40 Jahre GBI-Genios - Das Jubiläum des Jahres

Am Freitag, den 5. Januar, ist GBI-Genios (München) 40 Jahre alt geworden. Zweifelsohne handelt es sich um das Jubiläum des Jahres in unserer Branche. Aber warum, mögen sich unsere Newcomer fragen. Dazu fallen mir sieben Gründe kombiniert mit einem Griff in unsere Geschichte ein:

 

Was haben wir poniert, innoviert und gefeiert, allen voran die GBI-Gründer (von links nach rechts) Peter Müller-Bader und Christoph Aschoff.

 

1) 40 Jahre sind wie viele Internet-Zeitalter? Jedenfalls stirbt es sich in Internet-Zusammenhängen leicht. Schauen Sie um sich und Sie müssen vielleicht längere Zeit suchen, bis Sie auf Einrichtungen kommen, die nach vier Jahrzehnten immer noch existieren. Oder eine Bedeutung für unsere Branche behalten haben. So gibt es den einstigen Beherrscher unserer Branche, das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT), unter einer anderen Bezeichnung zwar immer noch, aber durch seine Selbstentmachtung und Abschaffung zuständiger Referate wurde es weitgehend unbedeutend für uns. Besonders überlebensgefährdet waren natürlich jene Unternehmen, die ihr Geld auf dem Markt verdienen mussten. Da ist sogar Password, wenn wir es mit Open Password zusammenwerfen, mit seinen 32 Jahren ein Methusalem, und sprechen die 40 erfolgreichen Jahre von GBI-Genios für besondere Überlebenskunst.

 

2) Die Online-Wirtschaftsinformationen im deutschen Sprachraum heimisch gemacht. Bis die Gesellschaft für Betriebswirtschaftliche Information (GBI) in München (1978) und GENIOS-Wirtschaftsdatenbanken (1986) in Düsseldorf auf den Markt gingen, wurden Online-Informationen in Deutschland weitgehend mit technisch-naturwissenschaftlichen Daten gleichgesetzt (von den Echtzeitkursen für Finanzdienstleister abgesehen). Hier war eine Pioniertat zu vollbringen, und die beiden Einrichtungen meisterten sie in teilweise erzwungener Kooperation und teilweise erbitterter Konkurrenz zueinander mit Bravour. Ich erinnere mich gut, wie wir auf der ersten Road Show der Branche in Trägerschaft von GENIOS in den Metropolen der Branche unter hundert Teilnehmern gar nicht erst anfingen. Keiner der Teilnehmer schien genug zu bekommen, wenn wir ihn über die wundervollen Möglichkeiten der neuen Technologie (teilweise noch mit Akkustikkoppler betrieben) in Kenntnis setzten. Es war so viel zu tun, dass wir kaum mehr aus dem Flieger herauskamen und das Flugzeug für uns unsere neue S-Bahn wurde. Ja, auch daran erinnern wir uns, wie die staatlichen Fördermittel und privaten Investitionen nur so flossen und Manna auf all unseren Wegen war.

 

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3) Ein Stück „deutscher Sonderweg“ zum Wohle der deutschen Publizistik und Wirtschaft gerettet. Das BMFT versuchte mit seinen Fachinformationszentren einen „deutschen Sonderweg“ in der Online-Information zu gehen und erlitt gegen die großen sich weltweit durchsetzenden Internet-Konzerne eine endgültige Niederlage. Was vom „deutschen Sonderweg“ blieb, waren ausgerechnet die deutschen Wirtschaftsinformationsanbieter, die nicht öffentlich gefördert worden waren. Das wirkte sich zum Wohle der deutschen Publizistik und der deutschen Wirtschaft aus. Denn die internationalen Internet-Konzerne interessierten sich zunächst einmal für die DAX-Konzerne und deren Informationsbedarf und meinten, sie könnten ihr Angebot entsprechend beschränken. Dagegen sog insbesondere die GBI(und in ihrem Gefolge auch GENIOS und teilweise die internationale Konkurrenz) noch die Angebote von Kleinst-Contentproduzenten wie ein Schwamm in ihr Angebot auf. Diese Praxis wurde bis heute beibehalten. Damit leistet das Unternehmen einen Beitrag zur Vielfalt unseres Medienwesens, die weltweit ohnehin einmalig ist, und zur vollständigen Bedienung von Informationsinteressenten selbst in kleinsten Nischen.

