen Dauerdiskussion zur halbjährlichen Zukunft der Informationswissenschaft wird dies bestimmt nicht erreicht. Vor allem nicht wieder im „geschlossenen Kreis“ der Betroffenen.

 

Die von Kuhlen gewünschte vermehrte „Öffentlichkeitsarbeit“ für die Informationswissenschaft in Wissenschaft und Praxis kann z.B. nur durch eine langjährige erfolgreiche Kärrnerarbeit bezüglich der Ausbildungsqualität von Absolventen der Bachelor- und Masterstudiengänge in Informationswissenschaft und deren Qualifikation mit wettbewerbsrelevanten Alleinstellungsmerkmalen erreicht werden.

 

Hier setzt die erfolgreiche „Öffentlichkeitsarbeit“ der Verantwortlichen an. So wie Kollege Lewandowski in Hamburg oder Kollege Griesbaum in Hildesheim erfolgreich im Bereich der Suchmaschinen und des Online Marketing, so haben meine Lehrbeauftragten und ich im Studiengang Informationswissenschaft der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Darmstadt seit über zehn Jahren den Studierenden durch die informationswissenschaftliche Schwerpunktqualifikation im Suchmaschinen- bzw- Online Marketing-Segment nicht nur frühzeitig die Informationswissenschaft schmackhaft gemacht, sie mit absolut wichtigen und antizipativ berufsmarktrelevanten Qualifikationsalleinstellungsmerkmalen ausgestattet, firmenkooperative Weiterbildungen in diesem Bereich realisiert und die jungen Absolventen zu „Cracks“ und erfolgreichen Startup-GründerInnen in der Internetwirtschaft werden lassen. Wir besitzen mit dieser informationswissenschaftlich ausgerichteten Qualifikation eine absolut hochanerkannte und in den Unternehmen sehr geschätzte und nachgefragte Qualifikationsqualität, die den jungen Bachelor- und MasterabsolventInnen mit einer Vermittlungsquote von 98% alle Türen und alle Branchen öffnet. Schon 2005 erhielten Darmstädter Studierende der neuetablierten Fachrichtung Online Marketing (Teil des Schwerpunktes Wirtschaftsinformation) auf dem Newcomer-Forum den Genius Award. Durch die langjährige Mitarbeit in den wissenschaftlichen Beiräten von Interessenverbänden wie dem Informations- und Kommunikationsring der Finanzdienstleister (IK-Kreis, Frankfurt), dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) oder dem Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW, Düsseldorf) weiß man sehr genau, die Wertschätzung dieser Absolventen mit informationswissenschaftlichem Background zu verorten.

 

Zudem finden die meisten Studierenden der Informationswissenschaft, die am Anfang noch orientierungslos sind, in diesem Qualifikationsbereich ihre Interessensheimat. In den letzten zehn Jahren haben gut 60% bis 75% und mehr der Bachelor- und Masterstudierenden der Darmstädter Informationswissenschaft diesen Schwerpunkt mit Freude, Engagement und Perspektiven gewählt und sind stolz darauf, in diesem aufstrebenden Wirtschaftsbereich eine solch’ hohe externe Anerkennung und Nachfrage ihrer Qualifikation zu erhalten. Der informationswissenschaftliche Schwerpunkt des modernen Online Marketing Engineering hat also massiv zur Akzeptanz dieser informationswissenschaftlichen Ausbildung in der Öffentlichkeit beitragen. Also genau das erreicht, was Kollege Kuhlen fordert. Und vor allem wurden den jungen informationswissenschaftlichen Absolventen ein Sinn und eine Zukunft mit ihrer Ausbildung gegeben. Dutzenden von Absolventenmannschaften mit diesem informationswissenschaftlichen Schwerpunkt haben die Darmstädter Hochschule verlassen und sind sehr zufriedene, die Informationswissenschaft gut vertretende AbsolventInnen.

