ZB-MED: Die Selbstmobilisierung der Branche hat begonnen

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (1)

Die Selbstmobilisierung der Branche
hat begonnen

Die Selbst-Mobilisierung der Informationsbranche gegen den Abwicklungsbeschluss des Senates der Leibniz Gemeinschaft hat begonnen. Schon jetzt kann gesagt werden: Das läuft diesmal besser als die seinerzeitige Abwicklung von FIZ CHEMIE.

Im Folgenden eine Auswahl aus dem Fundus protestierender Stimmen. Open Password setzt die Berichterstattung über den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED fort.

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (2)

Petition „Keep ZB MED – gegen
die Schließung von ZB MED“

Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur
dürfen nicht mit Forschungsinstituten
verwechselt werden

Rudolf Mumenthaler hat gemeinsam mit Barbara Tribelhorn und Herbert Staudt eine Petition auf change.org gegen den Abwicklungsbeschluss des Senates der Leibniz-Gemeinschaft gegen die ZB MED gestartet. https://www.change.org/p/gemeinsame-wissenschaftliche-kommission-save-zb-med-gegen-die-schliessung-von-zb-med?recruiter=48671236&utm_source=share_for_starters&utm_medium=copyLink. Die Petition richtet sich an die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz. In der Begründung heißt es:  

Keep ZB MED – gegen die Schließung von ZB MED. Mit Bestürzung haben wir erfahren, dass der Senat der Leibniz-Gemeinschaft die Empfehlung für eine Beendigung der Förderung des Leibniz-Informationszentrums Lebenswissenschaften ZB MED (im Folgenden: ZB MED) aussprach. Der Senat nimmt dabei Bezug auf den Bericht der Evaluierungskommission und begründet damit seine Entscheidung. Wir haben diesen Bericht ebenfalls gelesen, können daraus jedoch keinesfalls einen Beschluss ableiten, die Förderung für ZB MED einzustellen und sie als überregionale Forschungsinfrastruktureinrichtung zu schließen.

Der durchaus kritische und differenzierte Bericht attestiert ZB MED große Fortschritte bei der Neuausrichtung ihrer Dienstleistungen und in der internen Organisation. Klaren Handlungsbedarf sehen die Experten bei der von der Leibniz-Gemeinschaft geforderten Ausrichtung auf Forschung. Hier zieht sich das Berufungsverfahren für die W3-Professur, die gleichzeitig das Amt des Direktors von ZB MED bekleiden soll, aus unterschiedlichen Gründen in die Länge. Diese im Wissenschaftsbetrieb durchaus nachvollziehbare Verzögerung zum Anlass zu nehmen, ZB MED zu schließen, finden wir ungerechtfertigt und unverständlich, zumal die Berufung unmittelbar bevor stand. Sie sollte noch in diesem Monat erfolgen. Die Evaluierungskommission hat klar gefordert, das Verfahren voranzutreiben und dann mit der Professur auch eine Forschungsstrategie zu formulieren. Es ist für uns sehr wohl nachvollziehbar, dass man die Formulierung der Forschungsstrategie der künftigen Professur nicht vorwegnehmen wollte, auch um das Feld der Bewerbungen möglichst offen zu halten.

Wir sind nicht damit einverstanden, dass man Forschungsinfrastruktureinrichtungen mit den gleichen Maßstäben evaluiert wie Forschungsinstitute. Hier verkennt der Senat der Leibniz-Gemeinschaft die Aufgaben und Anforderungen an Wissenschaftliche Bibliotheken. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Aufbereitung und dem Verfügbarmachen wissenschaftlicher Information als Grundlage für wissenschaftliche Forschung. Ohne Bibliotheken würden Forschende noch stärker von kommerziellen Verlagen abhängig und erhalten je nach Forschungsstandort nur beschränkt Zugang zu aktueller Literatur, was ein großer Nachteil für den Forschungsstandort wäre.

ZB MED engagiert sich wie andere Bibliotheken stark für Open Access, zum einen mit einer eigenen Publikationsplattform, zum anderen mit Beratungsdienstleistungen für Forschende und mit der Aufbereitung offener Inhalte für ihr Discovery-Tool Livivo. Sie leistet wichtige Dienstleistungen zur Unterstützung von Forschung, zum Beispiel mit der Vergabe von DOI oder der Speicherung und Langzeitarchivierung von Forschungsdaten. Und natürlich sammelt und erschließt ZB MED weiterhin wissenschaftliche Literatur, über die sie als einzige Institution in Deutschland verfügt. Über Dokumentlieferdienste werden diese Inhalte sowie 2700 Fachzeitschriften, die ZB MED deutschlandweit im Alleinbesitz hält, allen Forschenden zugänglich gemacht, was gerade für Spezialdisziplinen von entscheidender Bedeutung ist, um mit der internationalen Forschung Schritt halten zu können.

Die Ergebnisse von Umfragen, u.a. einer umfassenden Marktstudie von ZB MED, belegen die Bedeutung dieser Dienstleistungen für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland. Die Schließung von ZB MED würde dazu führen, dass der nach wie vor bestehende Bedarf über eine andere Organisation abgedeckt werden müsste. Die Mitarbeitenden von ZB MED haben es mit ihrer großen Veränderungsbereitschaft und außerordentlichem Einsatz für die Neuausrichtung verdient, diesen Auftrag weiterhin erfüllen zu dürfen.

Die Unterzeichnenden fordern die GWK auf, der Empfehlung des Senats der Leibniz-Gemeinschaft nicht zu folgen und ZB MED für eine weitere Periode zu fördern und die benötigten finanziellen Ressourcen bereitzustellen.

