Siegreicher Wettbewerbstext "Sweet Fifteen - Noch einmal 15 sein" ins Netz gestellt
Sweet fifteen – noch mal fünfzehn sein!
Solange die Saison läuft, begebe ich mich alle 14 Tage nach Dortmund. Das ist die Stadt, in der ich oberhalb einer Kneipe mit Dortmunder-Kronen-Bier geboren bin. Meine Aufenthalte verlaufen höchst ritualisiert. In diesem Punkt habe ich keine Alternative.
Wenn der Samstag mittag herangerückt ist, zwänge ich mich in ein gelb-schwarzes Trikot, lege mir einen schwarz-gelben Schal um und setze eine schwarz-gelbe Mütze auf. So verwandele ich mich in einen Stadtindianer. Ich lasse mich zu einem abgelegenen Parkplatz fahren, den der Shuttle zum Westfalenstadion befährt. Bald tauche ich in ein Meer schwarz-gelber Fahnen ein. Wenn Borussia Dortmund ein Tor geschossen hat, springe ich auf, schreie mir die Seele aus dem Leib und umarme die Nachbarn. Oder ich klatsche sie ab. Wenn das Spiel zu Ende gegangen ist, nicke ich meinen Nachbarn zu, bevor ich zum Shuttle gehe. Vielleicht sehen wir uns in 14 Tagen wieder.
Als ich 13 war, stand ich das erste Mal auf dem Platz. Ich hätte mir die Karte nicht leisten können. Aber ein Schulkamerad behauptete, er wisse einen geheimen Weg in das Stadion Rote Erde, und sagte, er wolle mich mitnehmen. Wir bogen um einige Ecken und stießen auf mehrere Ordner, die durch uns hindurch blickten. Am Ende standen wir unter Zigtausenden von Männern mit Hütern. Es gab damals nur Stehplätze. Ich kannte auch Menschen, die gesessen hatten, aber die kamen aus der Justizvollzugsanstalt und machten die Kneipenfront jenseits des Nordausgangs des Hauptbahnhofs zu einer Oase der Kleinkriminalität. Stimmung war da, aber Leidenschaften, insbesondere die vorgetäuschten, blieben verpönt.
Die Männer pfiffen zur Halbzeit, obgleich Borussia Dortmund gegen den 1. FC Köln mit 1 : 0 führte. Das kam, weil die BVB-Mannen schlecht gespielt hatten. So sehr dominierte Borussia Dortmund in jenen Jahren die 1. Liga West, dass die Anhänger Ansprüche entwickelt hatten.
Borussia ist das letzte, was vom früheren Dortmund übrig geblieben ist. Oder der geschäftsführende Vorstand des BVB tut so, als ob er die alte Borussia sei. Damit wir ihm glauben, schleppt er einen unendlichen Tross an Veteranen mit, die irgendwann hochpoppen und immer das gleiche sagen.
Die Kohle ging kaputt, als ich 17 wurde und begann, den Spiegel zu lesen. Die Stahlindustrie folgte wenige Jahrzehnte später. Die größten europäischen Bierbrauer gingen in die Knie, weil „Premium“ für sie ein Fremdwort blieb und sie lediglich wussten, wie ihr Bier unter die durstigen Massen des Ruhrgebiets zu verteilen, nicht, wie es zu verkaufen war.
Das waren noch Zeiten, als Schicki-micki lediglich bis Düsseldorf kam und an Weinsorten ausschließlich Kröver Nacktarsch und Liebfrauenmilch ausgeschenkt wurde. Sogar das geschah nur, wenn einer von uns seine Freundin vergiften wollte.
Alles um mich herum mag kaputt gegangen sein, aber die Versicherungsunternehmen sind erhalten geblieben. Ihre Vertreterscharen greifen ins Münsterland, nach Ostwestfalen und ins Sauerland aus. Solches geschieht in Abhängigkeit von einem epidemiologischen Modell.
