Aufruhr unter Bibliothekaren

Ist das alles richtig, aber nicht wichtig

und Much Ado about Nothing?

 

Von Willi Bredemeier

 

Rafael Balls Aussagen über das mögliche Ende des Buches und Bibliothekswesens unter anderem in der NZZ gehen in die dritte Woche, und noch immer sind der Stellungnahmen und der damit verbundenen Empörung unter den deutschsprachigen ansonsten zurückhaltend agierenden Bibliothekaren kein Ende. Dabei hat der Züricher Bibliotheksdirektor das Gleiche früher gesagt, unter anderem in dem 2013 erschienenen Buch „Was von Bibliotheken wirklich bleibt“ (Dönges & Frick), ohne dass es danach Ansätze eines Aufstandes gegeben hätte. Haben wir da etwas verpasst? Stephan Holländer hat in Open Password gefragt, ob es nicht wichtigere Themen gibt. Diesmal fragen wir, nachdem wir uns mit Balls Buch bewaffnet haben, sind seine Thesen zwar richtig, aber nicht wichtig?

 

Das Vorwort des Buches beginnt mit den Worten:

 

„Das Informationsmonopol der Bibliotheken ist gekippt. Niemand braucht die altehrwürdigen Institutionen noch wirklich. Längst lösen andere Monopole unsere Informationsbedürfnisse.“

 

Auf der gleichen Seite wird gefragt:

 

„Brauchen wir sie also tatsächlich nicht mehr? Was werden Bibliotheken morgen anbieten? Gelingt ihnen die Wende von der verstaubten Behörde zum modernen konkurrenzfähigen Dienstleister in der digitalen Welt der Informationsindustrie? Wie sollten sich Bibliotheken positionieren in einer Welt der permanenten Netzverfügbarkeit, der allgegenwärtigen Smartphones und Tablets?“ (Seite 9)

 

Hier haben wir in einer Nussschale wesentliche Elemente des gesamten Buches vor uns. Der Ton ist alarmistisch. Der oberflächliche Leser könnte meinen, das Ende der Bibliotheken sei nah (dabei geht es doch nur um das Ende der Bibliotheken als „altehrwürdige Institutionen“). Der Alarmismus ist sachlich insoweit gerechtfertigt, als sich die Bibliotheken angesichts ihrer rückläufigen Ressourcen und ihres unklaren künftigen Weges in einer Existenzkrise befinden. Er ist insoweit ungerechtfertigt, als das Stilmittel des Alarmismus häufig gewählt wird, um in der Rolle des Rebellen gegen uneinsichtige geschlossene Festungen im Diskurs anzutreten. Aber hier tritt Ball nur offene Türen ein, indem er sich nicht inhaltlich, sondern nur im Ton von seinen Kollegen absetzt. Scheinbar dazu sagt Ball an anderer Stelle:

 

„Insgesamt gilt es … unbedingt im Gespräch bleiben. Unsere Welt ist eine Medienwelt. Wer nicht wahrgenommen wird, existiert nicht. Wo der Diskurs nämlich Konkurs erleidet, werden sich Bibliotheken keine Chancen mehr geben (können)“ (Seite 105).

 

Hier könnte der bisherige Verlauf der Diskussionen um Ball dem Vorwort Recht gegeben haben.

 

Was die Fragen des Vorwortes angeht, die stellen wir uns alle. Das Buch würde unbefriedigend ausfallen, gäbe es dazu keine Antworten.

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Assoziative Status-quo-Beschreibungen von Problemlagen, die sich vorwiegend im Ton vom allgemeinen Konsens unterscheiden.

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Formal handelt es sich bei dem Buch um Essays, wenn nicht um „Snippets“, also um hingeworfene Kurzkommentare aus tagespolitischem Anlass für den raschen Konsum. Für Essays seien der assoziative Stil und die Wiederaufnahme der gleichen Melodien typisch?