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (4) 

BAK macht mit
bei Mobilisierung der Informationsbranche

Auch ASpB für den Erhalt
der ZB MED

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

leider müssen wir Sie darüber informieren, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft Ende letzter Woche entschieden hat, die Zentralbibliothek für Medizin abzuwickeln. …

Es gab schon einige Reaktionen in der Fachpresse, den Verbänden, auf Twitter und verschiedenen Blogs. Hier ein Auszug:

Willi Bredemeier: ZB MED wird abgewickelt, 18. März 2016:

Open Password: http://www.password-online.de/zb-med-wird-abgewickelt/

Rudolf Mumenthaler: Abwicklung der ZBMED beschlossen (mit inzwischen 3 updates), 18.-21. März 2016: http://ruedimumenthaler.ch/2016/03/18/abwicklung-der-zbmed-beschlossen/

medinfo – Informationen aus Medizin, Bibliothek und Fachpresse: ZB Med Köln vor dem Aus: Abwicklung bis 2019: http://medinfo.netbib.de/archives/2016/03/18/4727

Stellungnahme der ASpB, 21. März 2016 „Für den Erhalt der ZB MED“: http://www.aspb.de/fuer-den-erhalt-der-zb-med/

Mit freundlichen Grüßen Tania Estler-Ziegler (Vorstandsvorsitzende), Berliner Arbeitskreis Information (BAK)


ZB MED Abwicklung - das negative Echo in einer Zusammenfassung (1)

Zur Abwicklung von ZB MED (1)

119 Mitarbeiter schwer getroffen
Abwicklungsprozess bis 2018/2019

In der Nacht zum Freitag wandte sich der Direktor der ZB MED, Ulrich Korwitz, kurz vor Mitternacht (23.13 Uhr) an einen Teil der Informationsbranche und teilte ihm den Abwicklungsbeschluss des Senates der Leibniz Gemeinschaft mit:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es fällt mir sehr schwer, Ihnen das Folgende mitzuteilen, aber es muss sein:

Der Senat der Leibniz-Gemeinschaft hat soeben beschlossen, Bund und Ländern zu empfehlen, ZB MED ab 2017 nicht mehr gemeinsam zu fördern. ZB MED als von Bund und Ländern geförderte Einrichtung wird damit in spätestens 3 ½ Jahren abgewickelt werden. …

Die Entscheidung trifft alle 119 Kolleginnen und Kollegen in ZB MED schwer. Wir werden die Situation zusammen mit dem Ministerium in Ruhe analysieren und mögliche Konsequenzen betrachten. Der Abwicklungsprozess streckt sich bis mindestens Ende 2018, wahrscheinlich sogar bis Ende 2019 hin. Es wird Alternativen zum jetzigen Status geben.

Mit bestem Gruß Korwitz

Zur Abwicklung von ZB MED (2) 

Die Informationsversorgung wird sich
drastisch verschlechtern 

Wissenschaftler mit ihren Publikationswünschen
im Regen stehen gelassen 

Am Freitag wandte sich Ulrich Korwitz ein weiteres Mal an eine nunmehr breitere Öffentlichkeit:  

Mit großer Bestürzung hat ZB MED – Leibniz-Informationszentrum Lebenswissenschaften erfahren, dass der Senat der Leibniz-Gemeinschaft das Ende der Finanzierung durch Bund und Länder empfohlen hat. …

Begründet wird dies damit, dass es ZB MED in den vergangenen Jahren trotz einiger Teilerfolge nicht in dem notwendigen Maß gelungen sei, sich auf die erheblichen Veränderungen im Fachinformationswesen einzustellen.  In der Begründung durch den Senat der Leibniz-Gemeinschaft wird verkannt, dass sich ZB MED mit digitalen Angeboten auf dem nationalen oder internationalen Markt behauptet.

Die Nachricht kommt für alle 119 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter völlig überraschend und ist unverständlich. Noch im Juni 2015 hatte eine Bewertungskommission ZB MED sehr gute und gute Arbeit attestiert und Anregungen zur Stärkung der Forschungsaktivitäten gegeben. In gemeinsamer Berufung mit der Universität zu Köln war 2015 eine W3-Professur zur Leitung von ZB MED ausgeschrieben worden; das Berufungsverfahren ist weit gediehen und mit der Ruferteilung war Mitte März 2016 zu rechnen. Gemeinsam mit der Universität Bonn war eine W2-Professur für Wissenserschließung zur Ausschreibung gelangt; eine Ruferteilung war für Mitte April vorgesehen. Dieser Ausbau der Forschungsaktivitäten wird durch die Empfehlung der Leibniz-Gemeinschaft gestoppt. Insofern ist die Begründung für die Schließung von ZB MED völlig unverständlich.

In anderen Fällen hat man Instituten in gleicher Situation (Leitungswechsel) eine vierjährige Bewährungschance eingeräumt.ZB MED stellt mit seinen vielfältigen Aktivitäten die überregionale Informationsversorgung in den Lebenswissenschaften, vor allem der Medizin, sicher. Dies leistet ZB MED seit 43 Jahren mit großem Erfolg. 2.700 Zeitschriften befinden sich allein in ZB MED und sonst nirgendwo in Deutschland. Die Informationsversorgung wird sich mit der Abwicklung von ZB MED drastisch verschlechtern. Wie sich dies auf Wissenschaft, Forschung und Krankenversorgung auswirken wird, ist unabsehbar.

