Was wir mit der Mobilisierung pro ZB MED erreichen sollten

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED: Eine erste Bilanz (1)

Was wir mit der Mobilisierung pro ZB MED erreichen sollten

Über den Senatsbeschluss der Leibniz Gemeinschaft
gibt es ausschließlich negative Stimmen

(W.B.) Die Mobilisierung der Bibliotheken, der Informationswissenschaften und der Informationsbranche gegen die Abwicklung der ZB MED hat sich in einem zuvor nicht gesehenen Maße entfaltet - unter anderem mit mehr als 3.000 Unterschriften unter einer Petition. Open Password hat darüber mehrere Male zeitnah berichtet. Ist es an der Zeit, zwischenzeitlich Atem zu holen und sich des Standes der Diskussion zu vergewissern?

Als Form für eine erste Bilanzierung der Diskussion zur ZB MED habe ich zwei Beiträge gewählt. Erstens die Wiedergabe eines Beitrages von Rudolf Mumenthaler (HTW Chur) auf seinem eigenen Blog.http://ruedimumenthaler.ch/2016/03/18/abwicklung-der-zbmed-beschlossen. Mumenthaler kommt nicht nur das Verdienst zu, mit seiner Petition auf change.org dem Protest gegen den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED eine Struktur gegeben zu haben. Vielmehr hat er zu einer frühen Stunde klare Worte gefunden. Sein Blog-Beitrag geht in mehreren Punkten über den Petitions-Aufruf hinaus.

Zweitens versuche ich, Implikationen der Ausführungen Mumenthalers herauszuarbeiten und den einen oder anderen Gedanken hinzuzufügen. Ganz ohne Einschränkung halte ich den Beitrag Mumenthalers für wichtig und richtig. Bei meinen Überlegungen greife ich auch auf den Podcast mit einem Interview mit Mumenthaler, geführt von Michael Klems, zurück. http://www.infobroker.de/podcast/2016/03/24/zb-med-was-nun-was-tun-herr-mumenthaler/

Ein Ergebnis der Diskussionen über den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED sollte bereits hier genannt werden: Zum Senatsbeschluss der Leibniz Gemeinschaft gibt es in der Öffentlichkeit ausschließlich negative Stimmen.

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (2)

Vorgaben der Evaluierung von 2012
konnten von vornherein nicht erfüllt werden

Wie weit darf sich eine Bewertungskommission
fälschlich instrumentalisieren lassen?

Von Rudolf Mumenthaler

Auf der Website der Leibniz-Gemeinschaft heißt es: “Diese Senatsstellungnahme dient der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) zur Überprüfung der Fördervoraussetzungen”. Meine vielleicht etwas naive Frage: kann man diese GWK noch umstimmen? Formal scheint das möglich. Dann schlage ich vor, dass wir gemeinsam die Stimme erheben und gegen den unsinnigen Entscheid protestieren. Ich bin schon mal sicher, dass der Vertreter von NRW auch gegen die Empfehlung ist. Immerhin hat man eigens ein Gesetz verabschiedet, um die Stiftungsgründung von ZB MED zu ermöglichen. Wie schätzt ihr das ein? ...

Ich war in verschiedenen Funktionen in die Arbeiten nach der Evaluierung 2012 involviert. Als Mitglied eines Expertengremiums begleitete ich den umfassenden Neuorganisations- und Strategieentwicklungsprozess. Und wie die Evaluatoren von 2015 war und bin ich beeindruckt von den erreichten Veränderungen. Eine Vorgabe des Senats konnte aber klar nicht erfüllt werden: die Ausrichtung auf Forschung, die Entwicklung einer Forschungsstrategie, die enge Zusammenarbeit mit Forschenden sowie die Mitwirkung bei studentischen wissenschaftlichen Arbeiten. ZB MED hat sich weiterhin als Bibliothek verstanden, die sich als überregionale Forschungsinfrastruktureinrichtung zu positionieren begann.

Ein Kollege aus der Schweiz meinte, dass ZB MED die Entwicklung verschlafen habe und er den Entscheid des Senats nachvollziehen könne.

Ich sehe das etwas anders: die Vorgaben waren in der kurzen Zeit nicht zu erfüllen, und die Ausrichtung auf Forschung ist eigentlich Unsinn. Die fehlende Forschungsstrategie war denn auch das Hauptargument. Die Experten haben dringenden Nachholbedarf gesehen, haben aber die Weiterführung unterstützt. Mit diesen Argumenten könnte man wohl fast alle überregional ausgerichteten Bibliotheken abwickeln.

Es war unbestritten, dass Änderungen nötig sind, und sie wurden angegangen. Aber aus einem Traktor (mir fällt gerade kein passenderes Bild ein) macht man nicht so schnell ein Rennauto. Das hätte man dem neuen Direktor ins Pflichtenheft schreiben können, wie es die Evaluatoren gefordert haben. Was man seit der letzten Evaluation an Ressourcen aus heutiger Sicht sinnlos verbraten hat (nicht nur intern, sondern auch in NRW bei der Stiftungsgründung inkl. neuem Gesetz und an der Uni bei der Ausschreibung und Beinahe-Besetzung der Professur) geht auf keine Kuhhaut. Und ich unterstelle, dass die Meinungen schon lange gemacht waren. Das hätte man auch vor vier Jahren schon sagen können.

Ich sehe auch die Rolle der Expertengruppe sehr kritisch, welche die Evaluierung vorgenommen hat. Ihre Empfehlung wurde sehr einseitig zu Lasten von ZB MED ausgelegt. Ihre Aussagen dienen nun praktisch als Rechtfertigung für den Entscheid des Senats, was ich an ihrer Stelle höchst peinlich finden würde. Diesen Schuh würde ich mir als Mitglied einer Fachcommunity also nicht anziehen wollen.

Als Beirat von ZB MED bin ich empört! Und als Mitwirkender in Projekten von ZB MED versichere ich allen Mitarbeitenden mein Mitgefühl. Wenn ich etwas für euch tun kann, lasst es mich wissen!

 

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (3)

Wie brauchen eine Mobilisierung
wie in Düsseldorf
und müssen diese länger aufrechterhalten

Einrichtungen der Informationsinfrastruktur
aus der Leibniz Gemeinschaft herauslösen!

"Die von der Leibniz Gemeinschaft verlangte
Ausrichtung auf Forschung ist Unsinn."

Von Willi Bredemeier

Zum Stand der Diskussion um den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED hier mehrere Thesen:  

(1)       Viele Unterschriften und ein paar Tweets und Beiträge reichen nicht. Wir            brauchen eine Mobilisierung, die über ihren Vorgänger "Düsseldorf"                           hinausgeht.

Die Community hat ihre Stimme in bislang ungeahnter Weise erhoben. Das war bei dem in anderen Zusammenhängen ähnlich gelagerten Fall der Abwicklung von FIZ CHEMIE Berlin anders, auch weil die Sozialen Medien noch nicht so stark waren. Allerdings gab es für die laufende Mobilisierung einen aktuellen Vorläufer, nämlich die Mobilisierung der Informationswissenschaft und teilweise der Informationsbranche gegen den drohenden Beschluss zur Abwicklung der Informationswissenschaft an der Universität Düsseldorf. Die Düsseldorfer Mobilisierung war zum guten Teil auch inhaltlich stark, weil mit Argumenten gearbeitet wurde und viele, die ihre Stimme erhoben, sahen, dass es nicht reichte, den Studierenden und Mitarbeitern das eigene Mitgefühl zu versichern.

Allerdings wurde in der Kampagne pro Düsseldorf aus meiner Sicht der Fehler begangen, den Protest nach getroffenem Abwicklungsbeschluss (zunächst der Abteilung, nicht des Rektorates) zusammenbrechen zu lassen. Zumindest öffentlich wurde keine Alternative zur Rettung der Informationswissenschaft außerhalb der Philosophischen Fakultät aufgezeigt. Eine solche Alternative hätte womöglich in einer Anbindung der Informationswissenschaft an die Innovations-Initiative der Düsseldorfer Rektorin bestanden.

Daraus folgere ich, dass im Falle der ZB MED die erreichte Mobilisierung für einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden sollte. Das müsste idealerweise solange dauern, bis die Existenz der ZB MED oder die Erfüllung ihrer Leistungen in welcher Organisationsform auch immer auf Dauer gesichert wäre. Wer meinen sollte, man müsste zwischenzeitlich aus taktischen Gründen seinen Protest unterbrechen oder ihn abbrechen, beispielsweise weil irgendwo Verhandlungen im Gange sind, der sollte sich die Praxis der Protest Professionals in unserer Gesellschaft, der Gewerkschaften, ansehen. Die Arbeiterbewegung wäre nie so weit gekommen, wenn die Gewerkschaften einen Streik unterbrochen hätten, weil Otto von Bismarck ihre Anführer zum Frühstück einlud.

Und wir sollten in engem Austausch mit der ZB MED überlegen, welche Ziele realistischerweise gemeinsam erreicht werden sollten.

(2) Wie lässt sich eine Mobilisierung über längere Zeit aufrechterhalten (I)? Das Gutachten pro ZB MED und den Senatsbeschluss contra ZB MED en detail diskutieren. 

