Kritik der Informationswissenschaft
Anmerkungen eines interessierten und besorgten Bürgers mit Common Sense
Von Willi Bredemeier
I. Arbeitsprogramm
Der Verfasser übt im Folgenden Kritik an der Informationswissenschaft, genauer an ihrer gegenwärtigen Praxis. Basis der Kritik ist Rainer Kuhlen (Hrsg.), Information: Droge, Ware oder Commons? – Wertschöpfungs- und Transformationsprozesse auf den Informationsmärkten – Proceedings des 11. Internationalen Symposions für Informationswissenschaft (ISI 2009), Konstanz, 1. – 3. April 2009, Band 50 der Schriften zur Informationswissenschaft, Boizenburg 2009.
Der Autor zieht die Schlussfolgerung, dass die Potenziale der Informationswissenschaft bei weitem nicht ausgeschöpft werden und eine bedeutende Lücke zwischen der informationswissenschaftlichen Praxis auf der einen Seite und ihrem Selbstbild sowie den Anforderungen der Wissenschaftstheorie auf der anderen Seite besteht. Spezielle Kritikpunkte beziehen sich auf irrelevante und triviale Ergebnisse, auf eine Zerschnippselung von Themen zu Mini-Fragestellungen, auf eine Beschränkung wissenschaftlicher Veröffentlichungen auf einzelne Forschungsphasen, auf die Produktion wissenschaftlicher Beiträge als Nebenprodukt teilweise interessengeleiteter anderer Aktivitäten sowie auf die mangelnde Funktionsfähigkeit des Peer-Review-Prozesses.
Die Kritik erfolgt wissenschaftsextern aus der Sicht eines interessierten und besorgten Bürgers mit Common Sense. Diese Position lässt sich in den angelsächsischen Ländern ohne weiteres einnehmen. Sie ist im deutschsprachigen Raum angesichts anderer kulturellen Entwicklungen ungewohnt und bedarf hierzulande besonderer Begründung. Diese schließt eine Kritik an der Praxis unserer Branche in ihrem Umgang mit der Informationswissenschaft ein („Grundlagen der Kritik“, Teil II).
In Teil II setze ich voraus, dass die Berechtigung einer These von der Kraft des Argumentes und nicht von einer formalen Position oder einer Mitgliedschaft in bestimmten Einrichtungen abhängig sein sollte. Wissenschaftler sind nicht Wissenschaftler, weil sie in einer als wissenschaftlich gekennzeichneten Institution arbeiten, sondern weil ihre Beiträge als wissenschaftliche erkennbar sind, ohne dass es der Namensnennung des Autoren bedürfte.
Eine Kritik an der Informationswissenschaft kommt nicht ohne eine allgemeine Kritik an den Wissenschaften aus, weil sich die Informationswissenschaft auf Begründungszusammenhänge der allgemeinen Wissenschaft beruft oder diese als selbstverständlich voraussetzt. Auch könnte meine Kritik nicht verstanden werden, wenn ich mich nicht ausdrücklich auf grundlegende Fragen beziehe, die auch außerhalb der Informationswissenschaft wichtig sind. In meinen „Grundlagen der Kritik“ verfahre ich so, als ob das Selbstbild der Wissenschaft für ihre tatsächliche Praxis wichtig sein müsste und die Forderungen der Wissenschaftstheorie an andere Disziplinen nicht irrelevant sind. Ferner frage ich, zu welchen Thesen die Wissenschaftssoziologie käme, wenn sie nicht das Selbstbild, sondern die tatsächliche Praxis der Wissenschaftsgemeinschaft beschreibt.
Leser, die sich für die Passagen allgemeiner Kritik an der Wissenschaft weniger interessieren, seien auf die folgenden Punkte vertröstet. Ich werde auf jeden Beitrag des Tagungsbandreaders konkret Bezug nehmen („Kritik an den Beiträgen des Readers“, Teil V). Zuvor wird die Repräsentativität des Tagungsbandreaders für die gesamte Produktion der Informationswissenschaft erörtert (Teil III). Auch bedürfen die fehlenden Bezüge zwischen dem Titel des Readers und seinen Inhalten sowie das Vorwort und das Programmkomitee gesonderter Kritik (Teil IV). Die Ergebnisse werden in 14 verallgemeinernden kritischen Thesen zusammengefasst (Teil VI).
