Informationswissensschaft: Die Grenzen der Mobilisierung

Nach dem Düsseldorfer Abwicklungsbeschluss

ein Blick auf die Disziplin

 

Die Grenzen der Mobilisierung

 

Was die deutschsprachige
Informationswissenschaft tun muss,

um dem institutionellen Niedergang zu entgehen

 

Von Willi Bredemeier

 

Stellt der Beschluss der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität (Düsseldorf), die Informationswissenschaft abzuwickeln, nur den vorläufigen Höhepunkt eines mittlerweile jahrzehntelangen institutionellen Niederganges der deutschsprachigen Informationswissenschaft dar? Walther Umstätter hat in Open Password dargestellt, welche informationswissenschaftlichen Bereiche Schritt für Schritt eliminiert wurden, begleitet vom teilweisen Untergang der Fachinformationszentren und einem radikalen Rückgang der Aktivitäten und Mitgliederbestände in Verbänden und weiteren freiwilligen Vereinigungen. Über die Entwicklung der Stellen, Budgets und Drittmittelprojekte an informationswissenschaftlichen Lehrstühlen liegen keine Informationen vor. Die Vermutung liegt aber nahe, dass diese vom Prozess überproportionaler Kürzungen in der Informationswissenschaft nicht ausgeschlossen ist.

 

Die Angst geht um, dass sich dieser Prozess fortsetzen wird, an dessen Ende die deutschsprachige Informationswissenschaft nicht mehr besteht. Verbleibende Restbestände wie „Suchmaschinen“ und „Soziale Medien“ und „(Diverse) Fragen der Informationsgesellschaft“ gehören nicht zwangsläufig den Informationswissenschaften an und ließen sich anderen Disziplinen zuschlagen.

 

Open Password hat an anderer Stelle dargestellt, dass der bevorstehende Abwicklungsbeschluss zu einer Mobilisierung ohnegleichen geführt hat – der deutschsprachigen Informationswissenschaft und darüber hinaus. Wir haben uns an dieser Mobilisierung beteiligt und heißen sie nach wie vor uneingeschränkt gut. Die Diskussion über diesen Erfolg wäre aber nicht vollständig und wir kämen zu keinem realistischen Gesamtbild, wenn wir nicht auch ihre Grenzen zur Kenntnis nähmen.

 

Die Mobilisierung hatte eine entscheidende intellektuelle Schwachstelle: Die gesamte Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft wurde nicht thematisiert.

 

Schwachstellen der Mobilisierung. Es gab auch Schwachstellen der Mobilisierung, beispielsweise taktische:

 

  • Die Mobilisierung setzte zu spät ein, nämlich als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war.
  • Sie erfolgte punktuell und fasste die schwierige Gesamtlage der deutschsprachigen Informationswissenschaft nicht in den Blick.
  • Es gab Tendenzen, die Mobilisierung auf inneruniversitäre und inner-informationswissenschaftliche Zusammenhänge zu beschränken.
  • Insbesondere die Politik und die Ministerialverwaltungen scheinen nicht in die Mobilisierung einbezogen worden zu sein, obgleich letztlich sie es sind, die die Entscheidungen fällen.
  • Nun, da der aktuelle Anlass ausgedient hat, besteht die Gefahr, dass der Protest pro Düsseldorf zusammenklappt, obgleich die endgültige Entscheidung, ob die Düsseldorfer Informationswissenschaft abgewickelt wird, aussteht.
  • Es ist vergleichsweise leicht, einen Protest zu organisieren, wenn ein Abwicklungsbeschluss von Disziplinfremden kommt und eine dritte Seite zahlen soll. Da würde es wesentlich schwieriger, wenn sich Informationswissenschaftler untereinander über Kürzungen verständigen oder sich auf einen gemeinsamen Bezugsrahmen einigen sollten.

