Informationswissenschaft als
kritische Aufklärung 

 

Funktion eines gesellschaftspolitischen Watchdogs
auf gesicherter wissenschaftlicher Basis 

 

Warum nicht eine Sondertagung
zur Zukunft der Informationswissenschaft organisieren

– und das gleich?

Nicht nur Sie, sondern wohl alle Informationswissenschaftler waren immer schon, aber sind derzeit besonders besorgt um die Zukunft der Disziplin. Von „Scherbenhaufen“ zu sprechen, nutzt wenig. Gefragt ist jetzt offensive Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, um den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedarf nach Informationswissenschaft plausibel zu machen. Das sollte zentrales Engagement des Hochschulverbandes Informationswissenschaft (HI) werden. 

 

Wenig hilfreich scheint mir dafür Ihre seit vielen Jahren gebetsmühlenartig vorgetragene Empfehlung zu sein, die Informationswissenchaft auf die Shannon/Weaver-Informationstheorie zu gründen und dass nur so die wissenschaftliche Zukunft der Informationswissenschaft gesichert werden könnte. Die Fachwelt hatte sich oft genug mit der Informationstheorie auseinandergesetzt und mit guten Gründen Anforderungen, wie Sie sie vertreten, zurückgewiesen.

 

Richtig ist natürlich, dass in der Informationswissenschaft empirische und konstruktiv-experimentelle Arbeit großen Anteil haben muss – so wie es z.B. Rainer Hammwöhner in Konstanz und Regensburg exemplarisch unternommen hat. Und wie auch sonst in Regensburg, Hildesheim, Düsseldorf, Berlin und an einigen Fachhochschulen geforscht wird. Da wird man den Informationswissenschaftlern in Deutschland wenig vorwerfen können. Das reicht nicht aus. Es muss in einen größeren Kontext gestellt werden.

Informationswissenschaft ist methodisch eine Mischung aus Geistes-, Sozial-/Kommunikations-, Wirtschaftswissenschaft und Informatik etc. (von mir aus auch von Informationstheorie). Keine andere Disziplin hat solche Heterogenität. Das ist das Problem, aber auch die Chance der Informationswissenschaft – nicht zuletzt auch als Brückenfach zwischen Disziplinen, in denen oft mit Blick auf Information isoliert und verkürzt gearbeitet wird. Die Chance auch, um Unheil oder unnötige Kosten in Informationssystemen und -diensten zu vermeiden, die in der Realisierung einen verkürzte, z.B. nur ökonomischen oder nur technischen Blick auf Information bzw. informationsbezogene Vorgänge hatten und nun Akzeptanzprobleme haben oder, was schlimmer ist, tatsächlichen Schaden anrichten – bis zu den Privatheitsverletzungen in den meisten Diensten des Internet.

 

Informationsarbeit ist aktive Aufklärung – Informationswissenschaft kann so etwas wie ein Watchdog sein und kann damit für die Öffentlichkeit und die Politik wichtige Beiträge leisten – nicht zuletzt – aktuell – mit Blick auf Suchmaschinen, die sozialen Medien und die durch BigData/TDM und das Internet der Dinge entstehenden Probleme. Dazu gibt es in den informationswissenschaftlichen Einrichtungen Vorleistungen. Sie müssen breiter bekannt werden – auch in den Publikationsmedien. Solche Aufklärungs-/Transparenzleistung reduziert Informationswissenschaften nicht auf eine Dienstleistungsdisziplin – die „Watchdog“-Funktion ist nur akzeptabel, wenn sie durch entsprechende wissenschaftliche Arbeit begründet ist.

 

Die Informationswissenschaft sollte bei diesen Fragen öffentlich präsent und oft auch Meinungsführer sein. Dass dies, zugegeben in einem Teilbereich, möglich ist, zeigt meine eigene auch informationsethisch begründete, urheberrechtliche wissenschaftliche und politische Tätigkeit. Auch die Anstrengungen und Erfolge von Dirk Lewandowski in Hamburg, die Problematik und Potenziale von Suchmaschinen auch in die breitere, auch politische Öffentlichkeit zu bringen, zeigen in diese Richtung. Das ist nicht Klappern, sondern Verpflichtung.

 

Die Ursache für die institutionelle Krise der Informationswissenschaft in Deutschland (ist) die zu geringe wissenschaftliche Sichtbarkeit der deutschsprachigen Informationswissenschaft (sichtbar für benachbarte Fächer, Gutachter, Förderorganisationen, Politiker, Universitätsgremien, Medien, …) – man kann auch sagen: die zu geringe Produktivität, Qualität und Internationalität der WissenschaftlerInnen insgesamt (nicht unbedingt einzelner Personen). Das hat viele Ursachen, aber (ist) wohl entscheidend bedingt durch die viel zu dünne Personaldecke in allen informationswissenschaftliche Personaldecke in allen informationswissenschaftlichen Einrichtungen bei unverhältnismäßig großen Studierendenzahlen. Große Forschung ist bei so weniger ProfesssorInnen und so wenig personell gut ausgestatteten Forschungseinheiten kaum möglich. Mit der Lehre allein ist leider wenig zu gewinnen – nicht in Deutschland.

 

Aber Klagen helfen nicht weiter. In der Tat müssen sich die jetzt in der Informationswissenschaft Aktiven und Verantwortlichen zusammensetzen und versuchen, eine Strategie zu entwerfen (eventuell sich auch professionell beraten zu lassen) – inhaltlich wissenschaftlich und für eine große Offensive in Politik, Medien und Öffentlichkeit. Warum nicht eine große Sondertagung zur Zukunft der Informationswissenschaft organisieren? Nicht auf die nächste IS, die informationswissenschaftliche Fachtagung warten!…“

 

Hinweis: Dieser Beitrag erschien am 23.03.2016 im Open Password Pushdienst