II. Die Grundlagen der Kritik
Warum eine weitgehende Kritik auch an der Praxis der Branche und an ihrem Umgang mit der Informationswissenschaft erforderlich ist – Warum eine exogene Kritik an der Informationswissenschaft möglich und nötig ist
II.1 Kritik an der Diskurspraxis der Branche und an ihrem Umgang mit der Informationswissenschaft
Die These, eine Kritik der Informationswissenschaft sei geboten, ist innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft aus normativer Sicht eine Selbstverständlichkeit. Sollte die Arbeit der Scientific Community nicht vor allem darin bestehen, Kritik an etablierten vor allem eigenen theoretischen Systemen zu üben? Allerdings vergleicht die Wissenschaftstheorie ihre Forderungen nicht mit der tatsächlichen eigenen Praxis Sie thematisiert nicht einmal die Realisierbarkeit ihrer Forderungen, es sei denn in einem aussagenlogischen Sinn.
Es bestehen zusätzliche Gründe, die Informationswissenschaft und zwar extern zu kritisieren:
II.1.1 Wir, die Steuerzahler, finanzieren die Informationswissenschaft und fragen nach ihrem gesellschaftlichen Nutzen.
Im Folgenden beziehe ich mich der Einfachheit halber auf die Informationswissenschaft nur als Forschungsgemeinschaft. Der Nutzen der Informationswissenschaft als einer Berufsschule, die vor allem handwerkliche Fertigkeiten zu vermitteln scheint, wird nicht thematisiert.
Aber die Frage nach dem Nutzen der Informationswissenschaft als einer Forschungsgemeinschaft für das Gemeinwohl erscheint besonders wichtig, da der Anteil nicht öffentlich finanzierter Drittmittel in den Informationswissenschaften sehr klein sein dürfte. Weitaus wichtiger als die uns entstehenden finanziellen Kosten dürfte sein, dass der Gesellschaft der Nutzen entgeht, den eine optimal arbeitende Informationswissenschaft für das Gemeinwohl bereit stellen würde.
II.1.2 Wir von der Informationsbranche sind bereit, den Vorgaben der Informationswissenschaft in grundsätzlichen Fragen fraglos zu folgen. Oder wir lassen grundsätzliche Fragen und mögliche Antworten dazu außen vor, sofern diese von der Informationswissenschaft nicht behandelt worden sind.
Eine fraglose Folgebereitschaft der Praxis unserer Branche in Fragen der Diskursherrschaft zeigte sich noch Ende der 80er Jahre, als ein Branchenverband seine vornehmste Aufgabe darin zu sehen schien, die Hierarchie an den Universitäten widerzuspiegeln. Damals herrschte eine „repräsentative Öffentlichkeit“. Das heißt, es kam nicht darauf an, was gesagt wurde, sondern dass sich die Meinungsführer, die bestimmte formal ausgewiesene Ämter bekleideten, in der Öffentlichkeit zeigten. Mittlerweile hat sich dieser Verband aus einem wissenschaftlichen Verein in einen Verband für Wissenschaft und Praxis verwandelt und werden bestehende Hierarchien auf den ersten Blick locker gehandhabt. Sie erscheinen gleichwohl weiter in Teilen intakt.
Innerhalb der Praxis unserer Branche herrscht die Tendenz vor, in den Kästchen von Organigrammen zu denken und sich an die Grenzen von Kompetenzbereichen zu klammern. Was außerhalb des eigenen Zuständigkeitsbereiches liegt, fällt für das eigene Reden und Handeln nicht ins Gewicht. Wie gut, dass man als Alibi die Wissenschaft hat, an die man die übergeordneten Fragen, ob sich die Wissenschaft ihrer nun annimmt oder nicht, delegieren kann.
Ein solches Verhalten mag insoweit rational erscheinen, als man im Regelfall nur innerhalb seiner eigenen Verantwortungsbereiche mit Karrierepunkten belohnt wird. Hingegen wird das Übersteigen von Grenzen oder ein anderes als apologetisches Befassen mit wissenschaftlichen Fragen mit Befremden registriert und das Heranziehen von Gesichtspunkten des Gemeinwohls als „Spinnertum“ abgestraft oder mit Schweigen übergangen.
Allerdings läuft die Branche in Gefahr, eine Beute ausschließlich der Deutungen und Positionierungen von Interessenten zu werden. Auch Wissenschaftler sind im übrigen Interessenten, sei es, dass ihr Interesse darin besteht, eine These nicht aufgeben zu wollen, in die sie ein berufliches Leben investiert haben, sei es, dass sie in ihrer Bezugsgruppe bleiben wollen, die auf ihre Teilhabe an einem gemeinsamen Bezugsrahmen basiert.