 

Kommen wir zu den Inhalten. Soweit ich die Stellungnahmen pro Düsseldorf gelesen habe, wurde das Verhalten der Befürworter des Abwicklungsbeschlusses politökonomisch erklärt: So soll bei anstehenden Kürzungsrunden vor allem die Informationswissenschaft abgewickelt werden, weil sie nur über eine kleine Zahl an Truppen verfügt (in Düsseldorf nur ein Hochschullehrer – Professor, der bald vor seiner Pensionierung steht – kaum Befürworter, die einen selbst in Schwierigkeiten bringen könnten). Die Annahme eines opportunistischen Kalküls liegt in der Tat nahe, da Argumente für den Dekan und die Kollegen an der Philosophischen Fakultät keine Rolle spielten. In ähnlich gelagerten Fällen – man denke an die seinerzeitigen Entwicklungen an der FH Potsdam – war das ähnlich.

 

Anders als die Befürworter verfügten die Gegner des Abwicklungsbeschlusses über Argumente. Diese folgten zwei Linien: Die besonderen Verdienste der Düsseldorfer Informationswissenschaft wurden hervorgehoben – unter anderem von Open Password. Bedeutung und Notwendigkeit der Informationswissenschaft wurden mit den Bereichen begründet, die diese Disziplin abdeckt oder abdecken soll, beispielsweise die „Digitalisierung“.

 

Damit wird die intellektuelle Schwachstelle der Argumentationen pro Düsseldorf deutlich: Die der deutschsprachigen Informationswissenschaften übertragenen „Aufträge“ oder die von ihnen beanspruchten Untersuchungsbereiche wurden mit ihrer „Auftragserfüllung“ (Ausnahme: die Düsseldorfer Informationswissenschaft) in eins gesetzt.

 

Wer weiß, vielleicht wären auch die Fakultätskollegen von Prof. Stock mit einer differenzierteren Sicht in die entscheidende Abstimmung gegangen, wenn die deutschsprachige Informationswissenschaft seit längerem nachgewiesen hätte, dass sie nicht nur interessante Themenfelder besetzt hält, sondern in diesen Bereichen auch über eindeutige Vorteile im Vergleich zu Nachbardisziplinen verfügt und darüber hinaus Exzellentes leistet.

 

Drei Anregungen, um den institutionellen Niedergang aufzuhalten

 

Ich glaube, dass sich der institutionelle Niedergang der Informationswissenschaften nur aufhalten lässt,

 

  • wenn sich andere Disziplinen, die politischen Stakeholder und die breite Öffentlichkeit überhaupt ein Bild von der Informationswissenschaft machen können (derzeit gibt es ein solches Bild in der Öffentlichkeit nicht);
  • wenn sich die Informationswissenschaftler dauerhaft um eine positive Außenwirkung bemühen (nicht als PR-Büro, sondern in einem aufeinander bezogenen kritischen Diskurs, der auch für andere Disziplinen und für Nicht-Wissenschaftler relevant und verständlich ist) und
  • wenn sich als Voraussetzung dafür die Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft verbessert.

 

Auch wenn diese Anforderungen erfüllt würden, bliebe der Weg, den die deutschsprachige Informationswissenschaft in den kommenden Jahren zurückzulegen hat, steinig genug: Das politökonomische Entscheidungsmodell oder Entscheidungen nach dem St.-Florians-Prinzip haben sich weitgehend in der Hochschulpolitik durchgesetzt. Die Wissenschaftsverwaltungen stark haushaltsbelasteter Landesregierungen (wie die von Nordrhein-Westfalen) dürften ihren Sparkurs fortsetzen und zu neuen Abwicklungen auffordern. Währenddessen würden die „Truppen der Informationswissenschaft“ nur allmählich und begrenzt zunehmen.

 

Andererseits sehe ich zu den genannten Anforderungen keine Alternative, wenn die deutschsprachige Informationswissenschaft auf Dauer überleben will.

 

Was tun? Dazu drei Anregungen verbunden mit der Einladung, in eine Erörterung zu der bisherigen Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft einzutreten, die nach dem Selbstbild der Wissenschaftsgemeinschaft ohnehin vorgesehen ist:

 

  1. Eine vergleichsweise positive Bilanz für die deutschsprachige Informationswissenschaft (und benachbarter Studiengänge) lässt sich im Bereich           der Lehre ziehen. Darauf ließe sich bei Verbesserungen aufbauen.