Bewegungen können darunter leiden, dass es nicht immer Ereignisse gibt, über die man sich spontan empören kann. Auch mag den Protagonisten des Protestes - womöglich ungeachtet der Dringlichkeit des Problems, das sie lösen möchten - mit der Zeit die Lust an der Mobilisierung ausgehen. Im Falle der ZB MED kommt erschwerend hinzu, dass der Protest darin besteht, Argumente auf Twitter und über andere Medien vorzubringen. Was machen wir, wenn alle Argumente ausgetauscht sind?

Ich sehe diese Gefahr vorerst als nicht gegeben, da noch viele Themen im Zusammenhang mit der ZB MED zu bearbeiten sind. Zwar wurde in der Community wohl der Konsens hergestellt, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft mit seiner Abwicklungsempfehlung den Empfehlungen seiner eigenen Gutachter widersprochen hat. Ich habe das an den einzelnen Programmbereichen der ZB MED nachgewiesen. Aber dieser Nachweis muss mit weiteren konkreten Einzelheiten unterfüttert werden und sei dies nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft seine Entscheidung  in einem weiteren Papier oder sogar in der Öffentlichkeit zu verteidigen sucht.

Unabhängig davon, ob der Senat mit seinen eigenen Gutachtern über Kreuz liegt oder nicht, wird die Begründung seiner Entscheidung nicht den Standards gerecht, die man von Hochschullehrern und weiteren Wissenschaftlern nach den Maßstäben ihrer Community erwarten darf. Noch steht irgendwo geschrieben, dass diese zugunsten opportunistischer Kalküle geopfert werden dürfen, wenn es um hochschulpolitische oder wissenschaftspolitische Entscheidungen geht. Wohl wahr, opportunistische Kalküle herrschen auch woanders vor und Papier ist geduldig, wenn knappe Ressourcen verteilt werden müssen. Aber wir zollen den Wissenschaftlern eine hohe Reputation, da sie bei Fragen von "Wahr" und "Falsch" mit einem hohen Anspruch antreten. Dann dürfen wir auch empfindsam reagieren, wenn gerade sie vom Pfade der diskursiven Tugend abgewichen sind.

Wir sollten die Argumentationsfehler der Gutachter und vor allem des Senates sichtbar machen, um die erreichte Mobilisierung aufrechtzuerhalten und um gewappnet zu sein, sollten wir mit weiteren zweifelhaften Papieren wie den Beschluss des Leibniz-Senates geflutet werden.

 

(2)       Wie lässt sich eine Mobilisierung über längere Zeit aufrechterhalten (I)? Das    Gutachten pro ZB MED und den Senatsbeschluss contra ZB MED en detail            diskutieren?

Bewegungen können darunter leiden, dass es nicht immer Ereignisse gibt, über die man sich spontan empören kann. Auch mag den Protagonisten des Protestes - womöglich ungeachtet der Dringlichkeit des Problems, das sie lösen möchten - mit der Zeit die Lust an der Mobilisierung ausgehen. Im Falle der ZB MED kommt erschwerend hinzu, dass der Protest darin besteht, Argumente auf Twitter und über andere Medien vorzubringen. Was machen wir, wenn alle Argumente ausgetauscht sind?

Ich sehe diese Gefahr vorerst als nicht gegeben, da noch viele Themen im Zusammenhang mit der ZB MED zu bearbeiten sind. Zwar wurde in der Community wohl der Konsens hergestellt, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft mit seiner Abwicklungsempfehlung den Empfehlungen seiner eigenen Gutachter widersprochen hat. Ich habe das an den einzelnen Programmbereichen der ZB MED nachgewiesen. Aber dieser Nachweis muss mit weiteren konkreten Einzelheiten unterfüttert werden und sei dies nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft seine Entscheidung  in einem weiteren Papier oder sogar in der Öffentlichkeit zu verteidigen sucht.

Unabhängig davon, ob der Senat mit seinen eigenen Gutachtern über Kreuz liegt oder nicht, wird die Begründung seiner Entscheidung nicht den Standards gerecht, die man von Hochschullehrern und weiteren Wissenschaftlern nach den Maßstäben ihrer Community erwarten darf. Noch steht irgendwo geschrieben, dass diese zugunsten opportunistischer Kalküle geopfert werden dürfen, wenn es um hochschulpolitische oder wissenschaftspolitische Entscheidungen geht. Wohl wahr, opportunistische Kalküle herrschen auch woanders vor und Papier ist geduldig, wenn knappe Ressourcen verteilt werden müssen. Aber wir zollen den Wissenschaftlern eine hohe Reputation, da sie bei Fragen von "Wahr" und "Falsch" mit einem hohen Anspruch antreten. Dann dürfen wir auch empfindsam reagieren, wenn gerade sie vom Pfade der diskursiven Tugend abgewichen sind.

Wir sollten die Argumentationsfehler der Gutachter und vor allem des Senates sichtbar machen, um die erreichte Mobilisierung aufrechtzuerhalten und um gewappnet zu sein, sollten wir mit weiteren zweifelhaften Papieren wie den Beschluss des Leibniz-Senates geflutet werden.

(3)       Wie lässt sich eine Mobilisierung über längere Zeit aufrechterhalten? (II)         Indem wir weitere relevante Fragen behandeln, die sich nicht unmittelbar aus der Textinterpretation ergeben.

Hier verhilft uns der Blick auf Mumenthaler zu drei wichtigen Fragen:

• Stand die Abwicklung der ZB MED bereits im Jahr 2012 fest und musste die ZB MED in den Jahren danach einen sinnlosen Aufwand treiben?

• Können wir sie endlich jetzt führen, die Debatte, wozu wissenschaftliche Bibliotheken  eigentlich da sind?

• Müssten die Evaluatoren nicht, da ihre Bewertungen durch den Senat der Leibniz Gemeinschaft fehl interpretiert wurden, an die Öffentlichkeit gehen?

Hatte die ZB MED bereits im Jahr 2012 keine Überlebenschance mehr? Hatte die ZB MED bereits im Jahr 2012 keine Überlebenschance mehr? Mumenthaler führt eine wichtige Beurteilungsgröße in die Erörterungen ein, die von der Evaluierungsgruppe überhaupt nicht genannt und von dem Senat der Leibniz Gemeinschaft in der Begründung seiner Entscheidung nur als "Schutzbehauptung" der ZB MED erwähnt wird, nämlich den Zeitfaktor. Mumenthaler schreibt: "Die Vorgaben waren in der kurzen Zeit nicht zu erfüllen."

Wer je im Öffentlichen Bereich tätig gewesen ist und an einem Berufungsverfahren an einer Hochschule teilgenommen hat, der weiß, wie lange es dauert, eine komplizierte organisationsstrukturelle Reform hinzubekommen und ein Erfolg versprechendes Berufungsverfahren in die Wege zu leiten und wird die Einschätzung Mumenthalers teilen (zumal im Falle der ZB MED sogar ein Gesetz geändert werden musste). Aber erst dann, wenn die Organisationsreform und das Berufungsverfahren abgeschlossen gewesen wären, hätte es Sinn gemacht, eine Forschungsstrategie zu entwerfen.

Und das sollen ausgerechnet die Hochschullehrer im Senat der Leibniz Gemeinschaft nicht gewusst haben? Oder stand die Abwicklung der ZB MED schon im Jahre 2012 fest und wurde in den Jahren danach seitens der ZB MED ein Aufwand getrieben, der von vornherein von den Insidern als sinnlos gesehen werden musste?

Mumenthaler schreibt: "Was man seit der letzten Evaluation an Ressourcen aus heutiger Sicht sinnlos verbraten hat (nicht nur intern, sondern auch in NRW bei der Stiftungsgründung inkl. neuem Gesetz und an der Uni bei der Ausschreibung und Beinahe-Besetzung der Professur), geht auf keine Kuhhaut. Und ich unterstelle, dass die Meinungen schon lange gemacht waren. Das hätte man auch vor vier Jahren schon sagen können."

Wie kann man verlangen, dass wissenschaftliche Bibliotheken Forschungsinstitute sind? Der vielleicht wichtigste Satz von Mumenthaler lautet: "Die (von der Leibniz Gemeinschaft verlangte) Ausrichtung auf Forschung ist eigentlich Unsinn."

Hier kehren wir endlich zur These zurück, wie sie seinerzeit (wenn auch nicht ganz in dieser Schärfe) von Password vertreten wurde. Die Erörterungen dazu wurden von Password entnervt abgebrochen, weil sich außer in persönlichen semi-privaten Gesprächen keine Diskussion, allenfalls ein bleiernes Schweigen der Zuwendungsempfänger ergaben. Ich halte meine seinerzeitige Kapitulation davor im Nachhinein für einen schwerwiegenden Fehler.

Können wir sie endlich jetzt führen, die Debatte, wozu wissenschaftliche Bibliotheken eigentlich da sind?

Ist eine Kritik nicht nur den Senat, sondern auch an die Gutachter der Leibniz Gemeinschaft nötig?  Zwar hat sich die Bewertungsgruppe wie verklausuliert auch immer letztlich für die Weiterförderung der ZB MED ausgesprochen. Mumenthaler nimmt sie freilich nicht von einer Kritik aus: "Ich sehe auch die Rolle der Expertengruppe sehr kritisch, welche die Evaluierung vorgenommen hat. Ihre Empfehlung wurde sehr einseitig zu Lasten von ZB MED ausgelegt. Ihre Aussagen dienen nun praktisch als Rechtfertigung für den Entscheid des Senats, was ich an ihrer Stelle höchst peinlich finden würde. Diesen Schuh würde ich mir als Mitglied einer Fachcommunity also nicht anziehen wollen."