Das Schicksal von fruchtbaren Kooperationen mit wissenschaftlichen Gesellschaften und Forscherinnen und Forschern – ZB MED ist sehr erfolgreicher Open-Access-Publikationspartner – ist offen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden mit ihren Publikationswünschen im Regen stehen gelassen. Vor allem ist das berufliche Schicksal der 119 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab 2017 ungewiss. Die meisten von ihnen werden vom Land NRW unterzubringen sein, leider gilt das aber nicht für alle. Mit der Einstellung der Förderung von ZB MED wird die Wissenschaftslandschaft in Deutschland um eine bedeutende und anerkannte Einrichtung ärmer…

Zur Abwicklung von ZB MED (3)

Open Password: Leibniz-Senat entscheidet
in ausdrücklichem Gegensatz
zu Empfehlungen seiner Bewertungskommission

Mumenthaler: Vorgaben der Evaluierung
von vornherein nicht zu erfüllen

Open Password berichtete, dass sich der Senat der Leibniz Gemeinschaft gegen die Empfehlungen seiner Bewertungskommission für eine Abwicklung von ZB MED entschieden hat. In einer ersten Analyse schrieben wir:

„Halten wir fest: Von fünf Programmbereichen werden vier mit „sehr gut“ oder „gut“ bewertet,, während für einen weiteren Programmbereich („derzeit noch im Aufbau“) zunächst keine Zensur vergeben wurde. Dies wird in einer Gesamtbeurteilung für die Programmbereiche 1 – 3 noch einmal ausdrücklich bestätigt (Seite 25):

„Der Direktor der ZB MED organisiert die Bearbeitung und Modernisierung des klassischen Kerngeschäfts sehr gut. Die ZB MED profitiert auch sehr von der hohen Kompetenz in den fünf Dezernaten.“

Demnach müsste die Weiterförderung der ZB MED sichergestellt sein, es sei denn, der Stand des Programmbereiches „Anwendungsorientierte Forschung und Innovation“ ist doch kritisch zu sehen und dieser Bereich ist wesentlich wichtiger als alle anderen Programmbereiche zusammen. Dieser Ansicht können die Mitglieder der Bewertungsgruppe unmöglich gewesen sein, zumal sechs von 13 Mitgliedern aus dem Bibliotheksbereich kommen und die Deutsche Nationalbibliothek sowie die Bibliotheken der Medizinischen Universität Wien und der Universitäten Dresden, Tübingen, Göttingen und Freiburg auch nicht und schon gar nicht ausschließlich nach ihren Forschungsleistungen bewertet werden.“

Mittlerweile regt sich die Informationsszene und sieht die bevorstehende Abwicklung der ZB MED ausschließlich kritisch.  Wichtige Beiträge stammen vom Rudolf Mumenthaler (HTW Chur) und Walther Umstätter (Berlin). Mumenthalers Schlussfolgerungen decken sich weitgehend mit den Beurteilungen von Open Password, während Umstätter nach den Folgen für die Informationswissenschaft fragt (http://ruedimumenthaler.ch/2016/03/18/ab

wicklung-der-zbmed-beschlossen/ – Internet in Bibliotheken vom Sonntag). Mumenthaler findet zu dem Beschluss des Senates der Leibniz Gemeinschaft erfreulich klare Worte. Er schreibt unter anderem:

„Die Vorgaben (aus dem letzten Evaluierungsprozess aus dem Jahre 2012) waren in der kurzen Zeit nicht zu erfüllen, und die Ausrichtung auf Forschung ist eigentlich Unsinn. … Mit diesen Argumenten könnte man wohl fast alle überregional ausgerichteten Bibliotheken abwickeln.“

Wir kommen auf diese Beiträge zurück.

Keinen Beitrag mehr verpassen - kostenfreier Pushdienst


ZB MED wird abgewickelt

Der mittlerweile weit fortgeschrittene Abbruch

der Fachinformationseinrichtungen

setzt sich fort

 

Keine Fortsetzung der Förderung,

obgleich vier von fünf Arbeitsbereichen

rundum positiv bewertet wurden

 

Sollen nur Forschungsleistungen

für wissenschaftliche Bibliotheken relevant sein?

 

Der Senat der Leibniz Gemeinschaft hat heute entschieden, die Zentralbibliothek für Medizin abzuwickeln. Der mittlerweile weit fortgeschrittene Abbruch der Fachinformationseinrichtungen, die einmal einen deutschen Sonderweg in der Informationspolitik sicherstellen sollten, setzt sich fort.

 

Die Entscheidung des Senates steht im Widerspruch zu dem Bewertungsbericht seiner Gutachter. Damit drängen sich weitgehende Parallelen zu der seinerzeitigen Abwicklung des Fachinformationszentrums Chemie auf, als der Senat gleichfalls eine Weiterförderung im Widerspruch zu der eigenen Bewertungskommission ablehnte. Abermals gelangt der Senat zu seiner Entscheidung, weil er das Kerngeschäft von Fachinformationszentren und wissenschaftlichen Bibliotheken gering schätzt und die Weiterförderung praktisch ausschließlich von deren Forschungsleistungen abhängig macht. Das allerdings ist ein illegitimes Kriterium und wird daher nicht offen kommuniziert.

 

Begründet wird dies damit, dass es ZB MED in den vergangenen Jahren trotz einiger Teilerfolge nicht in dem notwendigen Maß gelungen sei, sich auf die erheblichen Veränderungen im Fachinformationswesen einzustellen.

Weitere Informationen dazu gibt es in der Pressemitteilung der Leibniz-Gemeinschaft

___________________________________________________________________________

 

Senat der Leibniz Gemeinschaft stellt sich abermals in ausdrücklichem Gegensatz zu den Bewertungen seiner Gutachter.

___________________________________________________________________________

 

Der Senat der Leibniz Gemeinschaft stellt sich mit seiner Entscheidung in einen ausdrücklichen Gegensatz zu den Bewertungen seiner Gutachter. Sehen wir uns deren Bewertungen nach den einzelnen Programmbereichen der ZB MED an:

 

ZB MED ist in fünf Programmbereiche gegliedert. Der Programmbereich 1 wird ab 2016 in zwei Förderbereiche aufgeteilt (1a und 1b).

 

Wie wurden diese (ab 2016 bestehenden) fünf Programmbereiche beurteilt? Dazu steht im Bewertungsbericht (Seite 11):

 

„Im PB 1a „Bestandsentwicklung“ werden die Arbeiten im Bereich der Bestandsentwicklung als „gut“ bewertet. Die zwei neuen Abteilungen „Lizenzen“ und „Digitale Langzeitarchivierung“ befinden sich noch im Aufbau.

