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Kritik der Informationswissenschaft III

Informationswissenschaft

State of the Art

Kritik der Informationswissenschaft (3)

Anmerkungen eines interessierten und besorgten Bürgers mit Common Sense

Von Willi Bredemeier

V. Kritik an den Beiträgen des Readers

V.1 Beurteilungskriterien

Um informationswissenschaftliche Beiträge beurteilen zu können, liegt die Heranziehung gegebenenfalls die Konstruktion eines Beurteilungssystems nahe. Allerdings bewährte sich das hier entwickelte System an Beurteilungskriterien nur begrenzt. Das gilt freilich nicht für die übergeordnete letztlich entscheidende Frage: „Hat der zur Beurteilung anstehende Beitrag die wissenschaftliche und/oder pragmatische Diskussion weitergeführt?“ 

Sogar diese Frage erwies sich in einer Hinsicht als wenig relevant, nämlich insoweit, als wissenschaftliche und pragmatische Relevanz bei einer Reihe von Beiträgen zusammenfielen. Entweder war die Relevanz bei diesen Beiträgen in beiden Dimensionen gegeben, oder sie war es nicht.

Dennoch wird das Kriteriensystem im Folgenden wiedergegeben, weil es Einblicke in den Bezugsrahmen des Verfassers ermöglicht, weil es sich in einigen Fällen doch bewährte und weil ein radikal anderes Kriteriensystem, sofern man nicht auf Ad-hoc-Beurteilungen zurückgreifen will, nicht in Sicht ist. Auch könnte das Kriteriensystem relevanter werden, wenn sich die Informationswissenschaft weiter entwickelt hat.

An Kriterien, nach den Gruppen „Exzellenzen“, „wissenschaftsimmanente Kriterien“ und „pragmatische Relevanz“ unterteilt, sollten im Einzelnen herangezogen werden

 „Exzellenzkriterium“: Exzellenz? Wird zum Beispiel ein neuer oder veränderter Bezugsrahmen vorgeschlagen oder zumindest erörtert? Ist ein gewisser Neuheitscharakter gegeben?

Wissenschaftsimmanente Kriterien: Sind die gewählten Fragestellungen nicht trivial? Enthalten die gewählten Verfahren etwas Neues? Sind die gewonnenen Erkenntnisse nicht trivial? Bringt uns der Beitrag auf methodologischer Ebene weiter? Bringt der Beitrag die Informationswissenschaft oder Teile von ihnen inhaltlich voran?

Pragmatische Relevanz: Beruht der Beitrag auf eine Kommunikation oder Kooperation mit der Praxis? Wird die Perspektive des Nutzers eingenommen? Kommt für den Nutzer unmittelbar etwas heraus? Sind die Ergebnisse auf eine andere Weise wissenschaftsextern relevant?

Ein Beispiel für einen Beurteilungsbereich, der ohne vorher festgelegte Beurteilungskriterien auskommt und sich ausschließlich auf ad hoc herangezogene Maßstäbe verlässt, ist die Belletristik. 

Ich versuche im Folgenden zum Teil unabhängig vom vorgesehenen Kriterienraster zu Beurteilungen zu kommen, die von möglichst allen geteilt werden können. Beispielsweise behaupte ich: 

  • Wenn die Ergebnisse eines Beitrages so selbstverständlich sind, dass sie in den Ansatz des Beitrages hätten eingehen sollen, ist der Beitrag kritisierbar.
  • Wenn ein Beitrag lediglich ein Arbeitsprogramm vorstellt und nichts dazu sagt, wie sich dieser Ansatz bewährte, ist der Beitrag kritisierbar.
  • Wenn sich ein Beitrag als Nebenprodukt anderer Aktivitäten ergeben hat, und keinerlei Bemühung erkennbar ist, in eine Erörterung der Generalisierbarkeit und Transferierbarkeit der gefundenen Lösung auf andere Einrichtungen einzutreten, kann dieser Beitrag die informationswissenschaftliche und -praktische Debatte nicht weiterbringen.

 

Mit diesen Kritiken wird ein bedeutender Teil der Beiträge im Tagungsbandreader abgedeckt.

Auf eine schärfere Kritik an den Beiträgen des Readers, die sich aus dem folgenden Beispiel ergeben hätte, wurde in den Einzelbesprechungen verzichtet, weil diese Kritik nahezu alle Beiträge des Readers betroffen hätte:

  • Wenn ein Beitrag auf jede Kritik an andere informationswissenschaftliche Beiträge und/oder informationspraktische Zusammenhänge verzichtet, ist er kritisierbar.

