Recherche-Irrtümer: „Im frei zugänglichen Internet steht alles“

Weit verbreitete Irrtümer in der Recherche - Teil 2

„Im Internet steht alles!" Mit dieser Aussage werde ich immer wieder konfrontiert. Tatsächlich denken viele Menschen, dass im sogenannten Web, worunter man landläufig das frei zugängliche Internet versteht, alles oder nahezu alles zu finden sei. Weit gefehlt!

Tatsächlich ist nur ein Bruchteil der Informationen frei im Internet verfügbar. Der weitaus größere Teil verbirgt sich im sogenannten Deep Web. Dabei handelt es sich größtenteils um Datenbanken, die nicht jedem zugänglich und die auch von Suchmaschinen im freien Internet nicht zu finden sind. Der Zugang erfolgt über Spezialanbieter wie LexisNexis, die diese Inhalte lizensieren und so aufbereiten, dass sie über eigene Suchalgorithmen strukturiert und übersichtlich darstellbar sind. Anders als im frei zugänglichen Internet sind die Ergebnisse der Datenbankanbieter nicht durch Suchmaschinenoptimierung der Anbieter sowie das persönliche Benutzerprofil beeinflusst.

Gerade im Deep Web verbergen sich viele qualitativ hochwertige Informationen. Deren Quellen sind unter anderen Firmendatenbanken, Volltextveröffentlichungen von nationalen und internationalen Zeitungen, Zeitschriften und vielen weiteren Medien.

Weiter gehts auf dem LexisNexis Blog


Mauern überwinden Öffentliche Suchmaschinen fischen im kleinen Teich

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!" Mit dieser Lüge ging der ehemalige DDR-Staatschef Walter Ulbricht in die Geschichte ein, weil er zwei Monate später, am 13. August 1961, mit einer etwa 160 Kilometer langen Barrikade Berlin für 28 Jahre in zwei Teile trennte.

Niemand hat die Absicht – zumindest in demokratischen Staaten – eine Mauer im Internet zu errichten. Diesen Satz hat bislang kein prominenter Politiker gesprochen. Und das ist auch gut so, denn er wäre ebenso wenig tragbar, wie Ulbrichts Aussage vom 15. Juni 1961. Es gibt sie längst. Wer im „sichtbaren" Web (Free Web) über frei zugängliche Suchmaschinen recherchiert, sieht sie nicht und bewegt sich unbewusst auf Terrain, das keinen Zugang zum sogenannten Deep Web bietet.

Weiter gehts auf dem LexisNexis Blog


Was Rafael Ball wirklich sagen wollte

Aufruhr unter Bibliothekaren

Ist das alles richtig, aber nicht wichtig

und Much Ado about Nothing?

 

Von Willi Bredemeier

 

Rafael Balls Aussagen über das mögliche Ende des Buches und Bibliothekswesens unter anderem in der NZZ gehen in die dritte Woche, und noch immer sind der Stellungnahmen und der damit verbundenen Empörung unter den deutschsprachigen ansonsten zurückhaltend agierenden Bibliothekaren kein Ende. Dabei hat der Züricher Bibliotheksdirektor das Gleiche früher gesagt, unter anderem in dem 2013 erschienenen Buch „Was von Bibliotheken wirklich bleibt“ (Dönges & Frick), ohne dass es danach Ansätze eines Aufstandes gegeben hätte. Haben wir da etwas verpasst? Stephan Holländer hat in Open Password gefragt, ob es nicht wichtigere Themen gibt. Diesmal fragen wir, nachdem wir uns mit Balls Buch bewaffnet haben, sind seine Thesen zwar richtig, aber nicht wichtig?

 

Das Vorwort des Buches beginnt mit den Worten:

 

„Das Informationsmonopol der Bibliotheken ist gekippt. Niemand braucht die altehrwürdigen Institutionen noch wirklich. Längst lösen andere Monopole unsere Informationsbedürfnisse.“

 

Auf der gleichen Seite wird gefragt:

 

„Brauchen wir sie also tatsächlich nicht mehr? Was werden Bibliotheken morgen anbieten? Gelingt ihnen die Wende von der verstaubten Behörde zum modernen konkurrenzfähigen Dienstleister in der digitalen Welt der Informationsindustrie? Wie sollten sich Bibliotheken positionieren in einer Welt der permanenten Netzverfügbarkeit, der allgegenwärtigen Smartphones und Tablets?“ (Seite 9)

 

Hier haben wir in einer Nussschale wesentliche Elemente des gesamten Buches vor uns. Der Ton ist alarmistisch. Der oberflächliche Leser könnte meinen, das Ende der Bibliotheken sei nah (dabei geht es doch nur um das Ende der Bibliotheken als „altehrwürdige Institutionen“). Der Alarmismus ist sachlich insoweit gerechtfertigt, als sich die Bibliotheken angesichts ihrer rückläufigen Ressourcen und ihres unklaren künftigen Weges in einer Existenzkrise befinden. Er ist insoweit ungerechtfertigt, als das Stilmittel des Alarmismus häufig gewählt wird, um in der Rolle des Rebellen gegen uneinsichtige geschlossene Festungen im Diskurs anzutreten. Aber hier tritt Ball nur offene Türen ein, indem er sich nicht inhaltlich, sondern nur im Ton von seinen Kollegen absetzt. Scheinbar dazu sagt Ball an anderer Stelle:

