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Willi Bredemeier interviewt Willi Bredemeier (16.3.2010)

Nachdem WB sich bereits durch Schreiberlinge aus seinem lokalen Umfeld interviewen ließ, widmet nun Dieter Schumacher vom Offenburger Institut für Angewandte Satire seinem verehrten Altkollegen das folgende Selbstinterview – ein Format, bei dem der Interviewte ganz bei sich selbst ist und nicht – wie beim Heterointerview – durch Interviewpartner gestört wird.

Ein weiteres Novum für das Interviewwesen besteht darin, dass Interviewer und Interviewter identisch sind, jedoch ein unterschiedliches Lebensalter haben, d.h. der reale 70-jährige WB unterhält sich mit dem fiktiven 40-jährigen WB. Auf diese Weise wird ersichtlich, was der 40-jährige WB empfunden hätte, wenn er den heutigen 70-jährigen WB erleben würde. Diese Überwindung von Zeit und Raum muss bei satirischer Interview-Fiction erlaubt sein.

 

WB40: Sach mal, wie fühlt man sich denn so mit 70? Bist du schon in dem von Gerda so heiß ersehnten Ruhestand angekommen?

WB70: Mach keine Witze – Du hast doch mitgekricht, dass ich jetzt mit dem neuen Portal erst richtig aufblühe. Wenn du weiter so blöde Fragen stellst, lass ich mich nächstes Mal wieder von Gerda interviewen. Die fragt nur das, wozu ich gerade gern etwas sagen möchte.

WB40: OK, aber mit 40 würde man nicht erwarten, dass einer mit 70 noch mal so aufdreht und in einem Aufwasch die Medien, die Wissenschaft und das Ruhrgebiet satirifizieren will. Mir kommt das so vor, als ob du gerade eine Alterspubertät durchmachst, um dich von deinem früheren Leben abzunabeln. Du warst doch mal eine anerkannte Persönlichkeit in der Informationswirtschaft, und jetzt willst du dich mit dieser Ruhrgebietssoap profilieren? So kriegst du nie einen Termin bei Angela Merkel (Vom Klinkenputzen zur Kanzlerin, DER WESTEN, 16.2.2010).

WB70: Geh du mal erst auf die 70 zu, dann vergehen dir solche kessen Sprüche. Ich habe mich schon in deinem Alter beim Londoner Online-Meeting in der Deutschen Stunde zum Journalismus geäußert und postuliert, man möge sich nicht nach Kritik in den Schmollwinkel zurückziehen, sondern diese als Chance begreifen, die Arbeit im eigenen Laden zu verbessern. Grundlegende Änderungen werde es nicht geben, solange sich die psychologischen Voraussetzungen einer funktionsfähigen Öffentlichkeit nicht einstellen (WB, Je höher die Standards, desto besser die Branche, PASSWORD Februar 1989).

WB40: Lenk nicht ab, Willi – was hat das mit der heutigen Zeit und mit deinem neuen Portal zu tun?

WB70: Du hast doch sicher auch gehört, dass unser Sozialstaat umgebaut werden muss, und das können wir nicht Leuten wie Sloterdijk oder Schirrmacher überlassen. Die Menschen sehnen sich nach Normalität und neuer Mitte, und die findet man nur, indem man die alten Strukturen satirifiziert. Darin liegt die Herausforderung gerade für uns an der Ruhr als Europas Kulturhauptstadt 2010. Mein Portal basiert auf dem bewährten Mythos Ruhr und wird die auch von Westerwelle geforderten Diskussionen stimulieren. Rüttgers schafft das nicht alleine, auch nicht mit Kraft.

WB40: Woher nimmste eigentlich die Energie für einen solchen Hochleistungssport?

WB70: Um das zu verstehen, lies mal, was Alfred Hock schon 1920 zum Werdegang großer Leistungen gesagt hat: „Wenn im Gehirn bereits eine Vorstellung über den zu einer Lösung eines Problems führenden Weg vorhanden ist, dann findet eine Umwälzung im Denken statt, an Bedeutung mit jener Umwälzung vergleichbar, welche die Schwangerschaft beim Weib hervorruft ….. Die Idee, welche in einem Individuum aufgetaucht ist, reißt alle Geisteskräfte an sich, zwingt es, alles andere zurückzustellen, und zwar in umso höherem Maße, je deutlicher ihm der Weg zur Lösung seiner Aufgabe und deren Bedeutung zum Bewusstsein gekommen ist. Das Problem organisiert sich, es gewinnt allmählich förmlich ein eigenes Leben, und sein Träger betrachtet seine ganze Umgebung dauernd in erster Linie von dem Gesichtspunkt, inwiefern sie sich zur Lösung seines Problems nützlich oder wertlos verhält“. (Alfred Hock, Die methodische Entwicklung der Talente und des Genies, Leipzig, 1920).