Uns fehlt eine Kultur des „Common Sense“, die die Interessenten unserer Branche darauf aufmerksam macht, dass ihre Deutung der Zusammenhänge nie die einzig mögliche sein kann. Nur wenn es wie im Falle der Urheberrechtsgesetzgebung zu einem Konflikt zwischen mächtigen Interessentengruppen, hier den Verlagen und Bibliotheken, kommt, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass das, was uns als ausschließliche Wahrheit angedient wird, keineswegs selbstverständlich noch vollständig ist.
Was geschieht alles mit uns und gegen unsere individuellen Interessen, was wir nicht einmal denken können, weil sich die Interessenten uns gegenüber einig sind und die Position eines neutralen Beobachters von der Wissenschaftsgemeinschaft nicht eingenommen wurde? Sind die grundlegenden Fragen unserer Branche nicht zu wichtig, als dass man sie ausschließlich der Informationswissenschaft überlässt?
II.1.3 Beginge die Informationswissenschaft Fehler, wir multiplizierten sie, ohne diese Fehler zu kennen oder von ihnen wissen zu wollen.
Zwar regiert die Wissenschaft nicht die Welt. Aber ebenso richtig ist, dass in den diversen gesellschaftlichen Funktionsbereichen nichts mehr ohne wissenschaftlichen Zungenschlag geht. Die Grünen wurden erst zu einer machtpolitisch ernstzunehmenden Partei, als sie sich ihre eigenen wissenschaftlichen Experten herangezogen hatten. Ich habe an anderer Stelle geschrieben, dass wir gegen Ende des 20. Jahrhunderts alle zu Wissenschaftlern geworden sind, nämlich insoweit, als wir nicht mehr ohne wissenschaftlichen Zungenschlag denken, uns artikulieren und schreiben können. Dabei mögen unsere Bezugsrahmen, von denen wir behaupten, dass sie unsere persönlichen Meinungen seien, von obskuren Wissenschaftlern aus uns fremd gebliebenen Kontexten stammen.
Ein Praktiker wird es sich im eigenen Interesse schwer überlegen, bevor er sich mit einem Wissenschaftler anlegt. Warum sollte er sich Ärger einhandeln, während ihm keiner dafür Karriere-, Reputations- und andere Punkte schenkt? Es sei denn, seine Interessen seien unmittelbar berührt. In diesem Fall täte er gut daran, sich einen Wissenschaftler als Alibigutachter zu besorgen. Diese sind freilich, wenn man über die notwendigen finanziellen Mittel verfügt, immer zu finden.
Der Weltmarktführer für Wissenschafts- und Finanzinformationen, Thomson Reuters, verbreitet Indikatoren zur wissenschaftlichen Relevanz von Autoren und Beiträgen auf der Basis wissenschaftlicher Zitierungen. Die Wissenschaftsgemeinschaft greift gern auf diese Ergebnisse zurück, weil sich verfahrensmäßig mit ihnen einiges anstellen lässt. Allerdings haben sich weder Thomson Reuters noch die Wissenschaftsgemeinschaft die Frage gestellt, ob das Reputationssystem der Scientific Community funktionstüchtig ist. Dabei wäre auf den ersten Blick zu sehen, dass beispielsweise deutsche Wissenschaftler auch dann, wenn sie ebenso gut wie ihre angelsächsischen Kollegen sind, mit Handikaps ins Rennen um weltweite Rankings starten.
II.2 Ist eine externe Kritik an der Informationswissenschaft möglich?
Oder: Warum es kein Kompetenzgefälle zwischen Wissenschaft und Praxis in der Informationswissenschaft gibt – Warum die Abschottung der Informationswissenschaft den Erkenntnisfortschritt behindert – Warum die herkömmlichen Kriterien für wissenschaftlichen Erfolg nicht für die Informationswissenschaft heranzuziehen sind
Die Möglichkeit einer externen Kritik an der Informationswissenschaft wird in drei Thesen begründet:
II.2.1 Das vielfach behauptete Kompetenzgefälle zwischen Wissenschaft und Praxis besteht in der Informationswissenschaft kaum.