Wenn uns die Vertreter über den Tisch ziehen und Verträge verkaufen, die keiner benötigt, setzen sie voraus, dass wir dümmer als Ossis sind. Nicht, dass wir Grund zur Überheblichkeit hätten. Vielleicht waren unsere Bergassessoren und Schlotbarone nur ein wenig besser als die Sowjets, während sie unsere Region in die Umweltkatastrophe stürzten. Wir sahen, hörten und rochen sie, aber wir begriffen die Katastrophe nicht, weil wir sie nicht einmal benannten.
Freilich existieren Versicherungsgesellschaften woanders. Sie waren nie ein Spezifikum des Ruhrgebiets. Es soll sie sogar in der Schweiz geben.
Als ich neulich mit meinem Sohn im Stadion weilte und Borussia Dortmund überraschend gegen ein Schwergewicht der Bundesliga gewonnen hatte, gingen wir für den Siegestrunk in eine Gaststätte. Diese, im Schatten des Signal-Iduna-Parks gelegen, war längst keine Arbeiterkneipe mehr und noch keine Studenten- und Intellektuellenkneipe. Nicht einmal die Lehrer ließen sich sehen, obgleich man sich sonst auf sie verlassen kann. Heutzutage sind sie überproportional vertreten, fast wo immer man hinkommt. Die Küche setzte auf Menge und Qualität und balancierte so zwischen alten und neuen Zeiten. Da entschloss ich mich, meinen 70. Geburtstag in diesem Haus unter Verwandten und Freunden zu feiern.
Für meine Rede vor versammelten Freunden habe ich einmal mehr meinen gelb-schwarzen Schal umgelegt. Ich juxe herum. „Es gab Zeiten, da wimmelten im Dortmunder Hauptbahnhof mehr Leute als im Signal-Iduna-Park hineingehen“, erinnere ich sie. Dabei mache ich Laute, als sei ich eine Dampflok oder litte an Staublunge. Ich behaupte, es gäbe zwischen Friedensplatz und Lütge Brückstraße kein Haus, zu dem ich keine Anekdote zu erzählen wüsste. Das sei gelogen, gebe ich zu. „Wahr aber ist, dass damals die Briketts so dicht durch die Luft flogen, dass man sich immerfort bücken oder nach rechts oder links ausweichen musste, wenn man sich nicht ernsthaft verletzen wollte.“
Während sich meine Gäste über die Vorräte des Hauses hermachen, wandere ich von einem Tisch zum nächsten. Ich habe Walla Krupczinski in den 70er Jahren kennengelernt, als die Stadt doch eine Hochschule haben wollte. Zuvor hatte sie behauptet: „Diesen Schiet wollen wir nicht.“ Die größten politischen Verbrechen vollzieht man am besten, indem man sie in aller Öffentlichkeit begeht.
Walla und ich können uns seit längerem nicht entscheiden, ob wir Freunde oder Geschäftsfreunde sind. „Da hast dir Hörer für deine Geschichten organisiert“, sagt er. „Sonst hätten sie nichts zu trinken bekommen“, sage ich.