 

Zwar liegen nur wenige Verbleibsstudien und zusätzlich weitere anekdotische meistens lehrstuhlbezogene Materialien vor. Es scheint aber so, als ob alle Absolventen unterkämen. Auch scheinen diese angesichts der Vielfalt der ihnen zugewiesenen Aufgabenbereiche ziemlich universal einsetzbar zu sein. Es liegen Beispiele einiger Professoren vor, die sich aktiv um den künftigen Verbleib ihrer Studierenden kümmern, beispielsweise über die Vermittlung von Praktika oder indem sie kontinuierlich Gespräche mit potenziellen Arbeitgebern über ihre Anforderungen an Absolventen führen – ohne dass darüber die notwendige Distanz zwischen Wissenschaftlern und Unternehmen und die notwendige Spannung zwischen den Inhalten von Studiengängen und den Anforderungen der Arbeitgeber verloren gehen muss.

 

Wenn man eine Orientierung informationswissenschaftlicher Studiengänge an die Anforderungen der Arbeitgeber (nicht ihre Befolgung) für notwendig hält, sollte man sich nicht allein auf die individuellen Präferenzen der Hochschullehrer verlassen. Hier wäre ein höherer Verbindlichkeitsgrad wünschenswert. Rundum positive Ergebnisse in den Verbleibsstudien sind die beste Begründung, um die Notwendigkeit informationswissenschaftlicher Studiengänge vor Stakeholdern und in der breiten Öffentlichkeit nachzuweisen. Zudem können Verbleibsstudien wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklung von Studiengängen geben.

 

  1. Die Informationswissenschaft sollte sich auf einen gemeinsamen Bezugsrahmen verständigen. Ein geeigneter Bezugsrahmen lässt sich entwickeln, wenn man von            dem Grundbegriff der „Praxisrelevanz“ ausgeht.

 

Derzeit verfügt die Informationswissenschaft über keine Theorie und noch nicht einmal über einen Bezugsrahmen, die eine zwingende Ableitung von Forschungsthemen und wissenschaftlichen Fortschritt im Sinne aufeinander aufbauender Forschungsergebnisse erlaubten. Unter dem Grundbegriff der Information wird zudem alles und jedes verstanden.

 

Wohl wählten sich die Informationswissenschaftler teilweise ähnliche Untersuchungsbereiche aus. Diese sind historisch, aus einer systematischen Sicht eher zufällig gewachsen. Das machte zum Zeitpunkt ihrer Entstehung Sinn, weil diese Forschungsbereiche einen Beitrag leisteten, die beruflichen Chancen der Studierenden zu verbessern. Allerdings blieb der Disziplin eine große Heterogenität eigen, was zu einem geringen inneren Zusammenhalt geführt hat. Das wird an dem geringen Grad wechselseitiger Zitationen, am geringen Niveau gemeinsamer Aktivitäten und an Schwächen der Qualitätskontrolle sichtbar.

 

Ich habe die Proceedings dreier ISI-Tagungen gelesen und in der Mehrzahl der Beiträge aller Tagungen bedeutende Schwächen festgestellt. Als ich diese Ergebnisse veröffentlichte, gab es keine Widerrede, wohl aber einige positive Stimmen. Wie mehrere Teilnehmer der ISI-Tagung in Zadar 2015 mitteilten, war es um die durchschnittliche Qualität der Beiträge dieser Tagung nicht besser bestellt. Anscheinend hatte niemand geglaubt, jemand würde die Tagungsbände wirklich lesen. Noch war jemals daran gedacht, die einzige gemeinsame „Leistungsschau“ der deutschsprachigen Informationswissenschaft für die Außenwerbung zu verwenden. Noch hatten sich die meisten entscheidenden Multiplikatoren der Disziplin persönlich dieser „Leistungsschau“ gestellt.

 

Die in einem bedeutenden Maße bestehende Beliebigkeit und Irrelevanz der deutschsprachigen Informationswissenschaft ließe sich eliminieren, wenn sie sich um den Begriff der „Praxisrelevanz“ scharte. Um hier auf einen Einwand einzugehen, der mir gegenüber mehrfach in persönlichen Gesprächen erhoben worden ist: „Praxisrelevanz“ bedeutet nicht, Wissenschaftlichkeit aufzugeben und Unternehmen und weiteren Interessenten nach dem Mund zu reden. Man kann beides haben, sauberes wissenschaftliches Arbeiten und die Orientierung an die Herausforderungen für Praxisgruppen. Man muss nur die durchschnittliche Qualität des Outputs der Disziplin anheben.