WB40: Dann darf man mal gespannt sein, ob du wirklich einen Beitrag zur Revitalisierung unseres kulturellen Erbes leisten wirst oder ob deine Bemühungen in den Archiven der evidenzbasierten Gerontologie landen.  Sach mal, wer soll denn all deine Bücher lesen?

WB70: Keine Sorge: Wenn erst mal alle einen iPad haben und iPads in den grundlegenden Bedarf nach dem Grundsicherungsgesetz im Sozialgesetzbuch XII aufgenommen werden, dann werden meine Satiren eine nachhaltige Verbreitung finden. Dann können sogar die Angler an der Ruhr und am Baldeneysee meine Geschichten lesen, während die Köder auf die Fische warten.

WB40: So viel Stoff schaffst du doch gar nicht. Du musst doch nebenher auch noch PASSWORD produzieren und Gerda bei der Hausarbeit unterstützen.

WB70: Sei nicht so altmodisch: In PASSWORD habe ich in all den Jahren mittlerweile alles gesagt, was zur Informationswirtschaft und -wissenschaft zu sagen ist. Da in diesen Bereichen aber nichts mehr läuft  und mittlerweile eine neue Generation von Lesern herangewachsen ist, brauche ich nur die alten Jahrgänge erneut aufzulegen. Und wenn erst mal die Bücher I – VIII im Web sind, dann habe ich so viel Stoff im Speicher, dass Peter Büscher daraus ohne meinen Input die weiteren Bücher maschinell erstellen kann. Das Portal ist aber erst der Anfang – du hast ja keine Ahnung, was ich alles sonst noch in der Pipeline habe.

WB40: Dann schieß mal los. Vielleicht finde ich ja doch noch etwas Sinnvolles bei deinen Ruhestandsbemühungen.

WB70: Am meisten liegt mir die Gründung einer Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung (SFVV) am Herzen, die dazu beitragen soll, Erinnerung und Gedenken an die Blütezeit unserer IuD-Infrastruktur wach zu halten und die junge Generation an das Thema heranzuführen, denn ein Sozialstaat ohne Informationskultur kann nicht funktionieren. „Aufgabe der Einrichtung ist es, als „Ort lebendigen Gedächtnisses“ zu wirken. Die Einrichtung soll auch aktuelle Vertreibungsvorgänge thematisieren. Wichtiger Bestandteil dabei ist die Einbeziehung der Erlebnisgeneration durch die Darstellung von Einzelschicksalen und die Darlegung biografischer Erzählstränge vor dem allgemeinen historischen Hintergrund“. (Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, 19.3.2008).

WB40: Vow! Hört sich gut an, iss mir aber zu abstrakt. Ist denn die Standortfrage schon geklärt?

WB70: Der Oberbürgermeister von Gelsenkirchen hätte die Einrichtung gern im Ortsteil Bulmke-Hüllen angesiedelt.  Das musste ich als Borusse aber ablehnen, weil die Stadt den Schalker Felix Magath in den Stiftungsrat entsenden wollte. Ich denke daher, wir machen das jetzt bei uns in Welper. Vielleicht kann ich hier in der Erzbergerstraße noch 2-3 Reihenhäuser erwerben und umbauen. Dann hätte Hattingen neben dem Aphorismen-Archiv einen weiteren Anziehungspunkt von nationaler Bedeutung.

WB40: Und was willste da bieten? Die alten Onliner gehen doch immer nur nach London, Frankfurt oder Oberhof.

WB70:  In einer Dauerausstellung wollen wir alles zeigen, was an die Flucht und Vertreibung von Fachinformationszentren und Informationsvermittlern zum Ende des letzten Jahrhunderts erinnert – Alte User Manuals, Fachinformationsprogramme der Bundesregierung, ein 300-baud-Teletype-Terminal, einen DATEX-P-Knoten, ein Btx-Gerät, etc., und natürlich das gesamte PASSWORD-Archiv. Das Ganze soll sowohl Oldies, die damals ihren Job verloren haben, als auch Schulklassen bewegende Einblicke gewähren. Herzstück ist aber ein Mahnmal für den Unbekannten Searcher, an dem ausländische Besucher einen Kranz niederlegen können – eine echte Lücke in der deutschen Gedenkstättenlandschaft. Und dann dürfen natürlich ein Bistro und eine Devotionalienhandlung nicht fehlen.