 

„Insgesamt gilt es … unbedingt im Gespräch bleiben. Unsere Welt ist eine Medienwelt. Wer nicht wahrgenommen wird, existiert nicht. Wo der Diskurs nämlich Konkurs erleidet, werden sich Bibliotheken keine Chancen mehr geben (können)“ (Seite 105).

 

Hier könnte der bisherige Verlauf der Diskussionen um Ball dem Vorwort Recht gegeben haben.

 

Was die Fragen des Vorwortes angeht, die stellen wir uns alle. Das Buch würde unbefriedigend ausfallen, gäbe es dazu keine Antworten.

__________________________________________________________________________

 

Assoziative Status-quo-Beschreibungen von Problemlagen, die sich vorwiegend im Ton vom allgemeinen Konsens unterscheiden.

__________________________________________________________________________

 

Formal handelt es sich bei dem Buch um Essays, wenn nicht um „Snippets“, also um hingeworfene Kurzkommentare aus tagespolitischem Anlass für den raschen Konsum. Für Essays seien der assoziative Stil und die Wiederaufnahme der gleichen Melodien typisch?

Dann sollten wir uns fragen, ob wir Essays in der Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken wirklich gebrauchen können. Benötigen wir nicht für eine angemessene Diskussion über die Zukunft der Bibliotheken einen Ansatz, mindestens eine viel versprechende These, die alles zusammenhält, damit wir im Overload der Zusammenhänge nicht untergehen und am Ende nicht vieles vorfinden, was irgendwie interessant sein könnte, aber unserer Sache – der Zukunft der Bibliotheken – nicht dient (wie die Verwendung des Sicherheitsbegriffes im Alten Rom oder die Impressionen zum Bibliothekssystem Singapurs)?

 

Hier ließe sich einwenden, diesen Ansatz gäbe es auch im weiteren Diskurs unter Bibliothekaren nicht. Zumindest habe sich ein solcher nicht durchgesetzt. Das ist richtig, aber zumindest setzt sich Ball hier nicht positiv vom Mainstream des Bibliotheksdiskurses ab.

 

Spätestens, wenn man zum gefühlten zwanzigstenmal erfährt, dass in der neuen Wissenschaftskommunikation Erkenntnisgewinnung und -verbreitung in realtime zusammenfallen, gerät der Rezensent in Versuchung, den erbosten Ton des Verfassers gegen ihn zu kehren. Die Essays und Snippets sind schlampig aneinandergereiht, soll heißen, eine redaktionelle und lektorierende Tätigkeit scheint außer dem Hinzufügen des Vorwortes nicht stattgefunden zu haben. Quellenangaben, wo das früher veröffentlicht wurde, fehlen auch. Während im Vorwort gesagt wird, dass aus Vereinfachungsgründen bei Personen der Gattungsbegriff gewählt wird, feiern die „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ im späteren Buch und damit die Verhunzung der deutschen Sprache fröhliche Urständ – dies ein weiteres Indiz dafür, dass Ball weitaus konventionalistischer spricht als er unter seiner Tarnkappe des Rebellen vorgibt. Es fällt mir schwer zu glauben, dass ein solches Buch einen Verlag gefunden hätte, wenn der Verfasser nicht Direktor einer namhaften Bibliothek gewesen wäre oder keine vergleichbare Position innegehabt hätte.

 

Bei den Status-quo-Beschreibungen des Buches müssen wir nicht in die Einzelkritiken gehen, aus meiner Sicht stimmt das mehr oder minder. Aber es stellt auch mehr oder minder den allgemeinen Konsens dar. Warum dann dieser alarmistische und polemische Ton (es sei denn, dass man sich im Zeitalter des Information Overkill nicht anders zu Gehör bringen kann)? Nehmen wir als typisches Beispiel die Anwendungsorientierung der Wissenschaft:

 

„Die Gesellschaft will es sich nicht mehr länger leisten, Wissenschaft bedingungslos vor sich hin arbeiten zu lassen, sie verlangt zurecht Rechenschaft auch von jenen, die mit Steuergeldern die Fußnoten in den Briefen von König Ludwig analysieren und sie erwartet wieder zurecht, wie ich meine, dass sich die Wissenschaftler messen lassen mit vergleichbaren Maßstäben, die international anerkannt sind und nicht durch die undurchdringliche Selbstbestätigung der Inner Circles einer eingeschworenen Community, die sich permanent selbst bescheinigt, wie gut und hervorragend ihre Ergebnisse und wie fundamental ihre Forschungen für die Zukunft der Menschheit sind.“ (Seite 85)

 

Ja klar, dass meinen wir alle (obgleich wir das zurückhaltender formulieren würden). Aber ist es damit nicht auch trivial?