„Glaubst du wirklich, sie glauben dir?“ fragt er. „Sie nehmen dir alles ab“, sage ich. „Du musst nur im Hintergrund eine Bergmannskapelle spielen lassen. Nicht, dass sie das, was sie nicht selbst mitgemacht haben, interessierte.“
„Wichtig ist vor allem, dass du hinter deinen eigenen Geschichten stehst“, meint Walla Krupczinski. „Wir haben ein paar Artefakte nicht platt und aus unserer Region ein Museum wenn nicht ein Mausoleum gemacht“, sage ich. „Aber Erinnerungen haben wir nicht.“
„Das hört sich an, als ob du zu den alten Zeiten zurückkehren möchtest“, sagt Walla. „Das ist eine Frage, die sich nicht ohne weiteres beantworten lässt“, sage ich. „Aber wenn ich flüssiges Brot zu mir nehme, weiß ich bald mehr.“
„Du konntest bereits in den 70er Jahren über alles und nichts reden“, sagt Walla Krupczinski. „Hat dir diese Fähigkeit irgendetwas gebracht?“ „Heute muss jeder kommunizieren und über Zusammenhänge reden, von denen er keine unmittelbare Ahnung hat“, sage ich. „Insoweit habe ich gewonnen.“
„Manchmal klettere ich auf den Florian und schaue von oben herunter auf die Stadt“, stimmt Walla Krupczinski mir zu. „Aber die Malocher gibt es nicht mehr. Wer heute anpacken und körperlich arbeiten will, hat schon verloren.“
Von Walla eingestimmt, erinnere ich mich. Als ich 14 wurde, sagten unsere Väter: „Geht nicht in den Pütt. Diese Arbeitsplätze sind nur für Flüchtlinge gut.“ Der Bergbau unternahm die erste Marketingkampagne in seiner Geschichte und lud alle Schüler zu Bockwurst mit Kartoffelsalat ein. Während wir aßen, sagte man uns: „Die Unfälle auf der siebenten Sohle werden stark übertrieben. Auf hoher See und auf dem Bau ist alles noch schlimmer.“
„Was ist mit der Hierarchie und mit euren Schikanen?“ hakten wir nach, wir, die wir von unseren Vätern gebrieft waren. „So etwas kennen wir in unserer Region nicht“, antwortete man.
Wir sahen einander aus klugen Augen an und glaubten kein Wort, weil wir die gigantischen Bildungsreserven des Ruhrgebiets waren. Nur entdeckte uns keiner. So bestanden unsere kühnsten Träume darin, Werkzeugmacher auf der Westfalenhütte zu werden. Ansonsten dachten und taten wir, was uns gesagt wurde.
Als ich 15 wurde, haute ich als Schriftsetzerlehrling in den Sack. Oder ich wurde in den Sack gehauen, weil ich mit dem Winkelhaken in der Hand in der Gegend gestanden und von meiner Mutter geträumt hatte.Alsbald kam ich in der Filialdirektion Dortmund der Allgemeinen Cuxhavener Versicherungs AG unter. Dort konnte ich keine Fehler machen, weil es keine Arbeit gab. So sehr partizipierte die Versicherungswirtschaft an dem Aufbau der Republik, dass sie der hereinströmenden Prämien nicht Herr wurde. Folglich legte sie einen Teil der hereinsprudelnden Gelder in Versicherungspaläste, einen anderen Teil in Fremdimmobilien und einen dritten Teil in ihre Workforce an.
Die Abteilungsleiter stolzierten als Hagestolze einher und verlangten nach weiteren Mitarbeitern. Die einfachen Angestellten queuten vor den Toiletten. Sonst hätten sich die präsenzpflichtigen Arbeitsstunden von 8 bis 5 nicht totschlagen lassen. Das galt umso mehr, als der Abteilungsleiter Privatgespräche am Arbeitsplatz verbot. Allerdings wagte keiner von uns, nicht durch die geschlossene Tür über seine besondere Arbeitsbelastung zu klagen, sobald er an die Reihe gekommen war und mit heruntergelassener Hose auf dem Pott saß. Alle siezten sich, um einander vorzumachen, dass sie weder als Person noch als Position bedeutungslos waren.
Der Filialdirektor hatte den Gewerkschaftsbeauftragten in der Filialdirektion zum Abteilungsleiter befördert. So blieb der soziale Friede am Westenhellweg gewahrt. Aber soweit ging die Liebe des Filialdirektors zu den Gewerkschaften nicht, dass er dem Mann einen Mitarbeiter spendiert hätte. So mochte der Gewerkschaftsbeauftragte in Wahrheit kein richtiger Abteilungsleiter sein.