Dann sollten wir uns fragen, ob wir Essays in der Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken wirklich gebrauchen können. Benötigen wir nicht für eine angemessene Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken einen Ansatz, mindestens eine viel versprechende These, die alles zusammenhält, damit wir im Overload der Zusammenhänge nicht untergehen und am Ende nicht vieles vorfinden, was irgendwie interessant sein könnte, aber unserer Sache – der Zukunft der Bibliotheken – nicht dient (wie die Verwendung des Sicherheitsbegriffes im Alten Rom oder die Impressionen zum Bibliothekssystem Singapurs)?

 

Hier ließe sich einwenden, diesen Ansatz gäbe es auch im weiteren Diskurs unter Bibliothekaren nicht. Zumindest habe sich ein solcher nicht durchgesetzt. Das ist richtig, aber zumindest setzt sich Ball hier nicht positiv vom Mainstream des Bibliotheksdiskurses ab.

 

Spätestens, wenn man zum gefühlten zwanzigstenmal erfährt, dass in der neuen Wissenschaftskommunikation Erkenntnisgewinnung und -verbreitung in realtime zusammenfallen, gerät der Rezensent in Versuchung, den erbosten Ton des Verfassers gegen ihn zu kehren. Die Essays und Snippets sind schlampig aneinandergereiht, soll heißen, eine redaktionelle und lektorierende Tätigkeit scheint außer dem Hinzufügen des Vorwortes nicht stattgefunden zu haben. Quellenangaben, wo das früher veröffentlicht wurde, fehlen auch. Während im Vorwort gesagt wird, dass aus Vereinfachungsgründen bei Personen der Gattungsbegriff gewählt wird, feiern die „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ im späteren Buch und damit die Verhunzung der deutschen Sprache fröhliche Urständ – dies ein weiteres Indiz dafür, dass Ball weitaus konventionalistischer spricht als er unter seiner Tarnkappe des Rebellen vorgibt. Es fällt mir schwer zu glauben, dass ein solches Buch einen Verlag gefunden hätte, wenn der Verfasser nicht Direktor einer namhaften Bibliothek gewesen wäre oder keine vergleichbare Position innegehabt hätte.

 

Bei den Status-quo-Beschreibungen des Buches müssen wir nicht in die Einzelkritiken gehen, aus meiner Sicht stimmt das mehr oder minder. Aber es stellt auch mehr oder minder den allgemeinen Konsens dar. Warum dann dieser alarmistische und polemische Ton (es sei denn, dass man sich im Zeitalter des Information Overkill nicht anders zu Gehör bringen kann)? Nehmen wir als typisches Beispiel die Anwendungsorientierung der Wissenschaft:

 

„Die Gesellschaft will es sich nicht mehr länger leisten, Wissenschaft bedingungslos vor sich hin arbeiten zu lassen, sie verlangt zurecht Rechenschaft auch von jenen, die mit Steuergeldern die Fußnoten in den Briefen von König Ludwig analysieren und sie erwartet wieder zurecht, wie ich meine, dass sich die Wissenschaftler messen lassen mit vergleichbaren Maßstäben, die international anerkannt sind und nicht durch die undurchdringliche Selbstbestätigung der Inner Circles einer eingeschworenen Community, die sich permanent selbst bescheinigt, wie gut und hervorragend ihre Ergebnisse und wie fundamental ihre Forschungen für die Zukunft der Menschheit sind.“ (Seite 85)

 

Ja klar, dass meinen wir alle (obgleich wir das zurückhaltender formulieren würden). Aber ist es damit nicht auch trivial?

 

Und brauchen die Bibliotheken solche Status-quo-Analysen, wenn sie das alles selbst wissen? Der Laie wäre eine andere mögliche Zielgruppe, aber für ihn wäre ein Buch über Bibliotheken zu speziell und für ihn ist es auch – mit möglicher Ausnahme der Snippets – erkennbar nicht geschrieben. Und sollten wir nicht von einer Publikation erwarten, dass sie uns Aha-Effekte, will sagen, Neuheiten beschert?