 

  1. Praxisrelevanz, was bedeutet das für eine wenig theoriegeleitete Disziplin? Eine wichtige Möglichkeit unter anderen bestünde darin, sich der aktuellen und      künftigen Herausforderungen für Information Professionals anzunehmen.

 

Es gibt sicherlich Fragestellungen und viel versprechende Zielgruppen für Informationswissenschaftler, die nicht die Information Professionals betreffen. Aber eine wichtige Zielgruppe sollten sie schon sein:

 

  • Es bestehen bereits wichtige Zusammenhänge zwischen Informationswissenschaft und Information Professionals – insbesondere über den Arbeitsmarkt. Informationswissenschaftlicher haben immer wieder Beiträge geschrieben, die für Information Professionals wichtig sind. Es bestehen mannigfache persönliche Kontakte, so dass sich auf Bestehendem aufbauen ließe.

 

  • Bei den Information Professionals handelt es sich, wenn es um ihre zentralen Sorgen geht, um eine weitgehend von der Informationswissenschaft und auch von anderen Disziplinen unversorgten Gruppe.

 

  • Eine Beschäftigung mit den Herausforderungen für Information Professionals führt zu frühen Erkenntnissen allgemeiner Trends und zur Entdeckung von Zusammenhängen in Informationswirtschaft und Informationsgesellschaft, auf die die anderen Disziplinen weniger leicht kommen. Damit verbunden entstehen Chancen, neue viel versprechende Forschungsbereiche als erste zu entdecken und sich dort vor anderen zu positionieren.

 

Dass die Informationswissenschaft die Herausforderungen für Information Professionals nahezu systematisch vernachlässigt hat, lässt sich auch an einer „Shortlist“ viel versprechender Forschungsfragestellungen erkennen:

 

  • Wandel der Anforderungsprofile und Konsequenzen für Aus- und Weiterbildung
  • Survival Strategies und Erfolgsfaktoren für innerbetriebliche Informationszentren
  • Kernkompetenzen und Expansionmöglichkeiten in benachbarte Geschäftsbereiche
  • Chancen und Erfordernisse eines innerbetrieblichen und Branchenmarketing
  • Optimierung des Spannungsfeldes zwischen Informationsanbietern und Informationsnutzern
  • Die Märkte für Informationsvermittlung und -analysen.

 

Selbstverständlich käme es auch bei diesen Fragestellungen auf die Qualität der Beiträge an. Hier müsste die Informationswissenschaft, wenn sie über die Praxis schreibt, ihre aus Fachinformationszeiten überkommene Tradition aufgeben, lediglich die „Stimme der Herrschenden und Zuwendungsempfänger“ zu sein und ein ergänzendes kritisches Potenzial aufbauen und nutzen.

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Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


#saveIWS: Das große Theater der Informationswissenschaften in Düsseldorf

Informationswissenschaften Düsseldorf
nur mit realer Überlebenschance
bei Fortsetzung des Protestes
und Einbindung von Politik und Medien

Nach Abwicklungsbeschluss der Medien muss die Rektorin entscheiden

Von Michael Klems

Da sitzt sie nun, die kleine Maus. Sie starrt auf die rasselnde Schlange und hofft, wenn sie nur keine Bewegung macht, nicht zur Mahlzeit des Reptils zu werden. Diesen Eindruck mag der außenstehende Wirtschaftler von der Entwicklung in Düsseldorf haben, die zu einer Entscheidung führte, die der Informationsbranche überhaupt nicht schmeckt: Die geplante Einstellung des Studiengangs „Informationswissenschaft“ an der Heinrich-Heine-Universität ereignete sich nicht so plötzlich, wie sie nach Außen erscheinen mag. Ein Professor geht nicht ungeplant in Rente und ein Dekan fällt eine Entscheidung nicht über Nacht. Kürzungspolitik, Mittel- und Projektlaufzeiten sind weitreichend bekannt wie der jährliche Heilig-Abend-Termin. Es folgt der Versuch einer Darstellung der Rollenverteilung in diesem Drama mit mehreren Akten, von denen wir nur die beiden finalen Akte sehen werden. Wenn dann der Vorgang fällt, wird dieses Stück in das Archiv der Mythen verschwinden.