In der Tat: Musste die Bewertungskommission der Leibniz Gemeinschaft nicht von vornherein wissen, dass sie für die gar nicht so geheimen Zwecke des Senates anders als von ihr gemeint instrumentalisiert würde? Müsste sie nicht jetzt, da ihre Bewertungen von dem Senat der Leibniz Gemeinschaft fehl interpretiert worden sind, und sei es zum Zwecke der Wahrung der eigenen Reputation an die Öffentlichkeit gehen?

(4) Wie lässt sich eine Mobilisierung über längere Zeit aufrechterhalten? (III) Indem wir den richtigen Bezugsrahmen wählen, er uns eine Vielzahl relevanter Themen im Zusammenhang mit der ZB MED erschließt. Aus meiner Sicht muss es dabei um alle Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur in Trägerschaft der Leibniz Gemeinschaft gehen. 

Ich teile die Ansicht eines Tweets von Micky Lindlar, dass die Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur bei der Leibniz Gemeinschaft schlecht aufgehoben sind:

mlindlar@MickyLindlar: @feuerlit @ZB_MED das Ergebnis unterstreicht die Vermutung, dass Informationsinfrastruktureinrichtungen bei der WGL falsch aufgehoben sind

In der Tat: Verhielt sich die Leibniz Gemeinschaft nicht auch in anderen Fällen - von der FIZ CHEMIE Berlin bis zu anderen Einrichtungen, denen eine zweifelhafte Forschungspolitik aufgezwungen wurde - wie die Stiefmutter im Märchen, die nur ihre eigenen Kinder, die Forschungsinstitute, liebt, während ihr die Stiefkinder, die Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur, im Prestigewettbewerb mit den Max-Planck-Gesellschaften und den Fraunhofer-Gesellschaften nichts einbringen?

Hat sich die Gefahr, von der Rudolf Mumenthaler in seinem Podcast spricht, bereits realisiert, dass sich Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur nach dem forschungsimperialistichen Diktum der Leibniz Gemeinschaft entweder in ein schlechtes Forschungsinstitut verwandeln oder aber ihrem Kerngeschäft nicht mehr optimal nachkommen können?

Wahrscheinlich müssen wir nicht nur der ZB MED, sondern auch den weiteren Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur und damit dem Forschungsstandort Deutschland zu helfen versuchen. Wir haben das zu erörtern.

(5) Was kann realistischerweise mit der laufenden Mobilisierung für die ZB MED erreicht werden und wie gehen wir vor?

Sollten wir nicht den Kampf um ein positives Votum der Leibniz Gemeinschaft und der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), als von vornherein aussichtslos ausgeben, da die GWK die Empfehlungen der Leibniz Gemeinschaft praktisch immer nur abnickt? Sollen wir uns stattdessen darum bemühen, dass die ZB MED eine Einrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen wird? Oder wir fahren eine Doppelstrategie und wenden uns sowohl an die GWK (in dem das Land Nordrhein-Westfalen gleichfalls vertreten ist) als auch an das Land NRW Allerdings: Eine von drei Länder- und eine von 30 Mitgliederstimmen im Senatsausschuss "Evaluierung" der Leibniz Gemeinschaft hält NRW. Das kam im Votum des Senates jedoch nicht zum Ausdruck.

Wie auch immer, dieses Bundesland ist für die ZB MED anders als die Leibniz Gemeinschaft und womöglich die GWK kein feindliches Umfeld, vielmehr zunächst einmal ZB-MED-freundlich gestimmt und für Gespräche aufgeschlossen.

Um von der GWK und dem Land Nordrhein-Westfalen mit unseren Argumenten gehört zu werden, reichen allerdings Tweets und Unterschriften unter Petitionen nicht aus. Besonders die Multiplikatoren der Informationswissenschaft und der Informationsbranche und die Kunden von ZB MED sollten sich mit Briefen an das Sekretariat der GWK und dem Wissenschaftsministerium NW wenden und erläutern, was ihnen mit der ZB MED verloren geht.

 


Was uns der Bibliothekskongress wirklich brachte

Es lohnte sich wieder -
wegen der Gespräche unter Kollegen

"Community Deficit Fighter"
als wichtigster Arm
kommunaler Überlebenshilfe

Der 6. Bibliothekskongress in Leipzig ist vorbei. Hier eine zweite Nachlese, diesmal von Stephan Holländer.

Alle zwei Jahre Branchentreffen in Leipzig – alle zwei Jahre stellt sich im Vorfeld die Frage, lohnt es sich, den Weg unter die Räder zu nehmen oder nicht?

Vorgängig zur Buchmesse fand in Leipzig wie alle zwei Jahre der Bibliothekskongress statt. Einmal mehr zeigte sich, dass Bibliotheken den Anspruch erheben, weitaus mehr als nur Buchverleihstationen zu sein. Vielmehr bieten sie auch Sprach- und Integrationskurse an.

Dies scheint den Bibliotheken unterschiedlich gut zu gelingen. Die Städtischen Bibliotheken Leipzig haben 2015 ihr erfolgreichstes Jahr erlebt und stellen damit einen der Lichtblicke da: Mehr als eine Million Menschen kamen in die öffentlichen Bibliotheken der Stadt Leipzig und nahmen fünf Millionen Entleihungen vor. Die Online-Angebote mit E-Books und Datenbanken nutzten mehr als 3,7 Millionen Menschen. Ganz anders sieht die Situation im benachbarten Bundesland Sachsen-Anhalt aus. Vom bundesweiten Rückgang ist Sachsen-Anhalt besonders stark betroffen. Dort musste in den vergangenen zehn Jahren fast ein Drittel der öffentlich finanzierten Bibliotheken schliessen.

Amerika macht es anders.

Als Gastland traten erstmalig die USA mit ihrem Bibliotheksverband ALA auf. Die American Library Association (ALA), der älteste und mit etwa 60.000 Mitgliedern grösste Bibliotheksverband der Welt, schickte zahlreiche Mitglieder nach Leipzig. Sie kommen von der Library of Congress, der größten Bibliothek der Welt, aber auch aus vergleichsweisen kleinen Bibliotheken wie aus Talhassee in Florida. Das E-Book war zwar in Leipzig in aller Munde, aber die amerikanischen Bibliothekarinnen stellen die Frage nach der „Green Library“ in den Mittelpunkt, da sie sich zunehmend Sorgen um die Energiekosten und die Sicherheit der Energieversorgung machen. Die Bibliothek des 21. Jahrhunderts ist zu einer hochspezialisierten Hightech-Apparatur mutiert, soll aber auch kuschelweiche Komfortzone für Erwachsene und eine robuste Institution pro Integration und gegen soziale Benachteiligung sein. Das bedeutet, dass immer mehr Geräte immer mehr Strom brauchen. Da stellt sich auch die Frage, wie sich die Gesellschaft im Fall einer akuten Energiekrise den Zugang zu Informationen sichern und damit ihre Integrationsfunktion weiter wahrnehmen will.

Die ALA hat ihren neuen Strategieplan für die nächsten drei bis fünf Jahre verabschiedet. Dort finden sich als Schwerpunkte ihrer künftigen Arbeit die Themen „Advocacy“, also Rolle des Verbandes als Fürsprecher der Bibliotheken, die Beeinflussung der Politik, die Öffentlichkeitsarbeit sowie die Ausbildung von Führungsqualitäten bei ihren Mitgliedern. Ihr Präsident Sari Feldmann ist zugleich Geschäftsführer der Cuyahoga County Public Library. Diese hat verschiedenste Aufgaben übernommen, die in Deutschland auf mehrere Einrichtungen verteilt sind. Amerikas öffentliche Bibliotheken fungieren als Volkshochschulen, Kindertagesstätten, Sozialämter - und ja, man kann dort auch Bücher und Filme ausleihen.

 

Bibliotheken werden auch in Zukunft im Zentrum ihrer Communities stehen  - sei es an der Universität oder in der Forschung oder als sozialer Mittelpunkt ihrer Kommunen.

Bibliothekarinnen verstehen sich somit als „Community Deficit Fighter“. Sie sind als Kämpferin gegen das Versagen ihrer Kommune und die Unzulänglichkeiten der öffentlichen Versorgung unterwegs. Wo sich eine Lücke auftut, bemühen sich die Bibliothekarinnen, sie zu schließen. Weil beispielsweise Teile von Cleveland, der ehemaligen Industriestadt in einer anhaltenden Strukturkrise, als „Food Deserts“ gelten, in denen Kinder und Erwachsene nicht hinreichend mit frischen Lebensmitteln versorgt werden, geben Clevelands öffentliche Bibliotheken außer Büchern, Filmen und Computerspielen Mahlzeiten aus. In Cleveland wachsen 36 Prozent der Kinder in Armut auf und in manchen Stadtteilen sind mehr als fünfzig Prozent der Erwachsenen arbeitslos. Die Bibliotheken sind somit der wichtigste Arm notwendigster Überlebenshilfe geworden.

 

Sind Bibliotheken altmodische Einrichtungen, in denen die Zukunft entschieden wird?