 

Und brauchen die Bibliotheken solche Status-quo-Analysen, wenn sie das alles selbst wissen? Der Laie wäre eine andere mögliche Zielgruppe, aber für ihn wäre ein Buch über Bibliotheken zu speziell und für ihn ist es auch – mit möglicher Ausnahme der Snippets – erkennbar nicht geschrieben. Und sollten wir nicht von einer Publikation erwarten, dass sie uns Aha-Effekte, will sagen, Neuheiten beschert?

___________________________________________________________________________

 

Anstelle praktischer Lösungen für Bibliotheken phrasennahe inhaltsarme wohlklingende Aufforderungen.

___________________________________________________________________________

 

Meine Hauptkritik an Rafael Ball lautet jedoch, dass er uns nicht weiterbringt. Weder stellt er konkrete Lösungen für die angesprochenen Probleme vor noch beschreibt er Beispiele, wie einzelne Bibliotheken aktuelle Herausforderungen überzeugend bewältigen. Vielmehr beschränkt er sich häufig auf Fragen, listet also auf, was der Autor ansatzweise beantworten sollte. Oder er beschränkt sich auf phrasennahe inhaltsarme gut klingende Aufforderungen, wie wir sie aus der Managementliteratur kennen, zum Beispiel:

 

„Der freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur bedeutet einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaftskommunikation. Und deshalb ist es ganz besonders wichtig, jetzt im Gespräch zu bleiben, die Bedürfnisse aller Akteure abzustimmen sowie Prozesse und Geschäftsmodelle zu entwickeln, die das Know-how und die Kompetenzen aller Beteiligten konstruktiv in die neue Situation einbringen.“ (Seite 83)

 

Ja klar, lasst uns mal alle miteinander reden. Und dabei muss es vor allem „modern“ unter uns zugehen, nicht wahr?

 

Dabei ist dem Autor zuzugestehen, dass der künftige Weg der Bibliotheken in Teilen dunkel ist und nicht alle Fragen beantwortet werden können (was der Autor auch sagt und beschreibt).

 

Aber bei einem Buch von 203 Seiten muss es doch Ausnahmen geben, auf die die hier geübte Kritik nicht zutrifft? Dazu habe ich dieses Zitat gefunden:

 

„Die Bibliothek der Zukunft muss zum Mehrwertdienstleister mit kritisch-krisischer Kompetenz werden, dem es im Sinne eines Customer Relations Managements gelingt, mit wirklichen Mehrwerten aus zufriedenen loyale Kunden und Unterhaltsträger zu machen. … Wie einfach wäre es, Wissenschaftlern und Studierenden attraktive, individualisierte Angebote über Neuerwerbungen zukommen zu lassen und sie über verwandte und ähnliche Titel und Treffer einer Datenbank zu informieren. … Da muss auch jede noch so gut gemachte One-to-One-Marketingstrategie auch wirklich gut gemacht und vor allem individuell treffend sein.“ (Seite 111f.)

 

Nun ist der Transfer von Personalisierungsstrategien auf den Bibliotheksbereich nicht unbedingt eine intellektuelle Großtat. Aber die Idee ist vielversprechend und kann funktionieren. Aber wenn man meint, jetzt mehr über Personalisierungsstrategien im Bibliotheksbereich zu erfahren, wird damit abgespeist, dass eine „One-to-One-Marketingstrategie … wirklich gut gemacht“ sein müsste. Aber sicher, was denn sonst?

__________________________________________________________________________

 

Auch Kritik am Diskurs unter Bibliothekaren? Oder Freude darüber, dass sie ihren Mund aufmachen können?

__________________________________________________________________________

 

Und eine weitere Frage: Wenn sich das Bibliothekswesen derart über Rafael Ball aufregt, müsste man dann die Kritik nicht auch gegen den Diskurs im Bibliothekswesen wenden? Ich für meinen Teil meine, dass es gut ist, wenn die Bibliothekare unter Beweis gestellt haben, dass sie sich aufregen können. Das ist immerhin ein Anfang.

 

In der Wissenschaftstheorie scheint mir unumstritten, dass es nicht ausreichend ist, Hypothesen zu falsifizieren. Vielmehr sollte man, um eine These abschaffen zu können, eine überlegene Alternative vorstellen. Dann bemühe ich mich mal um einen innovativen Vorschlag. Wir müssen nach Wegen suchen, Thesen auch dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie nicht von Trägern höherer formaler Positionen stammen. Ein guter Schritt wäre getan, wenn wir unsere persönlichen Eitelkeiten aufgäben und den Namen in der Autorenzeile durch drei Sterne ersetzten.