Ein solches Gefälle ist praktisch nicht vorhanden, weil
- viele Mitglieder in der Praxis in gleicher Weise wie die Informationswissenschaftler an Akademien sozialisiert worden sind und in gleicher Weise systematisch zu denken und schreiben gelernt haben und nach wie vor mit wissenschaftsnahen Tätigkeiten befasst sind;
- es in der Informationswirtschaft keine bewährte Theorie noch einen unumstrittenen Bezugsrahmen noch einen unangefochtenen Katalog zu klärender Fragen gibt, so dass man, wenn man seine kritische Funktion ernst nehmen wollte, immer wieder zu den grundsätzlichen Fragen zurückkehren müsste („Was sind unsere Ansätze, unsere grundlegenden Begriffe, unsere relevantesten offenen Fragen?“). Wenn man wieder am Anfang seiner Überlegungen steht, kommt Common Sense eine besonders wichtige Aufgabe zu;
- die Informationswissenschaft von dem technischen Fortschritt und weiteren Entwicklungen immer wieder überrollt wird und sie sich schwer tut, diese nachträglich in Begrifflichkeiten zu fassen.
Ich stelle mir den Informationswissenschaftler als ein Mitglied der Branche vor, dem wir vorübergehend eine Extra-Zeit geben, sich mit einer wichtigen Fragestellung systematisch zu befassen und der beim Finden und Formulieren von Ergebnissen ohne Rücksicht auf hierarchische, institutionelle, soziale und weitere Empfindsamkeiten ausschließlich der Wahrheit verpflichtet ist. Dabei ist unerheblich, in welcher Einrichtung er angesiedelt ist. Wissenschaft ist entgegen eines weitverbreiteten Irrtums eine arbeitsbezogene, keine institutionen- oder laufbahnbezogene Kategorie.
Aber verfügt der Kollege nicht über einen Vorsprung an Kompetenz, wenn er sich eingearbeitet hat und zu neuen Erkenntnissen gekommen ist? In der Tat. Aber dieser Vorsprung ist jederzeit aufholbar und nie so groß, dass sich der Wissenschaftler nicht der Kritik stellen müsste. Auch mag ein Kollege von einem Augenblick auf den anderen einen Vorsprung erlangen. Wissenschaftliche Autorität entsteht ausschließlich aus der Kraft eines Argumentes und ist immer nur punktuell vorhanden. Das Argument ist seinerseits immer zu hinterfragen und wird irgendwann prinzipiell relativiert worden sein.
II.2.2 Das Paradigma von „Einsamkeit und Freiheit“ als Voraussetzung des Erkenntnisfortschritts gilt nicht für die Informationswissenschaft.
Die Forderung nach einer Abschottung der Wissenschaft von der Praxis nimmt in der Wissenschaftsgeschichte zwei Funktionen wahr:
II.2.2.1In der Informationswissenschaft wie in den anderen Geisteswissenschaften ist wissenschaftlicher Fortschritt auf die Dauer nicht möglich.
Soweit in den Natur- und Technikwissenschaften auf bewährte Theorien zurückgegriffen werden kann und damit aufeinander aufbauende additive Erkenntnisse möglich werden, ist eine Abschottung der Wissenschaften teilweise erwünscht. Hier können die zu erzielenden Erkenntnisgewinne derart gewaltig sein, dass ihre pragmatischen Implikationen nur nach und nach und vollständig erst nach Jahrzehnten entdeckt werden. Eine Außensteuerung der Wissenschaft, die auf eine unmittelbare Verwertbarkeit wissenschaftlicher Arbeit drängte, würde unter diesen Voraussetzungen stören und den Fluss neuer Erkenntnisse behindern.
Allerdings ist dieser Begründungszusammenhang auf die Geisteswissenschaften nicht anwendbar. Da hier nicht auf bewährte Theorien zurückgegriffen werden kann und sich die empirischen Voraussetzungen der Geisteswissenschaften im ständigen Fluss befinden, ist eine additive Gewinnung von Erkenntnissen kaum möglich. Vielmehr muss sich die Wissenschaft über enge Kommunikations- und Kooperationszusammenhänge mit der Praxis darum kümmern, dass sie überhaupt zu relevanten Erkenntnissen kommt. Diese sind prinzipiell vorübergehender Natur.
Damit wird nicht gesagt, dass nicht auch in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis Probleme auftreten. Das ist jedoch ein anderes Problem, das an dieser Stelle nicht erörtert werden muss.