 

Als Betrachter von #saveIWS entwickelt man über die Beiträge und Tweets, aber auch über weitere Gespräche ein Bild. Meine erste Reaktion nach dem Bekanntwerden einer möglichen Schließung des Fachbereichs Informationswissenschaft war ein Telefonat mit Willi Bredemeier. Für mich war es wichtig zu erfahren, welche Relevanz die Informationswissenschaft für die Branche hat. Ich bin hier ehrlich: Was bringt Informationswissenschaft den Information Professionals? Diese Message hatte mich bislang nicht erreicht. Die Webseiten der Ausbildungsgänge im Bereich Dokumentation und Informationswissenschaften hatte ich unter der Vorbereitung für die „Steilvorlagen Veranstalltungen“ ab und an eingesehen. Das wird sich jedoch ändern.

 

Jeder Person und Gruppierung kommt im Fall #saveIWS eine Rolle zu. Das Bild hierzu habe ich mir über die öffentliche Darstellung und Gespräche beispielsweise mit der Fachschaft (Podcast Interview)  gebildet. Eine Übersicht bietet Ihnen das Storyfi Board zu #saveIWS. Es ist eine subjektive Sichtweise. Nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion für Ihre Meinung und Sichtweise. Sie haben durch ihre Informationen einen anderen Blick auf die Dingen. Es wäre interessant, diese zu erfahren.

 

„Mit den Studenten wird Roulette gespielt“

Die meisten Studenten haben vom Sachverhalt sehr wahrscheinlich genauso spät erfahren, wie die Medien und Köpfe außerhalb des Campus. Wir kennen dies aus Unternehmensgeschichten, bei denen die Mitarbeiter erst über die Presse erfuhren, dass man die Firma dicht machen wird. Wie immer handelt es bei diesen Ereignissen um eine Vielzahl von Einzelschicksalen. Selbst bei den Studenten muss differenziert werden. Diejenigen Studis, die kurz vor dem Abschluß stehen oder diesen in greifbarer Nähe haben, wird sich nicht viel tun. Vielleicht ist es nun ein kleiner Push (Tritt in den…), die Sache schnellstmöglich zu Ende zu bringen. Weitaus dramatischer stellt sich die Situation für die Einsteiger in den ersten beiden Semestern dar. Es steht ein Niedergang der Ausbildungsqualität durch schwindendes Personal und enormer Druck bevor. Der Druck resultiert aus der Notwendigkeit, in einer festgelegten Zeit das Studium beenden zu müssen, bevor die Lichter in der Düsseldorfer Informationswissenschaft ausgehen.

Die Studentenschaft hat durch das Auftreten bei der Fakultätsratssitzung eine Präsenz gezeigt. Wieviele Studenten sind im Fachbereich? Wie viele waren auf der Abstimmungsveranstaltung? Da ist noch Luft nach oben – auch bei der Nutzung der sozialen Medien. Immerhin lernen dies die Studenten laut Vorlesungsplan. Eine wirklich liebe Truppe und im Sinne von Gunther Dueck zu lieb. Wer mag, darf sich mein Pinterest-Board zu lieben Information Professionals anschauen.

 

Hilflos in Düsseldorf – die Fachschaft strampelt sich ab

Krisenkommunikation und Krisenmanagement sind Aufgaben, die ein Fachschaftsrat sicherlich kaum als Kernaufgabe ins Auge fasst, wenn er sein Amt an der Hochschule antritt. Wir kennen diese Rolle aus anderen Ereignissen im betrieblichen Umfeld. Hier sind es die Betriebsräte, die gemeinsam mit den Gewerkschaften versuchen müssen, zu retten was vielleicht nicht zu retten ist. Diese haben jedoch ein gesetzlich verbrieftes Recht der Mitwirkung. Bei der Fachschaft bleibt es bei der Anhörung. Gemeinsam mit allen Akteuren wird es eine Kernaufgabe der Fachschaft sein, die Aktivitäten zu bündeln und zu koordinieren. Die Kunst der Fachschaft muss es zusätzlich sein, den Laden zusammen zu halten. Mir will das Bild der Musiker auf der sinkenden Titanic nicht aus dem Kopf.