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


Informationswissensschaft: Die Grenzen der Mobilisierung

Nach dem Düsseldorfer Abwicklungsbeschluss

ein Blick auf die Disziplin

 

Die Grenzen der Mobilisierung

 

Was die deutschsprachige
Informationswissenschaft tun muss,

um dem institutionellen Niedergang zu entgehen

 

Von Willi Bredemeier

 

Stellt der Beschluss der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität (Düsseldorf), die Informationswissenschaft abzuwickeln, nur den vorläufigen Höhepunkt eines mittlerweile jahrzehntelangen institutionellen Niederganges der deutschsprachigen Informationswissenschaft dar? Walther Umstätter hat in Open Password dargestellt, welche informationswissenschaftlichen Bereiche Schritt für Schritt eliminiert wurden, begleitet vom teilweisen Untergang der Fachinformationszentren und einem radikalen Rückgang der Aktivitäten und Mitgliederbestände in Verbänden und weiteren freiwilligen Vereinigungen. Über die Entwicklung der Stellen, Budgets und Drittmittelprojekte an informationswissenschaftlichen Lehrstühlen liegen keine Informationen vor. Die Vermutung liegt aber nahe, dass diese vom Prozess überproportionaler Kürzungen in der Informationswissenschaft nicht ausgeschlossen ist.

 

Die Angst geht um, dass sich dieser Prozess fortsetzen wird, an dessen Ende die deutschsprachige Informationswissenschaft nicht mehr besteht. Verbleibende Restbestände wie „Suchmaschinen“ und „Soziale Medien“ und „(Diverse) Fragen der Informationsgesellschaft“ gehören nicht zwangsläufig den Informationswissenschaften an und ließen sich anderen Disziplinen zuschlagen.

 

Open Password hat an anderer Stelle dargestellt, dass der bevorstehende Abwicklungsbeschluss zu einer Mobilisierung ohnegleichen geführt hat – der deutschsprachigen Informationswissenschaft und darüber hinaus. Wir haben uns an dieser Mobilisierung beteiligt und heißen sie nach wie vor uneingeschränkt gut. Die Diskussion über diesen Erfolg wäre aber nicht vollständig und wir kämen zu keinem realistischen Gesamtbild, wenn wir nicht auch ihre Grenzen zur Kenntnis nähmen.

 

Die Mobilisierung hatte eine entscheidende intellektuelle Schwachstelle: Die gesamte Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft wurde nicht thematisiert.

 

Schwachstellen der Mobilisierung. Es gab auch Schwachstellen der Mobilisierung, beispielsweise taktische:

 

  • Die Mobilisierung setzte zu spät ein, nämlich als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war.
  • Sie erfolgte punktuell und fasste die schwierige Gesamtlage der deutschsprachigen Informationswissenschaft nicht in den Blick.
  • Es gab Tendenzen, die Mobilisierung auf inneruniversitäre und inner-informationswissenschaftliche Zusammenhänge zu beschränken.
  • Insbesondere die Politik und die Ministerialverwaltungen scheinen nicht in die Mobilisierung einbezogen worden zu sein, obgleich letztlich sie es sind, die die Entscheidungen fällen.
  • Nun, da der aktuelle Anlass ausgedient hat, besteht die Gefahr, dass der Protest pro Düsseldorf zusammenklappt, obgleich die endgültige Entscheidung, ob die Düsseldorfer Informationswissenschaft abgewickelt wird, aussteht.
  • Es ist vergleichsweise leicht, einen Protest zu organisieren, wenn ein Abwicklungsbeschluss von Disziplinfremden kommt und eine dritte Seite zahlen soll. Da würde es wesentlich schwieriger, wenn sich Informationswissenschaftler untereinander über Kürzungen verständigen oder sich auf einen gemeinsamen Bezugsrahmen einigen sollten.

 

Kommen wir zu den Inhalten. Soweit ich die Stellungnahmen pro Düsseldorf gelesen habe, wurde das Verhalten der Befürworter des Abwicklungsbeschlusses politökonomisch erklärt: So soll bei anstehenden Kürzungsrunden vor allem die Informationswissenschaft abgewickelt werden, weil sie nur über eine kleine Zahl an Truppen verfügt (in Düsseldorf nur ein Hochschullehrer – Professor, der bald vor seiner Pensionierung steht – kaum Befürworter, die einen selbst in Schwierigkeiten bringen könnten). Die Annahme eines opportunistischen Kalküls liegt in der Tat nahe, da Argumente für den Dekan und die Kollegen an der Philosophischen Fakultät keine Rolle spielten. In ähnlich gelagerten Fällen – man denke an die seinerzeitigen Entwicklungen an der FH Potsdam – war das ähnlich.

 

Anders als die Befürworter verfügten die Gegner des Abwicklungsbeschlusses über Argumente. Diese folgten zwei Linien: Die besonderen Verdienste der Düsseldorfer Informationswissenschaft wurden hervorgehoben – unter anderem von Open Password. Bedeutung und Notwendigkeit der Informationswissenschaft wurden mit den Bereichen begründet, die diese Disziplin abdeckt oder abdecken soll, beispielsweise die „Digitalisierung“.