 

4) Ein Anflug von „German Dream“ für die deutsche Online-Branche. Die Gründer der GBI, Peter Müller-Bader und Christoph Aschoff, begannen ihre Geschäfte damit, dass sie ihren Mitstudenten, die über ihre Diplomarbeiten brüteten, Literaturlisten für 50 DM verkauften. Mit ihrem Aufstieg bekam unsere überreglementierte und überbevormundete Branche einen Anflug von „German Dream“ als Gegenstück zum „American Dream“ wenn nicht zum „Silicon Valley“. Innovativ waren die Online-Informationsanbieter damals alle, aber Aschoff baute auf Zuruf neue Funktionen sofort ein, sobald ein größerer Kunde diesen Wunsch geäußert hatte. Peter Müller-Bader, der als einziger deutscher Aussteller auf dem National Online Meeting vertreten war, kehrte Anfang der 90er Jahre als erster aus den USA mit der unerhörten Botschaft zurück, dass wir alle eine Website im Internet bräuchten. Mit Müller-Bader, der sich nicht zu schade war, in seinen Präsentationen zum „Spaßvogel der Branche“ zu mutieren, konnte man über alles reden, man durfte ihm jederzeit widersprechen und man bekam immer ein klares „Ja“ oder „Nein“. Mit mindestens einem unserer gemeinsamen Projekte, dem „German Information Network“, sinnigerweise GIN genannt, erlitten wir Schiffbruch, aber am nächsten Morgen waren wir bereit für das Neue.

 

5) Die Kommunikationskultur aus der Gründerzeit bis heute erhalten. Blieb diese Mixtur aus Innovationsgeist, rasantem Aufstieg, Flexibilität und offener Kommunikationskultur erhalten, als die Online-Branche aus ihrer Pionierphase in die Zeit der Etablierung, Konzentration und Restrukturierung eintrat? Ja und nein. Im Wettbewerb der kleinen Entrepreneure gegen das „große Geld“ gewannen die Zwerge, aber dann machten die GBI-Gründer Kasse. Sie begaben sich in die Konzernabhängigkeit, die ihrerseits GBI und GENIOS fusionierten. Das blieb zunächst ein Sieg für die GBI, da die Belegschaft des neuen Unternehmens fast ausschließlich aus den Mitarbeitern der GBI bestand, die Geschäftsführung von Müller-Bader und Aschoff übernommen wurde, und in München blieb man sowieso. Wenn man heute die Räume der GBI betritt, kann man leicht ins Staunen geraten, wenn man die vielen neuen Gesichter sieht und wie viel doch von der alten Kommunikationskultur aus der Gründerzeit erhalten geblieben ist. Man kann noch immer mit allen über alles reden und man bekommt (fast) immer ein klares „Ja“ oder „Nein“.

 

6) Password sagt: „Danke!“ Password wurde von der Verlagsgruppe Handelsblatt nebenbei mitgegründet, als GENIOS-Wirtschaftsdatenbanken entstand. Es wurde 1997 an den Password-Redakteur, also an mich, verkauft, weil es noch immer nicht so groß wie die „Absatzwirtschaft“ war. Ohne GENIOS hätte es also diese Publikation nie gegeben. Mit der GBI verbindet mich eine einzigartige Partnerschaft, weil sie die einzige Einrichtung ist, über die ich 32 Jahre lang regelmäßig berichtet habe und mit der es keinen einzigen ernstzunehmenden Konflikt gab. Das hatte vor allem damit zu tun, dass die GBI auch kritische Anmerkungen niemals übelnahm und sogar bereit war, beispielsweise bei dem Einstieg in eine eigene Content-Produktion und in der Öffentlichkeitsarbeit von meinem Know how zu partizipieren.

 

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7) Und jetzt die Jubiläumsfeier(n)! Was haben wir in den Pionierjahren der Branche viel innoviert und noch mehr gefeiert. Von letzterem sind nur das Datenbankfrühstück der GBI und – das hoffe ich doch! – die Jubiläumsfeiern der GBI übriggeblieben. Nach einer rauschenden Feier zum 10. Geburtstag machten wir alle bedröppelte Gesichter. Das Fest fand nämlich am geografischen Ursprung der GBI am Waldesrand statt, und nachts waren die Räuber gekommen und hatten all unsere Geschenke mitgenommen. Zum 20. Geburtstag hatte ich eine weinselige Runde auf der Frankfurter Messe zu moderieren. Auf dem Podium mit dabei waren zwei der einflussreichsten Würdenträger der Branche, die alles besitzen mochten, nur keinen Humor. Das war noch lustiger anzusehen als alles, was wir uns hatten vorstellen können.