 

Prof. Dr. Stock: Der Lotse geht von Bord

Jahrelang hat der Professor für seine Studenten und Mitarbeiter die Geschicke des Bereichs Informationswissenschaft gelenkt. Lotsen werden an Bord geholt, um die Navigation in nicht bekannten Gewässern mit dem Kapitän des Schiffs zu managen. So wissen diese frühzeitig, wann Untiefen folgen und was hinter der nächsten Flussbiegung folgt. Aus journalistischer Sicht hätte ich drängende Fragen an den Professor: Seit wann waren Ihnen die Planungen zu Einsparungen in Ihrem Fachbereich bekannt? Hätte man aus dem Niedergang in Potsdam nicht Schlüsse ziehen müssen? Wie engagiert gehen Sie persönlich gegen die Abschaltung der Informationswissenschaft vor? War es taktisch nicht unklug, erst auf  öffentlichen Widerstand und Protest zu setzen, als die Entscheidung zur Abwicklung der Informationswissenschaft fast unmittelbar bevorstand? Wäre es vielleicht besser gewesen, über die Informationswissenschaften hinaus stärker auf eine Mobilisierung der Medien und der Politik zu setzen, zumal es Buzzwords wie „Digitalisierung“ und „Wissenschaftsgesellschaft“ gibt, die die Sache der Informationswissenschaft stützen und in den Ohren von Politik und Medien gut klingen?

 

Trotz aller Leistungen der Vorjahre bleibt der fade Beigeschmack, die Informationswissenschaft nicht lebenserhaltend betrieben zu haben. Das Finanzamt spricht bei selbständigen Tätigkeiten, die mehr Kosten als Nutzen verursachen, von Liebhaberei. Sicherlich ist es bei der Informationswissenschaft weitaus anders. Doch diese Information hat die Öffentlichkeit und wichtige Gremien nicht erreicht. Ohne eine stützende Hand, eine Schippe Sand unter dem Kiel wird die Durchfahrt nichts. Professor Stock: Seine Aufgabe ist es, auch diese Unterstützungen frühzeitig mit zu organisieren und taktisch bei künftigen Schritten vielleicht ein wenig gewiefter zu sein.

 

Dekan Prof. Dr. Rosar: Hardliner aus Überlebensgründen 

Auch der Dekan stand unter Druck und hatte nach eigenen Worten „beschissene“ Entscheidungen zu fällen. Die landesweiten Folgen dürften ihn kaum interessieren, denn er muss Kennzahlen und Vorgaben seiner Hochschule umsetzen. Ein großer Posten ist der Finanzetat, den sein Haus erhält. Diesen hat er aufzuteilen und nutzbringend zu investieren. Reine Mathematik für einen Professor der Philosophie, der die Digitalisierung als SmartPhone oder am PC-Arbeitsplatz nutzt. Diese wird auch ohne den Fachbereich Informationswissenschaft weitergehen. Er muss Prioritäten setzen und effizient sein.

Zwar hatte Rosar im Vorfeld Gesprächsbereitschaft signalisiert. So sagte er zumindest. Wie der Verlauf der Fakultätssitzung am letzten Dienstag allerdings nahe legt, bedeutete Gesprächsbereitschaft für ihn nicht, Argumente, die seine vorab getroffene Entscheidung hätten infrage stellen können, in einer ernsthaften Weise zur Kenntnis zu nehmen. Als Hochschulpolitiker muss die Versuchung für ihn, die ihm vom Rektorat vorgegebenen Kürzungen um zwei W3-Stellen dort vorzunehmen, wo dies am geräuschlosesten zu bewirken, groß gewesen sein. Und aus diesem Kalkül lag die Eliminierung der Informationswissenschaft am ehesten nahe, da Prof. Stock in drei Jahren in Rente geht und es keine weiteren Professoren in Düsseldorf gibt, die die Informationswissenschaft als eigenes Fach hätten verteidigen können. Hätte er versucht, in einem anderen Bereich zu kürzen, hätten die dortigen Professoren wahrscheinlich eine Phalanx gegen ihn gebildet. Aber so brachte er seine Fakultätsmitglieder in der Abstimmung mit zehn Ja-Stimmen geschlossen hinter sich, die nach dem St.-Florians-Prinzip lieber für eine Eliminierung der Informationswissenschaften stimmten als Kürzungen im eigenen Bereich hinzunehmen. (Die drei Gegenstimmungen und zwei Enthaltungen kamen ausschließlich aus dem studentischen und außerwissenschaftlichen Bereich.)