Wie die genannten Beispiele zeigen, bedurfte es bei vielen Beiträgen keiner speziellen Kenntnisse, sie zu bewerten. 

Überhaupt wird die Notwendigkeit spezieller Kenntnisse für die Beurteilung wissenschaftlicher Beiträge in Disziplinen, die auf keine bewährte Theorie basieren und deren Bezugsrahmen auf sozialer Konvention statt auf additiv gewonnenen Erkenntnissen beruhen, überschätzt. Allerdings können entsprechende Abschottungen im Interesse kleiner und größerer Fachgemeinschaften sein.

V.2 Die Kritik der einzelnen Beiträge

 

Um die Textmenge bei über 50 zu beurteilenden Beiträgen in Grenzen zu halten, bemühe ich mich um weitgehende Kürze.

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Session 1: Recherche und Web

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V.2.1 Rita Strebe, Empirische Untersuchung von emotionalen Reaktionen 

im Prozess der Informationsrecherche im Web

Beschreibung: Es wird eine „beobachtende Perspektive auf affektive Phänomene entlang des Websuchprozesses“ eingenommen. „Die pyschologische Forschung beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit dem Einfluss der affektiven Ebene auf Erinnerungs- und Bewertungsprozesse. Zuverlässige Erkenntnisse liegen noch nicht vor.“ Das gewählte Verfahren ist eine Beobachtung, nachdem Testpersonen zu lauten Denken aufgefordert worden sind. Die zentralen Ergebnisse lauten: „Bei der Analyse der Auslöser der Gefühlsauschläge wurde die wichtige Rolle der Relevanz für emotionale Vorgänge während der Suche deutlich. … Eine weitere Erkenntnis bezieht sich auf die wichtige Bedeutung des äußeren Eindrucks von Websiten für emotionale Reaktionen.“

Bewertung: Die Ergebnisse sind so trivial, dass sie vor der Aufnahme der Untersuchung selbstverständlich waren. Es wird nicht versucht, emotionale Reaktionen während der Suche auf die Effizienz der Recherche zu beziehen. Wozu sonst sollten Emotionen während der Suche derart wichtig sein, dass sie eine eigene wissenschaftliche Untersuchung rechtfertigen? Noch wird eine Bedeutung des Beitrages in anderer Hinsicht erkennbar.

V.2.2 Teresa Märtl, Christa-Wormser-Hacker, Thomas Mandl, 

Mehrsprachige Suche in Social-Tagging-Systemen

Beschreibung: „Am Beispiel von Flickr wurden die Folgen der Mehrsprachigkeit auf die Suche nach Bildern unter Berücksichtigung der Besonderheiten von Social-Tagging-Systemen untersucht.“ Die Autoren haben sich dieses Themas angenommen, obgleich Social Browsing wichtiger als Social Tagging sein dürfte. Dies geschieht in enger Anlehnung an die eClef-Untersuchungen. Zentrale Ergebnisse lauteten dort: „Die Untersuchung ergab, dass unabhängig von der Datengrundlage vor allem in Sprachen gesucht wurde, die die Nutzer gut beherrschten, und nur selten die Wahl auf unbekannte Sprachen fiel. … Bei dieser Studie zeigte sich, dass die Testpersonen zögerten, terminologische Vorschläge zu nutzen, die sie selbst nicht verstanden, auch wenn sie wahrscheinlich das Suchergebnis verstanden hätten. … Die Gruppe … fand heraus, dass die Nutzer erfolgreicher bei der Suche waren, wenn sie über Kenntnisse in der Zielsprache verfügten.“ Andere Ergebnisse des Hildesheimer Tests als bei eClef könnten „damit zusammenhängen, dass die Testpersonen dieser Untersuchung überwiegend Studenten international ausgerichteter Studiengänge sind und somit über eine höhere Fremdsprachen-Affinität verfügen.“ Im Fazit werden pragmatisch relevante Fragen gestellt.

Bewertung: Exzellenz und Neuheitscharakter können angesichts der engen Anlehnung an die iClef-Studien nicht gegeben sein. Bereits deren Ergebnisse sind weitgehend trivial und schon angesichts spezifischer Kontexte bestenfalls beschränkt generalisierbar. Die Hildesheimer weisen selbst auf das weitgehende Fehlen von Verallgemeinerungsmöglichkeiten der Ergebnisse ihres Tests hin. Die pragmatisch relevanten Fragen ergeben sich nicht zwingend aus den Ergebnissen. Sie hätten nicht im Fazit gestellt werden, sondern in den Ansatz der Untersuchung eingehen sollen.