 

Im PB 1b „Open-Access-Publizieren und -Beraten“ sind die Arbeiten rund um das neue Publikationsportal PUBLISSO angesiedelt, sie werden als „sehr gut“ bewertet.

 

Im PB 2 „Bereitstellung von Informationsdiensten“ wird das Suchportal LIVIVO betreut. Mit Blick auf die technische Architektur wird LIVIVO als „sehr gut“ bewertet. In Bezug auf die Marktpositionierung besteht jedoch noch Klärungsbedarf. …

 

Im PB 3 „Volltextversorgung“ werden die Arbeiten im Bereich der Volltextversorgung als „gut“ bewertet. Auf Grund der sinkenden Auftragszahlen in der Volltextversorgung (Dokumentenlieferung) wurden Personalkapazitäten frei, die ZB MED zum weiteren Ausbau des Bereichs der Digitalen Sammlungen genutzt hat. Daran anknüpfend wird ein Bereich Themenportale (interaktive Orte, die Wissen zu bestimmten Themenbereichen bündeln) aufgebaut. Die Arbeiten im Bereich der Digitalen Sammlungen und der Themenportale sind interessant und können als Keimzelle für weiterführende Projekte dienen. …

 

Der PB 4 „Anwendungsorientierte Forschung und Innovation“ befindet sich derzeit noch im Aufbau.“

 

Halten wir fest: Von fünf Programmbereichen werden vier mit „sehr gut“ oder „gut“ bewertet,, während für einen weiteren Programmbereich („derzeit noch im Aufbau“) zunächst keine Zensur vergeben wurde. Dies wird in einer Gesamtbeurteilung für die Programmbereiche 1 – 3 noch einmal ausdrücklich bestätigt (Seite 25):

 

„Der Direktor der ZB MED organisiert die Bearbeitung und Modernisierung des klassischen Kerngeschäfts sehr gut. Die ZB MED profitiert auch sehr von der hohen Kompetenz in den fünf Dezernaten.“

 

Demnach müsste die Weiterförderung der ZB MED sichergestellt sein, es sei denn, der Stand des Programmbereiches „Anwendungsorientierte Forschung und Innovation“ ist doch kritisch zu sehen und dieser Bereich ist wesentlich wichtiger als alle anderen Programmbereiche zusammen. Dieser Ansicht können die Mitglieder der Bewertungsgruppe unmöglich gewesen sein, zumal sechs von 13 Mitgliedern aus dem Bibliotheksbereich kommen und die Deutsche Nationalbibliothek sowie die Bibliotheken der Medizinischen Universität Wien und der Universitäten Dresden, Tübingen, Göttingen und Freiburg auch nicht und schon gar nicht ausschließlich nach ihren Forschungsleistungen bewertet werden.

 

Wir kommen auf den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED zurück.

Ihr Statement zur Abwicklungsempfehlung der ZB MED? Wir freuen uns im Kommentarbereich über Ihre Meinung!

 

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


Informationswissensschaft: Die Grenzen der Mobilisierung

Nach dem Düsseldorfer Abwicklungsbeschluss

ein Blick auf die Disziplin

 

Die Grenzen der Mobilisierung

 

Was die deutschsprachige
Informationswissenschaft tun muss,

um dem institutionellen Niedergang zu entgehen

 

Von Willi Bredemeier

 

Stellt der Beschluss der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität (Düsseldorf), die Informationswissenschaft abzuwickeln, nur den vorläufigen Höhepunkt eines mittlerweile jahrzehntelangen institutionellen Niederganges der deutschsprachigen Informationswissenschaft dar? Walther Umstätter hat in Open Password dargestellt, welche informationswissenschaftlichen Bereiche Schritt für Schritt eliminiert wurden, begleitet vom teilweisen Untergang der Fachinformationszentren und einem radikalen Rückgang der Aktivitäten und Mitgliederbestände in Verbänden und weiteren freiwilligen Vereinigungen. Über die Entwicklung der Stellen, Budgets und Drittmittelprojekte an informationswissenschaftlichen Lehrstühlen liegen keine Informationen vor. Die Vermutung liegt aber nahe, dass diese vom Prozess überproportionaler Kürzungen in der Informationswissenschaft nicht ausgeschlossen ist.

 

Die Angst geht um, dass sich dieser Prozess fortsetzen wird, an dessen Ende die deutschsprachige Informationswissenschaft nicht mehr besteht. Verbleibende Restbestände wie „Suchmaschinen“ und „Soziale Medien“ und „(Diverse) Fragen der Informationsgesellschaft“ gehören nicht zwangsläufig den Informationswissenschaften an und ließen sich anderen Disziplinen zuschlagen.

 

Open Password hat an anderer Stelle dargestellt, dass der bevorstehende Abwicklungsbeschluss zu einer Mobilisierung ohnegleichen geführt hat – der deutschsprachigen Informationswissenschaft und darüber hinaus. Wir haben uns an dieser Mobilisierung beteiligt und heißen sie nach wie vor uneingeschränkt gut. Die Diskussion über diesen Erfolg wäre aber nicht vollständig und wir kämen zu keinem realistischen Gesamtbild, wenn wir nicht auch ihre Grenzen zur Kenntnis nähmen.

 

Die Mobilisierung hatte eine entscheidende intellektuelle Schwachstelle: Die gesamte Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft wurde nicht thematisiert.