 

Ja klar, in Leipzig wurde viel über die Zukunft der Bibliotheken gesprochen. Auch technologische Neuerungen wurden vorgestellt. So haben Wissenschaftler der TH Wildau ein System entwickelt, das den Besucher einer Bibliothek mittels Beacons zum richtigen Regal mit dem gewünschten Buch navigiert.

 

Ist dies wirklich ein Fortschritt? Hier werden aus Sicht des Schreibenden zwei Überlegungsfehler deutlich, wie sie typisch für Umbruchsituationen sind, in denen sich die Bibliotheken gerade befinden. Zum einen versucht man mit neuer Technologie bisherige Dienstleistungen in neuer Form weiterzuführen. Fragte man früher in der Auskunft, so lässt man sich heute vom Smartphone App leiten. Ob angesichts der stetigen Zunahme von E-Books eine solche Technologieanwendung notwendig bleibt?

 

Der zweite gedankliche Fehler besteht darin, dass man IT-Technologie dort einsetzt, wo es gilt, Kosten zu sparen. Diese Wirkung tritt aber wahrscheinlich nur ein, wenn die damit verbundenen Arbeitsprozesse analysiert sind und neue Arbeitsabläufe entworfen werden, die sich die neue Technologie wirklich zunutze machen und in ihr nicht nur eine Hilfestellung sehen.

 

Innovationsfähigkeit der Bibliothek als wichtiger Garant für die Zukunft

 

Was wollen die Nutzer von Bibliotheken wirklich? Wie überraschen wir Nutzer mit dem, was sie bewusst oder unbewusst suchen oder benötigen? Diese Fragen stellte Rudolf Mumenthaler von der HTW Chur in seinem Vortrag über das Innovationsmanagement der wissenschaftlichen Bibliotheken am Beispiel der Schweiz.

 

Wie erreichen wir, dass sich die Mitarbeiter die andauernde Innovation ihrer Bibliotheken auf die Fahnen schreiben? Wie können sie Dienstleistungen für ihre Nutzer noch besser, schneller, mobiler und personalisierter erbringen? Der Nutzer muss im Fokus stehen und nicht die Bibliothek als Einrichtung. Zu oft kommt vor - siehe das Beispiel der Eisenbahngesellschaften -, dass Services zugunsten einer vermeintlich höheren Rentabilität abgebaut werden. Von Marcel Proust stammt die Aussage: Die besten Entdeckungsreisen macht man nicht in fremden Ländern, sondern indem man die eigene Welt mit neuen Augen betrachtet.

 

Davon hörte man nur weniges in Leipzig und wenn doch, dann in den Gesprächen unter Kollegen beim Kaffee. Bei den Vorträgen wären eine strengere Auswahl und eine striktere Berücksichtigung des Kongressmottos nötig gewesen. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, hätte nicht das Leitmotiv sein sollen.

 

Einzelne persönliche Gespräche waren fruchtbarer als so mancher Vortrag.

 

Auch in diesem Jahr gelang den Organisatoren des Kongresses nicht, für zukunftsorientierte Themen die richtigen Saalgrössen zu reservieren. So standen die interessierten Teilnehmer bei einzelnen Veranstaltungen bis auf den Korridor, während im größten Saal vor halbleeren Sitzreihen referiert wurde. Die Eröffnungsveranstaltung lief inhaltlich und zeitlich aus dem Ruder - mit ausführlichen Begrüßungen der Honoratioren und einer Aufzählung der Verdienste der eigenen Organisation wie bei der letzten Rednerin in ihrem Festvortrag. Am Ende wurde unter den Teilnehmern mit den Füßen abgestimmt, die Sitzreihen leerten sich und der musikalische Abschluss musste aus Zeitgründen entfallen.

 

Gelohnt hat sich Leipzig wegen des Kontaktes mit den Kollegen. Nirgendwo trifft man so viele aus der Zunft aus deutschsprachigen Ländern. Sie haben Zeit und man kann viele Dinge besprechen, für die man sonst viele Telefonate und zusätzliche Reisen benötigt hätte. Persönliche Gespräche in trauter Runde unter Gleichgesinnten lassen sich nicht ersetzen –auch nicht durch Teleconferencing, Mail, Twitter und Kongress-App.

 

Dieser Beitrag erschien im Open Password Pushdienst am 29.03.2016

 


ZB-MED: Die Selbstmobilisierung der Branche hat begonnen

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (1)

Die Selbstmobilisierung der Branche
hat begonnen

Die Selbst-Mobilisierung der Informationsbranche gegen den Abwicklungsbeschluss des Senates der Leibniz Gemeinschaft hat begonnen. Schon jetzt kann gesagt werden: Das läuft diesmal besser als die seinerzeitige Abwicklung von FIZ CHEMIE.

Im Folgenden eine Auswahl aus dem Fundus protestierender Stimmen. Open Password setzt die Berichterstattung über den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED fort.

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (2)

Petition „Keep ZB MED – gegen
die Schließung von ZB MED“

Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur
dürfen nicht mit Forschungsinstituten
verwechselt werden

Rudolf Mumenthaler hat gemeinsam mit Barbara Tribelhorn und Herbert Staudt eine Petition auf change.org gegen den Abwicklungsbeschluss des Senates der Leibniz-Gemeinschaft gegen die ZB MED gestartet. https://www.change.org/p/gemeinsame-wissenschaftliche-kommission-save-zb-med-gegen-die-schliessung-von-zb-med?recruiter=48671236&utm_source=share_for_starters&utm_medium=copyLink. Die Petition richtet sich an die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz. In der Begründung heißt es:  

Keep ZB MED – gegen die Schließung von ZB MED. Mit Bestürzung haben wir erfahren, dass der Senat der Leibniz-Gemeinschaft die Empfehlung für eine Beendigung der Förderung des Leibniz-Informationszentrums Lebenswissenschaften ZB MED (im Folgenden: ZB MED) aussprach. Der Senat nimmt dabei Bezug auf den Bericht der Evaluierungskommission und begründet damit seine Entscheidung. Wir haben diesen Bericht ebenfalls gelesen, können daraus jedoch keinesfalls einen Beschluss ableiten, die Förderung für ZB MED einzustellen und sie als überregionale Forschungsinfrastruktureinrichtung zu schließen.

Der durchaus kritische und differenzierte Bericht attestiert ZB MED große Fortschritte bei der Neuausrichtung ihrer Dienstleistungen und in der internen Organisation. Klaren Handlungsbedarf sehen die Experten bei der von der Leibniz-Gemeinschaft geforderten Ausrichtung auf Forschung. Hier zieht sich das Berufungsverfahren für die W3-Professur, die gleichzeitig das Amt des Direktors von ZB MED bekleiden soll, aus unterschiedlichen Gründen in die Länge. Diese im Wissenschaftsbetrieb durchaus nachvollziehbare Verzögerung zum Anlass zu nehmen, ZB MED zu schließen, finden wir ungerechtfertigt und unverständlich, zumal die Berufung unmittelbar bevor stand. Sie sollte noch in diesem Monat erfolgen. Die Evaluierungskommission hat klar gefordert, das Verfahren voranzutreiben und dann mit der Professur auch eine Forschungsstrategie zu formulieren. Es ist für uns sehr wohl nachvollziehbar, dass man die Formulierung der Forschungsstrategie der künftigen Professur nicht vorwegnehmen wollte, auch um das Feld der Bewerbungen möglichst offen zu halten.

Wir sind nicht damit einverstanden, dass man Forschungsinfrastruktureinrichtungen mit den gleichen Maßstäben evaluiert wie Forschungsinstitute. Hier verkennt der Senat der Leibniz-Gemeinschaft die Aufgaben und Anforderungen an Wissenschaftliche Bibliotheken. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Aufbereitung und dem Verfügbarmachen wissenschaftlicher Information als Grundlage für wissenschaftliche Forschung. Ohne Bibliotheken würden Forschende noch stärker von kommerziellen Verlagen abhängig und erhalten je nach Forschungsstandort nur beschränkt Zugang zu aktueller Literatur, was ein großer Nachteil für den Forschungsstandort wäre.

ZB MED engagiert sich wie andere Bibliotheken stark für Open Access, zum einen mit einer eigenen Publikationsplattform, zum anderen mit Beratungsdienstleistungen für Forschende und mit der Aufbereitung offener Inhalte für ihr Discovery-Tool Livivo. Sie leistet wichtige Dienstleistungen zur Unterstützung von Forschung, zum Beispiel mit der Vergabe von DOI oder der Speicherung und Langzeitarchivierung von Forschungsdaten. Und natürlich sammelt und erschließt ZB MED weiterhin wissenschaftliche Literatur, über die sie als einzige Institution in Deutschland verfügt. Über Dokumentlieferdienste werden diese Inhalte sowie 2700 Fachzeitschriften, die ZB MED deutschlandweit im Alleinbesitz hält, allen Forschenden zugänglich gemacht, was gerade für Spezialdisziplinen von entscheidender Bedeutung ist, um mit der internationalen Forschung Schritt halten zu können.

Die Ergebnisse von Umfragen, u.a. einer umfassenden Marktstudie von ZB MED, belegen die Bedeutung dieser Dienstleistungen für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland. Die Schließung von ZB MED würde dazu führen, dass der nach wie vor bestehende Bedarf über eine andere Organisation abgedeckt werden müsste. Die Mitarbeitenden von ZB MED haben es mit ihrer großen Veränderungsbereitschaft und außerordentlichem Einsatz für die Neuausrichtung verdient, diesen Auftrag weiterhin erfüllen zu dürfen.