V.2.3 Christian Maaß, Dirk Lewandowski, Frage-Antwort-Dienste als alternativer Suchansatz?

Dieser Beitrag wurde aus der Bewertung genommen, da es sich bei Dirk Lewandowski um einen regelmäßig für Password schreibenden Autoren handelt.

V.2.4 Jürgen Reischer, EXCERPT – a Within-Document Retrieval System Using Summarization Techniques

Beschreibung: Ein eigenes System wird vorgestellt. Dessen Aufgabe ist es „to retrieve text passages of documents ranked by their topical relevance and informativeness according to several parameters also used in summarizing.“

Bewertung: Das technizistische Vokabular wird durch die Wahl der englischen Sprache ergänzt, was das Verständnis ein weiteres Mal erschwert. Es wird bezweifelt, dass es für diesen Vortrag in Konstanz genügend Interessierte gab und genügend Wissenschaftler, die diesen Vortrag verstanden hätten. Es handelt sich mit der Ausnahme einer Kommerzialisierungsabsicht um eine Product Review, so dass ein Eigeninteresse unterstellt werden kann und sich die Angaben nur im Vergleich zu anderen Systemen und im Zusammenhang mit eigenen Tests oder mindestens in Demonstrationen einordnen ließen. Die Frage der praktischen Einführung und der Übertragbarkeit der gefundenen Lösung wird nicht erörtert. Noch werden praktische Versuche, diese an diversen Stellen zu „verkaufen“, dargestellt. Was ist die pragmatische Relevanz dieses Beitrages, da es um nichts anderes als die pragmatische Relevanz der entwickelten Lösung gehen kann? Product Reviews, die sich von Zuhörern oder Lesern nicht beurteilen lassen, sollten nicht im Zentrum wissenschaftlicher Tagungen stehen und wenn doch, dann von einer Art „Stiftung Warentest“ verständlich und unabhängig und möglichst im Produktvergleich zu beurteilen sein. Diese Kritikpunkte gelten analog für weitere Product Reviews des Tagungsbandreaders.

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Session 3: Fachportale – Open Access I

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V.2.5 Stefan Baerisch, Peter Mutschke, Maximilian Stempfhuber, Informationstechnologische Aspekte der Heterogenitätsbehandlung 

in Fachportalen

Beschreibung: „Ein zentrales Problem bei der Integration von Informationsbeständen in Digitalen Bibliotheken ist die Behandlung der semantischen Heterogenität, also von Unterschieden auf der Ebene der Inhaltserschließung. … Die Behandlung von Heterogenität in Informationssystemen war Gegenstand einer Reihe seit 1995 bei der GESIS durchgeführter Forschungsprojekte. … Die Behandlung der semantischen Heterogenität in Fachportalen hat sich seit dem Onlinezugang von infoconnex im Jahr 2003 beständig weiterentwickelt. Die Einbindung in sowiport und die Nachnutzung in ireon, vifanord und vcascoda demonstrieren den praktischen Wert der Heterogenitätsbehandlung für wissenschaftliche Fachportale. Unter technischen Gesichtspunkten entwickelte sich die Heterogenitätsbehandlung hin zu einem nachnutzbaren Dienst mit plattformunabhängigen Schnittstellen, der die Nutzung des in den Corosskonkondanzen codierten semantischen Wissens in vielfältigen Kontexten erlaubt.  … Die Erweiterung dieser Basisfunktionalität wird … Gegenstand zukünftiger Arbeiten; so ist eine Verwendung der Heterogenitätskomponenten in vascoda.de noch in 2009 vorgesehen.“

Bewertung: Exzellenz und Neuigkeitscharakter ergeben sich nicht, weil es sich um fortlaufende begleitende Veröffentlichungen von anscheinend inkrementalen Entwicklungsaktivitäten handelt. Mitglieder des Programmkomitees könnten die wissenschaftliche Relevanz des Beitrages infragestellen. Pragmatische Relevanz, insbesondere die Einnahme einer Nutzerperspektive, die Erarbeitung eines unmittelbaren Nutzernutzens und die Anwendung auf verschiedene Informationsangebote, sind gegeben. Allerdings werden die Möglichkeiten eines Transfers auf Lösungen, an denen die Gesis nicht beteiligt ist, nicht deutlich gemacht und die Chancen eines Transfers durch die Wahl eines technizistischen Vokabulars erschwert. Auch fragt es sich, was die seit 1995 andauernden und auch in Zukunft nicht enden sollenden Forschungsprojekte zu identischen Fragestellungen an additiven Erkenntnisse gebracht haben und ob die „Fortsetzungsromane“ an inkrementalen Entwicklungen und begleitenden wissenschaftlichen Beiträgen ihre Mühe wert gewesen sind. Relevantere Forschungsthemen für die Gesis wären die Berücksichtigung ausdrücklich geäußerter Nutzerwünsche und die Darbietung sozialwissenschaftlicher Informationen für außerwissenschaftliche Zielgruppen gewesen.