Im Diskurs um „wissenschaftliche Revolutionen“ wird sogar für die Naturwissenschaften bestritten, dass es einen „wissenschaftlichen Fortschritt“ auf Dauer geben kann. Wir müssen diese Debatte gleichfalls nicht führen. Wichtig ist allerdings, dass die Naturwissenschaften ihren Kompetenzvorsprung vor der Praxis einbüßen, wenn es um die eigentlich wichtige Frage im Zusammenhang mit neuen natur- und technikwissenschaftlichen Erkenntnissen geht, nämlich wie die neuen Erkenntnisse in Wirtschaft und Gesellschaft angewandt werden sollen.
Bei zentralen ethischen Fragen befindet sich der Naturwissenschaftler in der gleichen Position wie der Geisteswissenschaftler generell, nämlich auf Augenhöhe mit einem interessierten und besorgten Bürgers mit Common Sense.
II.2.2.2Die Geisteswissenschaften müssen heute nicht mehr vor politischer Willkür in Schutz genommen werden.
In den Geisteswissenschaften erfüllte die Forderung nach einer Abschottung der Wissenschaften einst die Funktion, die Wissenschaft vor politischer Willkür zu bewahren. In den absolutistischen Staaten der frühen Aufklärung sollte es nach dem Willen der Wissenschaft Refugien geben, in denen die Kraft des Argumentes und nicht die politische Macht oder politischer Laune von ausschlaggebender Bedeutung war.
In den offenen Gesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts hat dieses Argument ausgedient, obgleich es vielfach weiter verwendet und von der Informationswissenschaft als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Die Informationswissenschaft ist wie andere Disziplinen nicht von direkten politischen Interventionen bedroht. Die Unabhängigkeit der Informationswissenschaft ist nicht gefährdet, wenn sie von externer Seite gefragt wird, warum sie sich vorzugsweise für die Behandlung unbedeutender Fragen entschieden hat. Noch sollte sie auf Argumentationsfiguren aus dem Zeitalter des Absolutismus zurückgreifen, verlangt man ihr von ihr die Beteiligung an einem Diskurs, der nach eigenem Selbstbild ihr ureigentliches Betätigungsfeld sein müsste.
II.2.3 Die herkömmlichen Kriterien für wissenschaftlichen Fortschritt taugen nicht für die Informationswissenschaft.
Eine erfolgreiche Immunisierungsstrategie der Wissenschaftsgemeinschaft gegen unbequeme Fragen der Praxis besteht in der Behauptung, es könne in der Wissenschaft nicht um Anwendungen, vielmehr müsse es um Erkenntnisgewinnung gehen. Diese Argumentationsfigur wurde lange Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft verlautbart, ohne dass ihr Präsident die Notwendigkeit gesehen hätte, zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften zu unterscheiden.
Diese Argumentationsfigur bricht jedoch zusammen, wenn eine additive Erkenntnisgewinnung nicht möglich ist respektive nur punktuelle Erkenntnisse – beispielsweise für bestimmte Zeiträume, für bestimmte Regionen, nur unter Laboratoriumsbedingungen oder lediglich unter Ausschluss wichtiger Problemgrößen – zu gewinnen sind.
In diesem Fall gibt es zu der Heranziehung des Kriteriums pragmatischer Relevanz als Erfolgsmaßstab wissenschaftlichen Arbeitens keine Alternative und steigen enge Kommunikations- und Kooperationszusammenhänge zwischen Wissenschaft und Praxis zur wesentlichen Voraussetzung erfolgversprechenden wissenschaftlichen Arbeitens empor.
II.3 Eine externe Kritik an der Informationswissenschaft ist geboten, weil sich die Informationswissenschaft in ihrer Selbstkritik weitgehend auf unwesentliche Einzelheiten und einen Als-ob-Reputationswettbewerb beschränkt.
Am Beispiel des ausgewählten Readers wird nachzuweisen sein, dass die Informationswissenschaft als Disziplin weitgehend auf eine Selbstkritik verzichtet. Für einen weitgehenden Verzicht auf eine Kritik der Informationswissenschaftler untereinander sprechen drei Gründe. Diese sind unter den Punkten II.4 – II.6 dargestellt.
II.4 Nach ihrem eigenen Selbstbild besteht die vornehmste Pflicht der Scientific Community darin, Kritik an sich selbst zu üben. Diese Pflicht befolgt sie bestenfalls rudimentär. Zu mächtig erweisen sich Versuchungen, Zitatenkartelle zu bilden.