Die Unterzeichnenden fordern die GWK auf, der Empfehlung des Senats der Leibniz-Gemeinschaft nicht zu folgen und ZB MED für eine weitere Periode zu fördern und die benötigten finanziellen Ressourcen bereitzustellen.

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (4) 

BAK macht mit
bei Mobilisierung der Informationsbranche

Auch ASpB für den Erhalt
der ZB MED

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

leider müssen wir Sie darüber informieren, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft Ende letzter Woche entschieden hat, die Zentralbibliothek für Medizin abzuwickeln. …

Es gab schon einige Reaktionen in der Fachpresse, den Verbänden, auf Twitter und verschiedenen Blogs. Hier ein Auszug:

Willi Bredemeier: ZB MED wird abgewickelt, 18. März 2016:

Open Password: http://www.password-online.de/zb-med-wird-abgewickelt/

Rudolf Mumenthaler: Abwicklung der ZBMED beschlossen (mit inzwischen 3 updates), 18.-21. März 2016: http://ruedimumenthaler.ch/2016/03/18/abwicklung-der-zbmed-beschlossen/

medinfo – Informationen aus Medizin, Bibliothek und Fachpresse: ZB Med Köln vor dem Aus: Abwicklung bis 2019: http://medinfo.netbib.de/archives/2016/03/18/4727

Stellungnahme der ASpB, 21. März 2016 „Für den Erhalt der ZB MED“: http://www.aspb.de/fuer-den-erhalt-der-zb-med/

Mit freundlichen Grüßen Tania Estler-Ziegler (Vorstandsvorsitzende), Berliner Arbeitskreis Information (BAK)


ZB MED Abwicklung - das negative Echo in einer Zusammenfassung (1)

Zur Abwicklung von ZB MED (1)

119 Mitarbeiter schwer getroffen
Abwicklungsprozess bis 2018/2019

In der Nacht zum Freitag wandte sich der Direktor der ZB MED, Ulrich Korwitz, kurz vor Mitternacht (23.13 Uhr) an einen Teil der Informationsbranche und teilte ihm den Abwicklungsbeschluss des Senates der Leibniz Gemeinschaft mit:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es fällt mir sehr schwer, Ihnen das Folgende mitzuteilen, aber es muss sein:

Der Senat der Leibniz-Gemeinschaft hat soeben beschlossen, Bund und Ländern zu empfehlen, ZB MED ab 2017 nicht mehr gemeinsam zu fördern. ZB MED als von Bund und Ländern geförderte Einrichtung wird damit in spätestens 3 ½ Jahren abgewickelt werden. …

Die Entscheidung trifft alle 119 Kolleginnen und Kollegen in ZB MED schwer. Wir werden die Situation zusammen mit dem Ministerium in Ruhe analysieren und mögliche Konsequenzen betrachten. Der Abwicklungsprozess streckt sich bis mindestens Ende 2018, wahrscheinlich sogar bis Ende 2019 hin. Es wird Alternativen zum jetzigen Status geben.

Mit bestem Gruß Korwitz

Zur Abwicklung von ZB MED (2) 

Die Informationsversorgung wird sich
drastisch verschlechtern 

Wissenschaftler mit ihren Publikationswünschen
im Regen stehen gelassen 

Am Freitag wandte sich Ulrich Korwitz ein weiteres Mal an eine nunmehr breitere Öffentlichkeit:  

Mit großer Bestürzung hat ZB MED – Leibniz-Informationszentrum Lebenswissenschaften erfahren, dass der Senat der Leibniz-Gemeinschaft das Ende der Finanzierung durch Bund und Länder empfohlen hat. …

Begründet wird dies damit, dass es ZB MED in den vergangenen Jahren trotz einiger Teilerfolge nicht in dem notwendigen Maß gelungen sei, sich auf die erheblichen Veränderungen im Fachinformationswesen einzustellen.  In der Begründung durch den Senat der Leibniz-Gemeinschaft wird verkannt, dass sich ZB MED mit digitalen Angeboten auf dem nationalen oder internationalen Markt behauptet.

Die Nachricht kommt für alle 119 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter völlig überraschend und ist unverständlich. Noch im Juni 2015 hatte eine Bewertungskommission ZB MED sehr gute und gute Arbeit attestiert und Anregungen zur Stärkung der Forschungsaktivitäten gegeben. In gemeinsamer Berufung mit der Universität zu Köln war 2015 eine W3-Professur zur Leitung von ZB MED ausgeschrieben worden; das Berufungsverfahren ist weit gediehen und mit der Ruferteilung war Mitte März 2016 zu rechnen. Gemeinsam mit der Universität Bonn war eine W2-Professur für Wissenserschließung zur Ausschreibung gelangt; eine Ruferteilung war für Mitte April vorgesehen. Dieser Ausbau der Forschungsaktivitäten wird durch die Empfehlung der Leibniz-Gemeinschaft gestoppt. Insofern ist die Begründung für die Schließung von ZB MED völlig unverständlich.

In anderen Fällen hat man Instituten in gleicher Situation (Leitungswechsel) eine vierjährige Bewährungschance eingeräumt.ZB MED stellt mit seinen vielfältigen Aktivitäten die überregionale Informationsversorgung in den Lebenswissenschaften, vor allem der Medizin, sicher. Dies leistet ZB MED seit 43 Jahren mit großem Erfolg. 2.700 Zeitschriften befinden sich allein in ZB MED und sonst nirgendwo in Deutschland. Die Informationsversorgung wird sich mit der Abwicklung von ZB MED drastisch verschlechtern. Wie sich dies auf Wissenschaft, Forschung und Krankenversorgung auswirken wird, ist unabsehbar.

Das Schicksal von fruchtbaren Kooperationen mit wissenschaftlichen Gesellschaften und Forscherinnen und Forschern – ZB MED ist sehr erfolgreicher Open-Access-Publikationspartner – ist offen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden mit ihren Publikationswünschen im Regen stehen gelassen. Vor allem ist das berufliche Schicksal der 119 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab 2017 ungewiss. Die meisten von ihnen werden vom Land NRW unterzubringen sein, leider gilt das aber nicht für alle. Mit der Einstellung der Förderung von ZB MED wird die Wissenschaftslandschaft in Deutschland um eine bedeutende und anerkannte Einrichtung ärmer…

Zur Abwicklung von ZB MED (3)

Open Password: Leibniz-Senat entscheidet
in ausdrücklichem Gegensatz
zu Empfehlungen seiner Bewertungskommission

Mumenthaler: Vorgaben der Evaluierung
von vornherein nicht zu erfüllen

Open Password berichtete, dass sich der Senat der Leibniz Gemeinschaft gegen die Empfehlungen seiner Bewertungskommission für eine Abwicklung von ZB MED entschieden hat. In einer ersten Analyse schrieben wir:

„Halten wir fest: Von fünf Programmbereichen werden vier mit „sehr gut“ oder „gut“ bewertet,, während für einen weiteren Programmbereich („derzeit noch im Aufbau“) zunächst keine Zensur vergeben wurde. Dies wird in einer Gesamtbeurteilung für die Programmbereiche 1 – 3 noch einmal ausdrücklich bestätigt (Seite 25):

„Der Direktor der ZB MED organisiert die Bearbeitung und Modernisierung des klassischen Kerngeschäfts sehr gut. Die ZB MED profitiert auch sehr von der hohen Kompetenz in den fünf Dezernaten.“

Demnach müsste die Weiterförderung der ZB MED sichergestellt sein, es sei denn, der Stand des Programmbereiches „Anwendungsorientierte Forschung und Innovation“ ist doch kritisch zu sehen und dieser Bereich ist wesentlich wichtiger als alle anderen Programmbereiche zusammen. Dieser Ansicht können die Mitglieder der Bewertungsgruppe unmöglich gewesen sein, zumal sechs von 13 Mitgliedern aus dem Bibliotheksbereich kommen und die Deutsche Nationalbibliothek sowie die Bibliotheken der Medizinischen Universität Wien und der Universitäten Dresden, Tübingen, Göttingen und Freiburg auch nicht und schon gar nicht ausschließlich nach ihren Forschungsleistungen bewertet werden.“

Mittlerweile regt sich die Informationsszene und sieht die bevorstehende Abwicklung der ZB MED ausschließlich kritisch.  Wichtige Beiträge stammen vom Rudolf Mumenthaler (HTW Chur) und Walther Umstätter (Berlin). Mumenthalers Schlussfolgerungen decken sich weitgehend mit den Beurteilungen von Open Password, während Umstätter nach den Folgen für die Informationswissenschaft fragt (http://ruedimumenthaler.ch/2016/03/18/ab

wicklung-der-zbmed-beschlossen/ – Internet in Bibliotheken vom Sonntag). Mumenthaler findet zu dem Beschluss des Senates der Leibniz Gemeinschaft erfreulich klare Worte. Er schreibt unter anderem:

„Die Vorgaben (aus dem letzten Evaluierungsprozess aus dem Jahre 2012) waren in der kurzen Zeit nicht zu erfüllen, und die Ausrichtung auf Forschung ist eigentlich Unsinn. … Mit diesen Argumenten könnte man wohl fast alle überregional ausgerichteten Bibliotheken abwickeln.“

Wir kommen auf diese Beiträge zurück.