Als der Beauftragte mich für seine Gewerkschaft zu gewinnen suchte, teilte ich ihm meine Probleme mit nicht vorhandener Arbeit mit. „Seien Sie froh, wenn Sie keine Arbeit haben“, sagte er, nachdem er sich beim Kreissekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes rückversichert hatte. So erfuhren wir beide, dass die Arbeitsleidtheorie der richtige Ansatz zum Verständnis des Elends der Arbeiterklasse sei.
Das waren die Jahre, in denen wir alle Beschäftigung, aber keine Arbeit hatten. Heute haben wir alle Arbeit, aber keine Beschäftigung.
In der Akzidenzsetzerei hatte ich Woche für Woche Geld in einer Tüte bekommen. In der Versicherungsgesellschaft gab es monatlich Geld und auf den Monat bezogen zehn Deutschmark mehr. Kaum hatte man mich in die Versicherungswirtschaft eingeordnet, wurde mein Gehalt auf bargeldlosen Zahlungsverkehr umgestellt. Das reichte zu einem Taschenbuch in der Woche aus Rowolths Rotationsdruckerei und zu mehreren Bier.
Ich kaufte jene Bücher zum Standardpreis von 1Mark90, die die meisten Seiten hatten. So kam ich an Albert Camus, Die Pest, zu Betty McDonald, Das Ei und ich, und an Conan, den Barbaren.
Ich sparte mein Geld, bis ich eine Runde bezahlen konnte. Dann ging ich in die Kneipe und spielte Bierlachs bei Doppelkopf und Skat, bis ich eine Runde verlor. Ich gewann fast immer, weil ich defensiv zu spielen und mich auf meine Gegner einzustellen gelernt hatte. Dazu erwarb ich den einen und anderen in größtmöglicher Schnelligkeit zu vollziehenden Trick.
Wenn wir genügend betrunken waren, um nicht denken zu müssen, ließen wir den Würfelbecher kreisen. Ich mochte die Würfel nicht, weil sie die Chancen unter uns Spielern egalisierten. Aber ich liebte das Würfelspiel „Scheiße“, weil seine Regeln komplizierter waren und ich über Spielregeldiskussionen zu neuerlichen Chancen kam.
Ich verfertigte das erste Manuskript meines Lebens, indem ich die Regeln dieses Spiels für die Ewigkeit niederlegte. Dann verbrannte ich meinen Text auf einem elenden Kinderspielplatz vor den toten Augen der Plattenbausiedlung ringsum.
Als ich zwölf war, gab es keine größeren Langweiler als die Mädchen. Sie liefen hinter uns her, waren überaus neugierig und verstanden kein Wort. Aber als ich 15 wurde, wandelten sie sich zu Trägerinnen großer Geheimnisse.
Nicht, dass wir nicht über erklärende Angebote verfügt hätten. Wir betitelten uns mit Anreden aus dem Prostituiertenmilieu und erzählten uns Witze von schmerzhafter Körperlichkeit. Jungengruppen brachen auf, um die Paare im Wald hinter den Büschen beim Vögeln zu erwischen. Klaus stellte ein Mädchen im Keller unseres Hauses. Aber bevor es zum Koitus kam, machte mein Vater handgreiflichübergeordnete moralische Gesichtspunkte geltend. Die Mädchen traten mit den großen Jungs in stockend geführte Verhandlungen ein. Der Junge sah sich als strahlender Held, der erfolgreiche Verhütung ganz ohne Pariser betrieb, weil ihm die eigene Willenskraft reichte. Sie wies mit gesenkten Augen fast flüsternd auf Risikogrößen hin.
Das waren die Jahre, in denen die Kinder von selbst kamen, in denen die Kinder überhaupt kamen und unsere Gesellschaft nicht nur aus 70-Jährigen bestand.
Damals war ich klug genug, um diese Zusammenhänge allenfalls intellektuell zusammenzuführen. So ließ ich den Mädchen, wenn ich sie von fern sah, ihre Geheimnisse und bewegte mich scheu zu ihnen hin und alsbald wieder fort.