 

Damit wird die intellektuelle Schwachstelle der Argumentationen pro Düsseldorf deutlich: Die der deutschsprachigen Informationswissenschaften übertragenen „Aufträge“ oder die von ihnen beanspruchten Untersuchungsbereiche wurden mit ihrer „Auftragserfüllung“ (Ausnahme: die Düsseldorfer Informationswissenschaft) in eins gesetzt.

 

Wer weiß, vielleicht wären auch die Fakultätskollegen von Prof. Stock mit einer differenzierteren Sicht in die entscheidende Abstimmung gegangen, wenn die deutschsprachige Informationswissenschaft seit längerem nachgewiesen hätte, dass sie nicht nur interessante Themenfelder besetzt hält, sondern in diesen Bereichen auch über eindeutige Vorteile im Vergleich zu Nachbardisziplinen verfügt und darüber hinaus Exzellentes leistet.

 

Drei Anregungen, um den institutionellen Niedergang aufzuhalten

 

Ich glaube, dass sich der institutionelle Niedergang der Informationswissenschaften nur aufhalten lässt,

 

  • wenn sich andere Disziplinen, die politischen Stakeholder und die breite Öffentlichkeit überhaupt ein Bild von der Informationswissenschaft machen können (derzeit gibt es ein solches Bild in der Öffentlichkeit nicht);
  • wenn sich die Informationswissenschaftler dauerhaft um eine positive Außenwirkung bemühen (nicht als PR-Büro, sondern in einem aufeinander bezogenen kritischen Diskurs, der auch für andere Disziplinen und für Nicht-Wissenschaftler relevant und verständlich ist) und
  • wenn sich als Voraussetzung dafür die Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft verbessert.

 

Auch wenn diese Anforderungen erfüllt würden, bliebe der Weg, den die deutschsprachige Informationswissenschaft in den kommenden Jahren zurückzulegen hat, steinig genug: Das politökonomische Entscheidungsmodell oder Entscheidungen nach dem St.-Florians-Prinzip haben sich weitgehend in der Hochschulpolitik durchgesetzt. Die Wissenschaftsverwaltungen stark haushaltsbelasteter Landesregierungen (wie die von Nordrhein-Westfalen) dürften ihren Sparkurs fortsetzen und zu neuen Abwicklungen auffordern. Währenddessen würden die „Truppen der Informationswissenschaft“ nur allmählich und begrenzt zunehmen.

 

Andererseits sehe ich zu den genannten Anforderungen keine Alternative, wenn die deutschsprachige Informationswissenschaft auf Dauer überleben will.

 

Was tun? Dazu drei Anregungen verbunden mit der Einladung, in eine Erörterung zu der bisherigen Performance der deutschsprachigen Informationswissenschaft einzutreten, die nach dem Selbstbild der Wissenschaftsgemeinschaft ohnehin vorgesehen ist:

 

  1. Eine vergleichsweise positive Bilanz für die deutschsprachige Informationswissenschaft (und benachbarter Studiengänge) lässt sich im Bereich           der Lehre ziehen. Darauf ließe sich bei Verbesserungen aufbauen.

 

Zwar liegen nur wenige Verbleibsstudien und zusätzlich weitere anekdotische meistens lehrstuhlbezogene Materialien vor. Es scheint aber so, als ob alle Absolventen unterkämen. Auch scheinen diese angesichts der Vielfalt der ihnen zugewiesenen Aufgabenbereiche ziemlich universal einsetzbar zu sein. Es liegen Beispiele einiger Professoren vor, die sich aktiv um den künftigen Verbleib ihrer Studierenden kümmern, beispielsweise über die Vermittlung von Praktika oder indem sie kontinuierlich Gespräche mit potenziellen Arbeitgebern über ihre Anforderungen an Absolventen führen – ohne dass darüber die notwendige Distanz zwischen Wissenschaftlern und Unternehmen und die notwendige Spannung zwischen den Inhalten von Studiengängen und den Anforderungen der Arbeitgeber verloren gehen muss.

 

Wenn man eine Orientierung informationswissenschaftlicher Studiengänge an die Anforderungen der Arbeitgeber (nicht ihre Befolgung) für notwendig hält, sollte man sich nicht allein auf die individuellen Präferenzen der Hochschullehrer verlassen. Hier wäre ein höherer Verbindlichkeitsgrad wünschenswert. Rundum positive Ergebnisse in den Verbleibsstudien sind die beste Begründung, um die Notwendigkeit informationswissenschaftlicher Studiengänge vor Stakeholdern und in der breiten Öffentlichkeit nachzuweisen. Zudem können Verbleibsstudien wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklung von Studiengängen geben.