Wenn die Wissenschaftssoziologie in ihrer Beschreibung des Wissenschaftssystems von einem Marktparadigma ausgeht und behauptet, die Wissenschaftsgemeinschaft werde durch Reputationskonkurrenz gesteuert, dann verwundert schon, dass die Wissenschaftssoziologe kaum einmal gefragt hat, ob dieser Koordinationsmechanismus nur beschränkt funktioniert. Hätte es nicht nahegelegen, zu den Wirtschaftswissenschaften herüberzuschauen, wo auf der Basis dieser Beschränkungen eine Preistheorie und Marktformenlehre als unverzichtbare Bestandteile ihrer Theorie entwickelt worden sind?
Dabei wäre ein Blick auf die Nachbardisziplinen nicht einmal nötig. Vielmehr lehrt uns Common Sense, dass eine Tendenz zur Bildung von Zitatenkartellen unvermeidlich ist, wenn jener, der Reputationspunkte vergibt, von dem, den er kritisiert, abhängig ist, also von ihm mit Reputationspunkten beschenkt wird.
Stehen sich beide Forscher nicht besser, wenn sie einander lobend erwähnen? Stehen sich beide nicht schlechter, wenn sie einander kritisieren? Verstehen wir viele wissenschaftliche Beiträge und die dort stattfindenden „Eiertänze“ nicht besser wenn nicht überhaupt, wenn wir von Zitatenkartellen ausgehen?
Damit ist ein Streit zwischen einzelnen Wissenschaftlern und eine Polarisierung zwischen einander befehdenden oligopolistischen Wissenschaftlerverbünden nicht ausgeschlossen. Doch ist dies, wie uns ein Blick auf die Entwicklung der Disziplinen und Teildisziplinen lehrt, eher die Ausnahme.
Häufig lässt sich eine These am besten bestätigen, indem man auf das scheinbar Selbstverständliche schaut: Wie kann es sein, dass Assistenten die wissenschaftlichen Meinungen ihres Vorgesetzten in ihren eigenen Arbeiten praktisch immer bestätigen, obgleich sie die Schwächen des Ansatzes ihres Vorgesetztem am besten kennen müssten?
Offensichtlich wird ihr Handeln nicht durch die Kraft des Argumentes oder durch die Wissenschaftstheorie oder durch die Norm, wie wissenschaftliches Arbeiten nach dem Selbstbild der Wissenschaftsgemeinschaft sein sollte, sondern durch die Hierarchie und die real existierende Wissenschaftssoziologie und die Lust auf die eigene Karriere bestimmt.
Das muss womöglich menschlich verständlich sein. Andererseits sollte kein Verständnis so weit gehen, dass die wichtigste Determinante wissenschaftlicher Karrieren, der keine Frage stellende wissenschaftliche Gehorsam an Universitäten, nicht genannt werden darf. Der Vorgesetzte findet es seinerzeit leicht, die Schenkung von Reputationspunkten beispielsweise bei einer Dissertation mit eigenen Reputationspunkten zu vergelten, weil er praktisch seine eigene – in geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen letztlich immer fragwürdige – Meinung honoriert.
Wenn Zitatenkartelle in hierarchischen Zusammenhängen so uneingeschränkt regieren, sollten sie nicht dort, wo sie weniger offen auf der Hand liegen und nicht mehr die eigene Karriere, sondern „nur“ die eigene Reputation auf dem Spiel steht, wichtig geblieben sein?
II.5 Die Informationswissenschaft hat sich in eine Nische eingerichtet, wo sie von den Nachbardisziplinen und der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Medien usw.) kaum wahrgenommen wird.
Das hat auch seine Nachteile, beispielsweise, wenn die Budgets von Universitäten zu beschneiden sind und die Ministerialverwaltungen nicht wissen, was sie mit der Informationswissenschaft anfangen sollen. Oder die Politiker geben im Zweifelsfall immer den nicht notwendigerweise zu spezifizierenden „Neuen Technologien“ den Vorzug. Noch sieht man sich in der eigenen Bedeutung bestätigt, wenn die Medien immer an einem vorbeigehen und sich lieber einen Wissenschaftler als Interviewpartner wählen, der eine besondere Maschine zum Sehen und Anfassen hat.