 

Und 2018? Lassen wir uns überraschen, zumal das Jubiläumsjahr gerade erst begonnen hat.

Willi Bredemeier


#saveIWS - die Fakultätsratssitzung in Tweets und Bildern

Spannender hätte es kaum sein können. Der für die Fakultätsratssitzung angesetzte Termin in der Heinrich Heine Universität zu Düsseldorf hatten einen Brennpunkt auf der Agenda. Die geplante Schließung der Informationswissenschaft. Die Kampagne #saveIWS hatte es geschaft jede Menge Studierende zu mobilisieren. Wir beleuchten diese wichtigen Minuten des Fachbereichs über die Tweets die versendet wurden.

Das absolut Wichtigtse, nämlich das Ergebnis zu diesem Termin geben wir in einem Tweet des Hochschulradios wieder.

Noch mehr Tweets zu Thema

Unter #saveIWS und #iwhhu ist viel vor, während und auch danach getwittert worden. Aber es gab auch offene Briefe und Beiträge in den Medien. Eine recht umfangreiche Zusammenstellung finden Sie im Storyboard von infobroker.de.

Ihre Meinung ist gefragt?

Was meinen Sie? Wie stehen Sie zum Sachverhalt und letztendlich zum Ergebnis? Welche Folgen sehen Sie für die Informationswissenschaft? Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion hier im Beitrag.


Academic Publishing in Europe -Übergang der Wissenschaft zu Open Access

Neue Möglichkeiten, Reputation
zu messen und zu erwerben –
allerdings auch durch Betrug

Prekäre Existenz
der Nachwuchswissenschaftler

 

Von Elisabeth Simon

 Digital Agenda: the Road ahead for Scholarly Communication. Diesen Titel trug die APE- Konferenz in der schönen Leibniz-Halle der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Mit der  Richtungsanweisung The Road Ahead wurden all die Unsicherheiten über den Weg angesprochen, den wir zu gehen haben. Welche Brüche, Stolpersteine, Risse gibt es und wo stellt die Straße einen glatten Fahrweg dar? Es spricht für den Mut der Veranstalter, dass diese Unsicherheit in größerem Maße als auf vergangenen Veranstaltungen üblich diskutiert wurden.

Arnoud de Kemp auf der APE 2016

Arnou de Kemp, Inititator, Organisator und Integrator der APE: Weiter die erfolgreichste internationale Veranstaltung unserer Branche

 

In der Keynote Science als Social Machines wurde die These vertreten: Data loss is real and significant while data growth is staggering. Dem wurde nicht widersprochen, dafür die verschiedenen Lösungen in ihrem Kontext diskutiert. Die European Open Science Cloud (EOSC) wurde gleich von vier Speakern erörtert. Es ging um Cross Reference, um the Enclosure of Scholarly Infrastructure und immer wieder um die Archivierung und Sicherung von Daten. What does the scholarly communication want the publishers to do for the infrastructure – to ”secure storage”.

Ulrich Korwitz auf der APE 16

Ulrich Korwitz, Direktor von ZBMED – Leibniz-Informationszentrum-Lebenswissenschaften: Hilfen bei Open Access und Electronic Publishing

 

Grundlegende Entscheidungen in der Wissenschaftspolitik haben das internationale Handeln nicht erleichtert. Die seit der Berliner Erklärung geführte Diskussion über Open Access (2004) schlägt auf die Wissenschaftspolitik durch und wird die Wissenschaftslandschaft grundlegend verändern. Die sogenannten Umbrella-Institutionen leiden an einer immer größer werdenden Knappheit an Ressourcen. In Open Access Policies in Europe: An Overview of Science Europe Members wurden die mangelnden Aktivitäten für die Gestaltung einer notwendigen internationalen Infrastruktur kritisiert, dies trotz allen geleisteten koordinativen Anstrengungen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat mit der Aufgabe der Förderung der Sondersammelgebiete und Einrichtung von Fachinformationsdiensten dem deutschen föderativen Ansatz einer flächendeckenden Literaturversorgung gerade auf dem Gebiet der Forschungsliteratur aufgegeben. Die Wissenschaft selber soll ihre Bedürfnisse artikulieren und folgerichtig wird den Bibliotheken eine enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Forschungsverbünden nahe gelegt. Da aber die Mittel für solche Fachinformationszentren jeweils beantragt werden müssen, sind einer internationalen Kooperation sehr enge Grenzen gesetzt. Eine Begründung für die Aufgabe der Sondersammelgebiete, man habe sie geschlossen, um die internationale Zusammenarbeit zu fördern, ist demnach nicht stichhaltig. Ralf Schimmer von der Digital Library der Max-Planck-Gesellschaft beschrieb in Open Access Transformation of Scientific Journal Publishing – Perspectives after Berlin 12 den völligen Bruch mit dem Subskriptionsmodell und den Übergang zur Open-Access-Zeitschrift. Diese stellt einen epochalen Wandel für die Wissensgesellschaft und die ihnen dienenden Bibliotheken dar.