 

  1. Die Informationswissenschaft sollte sich auf einen gemeinsamen Bezugsrahmen verständigen. Ein geeigneter Bezugsrahmen lässt sich entwickeln, wenn man von            dem Grundbegriff der „Praxisrelevanz“ ausgeht.

 

Derzeit verfügt die Informationswissenschaft über keine Theorie und noch nicht einmal über einen Bezugsrahmen, die eine zwingende Ableitung von Forschungsthemen und wissenschaftlichen Fortschritt im Sinne aufeinander aufbauender Forschungsergebnisse erlaubten. Unter dem Grundbegriff der Information wird zudem alles und jedes verstanden.

 

Wohl wählten sich die Informationswissenschaftler teilweise ähnliche Untersuchungsbereiche aus. Diese sind historisch, aus einer systematischen Sicht eher zufällig gewachsen. Das machte zum Zeitpunkt ihrer Entstehung Sinn, weil diese Forschungsbereiche einen Beitrag leisteten, die beruflichen Chancen der Studierenden zu verbessern. Allerdings blieb der Disziplin eine große Heterogenität eigen, was zu einem geringen inneren Zusammenhalt geführt hat. Das wird an dem geringen Grad wechselseitiger Zitationen, am geringen Niveau gemeinsamer Aktivitäten und an Schwächen der Qualitätskontrolle sichtbar.

 

Ich habe die Proceedings dreier ISI-Tagungen gelesen und in der Mehrzahl der Beiträge aller Tagungen bedeutende Schwächen festgestellt. Als ich diese Ergebnisse veröffentlichte, gab es keine Widerrede, wohl aber einige positive Stimmen. Wie mehrere Teilnehmer der ISI-Tagung in Zadar 2015 mitteilten, war es um die durchschnittliche Qualität der Beiträge dieser Tagung nicht besser bestellt. Anscheinend hatte niemand geglaubt, jemand würde die Tagungsbände wirklich lesen. Noch war jemals daran gedacht, die einzige gemeinsame „Leistungsschau“ der deutschsprachigen Informationswissenschaft für die Außenwerbung zu verwenden. Noch hatten sich die meisten entscheidenden Multiplikatoren der Disziplin persönlich dieser „Leistungsschau“ gestellt.

 

Die in einem bedeutenden Maße bestehende Beliebigkeit und Irrelevanz der deutschsprachigen Informationswissenschaft ließe sich eliminieren, wenn sie sich um den Begriff der „Praxisrelevanz“ scharte. Um hier auf einen Einwand einzugehen, der mir gegenüber mehrfach in persönlichen Gesprächen erhoben worden ist: „Praxisrelevanz“ bedeutet nicht, Wissenschaftlichkeit aufzugeben und Unternehmen und weiteren Interessenten nach dem Mund zu reden. Man kann beides haben, sauberes wissenschaftliches Arbeiten und die Orientierung an die Herausforderungen für Praxisgruppen. Man muss nur die durchschnittliche Qualität des Outputs der Disziplin anheben.

 

  1. Praxisrelevanz, was bedeutet das für eine wenig theoriegeleitete Disziplin? Eine wichtige Möglichkeit unter anderen bestünde darin, sich der aktuellen und      künftigen Herausforderungen für Information Professionals anzunehmen.

 

Es gibt sicherlich Fragestellungen und viel versprechende Zielgruppen für Informationswissenschaftler, die nicht die Information Professionals betreffen. Aber eine wichtige Zielgruppe sollten sie schon sein:

 

  • Es bestehen bereits wichtige Zusammenhänge zwischen Informationswissenschaft und Information Professionals – insbesondere über den Arbeitsmarkt. Informationswissenschaftlicher haben immer wieder Beiträge geschrieben, die für Information Professionals wichtig sind. Es bestehen mannigfache persönliche Kontakte, so dass sich auf Bestehendem aufbauen ließe.

 

  • Bei den Information Professionals handelt es sich, wenn es um ihre zentralen Sorgen geht, um eine weitgehend von der Informationswissenschaft und auch von anderen Disziplinen unversorgten Gruppe.

 

  • Eine Beschäftigung mit den Herausforderungen für Information Professionals führt zu frühen Erkenntnissen allgemeiner Trends und zur Entdeckung von Zusammenhängen in Informationswirtschaft und Informationsgesellschaft, auf die die anderen Disziplinen weniger leicht kommen. Damit verbunden entstehen Chancen, neue viel versprechende Forschungsbereiche als erste zu entdecken und sich dort vor anderen zu positionieren.

 

Dass die Informationswissenschaft die Herausforderungen für Information Professionals nahezu systematisch vernachlässigt hat, lässt sich auch an einer „Shortlist“ viel versprechender Forschungsfragestellungen erkennen:

 

  • Wandel der Anforderungsprofile und Konsequenzen für Aus- und Weiterbildung
  • Survival Strategies und Erfolgsfaktoren für innerbetriebliche Informationszentren
  • Kernkompetenzen und Expansionmöglichkeiten in benachbarte Geschäftsbereiche
  • Chancen und Erfordernisse eines innerbetrieblichen und Branchenmarketing
  • Optimierung des Spannungsfeldes zwischen Informationsanbietern und Informationsnutzern
  • Die Märkte für Informationsvermittlung und -analysen.