Das hat andererseits seine Vorteile, da man sich, ohne Interventionen von außen vergegenwärtigen zu müssen, weitgehend wissenschaftsimmanent fortentwickeln kann. Im Extremfall ließe sich eine Parallelwelt aufbauen, die mit dem empirischen Untersuchungsgegenstand nur sehr locker oder lediglich dem Namen nach verknüpft ist.
Zwar ist es zu Kontakten und Kooperationen zwischen der Informationswissenschaft und Praxis gekommen. Diese sind allerdings punktuell geblieben. Noch gibt es eine Institution, die für eine Kontinuität der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis sorgen würde. Offensichtlich ist eine solche Kontinuität im elementaren Interesse weder der Informationswissenschaft noch der Praxis. Solches wäre ja auch mit Mühe und Arbeit verbunden, ohne dass dies den unmittelbaren eigenen Interessen dient.
Sollte es dennoch in mindestens einem Fall zu einer nachhaltigen Bereicherung der Entwicklung in Wissenschaft oder Praxis durch die Kommunikation und Kooperation miteinander gekommen sein, so sind diese ein Geheimnis geblieben.
II.6 Für die Informationswissenschaft als Geisteswissenschaft mit dem Untersuchungsgegenstand „Information“ sind besonders starke Tendenzen anzunehmen, auf eine Kritik an der eigenen Arbeit zu verzichten.
II.6.1 Geisteswissenschaften müssten in einer ernstgemeinten Selbstkritik bei den Fundamentals ansetzen. Aber wer wollte sich freiwillig seiner Investitionen in eine bestimmte These, streng genommen seines wissenschaftlichen Existenzrechtes, berauben?
Die Geisteswissenschaften verfügen von einer Ausnahme abgesehen über keine etablierten Theorien. Auch die Theoreme der Wirtschaftswissenschaften gelten nur unter bestimmten institutionellen Voraussetzungen. Leitet man aus ihnen Voraussagen über künftige Entwicklungen ab, wird man graduell praktisch immer und immer wieder auch radikal überrascht.
Von den Wirtschaftswissenschaften abgesehen, leben die Geisteswissenschaften in einem Stand der ständigen potenziellen „wissenschaftlichen Revolution“. Dies ist in dem Sinn zu verstehen, dass sich einem Untersuchungsgegenstand jederzeit mit ganz anderen Begriffen und Grundannahmen als den gerade üblichen zu Leibe rücken ließe. Zwar mögen in allen Disziplinen Invarianzen oder, bescheidener, Regelmäßigkeiten menschlichen Handelns entdeckt werden. Doch sind diese zeitlich, örtlich und institutionell begrenzt. Noch bilden sie jemals die ausschließliche Wahrheit.
Auf Prognosen menschlichen Handelns wird, da sie offensichtlich nicht möglich sind, fast immer verzichtet. Wagt man sich dennoch an sie, so sind sie fast immer trivial oder empirisch nicht falsifizierbar oder offensichtlich falsch.
Der Stand potenziell ständiger „wissenschaftlicher Revolutionen“ wird an den gelegentlichen „wissenschaftlichen Revolutionen“ in den Geisteswissenschaften sichtbar. Diese erfolgen nach allen Beobachtungen meistens nicht, weil dies der Fortschritt der Erkenntnisse nahegelegen hätte, sondern weil eine neue Wissenschaftlergeneration das Interesse an den alten Fragestellungen verloren hat oder sie sich angesichts des quantitativen Wachstums ihrer Disziplin in neuen Nischen des Wissenschaftsmarktes zu positionieren hat. Man lese dazu eine Dogmengeschichte der Wirtschaftswissenschaften, die Geschichte der Sozialphilosophie und/oder Darstellungen der auf einander folgenden Bezugsrahmen oder Theorien der allgemeinen Soziologie.
Oder man sehe sich die Entwicklungen der Pädagogik in den letzten Jahrzehnten an. Hier jagte innerhalb eines unseligen Wissenschafts-Bildungspolitischen-Verbundes eine These die andere. Jede dieser Thesen war so unterkomplex, dass ihre Defizite jedem mit Common Sense Begabten hätten auffallen müssen. Hingegen wurden die naheliegenden Thesen, dass Organisationsreformen für schulischen Erfolg nicht ausreichend seien und eine nicht aufhören sollende Folge von Organisationsreformen Schaden stiften können, für den öffentlichen Diskurs nicht herangezogen.