 

Schwachstellen der Mobilisierung. Es gab auch Schwachstellen der Mobilisierung, beispielsweise taktische:

 

  • Die Mobilisierung setzte zu spät ein, nämlich als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war.
  • Sie erfolgte punktuell und fasste die schwierige Gesamtlage der deutschsprachigen Informationswissenschaft nicht in den Blick.
  • Es gab Tendenzen, die Mobilisierung auf inneruniversitäre und inner-informationswissenschaftliche Zusammenhänge zu beschränken.
  • Insbesondere die Politik und die Ministerialverwaltungen scheinen nicht in die Mobilisierung einbezogen worden zu sein, obgleich letztlich sie es sind, die die Entscheidungen fällen.
  • Nun, da der aktuelle Anlass ausgedient hat, besteht die Gefahr, dass der Protest pro Düsseldorf zusammenklappt, obgleich die endgültige Entscheidung, ob die Düsseldorfer Informationswissenschaft abgewickelt wird, aussteht.
  • Es ist vergleichsweise leicht, einen Protest zu organisieren, wenn ein Abwicklungsbeschluss von Disziplinfremden kommt und eine dritte Seite zahlen soll. Da würde es wesentlich schwieriger, wenn sich Informationswissenschaftler untereinander über Kürzungen verständigen oder sich auf einen gemeinsamen Bezugsrahmen einigen sollten.

 

Kommen wir zu den Inhalten. Soweit ich die Stellungnahmen pro Düsseldorf gelesen habe, wurde das Verhalten der Befürworter des Abwicklungsbeschlusses politökonomisch erklärt: So soll bei anstehenden Kürzungsrunden vor allem die Informationswissenschaft abgewickelt werden, weil sie nur über eine kleine Zahl an Truppen verfügt (in Düsseldorf nur ein Hochschullehrer – Professor, der bald vor seiner Pensionierung steht – kaum Befürworter, die einen selbst in Schwierigkeiten bringen könnten). Die Annahme eines opportunistischen Kalküls liegt in der Tat nahe, da Argumente für den Dekan und die Kollegen an der Philosophischen Fakultät keine Rolle spielten. In ähnlich gelagerten Fällen – man denke an die seinerzeitigen Entwicklungen an der FH Potsdam – war das ähnlich.

 

Anders als die Befürworter verfügten die Gegner des Abwicklungsbeschlusses über Argumente. Diese folgten zwei Linien: Die besonderen Verdienste der Düsseldorfer Informationswissenschaft wurden hervorgehoben – unter anderem von Open Password. Bedeutung und Notwendigkeit der Informationswissenschaft wurden mit den Bereichen begründet, die diese Disziplin abdeckt oder abdecken soll, beispielsweise die „Digitalisierung“.

 

Damit wird die intellektuelle Schwachstelle der Argumentationen pro Düsseldorf deutlich: Die der deutschsprachigen Informationswissenschaften übertragenen „Aufträge“ oder die von ihnen beanspruchten Untersuchungsbereiche wurden mit ihrer „Auftragserfüllung“ (Ausnahme: die Düsseldorfer Informationswissenschaft) in eins gesetzt.

 

Wer weiß, vielleicht wären auch die Fakultätskollegen von Prof. Stock mit einer differenzierteren Sicht in die entscheidende Abstimmung gegangen, wenn die deutschsprachige Informationswissenschaft seit längerem nachgewiesen hätte, dass sie nicht nur interessante Themenfelder besetzt hält, sondern in diesen Bereichen auch über eindeutige Vorteile im Vergleich zu Nachbardisziplinen verfügt und darüber hinaus Exzellentes leistet.

 

Drei Anregungen, um den institutionellen Niedergang aufzuhalten

 

Ich glaube, dass sich der institutionelle Niedergang der Informationswissenschaften nur aufhalten lässt,

 

  • wenn sich andere Disziplinen, die politischen Stakeholder und die breite Öffentlichkeit überhaupt ein Bild von der Informationswissenschaft machen können (derzeit gibt es ein solches Bild in der Öffentlichkeit nicht);
  • wenn sich die Informationswissenschaftler dauerhaft um eine positive Außenwirkung bemühen (nicht als PR-Büro, sondern in einem aufeinander bezogenen kritischen Diskurs, der auch für andere Disziplinen und für Nicht-Wissenschaftler relevant und verständlich ist) und
  • wenn sich als Voraussetzung dafür die Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft verbessert.

 

Auch wenn diese Anforderungen erfüllt würden, bliebe der Weg, den die deutschsprachige Informationswissenschaft in den kommenden Jahren zurückzulegen hat, steinig genug: Das politökonomische Entscheidungsmodell oder Entscheidungen nach dem St.-Florians-Prinzip haben sich weitgehend in der Hochschulpolitik durchgesetzt. Die Wissenschaftsverwaltungen stark haushaltsbelasteter Landesregierungen (wie die von Nordrhein-Westfalen) dürften ihren Sparkurs fortsetzen und zu neuen Abwicklungen auffordern. Währenddessen würden die „Truppen der Informationswissenschaft“ nur allmählich und begrenzt zunehmen.

 

Andererseits sehe ich zu den genannten Anforderungen keine Alternative, wenn die deutschsprachige Informationswissenschaft auf Dauer überleben will.

 

Was tun? Dazu drei Anregungen verbunden mit der Einladung, in eine Erörterung zu der bisherigen Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft einzutreten, die nach dem Selbstbild der Wissenschaftsgemeinschaft ohnehin vorgesehen ist:

 

  1. Eine vergleichsweise positive Bilanz für die deutschsprachige Informationswissenschaft (und benachbarter Studiengänge) lässt sich im Bereich           der Lehre ziehen. Darauf ließe sich bei Verbesserungen aufbauen.

 

Zwar liegen nur wenige Verbleibsstudien und zusätzlich weitere anekdotische meistens lehrstuhlbezogene Materialien vor. Es scheint aber so, als ob alle Absolventen unterkämen. Auch scheinen diese angesichts der Vielfalt der ihnen zugewiesenen Aufgabenbereiche ziemlich universal einsetzbar zu sein. Es liegen Beispiele einiger Professoren vor, die sich aktiv um den künftigen Verbleib ihrer Studierenden kümmern, beispielsweise über die Vermittlung von Praktika oder indem sie kontinuierlich Gespräche mit potenziellen Arbeitgebern über ihre Anforderungen an Absolventen führen – ohne dass darüber die notwendige Distanz zwischen Wissenschaftlern und Unternehmen und die notwendige Spannung zwischen den Inhalten von Studiengängen und den Anforderungen der Arbeitgeber verloren gehen muss.