V.2.6 Doris Bambey, Open Access in der Erziehungswissenschaft – Voraussetzungen und Modelle der Funktionsteilung und der Verwertung von Wissen

Beschreibung: Mit dem fachlichen Dokumentenserver Pedocs wird eine breit angelegte Contentstrategie verfolgt, „die die spezifische Publikationskultur der Erziehungswissenschaft berücksichtigt.“ Die unterschiedlichen Voraussetzungen für eine Open-Access-Strategie für Naturwissenschaften und Sozial-/Erziehungswissenschaften werden aufgezeigt. Pluspunkte einer Open-Access-Zweitveröffentlichung für Verlage werden aufgelistet.

Bewertung: Dieser Beitrag erfüllt am ehesten die Anforderungen, die durch den Titel der Tagung und des Readers vorgegeben sind. Ein Neuheitscharakter ist angesichts der sauberen Analyse der Möglichkeiten einer Open-Access-Strategie und der Bestimmung von gemeinsamen und unterschiedlichen Interessen von Stakeholdern gegeben. Eine wissenschaftliche Relevanz besteht insoweit, als die Wissenschaftsgemeinschaft über wichtige empirische Zusammenhänge für eine Open-Access-Strategie auch in anderen Kontexten versorgt wird. Der Beitrag ist eine begleitende Aktivität der Open-Access-Strategie von Pedocs, beruht zum Teil auf einem Zusammenwirken mit Verlagen und ist nicht nur für die Beteiligten pragmatisch relevant.

V.2.7 Patrick Ley, Integration heterogener Anwendungen in Fachportalen 

am Beispiel Sowiport.

Beschreibung: Es handelt sich um einen weiteren Beitrag von Gesis. Dieser hätte sich bei einem etwas ausgeweiteten Thema unter V.2.5 integrieren lassen. Dies wäre allerdings entgegen einer inkrementalen Entwicklungs- und Veröffentlichungskultur geschehen. Er „erläutert am Beispiel des sozialwissenschaftlichen Fachportals Sowiport, welche Systeme über welche Schnittstellen interagieren und welche Designentscheidungen beim Entwurf getroffen wurden.“

Bewertung analog V.2.5.

V.2.8 Martin Uhl, Erich Weichselgartner, Aufbau einer innovativen Publikationsinfrastruktur für die europäische Psychologie

Beschreibung: Es wird ein Projekt des Fachinformationsanbieters ZPID besprochen. „Die durchgeführte Onlineumfrage, der Workshop und diverse Einzelkontakte belegen eine hohe Nachfrage nach einer europäischen innovativen Publikationsinfrastruktur für die Psychologie. Wissenschaftler aus mehreren europäischen Ländern sind zur aktiven Unterstützung bereit. Die Arbeitsfelder „Nutzer/Anwendungebiete“, „Review/Qualität“, „Sprache/Sichtbarkeit“ sowie „Zugang/Finanzierung“ wurden als entscheidende Schwerpunkte identifiziert.“

Bewertung: Eine pragmatische Relevanz ist gegeben, da es sich bei der Veröffentlichung um ein Nebenprodukt praktischer ZPID-Aktivitäten handelt. Allerdings wird eine über das ZPID hinausgehende pragmatische Relevanz nicht erörtert, so dass eine solche für andere und eine wissenschaftliche Relevanz kaum erkennbar ist.