Aber wenn ich aus der Kneipe schoss, um wie ein Reiher zu kotzen, dachte ich nicht an die Mädchen. Ich schrie: „Mama, Mama.“ Nicht, dass ich nicht in jedem Augenblick gewusst hätte, dass sie tot war. Es war nur, weil ich sie wiederhaben wollte, und alles andere im Vergleich zu meinem Wünschen vernachlässigbar war.
Noch wollte ich nach Hause, wo sich mein Vater eine zweite Frau zugelegt hatte, um sich selbst zu bestrafen. Dort hätte ich auf Zehenspitzen gehen und jedes Wort vermeiden müssen, wenn ich keine Kettenreaktion mit anschließender Explosion auslösen wollte.
Seit knapp 70 Jahren hat sich an meinem Herzenswunsch wenig verändert. Allerdings weiß ich heute, dass ich ihn hege und dass er absurd ist. Ich könnte sogar, wenn ich anschließend ins Bett gehe, darüber reden. Gleichwohl will ich meine Mama wiederhaben.
Aber damals ging ich am nächsten Morgen in die Filialdirektion und vergaß für eine Weile die Geschichten von Totschlag und Mord, obgleich ich nichts tat und sich rundherum um mich nichts bewegte.
Die Filialdirektion Dortmund stellte einen Mitarbeiter besonderer Art ein. Er war wettergebräunt und durchtrainiert und schien immer zu wissen, was hinter seinem Rücken passierte. Mit dem Filialdirektor traf er sich gelegentlich vor dessen Sondertoilette. Sie sprachen, als seien sie alte Vertraute. Es hieß, der Filialdirektor habe diesen Mann rekrutiert, obgleich Einstellungen für den Innendienst an sich eine Angelegenheit des Bürovorstehers waren.
Der Mann könnte Knut Wagenbach geheißen haben, aber ich erinnere mich nicht genau. Er war zu allen Kollegen freundlich und gelegentlich, soweit dies in einer auf Distanz angelegten Versicherungswirtschaft möglich war, kumpelhaft. Andererseits tat er nicht so, als sei ihm die auf minimale Differenzen fixierte interne Schichtung der Filialdirektion ein geeignetes Mittel, sich in dieser Welt zu orientieren. Allen Auszubildenden war er ein guter Freund.
Der Bürovorsteher wies dem neuen Mann die Aufgaben des Posteingangs und -ausgangs zu. Diese waren zuvor die Domäne der Auszubildenden gewesen. Wagenbach hielt die Tür zum Postausgang offen. Bald gehörte es zur Routine meines Nachmittages, das Queuen vor der Herrentoilette zu unterbrechen und zum Postausgang zu gehen.
Wagenbach schien vom Thema des zweiten Weltkriegs besessen. Allerdings realisierte er, dass wir anderen in einer anderen Zeit lebten und dass das, was er zu erzählen wusste, für uns wie aus Büchern kam. „Nie davon gehört, wie?“ fragte er mich.
Doch, ich erinnerte mich, wenngleich nur als Schemen. Ich hatte in einem Keller unter vielen Leuten gesessen. Die Erwachsenen waren ungewohnt freundlich und kniffen mir wiederholt in die Wange. Davon angetan wurde der Krieg etwas Wunderbares für mich.
„Krieg ist weder gut noch schlecht“, sagte Knut Wagenbach dazu. „Er ist lediglich alles, nämlich Leben und Tod.“
Wagenbach hatte viele Leute erschossen. Direkt sagte er das nicht, aber es ließ sich erschließen. Meistens beendete er seine Geschichten, wenn sich die Leute an die Wand gestellt hatten oder gezwungen wurden, eine Grube zu schaufeln. Nur einmal deutete er mit dem Zeigefinger auf mich, weil ich so was von begriffsstutzig war, und machte lächelnd: „Bum, bum.“
Zum Ehrenkodex Wagenbachs hatte gehört, nur innerhalb seiner verschworenen Gemeinschaft zur Knarre zu greifen. Andererseits schossen seine Kameraden nicht nur. Einmal hatten sie im Lager einen, der glaubte, mit seinen Bewachern auf Augenhöhe verkehren zu dürfen. Diese klopften ihm feixend auf die Schulter und gaben ihm für den Rest des Tages frei. Allerdings sagten sie ihm, er möge gegen 19 Uhr bei ihnen vorbeikommen. Während der Tag vorüberging, legten die Kameraden den Abend in Einzelheiten fest. Als der Mann gegen 19 Uhr in der Tür erschien, war er dran.