 

Wenn man eine Orientierung informationswissenschaftlicher Studiengänge an die Anforderungen der Arbeitgeber (nicht ihre Befolgung) für notwendig hält, sollte man sich nicht allein auf die individuellen Präferenzen der Hochschullehrer verlassen. Hier wäre ein höherer Verbindlichkeitsgrad wünschenswert. Rundum positive Ergebnisse in den Verbleibsstudien sind die beste Begründung, um die Notwendigkeit informationswissenschaftlicher Studiengänge vor Stakeholdern und in der breiten Öffentlichkeit nachzuweisen. Zudem können Verbleibsstudien wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklung von Studiengängen geben.

 

  1. Die Informationswissenschaft sollte sich auf einen gemeinsamen Bezugsrahmen verständigen. Ein geeigneter Bezugsrahmen lässt sich entwickeln, wenn man von            dem Grundbegriff der „Praxisrelevanz“ ausgeht.

 

Derzeit verfügt die Informationswissenschaft über keine Theorie und noch nicht einmal über einen Bezugsrahmen, die eine zwingende Ableitung von Forschungsthemen und wissenschaftlichen Fortschritt im Sinne aufeinander aufbauender Forschungsergebnisse erlaubten. Unter dem Grundbegriff der Information wird zudem alles und jedes verstanden.

 

Wohl wählten sich die Informationswissenschaftler teilweise ähnliche Untersuchungsbereiche aus. Diese sind historisch, aus einer systematischen Sicht eher zufällig gewachsen. Das machte zum Zeitpunkt ihrer Entstehung Sinn, weil diese Forschungsbereiche einen Beitrag leisteten, die beruflichen Chancen der Studierenden zu verbessern. Allerdings blieb der Disziplin eine große Heterogenität eigen, was zu einem geringen inneren Zusammenhalt geführt hat. Das wird an dem geringen Grad wechselseitiger Zitationen, am geringen Niveau gemeinsamer Aktivitäten und an Schwächen der Qualitätskontrolle sichtbar.

 

Ich habe die Proceedings dreier ISI-Tagungen gelesen und in der Mehrzahl der Beiträge aller Tagungen bedeutende Schwächen festgestellt. Als ich diese Ergebnisse veröffentlichte, gab es keine Widerrede, wohl aber einige positive Stimmen. Wie mehrere Teilnehmer der ISI-Tagung in Zadar 2015 mitteilten, war es um die durchschnittliche Qualität der Beiträge dieser Tagung nicht besser bestellt. Anscheinend hatte niemand geglaubt, jemand würde die Tagungsbände wirklich lesen. Noch war jemals daran gedacht, die einzige gemeinsame „Leistungsschau“ der deutschsprachigen Informationswissenschaft für die Außenwerbung zu verwenden. Noch hatten sich die meisten entscheidenden Multiplikatoren der Disziplin persönlich dieser „Leistungsschau“ gestellt.

 

Die in einem bedeutenden Maße bestehende Beliebigkeit und Irrelevanz der deutschsprachigen Informationswissenschaft ließe sich eliminieren, wenn sie sich um den Begriff der „Praxisrelevanz“ scharte. Um hier auf einen Einwand einzugehen, der mir gegenüber mehrfach in persönlichen Gesprächen erhoben worden ist: „Praxisrelevanz“ bedeutet nicht, Wissenschaftlichkeit aufzugeben und Unternehmen und weiteren Interessenten nach dem Mund zu reden. Man kann beides haben, sauberes wissenschaftliches Arbeiten und die Orientierung an die Herausforderungen für Praxisgruppen. Man muss nur die durchschnittliche Qualität des Outputs der Disziplin anheben.

 

  1. Praxisrelevanz, was bedeutet das für eine wenig theoriegeleitete Disziplin? Eine wichtige Möglichkeit unter anderen bestünde darin, sich der aktuellen und      künftigen Herausforderungen für Information Professionals anzunehmen.

 

Es gibt sicherlich Fragestellungen und viel versprechende Zielgruppen für Informationswissenschaftler, die nicht die Information Professionals betreffen. Aber eine wichtige Zielgruppe sollten sie schon sein:

 

  • Es bestehen bereits wichtige Zusammenhänge zwischen Informationswissenschaft und Information Professionals – insbesondere über den Arbeitsmarkt. Informationswissenschaftlicher haben immer wieder Beiträge geschrieben, die für Information Professionals wichtig sind. Es bestehen mannigfache persönliche Kontakte, so dass sich auf Bestehendem aufbauen ließe.

 

  • Bei den Information Professionals handelt es sich, wenn es um ihre zentralen Sorgen geht, um eine weitgehend von der Informationswissenschaft und auch von anderen Disziplinen unversorgten Gruppe.

 

  • Eine Beschäftigung mit den Herausforderungen für Information Professionals führt zu frühen Erkenntnissen allgemeiner Trends und zur Entdeckung von Zusammenhängen in Informationswirtschaft und Informationsgesellschaft, auf die die anderen Disziplinen weniger leicht kommen. Damit verbunden entstehen Chancen, neue viel versprechende Forschungsbereiche als erste zu entdecken und sich dort vor anderen zu positionieren.

 

Dass die Informationswissenschaft die Herausforderungen für Information Professionals nahezu systematisch vernachlässigt hat, lässt sich auch an einer „Shortlist“ viel versprechender Forschungsfragestellungen erkennen:

 

  • Wandel der Anforderungsprofile und Konsequenzen für Aus- und Weiterbildung
  • Survival Strategies und Erfolgsfaktoren für innerbetriebliche Informationszentren
  • Kernkompetenzen und Expansionmöglichkeiten in benachbarte Geschäftsbereiche
  • Chancen und Erfordernisse eines innerbetrieblichen und Branchenmarketing
  • Optimierung des Spannungsfeldes zwischen Informationsanbietern und Informationsnutzern
  • Die Märkte für Informationsvermittlung und -analysen.