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Session 4: Informationssektor, Informationswirtschaft

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V.2.9 Robert Mayo Hayes, Karin Karlics, Christian Schlögl, 

Eine Analyse des Informationssektors in Österreich

Beschreibung: Es wird ein Projekt vorgestellt, „dessen Ziel darin besteht, den Informationssektor in der österreichischen Volkswirtschaft einer genaueren Analyse zu unterziehen.“ „Zum aktuellen Zeitpunkt ist die erste Projektphase vor ihrem Abschluss.“

Bewertung: Die Projektkonzeption macht einen schlüssigen Eindruck. Ein gewisser Neuheitscharakter mag ihr zuzusprechen sein. Es fragt sich allerdings, welche wissenschaftliche Relevanz gegeben ist, wenn vergleichbare Studien kaum durchgeführt werden und der Neuheitscharakter nicht deutlich ausgewiesen ist. Wenn eine methodologische Relevanz nicht deutlich erkennbar ist, sollten nicht besser Projektergebnisse zusätzlich zu Projektkonzepten vorgestellt werden? Ist die Zerlegung eines Forschungsprojektes in Veröffentlichungen nach einzelnen Forschungsphasen nicht grundsätzlich kritisch zu sehen? Eine pragmatische Relevanz kann es bei der Vorstellung eines Projektkonzeptes nicht geben.

V.2.10 Philipp Nussbaumer, Ingrid Slembeck, Christopher Lueg, Ralph Mogicato, Gerhard Schwabe,  Understanding Information Seeking Behaviour in Financial Advisory

Beschreibung: Die Anbieter von Finanzdienstleistungen suchen sich voneinander durch Beratungsleistungen zu differenzieren, müssen aber feststellen, dass die Kunden mit ihrer Beratung sehr unzufrieden sind. „… the advisor has typically more information than the customer, which may create a bias on the advisor´s part to act in his own self interest rather than the best interest of the customer.“ Ausgehend von dem Modell Wilsons werden im Rahmen eines größeren Forschungsprogramms Daten in „mystery shopping“ und Fokusgruppen gesammelt. Unter „Discussions & Conclusions“ wird wenig mehr mitgeteilt als: „…there is room for improvement in the provision of financial advisory services and that research into the information behaviour of customers may provide valuable input for advancements. ... The intervening variables we examined are by no means eshaustive, but they demonstrate that there is potential for improvement to make financial advisory a more likely information source used.“

Bewertung: Der Beitrag folgt der verbreiteten Unsitte, die Ergebnisse eines Projektes in diverse Veröffentlichungen zu zerlegen, so dass man zu möglichst vielen Beiträgen kommt. Es wird nicht gesagt, inwieweit der Ansatz Wilsons zu bestätigen oder zu relativieren noch ob man über den bisherigen Stand der empirischen  Forschung hinausgekommen ist. Eine pragmatische Relevanz wird vollständig vermieden, obgleich oder weil ein pragmatisch sehr relevantes Thema ausgewählt wurde, obgleich im Titel des Beitrages behauptet wird, man wolle sich um „Understanding“ bemühen und obgleich pragmatisch relevante Ergebnisse gerade hier „auf der Straße liegen“ müssten.

V.2.11 Ralf Wagner, Sören W. Scholz, The Nonlinearity of Strategic Uncertainty and Enviromental Scanning Behavior – An Empirical Study of Managerial Information Seeking and Processing Activities

Beschreibung: „We use linear and nonlinear biplots to explore the nature of relations that characterize contemporary scanning activities of the companies under consideration. … these activities are not linearly related to the extent of the perceived strategic uncertainty that managers have to cope with. … Future research should refrain from using linear measures, e.g. correlation.“

Bewertung: Dies ist eines der schönen mathematischen Modelle, die Wissenschaftler in vielen Nischen gegen Outsider-Kritik immunisieren. Solche Modelle können dort nützlich sein, wo additive Erkenntnisse möglich sind und auf eine bewährte Theorie zurückgegriffen werden kann. Das ist weder in den Informations- noch in der Managementwissenschaften der Fall. Eine pragmatische Relevanz wird nicht angestrebt, eine wissenschaftliche Relevanz nur insoweit, als Autoren in den gleichen Marktnischen ein Hinweis - „Nonlinearität besser“ – sowie eine Kommunikations- und Zitiergelegenheit dazu gegeben wird.