Eine ehrliche Selbstkritik in den Geisteswissenschaften müsste demnach gleich im Grundsätzlichen und im Auflisten bislang nicht herangezogener paradigmatischer Alternativen ansetzen. Da Intelligenz an den Hochschulen keine knappe Ressource ist, dürfte jedem Geisteswissenschaftler irgendwann aufgefallen sein, auf welchem schwankenden Boden er mit seinem eigenen Bezugsrahmen und daraus abgeleiteten Ansprüchen steht. Vielleicht sind aus diesem Grunde manche Geisteswissenschaftler persönlich so schwierig.
Was machte es andererseits aus der Sicht eines Wissenschaftlers für einen Sinn, das zu tun, was wissenschaftstheoretisch geboten ist, wenn man damit seine Mitgliedschaft in seiner wissenschaftlichen Bezugsgruppe infragestellt? Muss man andererseits gleich, um zu leuchtenden Gegenbeispielen zu kommen, auf Heroen der Wissenschaftsgeschichte wie Sokrates, Voltaire und Thomas S. Kuhn zurückgreifen, die sich ihrer schwankenden (geistes-)wissenschaftlichen Fundamente nicht nur bewusst waren, sondern diese auch artikulierten, ohne jemals irrelevant geworden zu sein? Freilich täte der Informationswissenschaft die Berufung auf diese Kollegen gut, und wäre noch besser, sie würde ihnen folgen.
II.6.2 Der Untersuchungsgegenstand „Information“ ist derart allgemein, dass sich zwingend weder wissenschaftliche Ansätze noch Fragen noch Verfahren ableiten lassen. Wie lässt sich eine Selbstkritik beginnen und fortsetzen, wenn solches die Ausgangspunkte sind?
„Information“ und „Macht“ sind derart allgemeine Begriffe, dass sich von ihnen ausgehend keine empirisch gehaltvollen Theorien ableiten und schon gar nicht Prognosen gewinnen lassen. Dieses Schicksal teilen sie mit dem Begriff des „Systems“, das lediglich aussagt, dass irgendetwas „geordnet“ oder „invariant“ sei.
Nicht, dass die real existierende Wissenschaft mit diesen Begriffen nichts anzufangen gewusst hätte. So trieben die kybernetische Informationstheorie und Systemtheorie großen Aufwand damit, unsere Welt in neue Begrifflichkeiten zu kleiden. Entkleidete man sie ihres begrifflichen Ballastes, blieben Trivialitäten und angreifbare Behauptungen zurück. Man lese Niklas Luhmann, wenn dieser sprachlichen Schwulst ablegte und sich bemühte, für alle verständlich zu schreiben.
Eine Alternative zu dieser Bildung allgemeinster letztlich irrelevanter Sprachspiele könnte darin bestehen, konkretere Unterbegriffe zu bilden, die mit den Oberbegriffen „Information“, „Macht“ oder „System“ nur sehr locker verbunden sind. So könnte man zwar formal den Namen eines Informationswissenschaftlers beibehalten, sich jedoch konkret lediglich mit dem Suchen, Finden und Speichern von Informationen beschäftigen. Or whatever.
Letztlich ließe sich jedes Thema unter den Oberbegriffen „Information“, „Macht“ oder „System“ abhandeln. Inhaltliche Bezüge zwischen den verschiedenen behandelten Themen mögen sich nach wie vor ergeben. Diese sind aber nicht zwingend, sondern beruhen auf sozialer Konvention. Wo sollte hier eine State-of-the-Art-Kritik ansetzen?
Ginge man so vor, könnten quasi-autonome wissenschaftliche Königreiche entstehen, die weniger inhaltlich und durch Zitatenkartelle, stattdessen über faktisch bestehende Nichtangriffspakte oder weniger martialisch über einen wechselseitigen Kritikverzicht und über institutionelle Anlässe und Mitgliedschaften und gelegentliche Reader verbunden sind. Diesen Weg scheint die Informationswissenschaft gegangen zu sein.
Somit sind die Instrumente bereitgelegt, um den Kuhlen´schen Reader kritisieren zu können.
Fortsetzung folgt...
Die eigenen schwankenden wissenschaftlichen Grundlagen nicht nur gesehen, sondern auch artikuliert (von links nach rechts): Informationswissenschaftler Sokrates, Voltaire und Thomas S. Kuhn. Warum berufen sich die heutigen Informationswissenschaftler nicht auf diese Kollegen und folgen ihnen nach?