 

Selbstverständlich käme es auch bei diesen Fragestellungen auf die Qualität der Beiträge an. Hier müsste die Informationswissenschaft, wenn sie über die Praxis schreibt, ihre aus Fachinformationszeiten überkommene Tradition aufgeben, lediglich die „Stimme der Herrschenden und Zuwendungsempfänger“ zu sein und ein ergänzendes kritisches Potenzial aufbauen und nutzen.

Die Password Nachrichten erscheinen kostenlos und werden als E-Mail Pushdienst bereits per E-Mail an mehr als 1.000 Empfänger in der Informationsbranche gesendet. Die Nachrichten erscheinen auf der Webseite immer mit einer zeitlichen Verzögerung. Registrieren Sie sich jetzt für den kostenlosen Pushdienst!

Jetzt für den kostenfreien Push-Dienst registrieren

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


Rafael Ball zum Zweiten: Die Schweizer Bibliothekswelt im Aufruhr

Nach einem weiteren Interview mit Rafael Ball im Schweizer Rundfunk ist die Zahl der Stellungnahmen in den Sozialen Medien in Deutschlands, Österreich sowie der Schweiz und in den gedruckten Medien der Schweiz abermals schlagartig angeschwollen.

Von Stephan Holländer

Am Donnerstag letzter Woche wurde Rafael Ball im Schweizer Rundfunk zu seinem Interview in der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag erneut befragt (http://www.srf.ch/sendungen/kultur-kompakt/macht-das-internet-buecher-ueberfluessig). In der ihm eigenen Art bekräftigte Ball seine im Zeitungsinterview gemachten Aussagen, ohne Wenn und Aber.

Geliefert wird, was der Nutzer bestellt

Einen Tag später erschien in der Freitagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung eine Entgegnung von Prof. Michael Hagner an der ETH (http://www.nzz.ch/feuilleton/ueber-eine-zukunftsvision-die-ein-horrorszenario-sein-koennte-1.18693786).  Er wies darauf hin, dass die wissenschaftlichen Bibliotheken die Aufgabe haben, die Wissenschaftler und Forscher als Informationsdienstleister durch den digitalen Informationsdschungel zu begleiten. Professor Hagner mahnt, wenn er im Artikel schreibt: „Ein Bibliothekar, der die Forderung aufstellt, man solle endlich die Hemmungen vor elektronischen Büchern überwinden, und der darüber hinaus Bibliotheken zu quasi bücherfreien Zonen erklärt, hat nicht nur seinen Beruf verfehlt, er mischt sich auch in Forschungspraktiken ein, die ihn gar nichts angehen.“

Die Botschafter des Kollektivs

Als ließe das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, schob die NZZ am Sonntag gleich einen Beitrag der beiden Bibliotheksdirektoren Claus Ceynowa und Andreas Degkwitz nach, die sich in ironisierender Weise die im Interview gemachten Sentenzen Balls angenommen haben (NZZ am Sonntag vom 14. Februar, Seite 24). Sie schlagen vor, Rafael Ball beim Wort zu nehmen, die ETH Bibliothek von allen gedruckten Medien und ihrer Infrastruktur frei zu räumen. Die frei gewordene Fläche soll als Lern- und Kommunikationszentrum umgestaltet werden. Die Mitarbeiter der ETH-Bibliothek seien für die Zeit des Experiments zu suspendieren. Die so eingesparten Mittel sollen den ETH-Informatikdiensten zugewiesen werden. Überdies sollen alle netzbasierten Dienste der ETH gekappt werden, um allfälliges „Wildern“ bei anderen Bibliotheken zu verhindern, denn nach der Überzeugung Balls sind alle Informationen im Netz frei verfügbar. Die Autoren stellen sich für die Evaluation des Experiments unentgeltlich zur Verfügung. Nun Scherz, Satire, Ironie und ihre tiefere Bedeutung in Ehren, aber das geht am Kern der Sache vorbei. Der Chronist merkt an, dass die ETH-Bibliothek nicht (nur) Rafael Ball ist. Warum muss denn die Bibliothek als Institution in diesen Disput mit einbezogen werden?

Viel schöner als man glaubt

Eines lassen die beiden Direktoren in ihrem Beitrag beiseite: Zum Zeitpunkt der Niederschrift ihres Artikels kündigte die britische Tageszeitung „Independent“ als erste europäisch bekannte Tageszeitung an, künftig nur noch digital zu erscheinen (http://www.independent.co.uk/news/media/press/the-independent-becomes-the-first-national-newspaper-to-embrace-a-global-digital-only-future-a6869736.html).

Blättert man zwei Seiten in der NZZ-Sonntagsausgabe weiter, so findet man die Stellungnahmen nicht nur des Verbandspräsidenten der Bibliothek Information Schweiz (BIS), Herbert Staub, sondern auch der Direktorin Susanna Bliggensdorfer der nahe gelegenen Zentralbibliothek Zürich, die der Universität Zürich zugewandt ist, und von Marie-Christine Doffey, Direktorin der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern, um nur die Spitzen des Schweizer Bibliothekwesens zu nennen. Fast völliges Schweigen herrschte hingegen in den Reihen der Informationswissenschaftler an den beiden Fachhochschulen Chur und Genf. Rudolf Mumenthaler äußert sich auf seinem eigenen Blog (http://ruedimumenthaler.ch/2016/02/15/bibliotheken-und-digitaler-wandel-skizze-fur-ein-forschungsprogramm/), und Michel Gorin in seiner Eigenschaft als Leiter der Arbeitsgruppe Berufsethik erinnert an den Ethikkodex des BIS für Bibliothekare und Informationsfachleute.  Ferner äußern sich weitere Gruppierungen der Bibliothekswelt wie die Bibliothekskommission des Kantons Bern und die Genfer Ortsgruppe der Bibliothekare und in Informationswissenschaften diplomierte Fachleute (AGBD). Bei der Lektüre der Stellungnahmen auf SwissLib, dem führenden Sozial Medium der Branche in der Schweiz, fallen die Wiederholungen der Argumente in den verschiedenen Stellungnahmen auf.