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Session 5: Qualität von Wikis, Unternehmenskommunikation

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V.2.12 Ingo Blees, Anke Reinhold, Marc Rittberger, Qualitätssicherung von Wikis – Best Practice zur Evaluierung von MediaWiki 

im Bildungsbereich: Usability-Testing 

und Systementwicklung/-erweiterungen

Beschreibung: „In der Wiki-Forschung werden Aspekte der nutzerorientierten Evaluierung der Informationsqualität von Wikis bisher nur unzureichend diskutiert. … In zwei explorativen Studien erfolgt die Qualitätsbeurteilung von MediaWiki im Kontext der Bildungsinformation. … Beide Studien verstehen sich als Best Practice für die Anpassung von MediaWiki an zielgruppenspezifische Bedürfnisse.“ Evaluierungen der Usability und von Wiki-Erweiterungen werden dargestellt. Eine Umsetzung der erarbeiteten Empfehlungen ist erfolgt bzw. damit begonnen worden. Eine Erfolgs- und Verfahrenskontrolle sollen folgen. „Beide Studien bieten erste Anhaltspunkte zur Konzeptionalisierung eines elobarierten Wiki Engineering Lifecycle. Sie verstehen sich als Best Practice für die Anpassung von MediaWiki an zielgruppenspezifische Bedürfnisse“.

Bewertung: Der Beitrag ist Bestandteil von Entwicklungsaktivitäten am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Ein Neuheitscharakter ist gegeben, ebenso eine wissenschaftliche und pragmatische Relevanz aufgrund schlüssiger Vorgehensweisen und mögliche Übertragbarkeit der Ergebnisse auf der Verfahrens- und inhaltlichen Ebene. Es findet eine Einordnung in ein übergeordnetes Ziel statt, das in weiteren Projekten angestrebt werden soll (Wiki Engineering Lifecycle). Die Grenzen des DIPF (Generalisierbarkeit, Übertragbarkeit) werden allerdings nicht überschritten.

V.2.13 Felix Husse, Florian Schweizer, Alexander Warta, 

Eine empirische Bestandsaufnahme zu Unternehmenswikis – 

Analyseergebnisse von 110 Wikis aus 13 Unternehmen

Beschreibung: „Nach Übergabe der Daten und der quantitativen Analysen werden semi-strukturierte Experteninterviews durchgeführt. … Da momentan erst acht der zwölf externen Interviews abgeschlossen sind, wird auf sie im Folgenden nicht näher eingegangen.“ Es werden „einige Zwischenergebnisse“ zum Wachstum der Wikis und zum kollaborativen Schreiben angekündigt. Im Fazit wird gefolgert, „dass sich Unternehmenswikis sowohl hinsichtlich ihrer Wachstums- als auch ihrer Kollaborationscharakteristik von öffentlichen Wikis zu unterscheiden scheinen.“

Bewertung: Die Autoren gingen an die Öffentlichkeit, bevor sie ein einziges relevantes Ergebnis erzielten und anscheinend nichts außer ein paar statistische Analysen abgeschlossen hatten. Eine Relevanz des Beitrages nach welchem Kriterium auch immer ist nicht zu erkennen. Lediglich die Überschrift des Beitrages ist vielversprechend.

V.2.14 Isabelle Mader, Josef Herget, Web 2.0 – Herausforderungen 

für die Kommunikationsstrategien der Unternehmen

Beschreibung: Wie reagieren Unternehmen auf die Herausforderungen des Web 2.0? „In einem ersten Schritt werden die Web-2.0-Anwendungen nach dem Merkmal ihrer primären Funktion für das Unternehmen gruppiert. Anschließend wird ein Konzept zur Bestimmung des Nutzens in der externen Unternehmenskommunikation vorgestellt. Dieses Konzept erlaubt nun die Formulierung verschiedener Metriken zur Bestimmung des Aktivitätsniveaus und des möglichen Leistungsbeitrags für die Unternehmen. In einer ersten Untersuchung wurde dieses Instrument auf die Aktivitäten der im Euro-Stoxx 50 gelisteten Unternehmen angewandt. Das vorgestellte Modell eignet sich ebenso als Benchmarking-Tool im Rahmen der Optimierung von Internet-Auftritten in der b2c- (Business to Consumer) Interaktion. … (Es) konnte ein Überblick über die Verbreitung von Web 2.0-Anwendungen auf den Unternehmenswebsites großer Unternehmen geschaffen werden. … Die in diesem Beitrag angenommenen Kriterien und Nutzenkategorien (Business Impacts) sind als Diskussionsgrundlage intendiert und bedürfen einer Weiterentwicklung sowie einer breiteren empirischen Validierung.“

Bewertung: Die Zusammenfassung der Autoren wird oben weitgehend zitiert. Dazu kommen die Erfolgsmeldung sowie die weiteren Perspektiven. In der Tat wurde das anspruchsvolle Forschungsprogramm von den Autoren weitgehend realisiert. Den Verfahren wie den Ergebnissen ist ein bedeutender Neuheits-, wenn nicht Exzellenzcharakter sowie bedeutende wissenschaftliche und pragmatische Relevanzen nach der Funktion „Verfügbarmachung systematischen Wissens über aktuelle Entwicklungen“ zu attestieren (Web-2.0-Anwendungen in Unternehmen). 