WB40: Und wie willste den guten alten Content in Erinnerung halten, für den wir immer gekämpft haben?

WB70: Dazu richten wir mit Unterstützung des Schulministeriums NRW einen Portal-Friedhof in der Kluterthöhle in Ennepetal ein. Bei einer konstanten Temperatur von 10° C sind dort die Meisterwerke früherer Informationsdienstleister vor Verwesung geschützt. Die Kurverwaltung freut sich, künftig nicht nur Asthmatiker als Besucher und zu Kurzwecken empfangen zu dürfen, sondern auch Information Professionals aus aller Welt, die noch einmal den Kick unserer früheren Informationskultur aus der Vor-Google-Zeit erleben wollen. Das Höhlenteam unterstützt die Leute bei der Schatzsuche. PASSWORD wurde übrigens schon eingeladen, an der Local Heroes Woche im Mai in Ennepetal teilzunehmen.

WB40: Und wie willste das alles finanzieren? Das geht doch nicht alles von deiner Rente und von Gerdas Pension?

WB70: Kein Problem: Ich putz ja jetzt nicht mehr Klinken in Ministerien und Verlagen, um Aufträge zu akquirieren. Ich mach’s jetzt so wie die großen Markenartikler – ich vermarkte das Label WB. Neulich rief Käthe Kruse an – die wollen bei ihren Stoffpuppen jetzt in Richtung gewerbliche Wirtschaft diversifizieren und suchen dafür eine Leitfigur. Dabei ist das WB-Maskottchen herausgekommen –  ein Sondermodell als Symbol für Kreativität, Innovation und Wachstum. In 5 Jahren wird dieser symbolische Wachstumsbeschleuniger in den Chefetagen auf jedem Schreibtisch stehen. Auf dem Bauch steht „Glückauf“ und auf dem Rücken mein Logo. Dann fließt die Kohle.
Auch Wolfgang Joop ist mit im Boot – er arbeitet an einer neuen WB-Lifestyle-Marke, die den legeren Klamotten nachempfunden ist, die ich beim Schreiben meiner Texte und Bücher zu tragen pflege. Und Gerda entwickelt die Produktlinie WB-Kost – das sind Nahrungsmittel, die man als Schreiberling am Keyboard zu sich nehmen kann, ohne dass Krümel zwischen die Tasten fallen.

WB40: Da fehlt ja nur noch eine WB-Kosmetik-Linie!

WB70: Nee – ein WB-Parfüm wird es mit mir nicht geben; meinen Stallgeruch lass ich mir nicht nehmen. Auch Gerda sagt: Meinen Willi gibt’s nur einmal, und den geb ich nicht her.

WB40: Und wie hältste das alles gesundheitlich aus?

WB70: Ach weißte – schon die alten Römer haben gesagt, dass ein Körper dann gesund ist, wenn im Kopf alles stimmt, und deshalb brauch ich nicht mit Joggen meine Zeit vertun. Und vom Kreislauf her schlägt mein Herz für Borussia Dortmund. Stell dir vor: Jürgen Klopp hat mir in Aussicht gestellt, dass ich in der nächsten Saison bei den Spielen der Ü70-Mannschaft auf der Bank sitzen darf. Davon hätte ich mit 40 noch nicht zu träumen gewagt.
Nur ein sportliches Ziel werde ich vermutlich nie erreichen – mal Hauptsponsor von Borussia zu werden, damit die nicht immer im Evonikhemd rumlaufen müssen, sondern mit WB auf der Brust. Aber das wäre ja für einen Schreiberling auch eine Nummer zu groß.

WB40: Puh, jetzt geht mir aber allmählich allein vom Zuhören die Puste aus. War schön, mit dir zu plaudern. Bis die Tage mal. Glückauf für deine spirituellen Geschäfte und schöne Grüße an Gerda.

WB70: Glückauf zurück.

 

Sie sind herzlich eingeladen dieses Interview fortzuführen!
Senden Sie Ihre Anregungen an info@schreiber-und-schreiberlinge.de.

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