Auch in den Nachbarländern Deutschland und Österreich wird der Faden des Interviews Balls aufgenommen. So äußert sich Werner Schlacher für den österreichischen Bibliotheksverband (VÖB) auf dem Blog des Verbandes (http://www.univie.ac.at/voeb/blog/?p=39451). Eine nur vermeintlich originelle informationswissenschaftliche Schleife fährt Ben Kaden in Deutschland auf Libreas (https://libreas.wordpress.com/2016/02/11/rafael-ball-bibliotheken/). Ben Kaden gräbt alte Artikel von Rafael Ball aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus den neunziger Jahren aus, um die Wurzeln der Beweggründe für die heutigen Ansichten des Publizisten und Autors Ball freizulegen. Der Chronist möchte hier Ball das "Recht auf Vergessen" zugestehen, wie es nun auch Google nach einem NZZ-Bericht  in der EU anwendet - dies gleichfalls eine wichtige Entwicklung: Wenn Google das "Recht auf Vergessen" nicht mehr auf seine nationalstaatlichen Dienste beschränkt, sondern auf Nutzer aus der EU ausweitet, die in Google.com recherchieren, so kommt es damit einer alten Forderung etwa der deutschen Datenschützer nach.

Den Topf am Kochen halten

An dieses Motto der Heilsarmee bei ihren Spendensammlungen fühlt man sich erinnert, wenn die NZZ-Redaktion in ihrer heutigen Ausgabe erstmals selbst zum Interview von Ball Stellung bezieht (.http://www.nzz.ch/schweiz/verfruehter-abgesang-1.18695878). Marc Tribelhorn sieht in den Aussagen Balls ein verfrühtes Läuten des Totenglöckleins der heutigen Bibliotheken mit ihrer Bücherausleihe. Ganz im Stil des Hauses belegt er dies nicht mit eigenen inhaltlichen Aussagen, sondern zitiert die Speerspitze des Schweizer Bibliothekswesens aus Verband, wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken sowie der Wissenschaft. Zudem greift er auf zugegebenermassen unvollständiges Zahlenmaterial des Schweizerischen Bundesamt für Statistik zurück. Tribelhorn kann es sich aber nicht verkneifen, die abgedroschenen Klischees über Bibliothekare als „vermeintlich dick bebrillte, biedere Bücherwürmer" in Seitensätzen aufzuwärmen. Pikant ist die Aussage des Journalisten, Rafael Ball als „Nörgler“ abzuqualifizieren bei gleichzeitigem Verweis auf die Funktion Balls als „Vorsteher der renommierten Bibliothek der ETH Zürich“. Hier drängen sich Assoziationen zu einer grossformatigen Zeitung mit grossen Lettern und vielen Bildern auf, mit der die NZZ keinesfalls im gleichen Atemzug genannt werden möchte. Die Gebräuche der heutigen Medienindustrie nördlich des Rheins sind auch in der ansonsten betulich auf ihren guten Ruf achtenden Redaktion der führenden Schweizer Tageszeitung angekommen. Tribelhorn merkt an, dass die Digitalisierung durchaus ihre Tücken hat und nicht alles frei verfügbar im Internet zu haben sei. Trotzdem lässt er sich dann im Fazit zur undifferenzierten Aussage hinreissen: „Wer Google hat, kann sich vermeintlich den Weg in die Bibliothek sparen.“ Können schon, aber nicht unbedingt wollen, wie die Nutzerzahlen der Schweizer Bibliotheken belegen, die gleichfalls in dem Artikel erwähnt werden.

Relevantere Themen nicht aus den Augen verlieren!

Bei aller Aufregung in den Sozialen Medien sollten wichtigere Themen für die Schweizer Bibliotheken nicht aus den Augen verloren werden. Zu Recht rufen die beiden Schweizer Bibliotheksverbände zu einer Stellungnahme über die anstehende Novellierung des Schweizer Urheberrechts auf. Da sollte der Blick weiter als die sogenannte Bibliothekstantieme gehen, die aus der Sicht der Bibliotheken die vielleicht augenfälligste Veränderung am bestehenden Urheberrecht darstellt. Gerade die weiteren Artikel, die sich mit der Digitalisierung unserer Informationswelt befassen, müssen einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Auf der politischen Agenda stehen auch die Regierungsvorlagen zu Bildung und Wissenschaft, die noch in beiden Parlamentskammern beraten werden müssen. Auch hier steht wesentlich mehr auf dem Spiel als die Aussagen in Balls Interview aus der NZZ am Sonntag.


#saveIWS - die Fakultätsratssitzung in Tweets und Bildern

Spannender hätte es kaum sein können. Der für die Fakultätsratssitzung angesetzte Termin in der Heinrich Heine Universität zu Düsseldorf hatten einen Brennpunkt auf der Agenda. Die geplante Schließung der Informationswissenschaft. Die Kampagne #saveIWS hatte es geschaft jede Menge Studierende zu mobilisieren. Wir beleuchten diese wichtigen Minuten des Fachbereichs über die Tweets die versendet wurden.

Das absolut Wichtigtse, nämlich das Ergebnis zu diesem Termin geben wir in einem Tweet des Hochschulradios wieder.

Noch mehr Tweets zu Thema

Unter #saveIWS und #iwhhu ist viel vor, während und auch danach getwittert worden. Aber es gab auch offene Briefe und Beiträge in den Medien. Eine recht umfangreiche Zusammenstellung finden Sie im Storyboard von infobroker.de.

Ihre Meinung ist gefragt?

Was meinen Sie? Wie stehen Sie zum Sachverhalt und letztendlich zum Ergebnis? Welche Folgen sehen Sie für die Informationswissenschaft? Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion hier im Beitrag.