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Session 6: Interaktion

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V.2.15 Sonja Öttl, Fredrik Gundelsweiler, Harald Reiterer, Ulrik Brandes, Visualisierungs- und Interaktionsdesign für multivariate, 

zeitbezogene Daten in sozialen Netzwerken

Beschreibung: Die Autoren schlagen „Visualisierungs- und Interaktionskonzepte vor, die speziell für die Wissensentdeckung in zeitlich veränderlichen sozialen Netzwerken mit ihren komplexen Wechselwirkungen zwischen strukturellen Merkmalen und Attributen entworfen werden.“ Allerdings gibt es „kaum überzeugende Ansätze für die Darstellung von und Interaktion mit multivariaten und zugleich zeitabhängigen Daten.“ Es wird behauptet, dass die entwickelten Konzepte die Hypothesenbildung unterstützen „und es werden Anhaltspunkte zur gezielten Recherche sowie neue Perspektiven auf die Daten geliefert.“

Bewertung: Die von den Autoren entwickelten Konzepte müssen sich an den mit ihnen erzielten Ergebnissen und deren wissenschaftliche und pragmatische Relevanz messen lassen. Diese werden nicht vorgestellt, vielmehr werden ihre Existenz respektive die Möglichkeit, sie zu generieren, behauptet. Solange hier kein Nachweis geführt wird, ist der Beitrag schwer einzuschätzen und müssen sich die Autoren sogar den Verdacht irrelevanten Tuns gefallen lassen.

V.2.16 Franz Lehner, Beate Siegel, Interactive Videos - Überblick über den Stand der Entwicklung und Vergleich verfügbarer Autorentools

Beschreibung: Es „wird ein Überblick über aktuelle Arbeiten zur Entwicklung interaktiver Videos (Hypervideos) gegeben. Aufbauend auf Beispiele und mögliche Anwendungsfelder wird eine Übersicht der existierenden Autorentools zur Entwicklung interaktiver Videos präsentiert.“ Dazu gehört auch das eigene Tool iVI-Pro.

Bewertung: Was die Zusammenfassung verspricht, wird eingelöst. Wie bei Mader/Herget handelt es sich um eine „Verfügbarmachung systematischen Wissens über aktuelle Entwicklungen“ (hier: Autorentools zu interaktiven Videos im Vergleich). Allerdings wird auf aufwendige Datenerhebungen verzichtet und findet auch keine Konstruktion eines Bezugsrahmens statt. Damit werden die Grenzen zu einem Überblicksartikel in einer nicht-wissenschaftlichen Zeitschrift unklar und die Grenzen zwischen wissenschaftlicher und Praxisliteratur verwischt. Solches hätte das Programmkomitee als störend empfinden können.

V.2.17 Markus Heckner, Christian Wolff, Towards Information Seeking and Interaction on the Web

Beschreibung: „…information seeking and interaction have been extended by a social dimension. … This paper focuses on social interactions during the search process by combining a model introduced by Shneiderman (2002) which attempts to describe human motivation for collaboratively using computers with an explorative model for social search by Evans and Chi (2002).“

Bewertung: Es wird nicht erkennbar, was jenseits des Referierens der Ansätze von Shneiderman sowie Evans und Chi herausgekommen ist (Die „Conclusion“ etwa besteht aus zwei Absätzen. Erster Absatz: Worum geht es überhaupt? Der zweite Absatz beginnt: „It remains an open question…“). Im Punkt davor heißt es zum Abschluss: „We argue that the Web 2.0 offers communication tools which can be adapted by future IR systems modelling such search-related communication on the web. Thus a stronger social aspect of search may be re-established.“ Das geht kaum über den Ansatz des Beitrages hinaus. Von hier ausgehend hätten wir uns weitergehende und konkretere Ausführungen gewünscht.