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ZB MED wird abgewickelt

Der mittlerweile weit fortgeschrittene Abbruch

der Fachinformationseinrichtungen

setzt sich fort

 

Keine Fortsetzung der Förderung,

obgleich vier von fünf Arbeitsbereichen

rundum positiv bewertet wurden

 

Sollen nur Forschungsleistungen

für wissenschaftliche Bibliotheken relevant sein?

 

Der Senat der Leibniz Gemeinschaft hat heute entschieden, die Zentralbibliothek für Medizin abzuwickeln. Der mittlerweile weit fortgeschrittene Abbruch der Fachinformationseinrichtungen, die einmal einen deutschen Sonderweg in der Informationspolitik sicherstellen sollten, setzt sich fort.

 

Die Entscheidung des Senates steht im Widerspruch zu dem Bewertungsbericht seiner Gutachter. Damit drängen sich weitgehende Parallelen zu der seinerzeitigen Abwicklung des Fachinformationszentrums Chemie auf, als der Senat gleichfalls eine Weiterförderung im Widerspruch zu der eigenen Bewertungskommission ablehnte. Abermals gelangt der Senat zu seiner Entscheidung, weil er das Kerngeschäft von Fachinformationszentren und wissenschaftlichen Bibliotheken gering schätzt und die Weiterförderung praktisch ausschließlich von deren Forschungsleistungen abhängig macht. Das allerdings ist ein illegitimes Kriterium und wird daher nicht offen kommuniziert.

 

Begründet wird dies damit, dass es ZB MED in den vergangenen Jahren trotz einiger Teilerfolge nicht in dem notwendigen Maß gelungen sei, sich auf die erheblichen Veränderungen im Fachinformationswesen einzustellen.

Weitere Informationen dazu gibt es in der Pressemitteilung der Leibniz-Gemeinschaft

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Senat der Leibniz Gemeinschaft stellt sich abermals in ausdrücklichem Gegensatz zu den Bewertungen seiner Gutachter.

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Der Senat der Leibniz Gemeinschaft stellt sich mit seiner Entscheidung in einen ausdrücklichen Gegensatz zu den Bewertungen seiner Gutachter. Sehen wir uns deren Bewertungen nach den einzelnen Programmbereichen der ZB MED an:

 

ZB MED ist in fünf Programmbereiche gegliedert. Der Programmbereich 1 wird ab 2016 in zwei Förderbereiche aufgeteilt (1a und 1b).

 

Wie wurden diese (ab 2016 bestehenden) fünf Programmbereiche beurteilt? Dazu steht im Bewertungsbericht (Seite 11):

 

„Im PB 1a „Bestandsentwicklung“ werden die Arbeiten im Bereich der Bestandsentwicklung als „gut“ bewertet. Die zwei neuen Abteilungen „Lizenzen“ und „Digitale Langzeitarchivierung“ befinden sich noch im Aufbau.

 

Im PB 1b „Open-Access-Publizieren und -Beraten“ sind die Arbeiten rund um das neue Publikationsportal PUBLISSO angesiedelt, sie werden als „sehr gut“ bewertet.

 

Im PB 2 „Bereitstellung von Informationsdiensten“ wird das Suchportal LIVIVO betreut. Mit Blick auf die technische Architektur wird LIVIVO als „sehr gut“ bewertet. In Bezug auf die Marktpositionierung besteht jedoch noch Klärungsbedarf. …

 

Im PB 3 „Volltextversorgung“ werden die Arbeiten im Bereich der Volltextversorgung als „gut“ bewertet. Auf Grund der sinkenden Auftragszahlen in der Volltextversorgung (Dokumentenlieferung) wurden Personalkapazitäten frei, die ZB MED zum weiteren Ausbau des Bereichs der Digitalen Sammlungen genutzt hat. Daran anknüpfend wird ein Bereich Themenportale (interaktive Orte, die Wissen zu bestimmten Themenbereichen bündeln) aufgebaut. Die Arbeiten im Bereich der Digitalen Sammlungen und der Themenportale sind interessant und können als Keimzelle für weiterführende Projekte dienen. …

 

Der PB 4 „Anwendungsorientierte Forschung und Innovation“ befindet sich derzeit noch im Aufbau.“

 

Halten wir fest: Von fünf Programmbereichen werden vier mit „sehr gut“ oder „gut“ bewertet,, während für einen weiteren Programmbereich („derzeit noch im Aufbau“) zunächst keine Zensur vergeben wurde. Dies wird in einer Gesamtbeurteilung für die Programmbereiche 1 – 3 noch einmal ausdrücklich bestätigt (Seite 25):

 

„Der Direktor der ZB MED organisiert die Bearbeitung und Modernisierung des klassischen Kerngeschäfts sehr gut. Die ZB MED profitiert auch sehr von der hohen Kompetenz in den fünf Dezernaten.“

 

Demnach müsste die Weiterförderung der ZB MED sichergestellt sein, es sei denn, der Stand des Programmbereiches „Anwendungsorientierte Forschung und Innovation“ ist doch kritisch zu sehen und dieser Bereich ist wesentlich wichtiger als alle anderen Programmbereiche zusammen. Dieser Ansicht können die Mitglieder der Bewertungsgruppe unmöglich gewesen sein, zumal sechs von 13 Mitgliedern aus dem Bibliotheksbereich kommen und die Deutsche Nationalbibliothek sowie die Bibliotheken der Medizinischen Universität Wien und der Universitäten Dresden, Tübingen, Göttingen und Freiburg auch nicht und schon gar nicht ausschließlich nach ihren Forschungsleistungen bewertet werden.

 

Wir kommen auf den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED zurück.

Ihr Statement zur Abwicklungsempfehlung der ZB MED? Wir freuen uns im Kommentarbereich über Ihre Meinung!

 

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


Was Rafael Ball wirklich sagen wollte

Aufruhr unter Bibliothekaren

Ist das alles richtig, aber nicht wichtig

und Much Ado about Nothing?

 

Von Willi Bredemeier

 

Rafael Balls Aussagen über das mögliche Ende des Buches und Bibliothekswesens unter anderem in der NZZ gehen in die dritte Woche, und noch immer sind der Stellungnahmen und der damit verbundenen Empörung unter den deutschsprachigen ansonsten zurückhaltend agierenden Bibliothekaren kein Ende. Dabei hat der Züricher Bibliotheksdirektor das Gleiche früher gesagt, unter anderem in dem 2013 erschienenen Buch „Was von Bibliotheken wirklich bleibt“ (Dönges & Frick), ohne dass es danach Ansätze eines Aufstandes gegeben hätte. Haben wir da etwas verpasst? Stephan Holländer hat in Open Password gefragt, ob es nicht wichtigere Themen gibt. Diesmal fragen wir, nachdem wir uns mit Balls Buch bewaffnet haben, sind seine Thesen zwar richtig, aber nicht wichtig?

 

Das Vorwort des Buches beginnt mit den Worten:

 

„Das Informationsmonopol der Bibliotheken ist gekippt. Niemand braucht die altehrwürdigen Institutionen noch wirklich. Längst lösen andere Monopole unsere Informationsbedürfnisse.“

 

Auf der gleichen Seite wird gefragt:

 

„Brauchen wir sie also tatsächlich nicht mehr? Was werden Bibliotheken morgen anbieten? Gelingt ihnen die Wende von der verstaubten Behörde zum modernen konkurrenzfähigen Dienstleister in der digitalen Welt der Informationsindustrie? Wie sollten sich Bibliotheken positionieren in einer Welt der permanenten Netzverfügbarkeit, der allgegenwärtigen Smartphones und Tablets?“ (Seite 9)

 

Hier haben wir in einer Nussschale wesentliche Elemente des gesamten Buches vor uns. Der Ton ist alarmistisch. Der oberflächliche Leser könnte meinen, das Ende der Bibliotheken sei nah (dabei geht es doch nur um das Ende der Bibliotheken als „altehrwürdige Institutionen“). Der Alarmismus ist sachlich insoweit gerechtfertigt, als sich die Bibliotheken angesichts ihrer rückläufigen Ressourcen und ihres unklaren künftigen Weges in einer Existenzkrise befinden. Er ist insoweit ungerechtfertigt, als das Stilmittel des Alarmismus häufig gewählt wird, um in der Rolle des Rebellen gegen uneinsichtige geschlossene Festungen im Diskurs anzutreten. Aber hier tritt Ball nur offene Türen ein, indem er sich nicht inhaltlich, sondern nur im Ton von seinen Kollegen absetzt. Scheinbar dazu sagt Ball an anderer Stelle:

 

„Insgesamt gilt es … unbedingt im Gespräch bleiben. Unsere Welt ist eine Medienwelt. Wer nicht wahrgenommen wird, existiert nicht. Wo der Diskurs nämlich Konkurs erleidet, werden sich Bibliotheken keine Chancen mehr geben (können)“ (Seite 105).

 

Hier könnte der bisherige Verlauf der Diskussionen um Ball dem Vorwort Recht gegeben haben.

 

Was die Fragen des Vorwortes angeht, die stellen wir uns alle. Das Buch würde unbefriedigend ausfallen, gäbe es dazu keine Antworten.

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Assoziative Status-quo-Beschreibungen von Problemlagen, die sich vorwiegend im Ton vom allgemeinen Konsens unterscheiden.