 

Selbstverständlich käme es auch bei diesen Fragestellungen auf die Qualität der Beiträge an. Hier müsste die Informationswissenschaft, wenn sie über die Praxis schreibt, ihre aus Fachinformationszeiten überkommene Tradition aufgeben, lediglich die „Stimme der Herrschenden und Zuwendungsempfänger“ zu sein und ein ergänzendes kritisches Potenzial aufbauen und nutzen.

Die Password Nachrichten erscheinen kostenlos und werden als E-Mail Pushdienst bereits per E-Mail an mehr als 1.000 Empfänger in der Informationsbranche gesendet. Die Nachrichten erscheinen auf der Webseite immer mit einer zeitlichen Verzögerung. Registrieren Sie sich jetzt für den kostenlosen Pushdienst!

Jetzt für den kostenfreien Push-Dienst registrieren

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


Rafael Ball zum Zweiten: Die Schweizer Bibliothekswelt im Aufruhr

Nach einem weiteren Interview mit Rafael Ball im Schweizer Rundfunk ist die Zahl der Stellungnahmen in den Sozialen Medien in Deutschlands, Österreich sowie der Schweiz und in den gedruckten Medien der Schweiz abermals schlagartig angeschwollen.

Von Stephan Holländer

Am Donnerstag letzter Woche wurde Rafael Ball im Schweizer Rundfunk zu seinem Interview in der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag erneut befragt (http://www.srf.ch/sendungen/kultur-kompakt/macht-das-internet-buecher-ueberfluessig). In der ihm eigenen Art bekräftigte Ball seine im Zeitungsinterview gemachten Aussagen, ohne Wenn und Aber.

Geliefert wird, was der Nutzer bestellt

Einen Tag später erschien in der Freitagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung eine Entgegnung von Prof. Michael Hagner an der ETH (http://www.nzz.ch/feuilleton/ueber-eine-zukunftsvision-die-ein-horrorszenario-sein-koennte-1.18693786).  Er wies darauf hin, dass die wissenschaftlichen Bibliotheken die Aufgabe haben, die Wissenschaftler und Forscher als Informationsdienstleister durch den digitalen Informationsdschungel zu begleiten. Professor Hagner mahnt, wenn er im Artikel schreibt: „Ein Bibliothekar, der die Forderung aufstellt, man solle endlich die Hemmungen vor elektronischen Büchern überwinden, und der darüber hinaus Bibliotheken zu quasi bücherfreien Zonen erklärt, hat nicht nur seinen Beruf verfehlt, er mischt sich auch in Forschungspraktiken ein, die ihn gar nichts angehen.“

Die Botschafter des Kollektivs

Als ließe das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, schob die NZZ am Sonntag gleich einen Beitrag der beiden Bibliotheksdirektoren Claus Ceynowa und Andreas Degkwitz nach, die sich in ironisierender Weise die im Interview gemachten Sentenzen Balls angenommen haben (NZZ am Sonntag vom 14. Februar, Seite 24). Sie schlagen vor, Rafael Ball beim Wort zu nehmen, die ETH Bibliothek von allen gedruckten Medien und ihrer Infrastruktur frei zu räumen. Die frei gewordene Fläche soll als Lern- und Kommunikationszentrum umgestaltet werden. Die Mitarbeiter der ETH-Bibliothek seien für die Zeit des Experiments zu suspendieren. Die so eingesparten Mittel sollen den ETH-Informatikdiensten zugewiesen werden. Überdies sollen alle netzbasierten Dienste der ETH gekappt werden, um allfälliges „Wildern“ bei anderen Bibliotheken zu verhindern, denn nach der Überzeugung Balls sind alle Informationen im Netz frei verfügbar. Die Autoren stellen sich für die Evaluation des Experiments unentgeltlich zur Verfügung. Nun Scherz, Satire, Ironie und ihre tiefere Bedeutung in Ehren, aber das geht am Kern der Sache vorbei. Der Chronist merkt an, dass die ETH-Bibliothek nicht (nur) Rafael Ball ist. Warum muss denn die Bibliothek als Institution in diesen Disput mit einbezogen werden?

Viel schöner als man glaubt

Eines lassen die beiden Direktoren in ihrem Beitrag beiseite: Zum Zeitpunkt der Niederschrift ihres Artikels kündigte die britische Tageszeitung „Independent“ als erste europäisch bekannte Tageszeitung an, künftig nur noch digital zu erscheinen (http://www.independent.co.uk/news/media/press/the-independent-becomes-the-first-national-newspaper-to-embrace-a-global-digital-only-future-a6869736.html).