 

Rektorin Prof. Dr. Steinbeck: Mutti wird es richten

Alles blickt auf die Grand Dame der Hochschule der Landeshauptstadt in Nordrhein Westfalen. Dabei war sie es, die den Prozess in Bewegung setzte, der letztlich zum Fakultätsbeschluss führte, die Düsseldorfer Informationswissenschaften abzuwickeln. Die Rektorin richtet, um den Ruhm ihrer Hochschule zu mehren, einen Innovationsfonds ein. Dieser soll finanziert werden, indem querbeet durch die Fachbereiche der Hochschule Einsparungen vorgenommen werden.

Allerdings sollen diese Einsparungen in Verhandlungen zwischen Rektorat und den Fachbereichen vorgenommen werden. Wenn Prof. Rosar also einen Fakultätsbeschluss durchdrückt, nach dem die Informationswissenschaften abzuwickeln sind, und auch einer Bitte des Rektors nicht nachkommt, diesen Punkt von der Tagesordnung zu nehmen, so handelt er nicht im Konsens mit dem Rektorat. Aber reicht diese Verstimmung für den Rektor aus, sich auf die Seite der Informationswissenschaften zu stellen? Sicher nicht, auch wenn die eleganteste Lösung des Konfliktes darin bestünde, die Informationswissenschaften aus den Philosophentürmen herauszunehmen und in den Innovationsfonds der Rektorin zu stellen.

 

Die Rektorin kann auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen. Sie muss das große Ganze im Blick haben. Laut ihrem Profil kommt Frau Steinbeck aus dem gewerblichen Rechtsschutz. Sie wird also genau wissen, wie wichtig Informationen für die Forschung und Entwicklung, aber auch für den Fortbestand eines Unternehmens sind. Einerseits wird sie unnötigen Ärger mit ihren Fachbereichen zu vermeiden suchen und also gleichfalls in Versuchung geraten, in der Zustimmung zu dem Beschluss der Fakultät den geräuschlosesten Weg und damit die Lösung zu sehen. Andererseits ist die Rektorin anders als der Dekan und seine Fakultätsmitglieder nicht nur für inneruniversitäre und innerwissenschaftliche Einflussnahmen offen. Die vielen Proteste aus Wissenschaft und Praxis dürften sie daher stärker beeindruckt haben als den Dekan. Diese Prognose darf daher gewagt werden: Wenn die Informationswissenschaften in Düsseldorf eine reale Überlebenschance haben sollen, wird es ohne eine Fortsetzung des Protestes und ohne eine Einbeziehung der Medien, der Ministerialverwaltungen und der Politik nicht gehen.

 

Die Ehemaligen: Retter aus Überzeugung

 Wären die ehemaligen Absolventen nicht mit einer Meldung an die Öffentlichkeit getreten und hätte Willi Bredemeier und sein Netzwerk (zu dem ich auch zählen darf) mobilisiert, so wäre die gesamte Angelegenheit nicht derart ins Rollen gekommen. Redlich versuchen Prof. Dr. Dirk Lewandowski, Prof. Dr. Isabella Peters, Dr. Jasmin Schmitz, Dr. Violeta Trkulja und Dr. Katrin Weller zu retten, was kaum noch zu retten erscheint. Getrieben werden diese durch die Erkenntnis, dass Belege für die Wichtigkeit der Informationswissenschaft gefragt sind. Redlich versuchen sie zu flankieren, zu mobilisieren und zu motivieren und scheitern dennoch, da Krisenmanagement und PR nicht auf dem Lehrplan stand.