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Session 8: Fachportale – Open Access II

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V.2.18 Werner Dees, Marc Rittberger, Anforderungen 

an bibliographische Datenbanken in Hinblick auf szientometrische Analysen am Beispiel der FIS Bildung Literaturdatenbank

Beschreibung: Wissenschaftspolitik und -evaluation fragen verstärkt bibliometrische Informationen nach, aber die Fachinformationsdatenbanken können dieser Nachfrage in ihrer gegenwärtigen Struktur kaum nachkommen. Die Anforderungen an Datenbanken aus bibliometrischer Sicht werden beschrieben. Die Absichten zur Weiterentwicklung von FIS Bildung werden aufgezeigt. Unter anderem soll eine eigene Datenbank mit Merkmalen „editorialischer Qualität“ aufgebaut werden (Art des Review-Verfahrens, Zusammenfassung des Herausgebergremiums, Mehrsprachigkeit der Titel und Abstracts usw.).

Bewertung:  Interessante Fragestellungen, ein interessantes Projekt und ein Neuheitscharakter sind gegeben, desgleichen wissenschaftliche und pragmatische Relevanz. Die Defizite einer auf Rankings fixierten Wissenschaftspolitik und die Möglichkeit, dass Peer Reviews nur beschränkt funktionsfähig sind, liegen außerhalb des Scopes dieses Beitrages. Allerdings lässt sich die Kritik einer zu eingeschränkten Perspektive gegen fast alle Beiträge des Tagungsbandreaders erheben.

V.2.19 Joachim Pfister, Thomas Weinhold, Hans-Dieter Zimmermann, 

Open Access in der Schweiz, Status quo und geplante Aktivitäten 

bei Hochschul- und Forschungseinrichtungen in der Schweiz

Beschreibung: Der Beitrag will einen „Überblick über den aktuellen Stand und geplante Aktivitäten im Breich von Institutional Repositories bei Hochschul- und Forschungseinrichtungen in der Schweiz“ liefern. Im Mittelpunkt steht eine Umfrage unter 27 Einrichtungen. Ein typischer und vollständiger Text zu einer Auswertung lautet so: „Bei den Einrichtungen, die keine Einführung eines Institutional Repositories in den kommenden ein bis zwei Jahren planen, wurde nach den Gründen gefragt, warum dies nicht der Fall ist. Es wurden überwiegend organisatorische Gründe angegeben, gefolgt von finanziellen Gründen und der Angabe, dass andere Arten einer kostenlosen Veröffentlichung von Forschungsergebnissen gewählt wurden“.  

Bewertung: Die wissenschaftliche und pragmatische Relevanz des Beitrages ist trotz des gewählten hochpolitischen Themas in Zweifel zu ziehen, weil entgegen der politischen Brisanz des Themas die Darstellung auf technizistische oder auf über alle konkrete Probleme hinweg generalisierende Zusammenhänge eingeengt wird oder nur Ergebnisse außerhalb von Hintergründen und politischen Prozessen erzielt wurden. Was hat der weitere deutschsprachige Raum oder auch nur die Schweiz davon, wenn sie diesen Beitrag lesen? Das ist nicht zu sehen.

V.2.20 Jan Steinberg, Instrumente der Überzeugungsarbeit – 

Etablierung des Open-Access an Hochschulen

Beschreibung: Der Autor vom Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Württemberg sieht als „herausragende Chance der Hochschulbibliotheken“ die „Nähe zu den Wissenschaftlern an den Hochschulen in Verbindung mit Überzeugungskraft und Kreativität…, um die für den Open Access notwendige qualitative und quantitiative Durchdringung zu erreichen.“ Der Beitrag will „mögliche Instrumente zur Etablierung des Open Access an Hochschulen“ benennen.  Es werden Gründe für Open Access, Open-Access-nahe Modelle sowie die Hochschulen und Bibliotheken als Handlungsträger thematisiert.

 

Bewertung: Wenn weitgehend bekannte Positionen um Open Access referiert werden, kann ein Neuheitscharakter nicht gegeben sein. Der Verfasser geht über die Interessentenposition einer Hochschulbibliothek hinaus, indem er zusätzlich die Hochschule als Handlungsträger thematisiert. Dennoch fragt sich, ob die Erwägungen nicht besser in ein Bibliotheksblatt als auf eine informationswissenschaftliche Tagung gehört hätten. Die Erörterungen  beschränken sich weitgehend auf die Beschreibung von Maßnahmen, sehen von Interessen, Barrieren, Spezifika von Stakeholdern und weiteren Hintergründen, überhaupt von Menschen als politischen Entscheidungsträger weitgehend ab und bleiben, soweit sie zu Handlungsempfehlungen kommen, merkwürdig abstrakt. Eine wissenschaftliche Relevanz ist kaum, eine pragmatische nur sehr bedingt gegeben.

 

 

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