Manchmal erzählte Wagenbach nur vom Leben, allenfalls vom drohenden Tod. Im Laufe der Jahre hatte sich seine verschworene Gemeinschaft ein Maskottchen zugelegt. Dem wurde nichts getan. Er musste an den Trinkabenden zu fortgeschrittener Stunde lediglich die Hose herunterlassen, damit alle sahen, wie beschnitten er war. Anschließend tanzte er auf dem Tisch und sang die Lieder seinesVolkes.
Wenn Knut Wagenbach erzählte, gruselte ich mich, weil ich daran dachte, dass ich in die versicherungswirtschaftliche Hierarchie im ewigen Leerlauf zurückkehren musste.
Habe ich in jenen Tagen an meine Zukunft gedacht? Nicht, als ich 15 wurde. Aber als ich mich ins dritte Ausbildungsjahr begab, sah ich, dass es für mich eine Alternative zum Leben und Sterben in einer nichts produzierenden Hierarchie mit dazwischen geschalteten Magengeschwüren gab. Das war, ein Klinken putzender exaltierter Versicherungsvertreter zu werden.
Noch einmal sah ich Knut Wagenbach im vertrauten Gespräch mit unserem Filialdirektor vor der Sondertoilette, auf der sich der Direktor gelegentlich einer Sonderbehandlung unterzog. Am nächsten Tag kehrte Wagenbach nicht in die Filialdirektion Dortmund der Allgemeinen Cuxhavener Versicherungs AG ein. Noch ein paar Tage, und mehrere Kriminalbeamte ließen sich im Glaskabuff des Bürovorstehers nieder. Auf der Herrentoilette hieß es, ein anderes Dezernat habe zugegriffen. Oder Wagenbach hatte es auf seiner Flucht bis Paraguay geschafft.
Walla Krupczinski gesellt sich an meine Seite. „Dir geht es gut, hoffe ich“, sagt er. Mittlerweile habe ich mich zurückgelehnt. Ich schaue auf meine Gäste, als befände sich zwischen ihnen und mir eine getönte Scheibe.
„Ich habe dich gewarnt“, sage ich. „Du hast mich gleichwohl gefragt. Das hast du davon.“
„Zeit zum Philosophieren?“ fragt Walla, schaut aberauf seine Uhr. Die ersten Gäste erheben sich, um sich zu verabschieden. Ich hebe die Hand und sage von weitem Adieu.
„Damals wusste ich nicht, wer ich war“, sagte ich. „Ich verstand nicht, was um mich herum vorging. Was immer ich gesagt hätte, es hätte mich keiner gehört. Wenn ich etwas zu bewirken versucht hätte, nirgendwo hätte sich etwas bewegt.
Der Schmerz kam über mich. Er schien an jeder Ecke zu lauern, und ich fand keinen Weg, ihn zu mildern, es sei denn mit Bier.“
„Du warst schlimmer als heute dran“, sagt Walla Krupczinski.
„Im Gegenteil“, sage ich. „Schlimmer ist, wenn du dir vormachst, du könntest verstehen. Schlimmer ist, wenn die Menschen so tun, als ob sie dir zuhörten. Schlimmer ist, wenn du den Schmerz so zu managen gelernt hast, dass du am Ende überhaupt nichts mehr spürst.“
Willi Bredemeier