„Ich sehe die einzige Rettung nur durch Hilfe von Institutionen aus dem Nicht-Wissenschaftlichen-Umfeld. Dies haben einzelne Akteure noch nicht erkannt“ – Michael Klems

 

DGI: „Wir sind nicht der ADAC der Branche“

Es tut mir leid, aber dieses Zitat, welches mir in einer Debatte mit einem damaligen Vorstandsmitglied der DGI vorgehalten wurde, sitzt tief und zeigt, welche Chance dieser Verein in dieser Situation abermals nicht genutzt hat. Mit seiner Organisation „Junge DGI“ hätte er die Studentenschaft unterstützen sollen. Dabei darf es nicht nur bei einem Schreiben bleiben, das erst auf Nachfrage per Twitter veröffentlicht wird. Das Schreiben des Vorstands ist das Mindeste, was dieser Verein leisten kann. Das Abschaffen eines Studiengangs der Mitglieder muss Chefthema und Nummer 1 auf der Agenda der weiteren DGI-Tätigkeiten sein. Die „Junge DGI“ wird ihrer Berufung auch hier nicht gerecht und ist ein weiterer Punkt des DGI-Leistungsprofils ohne besonderen Nachweis. Der Verein, der für sich selbst Branchenrelevanz auf die Fahnen schreibt, sollte in umfassender Transparenz alle Aktivitäten in einem solchen Fall im Tagebuch-Format darstellen. Digital nennt sich ein solches Tagebuch Blog. Die zahlenden Mitglieder, insbesondere die Studenten, haben diesen Tätigkeitsnachweis im Krisenfall mehr als verdient und sollten dies in einer Mitgliederversammlung unter dem Punkt „Verschiedenes“ einfordern. Dabei geht es in der aktuellen Situation nicht um eine Autopanne, sondern hier steht ein Haus im vollen Brand.

 

„Ja ich habe es wieder getan und nutzen Sie bitte Ihre Energie für den Einsatz der Studentenschaft in Düsseldorf.“ – Michael Klems

 

Bredemeier, Hochschulradio und Umstätter – Gnadenlose Analysten

Das Hochschulradio versucht, eine objektive Sichtweise auf die Ereignisse zu geben, während Bredemeier und Umstätter schonungslos den Niedergang der Informationsbranche nicht nur, aber auch als Folgen rückläufiger Finanzierung dokumentieren.

Fachliche Argumente spielen auch bundesweit kaum eine Rolle, wenn es um die Finanzen geht. Die Geschichten von Niedergängen in der Informationsbranche werden nicht abreißen.

 

Die aktuellen Ereignisse in Düsseldorf sollten allen Beobachtern zu denken geben. Sind Studiengänge passend in der Hochschule eingebunden? Wie ist die Wahrnehmung eines informationswissenschaftlichen Fachbereiches an der Universität, international und national in der eigenen Disziplin sowie in Wirtschaft, Politik und in den Medien? Aber auch der Markt der Information Professionals muß sich viele Fragen gefallen lassen. Sind wir präsent? Sind wir wahrnehmbar und werden wir überhaupt nach Außen vertreten?

 

Die Informationsbranche ist auf dem besten Wege, die Hoheit über den Begriff „Information“ zu verlieren und diesen an andere Branchen abzugeben. Diese Anderen sind die Digitals mit den Schwerpunkten Content, Internet der Dinge und Industrie 4.0. Information ist ohnehin da und kommt aus der Suchmaschine. Qualitätsinformation und Tiefgang muß spektakulär verpackt werden. Die Marktteilnehmer, die es schaffen, dies zu besetzen und auch zu verkaufen werden als Profiteure hervorgehen.

 

Persönlich möchte ich allen Akteuren für ihren Einsatz danken und zu mehr Geschlossenheit aufrufen. Die Branche ist da, jedoch zu leise und zu still. Lassen Sie uns das ändern.

 

Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Über den Autor
Michael Klems ist seit 1991 als selbständiger Information Professional tätig. Bereits 1994 hat er mit dem Buch „Informations-Broking“ die Tätigkeit eines Information Professionals lange vor dem Internet Hype beschrieben. Er ist Autor zahlreicher Fachbeiträge im Online-Bereich und als Trainer für die elektronische Recherche in Europa tätig. Klems ist der Kopf hinter dem Online-Dienst infobroker.de. Seit 2011 ist der Kölner in seiner Wahlheimat in Sonthofen im Allgäu tätig.