 

Natürlich will man damit auch Mittel einsparen. Wie diverse Zeitschriften berichteten, verschlechtern sich die Karrierechancen der Wissenschaftler, dies mit Blick auf die Gehälter, die Arbeitsmöglichkeiten in Projekten und Zwang zu kurzfristig angelegten Arbeiten, die die Erarbeitung relevanter Forschungsergebnisse erschwerten. Währenddessen sei im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen eine Diskussion um professionelle Ethik aufgekommen. Auch in den USA wurden in den letzten Jahren die Mittel für den akademischen Nachwuchs nicht aufgestockt. David Nicholas wies dezidiert auf die Währung in der Wissenschaft hin: Reputation. The main currency for the scholar is not power, as it is for the politician, or wealth, as it is for the businessman, but reputation. Reputation wurde über den Impact Factor, der die Menge der Zitationen in anerkannten Zeitschriften zusammenfasst, erworben. Open Access öffne neue Wege, um Reputation zu erwerben und zu messen.

 

Breitet sich in der Wissenschaft die Bereitschaft aus, Reputation zu erwerben und dabei zu betrügen? Fraud or Beautification?, also die Verfälschung und Schönung von Ergebnissen, wurden als wachsende Gefahr gesehen. Als Gründe, sich in Versuchung führen zu lassen, wurden angeführt: Zeitmangel, fehlerhafte Ausbildung, ausbleibende Entdeckungen, der Zwang, positive Resultate zu präsentieren, und fehlende Konsequenzen bei der Aufdeckung geschönter Ergebnisse. Häufig bleibe Misconduct im Dunkeln. Freilich habe es Plagiate und Schönfärbung wissenschaftlicher Ergebnisse immer gegeben. So wies Walther Umstätter auf diverse Studien im Auftrage der Zigarettenindustrie hin, die bewirkten, dass sich das Wissen um die Gefahren des Rauchens erst sehr spät in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit durchsetzten. Die Frage, ob Pre- oder Postreviewing die bestehenden Gefahr eindämmen können, wurde letztlich nicht beantwortet. Es wurde aber deutlich, dass die Prüfung und Beurteilung wissenschaftlicher Ergebnisse eines institutionalisierten Systems aus Checks and Balances bedarf, damit keine einflussreichen Geldgeber oder Wissenschaftler-Netzwerke erfolgreich darauf hinwirken, dass unliebsame Resultate verfälscht oder verhindert werden. Es muss sich – auch bei Projekten, die von der öffentlichen Hand finanziert werden – die Überzeugung durchsetzen, dass auch ein negatives Resultat wissenschaftliche Erkenntnis und wissenschaftlichen Fortschritt bedeuten kann.

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Beim „Elektronisches Publizieren“ gibt es auch einiges zu lachen: Das APE-Plenum in Form (mit der Geschäftsführerin von FIZ-Karlsruhe, Sabine Brünger-Weilandt in der vordersten Reihe/Mitte)

 

Weitere Probleme, die die Scholarly Community belasten und in Berlin erörtert wurden, sind die technologische Entwicklung und die Herausforderung, mit den neuen technischen Möglichkeiten Schritt zu halten, sowie die Befürchtungen der Verleger, die um den Verlust einer großen  Einnahmequelle wissen, wenn Subskriptionen durch Open Access ersetzt werden. Veranstaltungen wie die APE sind geeignet, den Diskurs darüber zu führen und Lösungen zu finden.

Über die Autorin
Elisabeth Simon, früher Leiterin des Bereiches „Internationale Beziehungen“ im Deutschen Bibliotheksinstitut, danach Inhaberin des „Simon Verlag für Bibliothekswissen“. Veröffentlichungen zu zentralen Themen rund um das Bibliothekswesen, aber auch Schriftenreihen zu „Zeitzeugen“ und zur „Neuen Musik“. Veröffentlichungen von Arbeiten der Password-Autoren Willi Bredemeier und Walther Umstätter.

Bildmaterial: Vera Münch