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Formal handelt es sich bei dem Buch um Essays, wenn nicht um „Snippets“, also um hingeworfene Kurzkommentare aus tagespolitischem Anlass für den raschen Konsum. Für Essays seien der assoziative Stil und die Wiederaufnahme der gleichen Melodien typisch?

Dann sollten wir uns fragen, ob wir Essays in der Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken wirklich gebrauchen können. Benötigen wir nicht für eine angemessene Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken einen Ansatz, mindestens eine viel versprechende These, die alles zusammenhält, damit wir im Overload der Zusammenhänge nicht untergehen und am Ende nicht vieles vorfinden, was irgendwie interessant sein könnte, aber unserer Sache – der Zukunft der Bibliotheken – nicht dient (wie die Verwendung des Sicherheitsbegriffes im Alten Rom oder die Impressionen zum Bibliothekssystem Singapurs)?

 

Hier ließe sich einwenden, diesen Ansatz gäbe es auch im weiteren Diskurs unter Bibliothekaren nicht. Zumindest habe sich ein solcher nicht durchgesetzt. Das ist richtig, aber zumindest setzt sich Ball hier nicht positiv vom Mainstream des Bibliotheksdiskurses ab.

 

Spätestens, wenn man zum gefühlten zwanzigstenmal erfährt, dass in der neuen Wissenschaftskommunikation Erkenntnisgewinnung und -verbreitung in realtime zusammenfallen, gerät der Rezensent in Versuchung, den erbosten Ton des Verfassers gegen ihn zu kehren. Die Essays und Snippets sind schlampig aneinandergereiht, soll heißen, eine redaktionelle und lektorierende Tätigkeit scheint außer dem Hinzufügen des Vorwortes nicht stattgefunden zu haben. Quellenangaben, wo das früher veröffentlicht wurde, fehlen auch. Während im Vorwort gesagt wird, dass aus Vereinfachungsgründen bei Personen der Gattungsbegriff gewählt wird, feiern die „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ im späteren Buch und damit die Verhunzung der deutschen Sprache fröhliche Urständ – dies ein weiteres Indiz dafür, dass Ball weitaus konventionalistischer spricht als er unter seiner Tarnkappe des Rebellen vorgibt. Es fällt mir schwer zu glauben, dass ein solches Buch einen Verlag gefunden hätte, wenn der Verfasser nicht Direktor einer namhaften Bibliothek gewesen wäre oder keine vergleichbare Position innegehabt hätte.

 

Bei den Status-quo-Beschreibungen des Buches müssen wir nicht in die Einzelkritiken gehen, aus meiner Sicht stimmt das mehr oder minder. Aber es stellt auch mehr oder minder den allgemeinen Konsens dar. Warum dann dieser alarmistische und polemische Ton (es sei denn, dass man sich im Zeitalter des Information Overkill nicht anders zu Gehör bringen kann)? Nehmen wir als typisches Beispiel die Anwendungsorientierung der Wissenschaft:

 

„Die Gesellschaft will es sich nicht mehr länger leisten, Wissenschaft bedingungslos vor sich hin arbeiten zu lassen, sie verlangt zurecht Rechenschaft auch von jenen, die mit Steuergeldern die Fußnoten in den Briefen von König Ludwig analysieren und sie erwartet wieder zurecht, wie ich meine, dass sich die Wissenschaftler messen lassen mit vergleichbaren Maßstäben, die international anerkannt sind und nicht durch die undurchdringliche Selbstbestätigung der Inner Circles einer eingeschworenen Community, die sich permanent selbst bescheinigt, wie gut und hervorragend ihre Ergebnisse und wie fundamental ihre Forschungen für die Zukunft der Menschheit sind.“ (Seite 85)

 

Ja klar, dass meinen wir alle (obgleich wir das zurückhaltender formulieren würden). Aber ist es damit nicht auch trivial?

 

Und brauchen die Bibliotheken solche Status-quo-Analysen, wenn sie das alles selbst wissen? Der Laie wäre eine andere mögliche Zielgruppe, aber für ihn wäre ein Buch über Bibliotheken zu speziell und für ihn ist es auch – mit möglicher Ausnahme der Snippets – erkennbar nicht geschrieben. Und sollten wir nicht von einer Publikation erwarten, dass sie uns Aha-Effekte, will sagen, Neuheiten beschert?

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Anstelle praktischer Lösungen für Bibliotheken phrasennahe inhaltsarme wohlklingende Aufforderungen.

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Meine Hauptkritik an Rafael Ball lautet jedoch, dass er uns nicht weiterbringt. Weder stellt er konkrete Lösungen für die angesprochenen Probleme vor noch beschreibt er Beispiele, wie einzelne Bibliotheken aktuelle Herausforderungen überzeugend bewältigen. Vielmehr beschränkt er sich häufig auf Fragen, listet also auf, was der Autor ansatzweise beantworten sollte. Oder er beschränkt sich auf phrasennahe inhaltsarme gut klingende Aufforderungen, wie wir sie aus der Managementliteratur kennen, zum Beispiel:

 

„Der freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur bedeutet einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaftskommunikation. Und deshalb ist es ganz besonders wichtig, jetzt im Gespräch zu bleiben, die Bedürfnisse aller Akteure abzustimmen sowie Prozesse und Geschäftsmodelle zu entwickeln, die das Know-how und die Kompetenzen aller Beteiligten konstruktiv in die neue Situation einbringen.“ (Seite 83)

 

Ja klar, lasst uns mal alle miteinander reden. Und dabei muss es vor allem „modern“ unter uns zugehen, nicht wahr?

 

Dabei ist dem Autor zuzugestehen, dass der künftige Weg der Bibliotheken in Teilen dunkel ist und nicht alle Fragen beantwortet werden können (was der Autor auch sagt und beschreibt).

 

Aber bei einem Buch von 203 Seiten muss es doch Ausnahmen geben, auf die die hier geübte Kritik nicht zutrifft? Dazu habe ich dieses Zitat gefunden:

 

„Die Bibliothek der Zukunft muss zum Mehrwertdienstleister mit kritisch-krisischer Kompetenz werden, dem es im Sinne eines Customer Relations Managements gelingt, mit wirklichen Mehrwerten aus zufriedenen loyale Kunden und Unterhaltsträger zu machen. … Wie einfach wäre es, Wissenschaftlern und Studierenden attraktive, individualisierte Angebote über Neuerwerbungen zukommen zu lassen und sie über verwandte und ähnliche Titel und Treffer einer Datenbank zu informieren. … Da muss auch jede noch so gut gemachte One-to-One-Marketingstrategie auch wirklich gut gemacht und vor allem individuell treffend sein.“ (Seite 111f.)

 

Nun ist der Transfer von Personalisierungsstrategien auf den Bibliotheksbereich nicht unbedingt eine intellektuelle Großtat. Aber die Idee ist vielversprechend und kann funktionieren. Aber wenn man meint, jetzt mehr über Personalisierungsstrategien im Bibliotheksbereich zu erfahren, wird damit abgespeist, dass eine „One-to-One-Marketingstrategie … wirklich gut gemacht“ sein müsste. Aber sicher, was denn sonst?

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Auch Kritik am Diskurs unter Bibliothekaren? Oder Freude darüber, dass sie ihren Mund aufmachen können?

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Und eine weitere Frage: Wenn sich das Bibliothekswesen derart über Rafael Ball aufregt, müsste man dann die Kritik nicht auch gegen den Diskurs im Bibliothekswesen wenden? Ich für meinen Teil meine, dass es gut ist, wenn die Bibliothekare unter Beweis gestellt haben, dass sie sich aufregen können. Das ist immerhin ein Anfang.

 

In der Wissenschaftstheorie scheint mir unumstritten, dass es nicht ausreichend ist, Hypothesen zu falsifizieren. Vielmehr sollte man, um eine These abschaffen zu können, eine überlegene Alternative vorstellen. Dann bemühe ich mich mal um einen innovativen Vorschlag. Wir müssen nach Wegen suchen, Thesen auch dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie nicht von Trägern höherer formaler Positionen stammen. Ein guter Schritt wäre getan, wenn wir unsere persönlichen Eitelkeiten aufgäben und den Namen in der Autorenzeile durch drei Sterne ersetzten.

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


Rafaell Ball: Blick aus Deutschland

Die Überlebenskrise der Bibliotheken
verlangt konkretere Antworten

Von Willi Bredemeier

Soweit so gut. Aber was bedeutet die Bibliothek als Informations- und Kommunikationszentrum konkret?