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Anstelle praktischer Lösungen für Bibliotheken phrasennahe inhaltsarme wohlklingende Aufforderungen.

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Meine Hauptkritik an Rafael Ball lautet jedoch, dass er uns nicht weiterbringt. Weder stellt er konkrete Lösungen für die angesprochenen Probleme vor noch beschreibt er Beispiele, wie einzelne Bibliotheken aktuelle Herausforderungen überzeugend bewältigen. Vielmehr beschränkt er sich häufig auf Fragen, listet also auf, was der Autor ansatzweise beantworten sollte. Oder er beschränkt sich auf phrasennahe inhaltsarme gut klingende Aufforderungen, wie wir sie aus der Managementliteratur kennen, zum Beispiel:

 

„Der freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur bedeutet einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaftskommunikation. Und deshalb ist es ganz besonders wichtig, jetzt im Gespräch zu bleiben, die Bedürfnisse aller Akteure abzustimmen sowie Prozesse und Geschäftsmodelle zu entwickeln, die das Know-how und die Kompetenzen aller Beteiligten konstruktiv in die neue Situation einbringen.“ (Seite 83)

 

Ja klar, lasst uns mal alle miteinander reden. Und dabei muss es vor allem „modern“ unter uns zugehen, nicht wahr?

 

Dabei ist dem Autor zuzugestehen, dass der künftige Weg der Bibliotheken in Teilen dunkel ist und nicht alle Fragen beantwortet werden können (was der Autor auch sagt und beschreibt).

 

Aber bei einem Buch von 203 Seiten muss es doch Ausnahmen geben, auf die die hier geübte Kritik nicht zutrifft? Dazu habe ich dieses Zitat gefunden:

 

„Die Bibliothek der Zukunft muss zum Mehrwertdienstleister mit kritisch-krisischer Kompetenz werden, dem es im Sinne eines Customer Relations Managements gelingt, mit wirklichen Mehrwerten aus zufriedenen loyale Kunden und Unterhaltsträger zu machen. … Wie einfach wäre es, Wissenschaftlern und Studierenden attraktive, individualisierte Angebote über Neuerwerbungen zukommen zu lassen und sie über verwandte und ähnliche Titel und Treffer einer Datenbank zu informieren. … Da muss auch jede noch so gut gemachte One-to-One-Marketingstrategie auch wirklich gut gemacht und vor allem individuell treffend sein.“ (Seite 111f.)

 

Nun ist der Transfer von Personalisierungsstrategien auf den Bibliotheksbereich nicht unbedingt eine intellektuelle Großtat. Aber die Idee ist vielversprechend und kann funktionieren. Aber wenn man meint, jetzt mehr über Personalisierungsstrategien im Bibliotheksbereich zu erfahren, wird damit abgespeist, dass eine „One-to-One-Marketingstrategie … wirklich gut gemacht“ sein müsste. Aber sicher, was denn sonst?

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Auch Kritik am Diskurs unter Bibliothekaren? Oder Freude darüber, dass sie ihren Mund aufmachen können?

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Und eine weitere Frage: Wenn sich das Bibliothekswesen derart über Rafael Ball aufregt, müsste man dann die Kritik nicht auch gegen den Diskurs im Bibliothekswesen wenden? Ich für meinen Teil meine, dass es gut ist, wenn die Bibliothekare unter Beweis gestellt haben, dass sie sich aufregen können. Das ist immerhin ein Anfang.

 

In der Wissenschaftstheorie scheint mir unumstritten, dass es nicht ausreichend ist, Hypothesen zu falsifizieren. Vielmehr sollte man, um eine These abschaffen zu können, eine überlegene Alternative vorstellen. Dann bemühe ich mich mal um einen innovativen Vorschlag. Wir müssen nach Wegen suchen, Thesen auch dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie nicht von Trägern höherer formaler Positionen stammen. Ein guter Schritt wäre getan, wenn wir unsere persönlichen Eitelkeiten aufgäben und den Namen in der Autorenzeile durch drei Sterne ersetzten.

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.