 

Eigentlich ein Grund zur Freude

 

Nein, sagt die Mehrheit der Dozentinnen und Dozenten des Studiengang Informationswissenschaft an der Hochschule Darmstadt. Das wollen wir nicht mehr und auch nicht in Zukunft. Diese erfolgreichste Schwerpunktrichtung der Darmstädter Informationswissenschaft „raubt“ uns die Studierenden für unsere eigenen informationswissenschaftlichen Lehrangebote. Wir wollen keine Profilierung der Qualifikationsausrichtung durch die „Online Marketing-Ausrichtung“ im Studiengang Informationswissenschaft, sondern wir wollen die jungen Studierenden zwingen, die „Breite“ des informationswissenschaftlichen Studiums, was das auch immer bedeutet, belegen zu müssen. Wenn sie dies nicht wollen, dann, Originalton, „können sie ja woanders hingehen“. Schließlich haben wir die Deutungshoheit über die Ausrichtung der Informationswissenschaft. Wir können es einfach nicht ertragen, wenn die Informationswissenschaft mit solchen Öffentlichkeitserfolgen höhere Reputation und Akzeptanz erfährt.

 

Wie erreicht man so etwas? Man wählt den diesen Schwerpunkt vertretenden Hochschullehrer als Studienkoordinator ab, man versucht ihn aus dem Studiengang Informationswissenschaft zu drängen, man kürzt die Mittel für Lehrbeauftragte, man besetzt freiwerdende Stellen eben nicht mit Dozenten aus dem am meisten nachgefragten und beliebtesten Schwerpunktgebiet und man offeriert den Bachelor- und Masterstudierenden der Darmstädter Informationswissenschaft eben ein absolut abgespecktes Lehrangebot. Wie gesagt, wenn man dies nicht akzeptiert, dann kann man ja gehen.

 

Wie man sieht: die Informationswissenschaft kannibalisiert sich selbst. Der persönlich-professorale Egoismus ist wichtiger als die Bitte von Rainer Kuhlen, mehr für die öffentliche Akzeptanz und das Erscheinungsbild der Informationswissenschaft zu tun.

 

Die Studierenden erleben also zurzeit den Wahnsinn, dass eine Schwerpunktrichtung „Online Marketing“, die informationswissenschaftlich ausgerichtet ist, ihnen Freude bereitet, die sie interessiert, die ihnen Anerkennung in Beruf und Wissenschaft bringt, die Alleinstellungsmerkmale hervorbringt und vor allem extern hoch geschätzt wird, am primitiven Neid, an der Missgunst und dem Egoismus von HochschullehrerInnen der Informationswissenschaft scheitert und weiter scheitern soll. Und diese veranstalten dann auch noch Symposien zur „Zukunft der Informationswissenschaft“ nach dem Motto: „Unser Wissen macht Zukunft“.

 

Und die DGI tagt gerne wieder in Darmstadt und nimmt hiervon wiederum keine Kenntnis.

 

Ich sehe darin eine Bankrotterklärung der Informationswissenschaft, insbesondere Darmstädter Prägung. Ein Hohn, gerade in Bezug auf die aktuelle Angst der deutschen Informationswissenschaft vor weiteren Schließungen.

 

Ist das die Antwort und Reaktion auf die bekannte und zunehmende Isolation der Informationswissenschaft? Damit geht die Informationswissenschaft schnurstracks ihren vorbezeichneten Weg ins akademische Pflegeheim.

 

Und zudem unverantwortlich gegenüber den Zukunftschancen junger informationswissenschaftlich geprägter Studierender. Die deutsche Informationswissenschaft verliert also die wichtigsten Vertreter für Ihre Öffentlichkeitsoffensive: die jungen, motivierten Studierenden.

 

Kein Wunder, dass sie dieser Informationswissenschaft enttäuscht den Rücken kehren. Sie werden als Multiplikatoren nicht gut über diese Informationswissenschaft reden. Und wie gesagt, es ist die absolute Mehrheit der Darmstädter Studierenden. Ich rede nicht von einer Minderheit.

 

Noch eine Anmerkung zum Kannibalismus. Ein weiterer Beleg für das hässliche Erscheinungsbild und die Zerrüttung der deutschen akademischen (angewandten) Informationswissenschaft ist die bevorstehende „feindliche Übernahme“ der bisherigen Weiterbildung zum wissenschaftlichen Dokumentar der FH Potsdam (Institut für Information und Dokumentation) durch die Hochschule Darmstadt. Der Stil der feindlichen Übernahme dokumentiert nachhaltig, wie hier Kollegialität und Abstimmung in der deutschen Informationswissenschaft gelebt werden. Einfach abstoßend. Man muss sich schämen, wie hier KollegInnen anderer Fakultäten und Hochschulen skrupellos aus ihren über Jahrzehnte lang aufgebauten Institutionen abserviert werden.

 

Das Erschreckendste dabei ist in allen Fällen, dass was Elie Wiesel schon immer betont hat: die Gleichgültigkeit.