Die Reaktionen in Deutschland sind kaum weniger heftiger als die in der Schweiz ausgefallen. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Schweizer auch in den Sozialen Medien und Chatlisten hierzulande aktiv sind und ihre deutschen Kollegen beeinflussen. Eine der heftigeren Reaktionen kam denn auch von Christian Gutknecht in InetBib:

Guten Tag,

Hier ein weiterer total unqualifizierter Kommentar von Ball:http://www.researchinformation.info/news/news_story.php?news_id=2077Es ist einfach nur peinlich realitätsfremd und dem Amt als ETH-Bibliotheksdirektor unwürdig, die heutige Situation als „established, reliable and sustainable“ zu bezeichnen und sich gleichzeitig als „begnadeter Vordenker“ (https://dl.dropboxusercontent.com/u/13689512/begnadeter%20Vordenker.pdf) zu ernennen. Liebe Regensburger, kann man euch irgendwie ein Angebot machen, dass ihr den Ball wieder zurücknehmt? Ich bin gerne bereit eine Crowdfunding-Kampagne zu starten. 

freundliche Grüsse Christian Gutknecht 

Zum anderen befinden sich die deutschen Bibliotheken im Überlebenskampf und geht insbesondere die Zahl der kleinen Bibliotheken von Jahr zu Jahr dramatisch zurück. Da muss vielen das Statement ihres Ex-Regensburger-Kollegen als total unsolidarisch und als Dienstleistung für die Politiker, die Bibliotheksetats kürzen, vorkommen. Umgekehrt könnte Ball antworten, dass eine vorwiegend defensive Diskussion den Bibliothekaren wenig gebracht hat.

Auch wenn Ball recht hat, offensichtlich besteht ein innerbibliothekarischer Diskussions- und mit Blick auf die breite Öffentlichkeit weitgehender Vermittlungsbedarf. (Information Professionals können allerdings von dem Image der Bibliotheken, das als Hort der Kultur tief im Bewusstsein der Bürger eingeprägt ist, nur träumen.) Was tun? ·

– „Informations- und Kommunikationszentrum“ ist ein viel zu allgemeiner Begriff, als sich daraus geeignete Konsequenzen ableiten ließen. Wie brauchen einen geeigneteren Bezugsrahmen, um viel versprechende Wege aufzuzeigen, wie Bibliotheken überleben können. ·

– Es gibt ja die bibliothekarischen Leuchttürme, die täglich ihre Success Stories schreiben. Diese müssen wir unter den Bibliothekaren und vor allem in der breiten Öffentlichkeit verbreiten, statt den Bedürfnissen der Medien nach einer weitgehenden Entdifferenzierung entgegenzukommen. ·

– Teil eines geeigneten Bezugsrahmens für die Überlebensdiskussion könnte auch die folgende These sein: Es gibt nicht die eine Lösung für die Bibliothekskrise. Bibliotheken müssen so heterogen werden, wie es ihre Kundengruppen sind. Soweit in diesen Communities eine zumindest potenzielle Nachfrage nach personalisierten Dienstleistungen besteht und Bibliotheken diese liefern können, müssen sie um ihre Zukunft nicht fürchten.

„Open Password“ will im Rahmen dieser Ansätze einen Beitrag leisten. Auch Ihre Meinung ist willkommen. Schreiben Sie uns!

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Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


Rafael Ball: Ein Insider-Blick aus der Schweiz

Zu den Turbulenzen
um den Direktor der ETH-Bibliothek

Die Bibliothek als Sammlung
von Büchern hat ausgedient

Überleben nur als Informations-
und Kommunikationszentrum
mit elektronischen Inhalten

Von Stephan Holländer

Ein Interview in einer Sonntagszeitung hat die beschauliche Sonntagsruhe einiger Bibliothekare gestört. Heftige Reaktionen in den Sozialen Medien. Sturm im Wasserglas oder berechtigte Empörung?

Rafael Ball hat in seiner Eigenschaft als Direktor der ETH-Bibliothek der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag (NZZ-So) ein Interview gegeben, in dem er in der Quintessenz sagt, dass das bisherige Konzept der Bibliotheken nicht mehr funktioniere, da jetzt das Internet da sei. Denn wer Inhalte suche, der brauche keine Bibliothek mehr (http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/bibliotheken-weg-mit-den-buechern-interview-rafael-ball-eth-ld.5093). Das Internet hat die Bibliothek als Träger der Lesekultur abgelöst, so Ball. Die Bibliothek sei ein Hort der Bücher. Einzig im Bereich der Leseförderung gesteht Rafael Ball den Bibliotheken noch eine Aufgabe zu. Bibliotheken müssen sich seiner Ansicht nach zu Informations- und Kommunikationszentren wandeln, die den Zugriff auf elektronische Inhalte ermöglichen. Für wissenschaftliche Bibliotheken sieht er die Aufgabe, Wissenschaftler bei der Publikation wissenschaftlicher Artikel zu beraten. Er sieht die Lösung in einer Digitalisierung aller gedruckten Bücher, da 80% der Bücher in wissenschaftlichen Bibliotheken sowieso nie ausgeliehen werden. So ist es in seinen Augen kein Unglück, wenn ein paar Bücher verloren gehen.

Furioser Einstand?

Dieses Interview stieß in den sozialen Medien der Branche wie «SwissLib» auf ein lebhaftes, ja heftiges Echo. Gerade aus den öffentlichen Bibliotheken kamen engagierte Entgegnungen. Dies ist dem Publizisten Ball recht, möchte er doch der Schweizer Berufsszene einen Denkanstoß liefern. Seine Aussagen sind nicht neu und wurden bereits 2013 in Buchform publiziert (Rafael Ball, Was von Bibliotheken wirklich bleibt - das Ende eines Monopols: ein Lesebuch, ISBN 978-3-934997-50-9 http://baselbern.swissbib.ch/Record/281677638)

Nur ist das nur von Wenigen in der Schweiz bisher zur Kenntnis genommen worden. In Interview in der NZZ-So tritt Ball auch nicht als Publizist, sondern als relativ neu bestallter Direktor der ETH-Bibliothek Zürich auf. Dies ist natürlich ein gefundenes Fressen für die um Auflage ringende Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, die sich im heftigen Wettbewerb mit andern Sonntagsblättern in der Schweiz befindet. Solche zugespitzten Aperçus werden gerne ins Blatt genommen. Dankbar hat auch der Schweizer Rundfunk SRF diese Steilvorlage aufgegriffen (http://www.srf.ch/sendungen/kultur-kompakt/macht-das-internet-buecher-ueberfluessig) und leiht Rafael Ball gern ein Mikrofon. Der neue Direktor der ETH-Bibliothek ist nicht unglücklich über die Reaktionen und zeigt sich froh darüber, eine Diskussion seitens eines Fachmanns dazu angestoßen zu haben.

Vieles ist gleich südlich des Rheins, aber einiges ist entscheidend anders

Was bei dem Interview wohl weniger bedacht wurde, ist die branchenpolitische Lage in der Schweiz. Das Land ringt mit den Folgen der Freigabe des Eurokurses, der die hiesige Wirtschaft mit einem Verlust von 10.000 Arbeitsplätzen in einem Jahr mächtig unter Druck gesetzt hat. Es gibt nun weniger Steuergelder zu verteilen. Im Bundesparlament kommt dieses Jahr die Bildungs- und Wissenschaftsbotschaft ins Parlament. Ein so genanntes „Stabilisierungspaket“ wird gerade ausgearbeitet. Der Bund und 18 Kantone budgetieren 2016 ein Defizit. Angesichts der steigenden Ausgaben werden Fitnessprogramme zur Dauerübung – und Steuererhöhungen wohl unvermeidlich. Für unser Nachbarland ist diese Situation wohl nichts Neues, für die Schweiz aber ein Hinweis darauf, dass die fetten Jahre vorerst vorüber sind. Viele öffentliche Bibliotheken befinden sich in Budgetdiskussionen mit ihren Trägerorganisationen, denn bei der Kultur- und Bildung wird bekanntlich zuerst gespart.

Hinter den branchenpolitischen Kulissen wird seit Ende des vergangen Jahres halblaut über einen Zusammenschluss des Verbands der öffentlichen Bibliotheken (SAB, http://www.sabclp.ch/) mit dem Dachverband der Bibliotheken (BIS, http://www.bis.ch/) nachgedacht. Viele befürworten diesen Zusammenschluss der Verbände. Jedoch lassen sich auch einige Gegenstimmen vernehmen. Sie kommen nicht zuletzt aus der französischsprachigen Westschweiz, die schon immer auf ihre kulturelle Eigenständigkeit bedacht war. Einige, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind, können dank Google Translator den Inhalt des Interviews erahnen und entsprechend pointiert Stellung nehmen. Das ist unglücklich, da hier Mythen Vorschub geleistet werden könnte. In der Zwischenzeit hat die NZZ ihr Einverständnis gegeben eine nicht autorisierte Übersetzung des Interviews in französische Sprache auf „SwissLib“ zu veröffentlichen.

Ein anderes Forum bietet sich an

Der diesjährige BIS-Kongress in Luzern (http://www.bis.ch/nc/de/news-details/article/bis-generalversammlung-und-berliner-philharmoniker.html) böte reichlich Gelegenheit, Aussagen im Interview mit den beteiligten Branchenfachleuten zu diskutieren. Die in Teilen larmoyanten Stellungnahmen bestätigen jedoch, dass die Aussagen im Interview im Kern zutreffen. Für das Interview wurde wohl nicht bedacht, dass Rafael Balls Stellungnahme in seiner Eigenschaft als Direktor der ETH-Bibliothek und damit als Vertreter einer Bundesbehörde und nicht als Publizist erfolgte. Dies dürfte zusätzlich für einige heftige Entgegnungen auf SwissLib gesorgt haben, da Balls Stellungnahme ein altes Vorurteil befeuert: Öffentliche Bibliotheken würden von ihren Kollegen aus den wissenschaftlichen Bibliotheken nicht sonderlich ernst genommen und daher sei ein Zusammenschluss der Verbände nicht opportun.