Blättert man zwei Seiten in der NZZ-Sonntagsausgabe weiter, so findet man die Stellungnahmen nicht nur des Verbandspräsidenten der Bibliothek Information Schweiz (BIS), Herbert Staub, sondern auch der Direktorin Susanna Bliggensdorfer der nahe gelegenen Zentralbibliothek Zürich, die der Universität Zürich zugewandt ist, und von Marie-Christine Doffey, Direktorin der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern, um nur die Spitzen des Schweizer Bibliothekwesens zu nennen. Fast völliges Schweigen herrschte hingegen in den Reihen der Informationswissenschaftler an den beiden Fachhochschulen Chur und Genf. Rudolf Mumenthaler äußert sich auf seinem eigenen Blog (http://ruedimumenthaler.ch/2016/02/15/bibliotheken-und-digitaler-wandel-skizze-fur-ein-forschungsprogramm/), und Michel Gorin in seiner Eigenschaft als Leiter der Arbeitsgruppe Berufsethik erinnert an den Ethikkodex des BIS für Bibliothekare und Informationsfachleute.  Ferner äußern sich weitere Gruppierungen der Bibliothekswelt wie die Bibliothekskommission des Kantons Bern und die Genfer Ortsgruppe der Bibliothekare und in Informationswissenschaften diplomierte Fachleute (AGBD). Bei der Lektüre der Stellungnahmen auf SwissLib, dem führenden Sozial Medium der Branche in der Schweiz, fallen die Wiederholungen der Argumente in den verschiedenen Stellungnahmen auf.

Auch in den Nachbarländern Deutschland und Österreich wird der Faden des Interviews Balls aufgenommen. So äußert sich Werner Schlacher für den österreichischen Bibliotheksverband (VÖB) auf dem Blog des Verbandes (http://www.univie.ac.at/voeb/blog/?p=39451). Eine nur vermeintlich originelle informationswissenschaftliche Schleife fährt Ben Kaden in Deutschland auf Libreas (https://libreas.wordpress.com/2016/02/11/rafael-ball-bibliotheken/). Ben Kaden gräbt alte Artikel von Rafael Ball aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus den neunziger Jahren aus, um die Wurzeln der Beweggründe für die heutigen Ansichten des Publizisten und Autors Ball freizulegen. Der Chronist möchte hier Ball das "Recht auf Vergessen" zugestehen, wie es nun auch Google nach einem NZZ-Bericht  in der EU anwendet - dies gleichfalls eine wichtige Entwicklung: Wenn Google das "Recht auf Vergessen" nicht mehr auf seine nationalstaatlichen Dienste beschränkt, sondern auf Nutzer aus der EU ausweitet, die in Google.com recherchieren, so kommt es damit einer alten Forderung etwa der deutschen Datenschützer nach.

Den Topf am Kochen halten

An dieses Motto der Heilsarmee bei ihren Spendensammlungen fühlt man sich erinnert, wenn die NZZ-Redaktion in ihrer heutigen Ausgabe erstmals selbst zum Interview von Ball Stellung bezieht (.http://www.nzz.ch/schweiz/verfruehter-abgesang-1.18695878). Marc Tribelhorn sieht in den Aussagen Balls ein verfrühtes Läuten des Totenglöckleins der heutigen Bibliotheken mit ihrer Bücherausleihe. Ganz im Stil des Hauses belegt er dies nicht mit eigenen inhaltlichen Aussagen, sondern zitiert die Speerspitze des Schweizer Bibliothekswesens aus Verband, wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken sowie der Wissenschaft. Zudem greift er auf zugegebenermassen unvollständiges Zahlenmaterial des Schweizerischen Bundesamt für Statistik zurück. Tribelhorn kann es sich aber nicht verkneifen, die abgedroschenen Klischees über Bibliothekare als „vermeintlich dick bebrillte, biedere Bücherwürmer" in Seitensätzen aufzuwärmen. Pikant ist die Aussage des Journalisten, Rafael Ball als „Nörgler“ abzuqualifizieren bei gleichzeitigem Verweis auf die Funktion Balls als „Vorsteher der renommierten Bibliothek der ETH Zürich“. Hier drängen sich Assoziationen zu einer grossformatigen Zeitung mit grossen Lettern und vielen Bildern auf, mit der die NZZ keinesfalls im gleichen Atemzug genannt werden möchte. Die Gebräuche der heutigen Medienindustrie nördlich des Rheins sind auch in der ansonsten betulich auf ihren guten Ruf achtenden Redaktion der führenden Schweizer Tageszeitung angekommen. Tribelhorn merkt an, dass die Digitalisierung durchaus ihre Tücken hat und nicht alles frei verfügbar im Internet zu haben sei. Trotzdem lässt er sich dann im Fazit zur undifferenzierten Aussage hinreissen: „Wer Google hat, kann sich vermeintlich den Weg in die Bibliothek sparen.“ Können schon, aber nicht unbedingt wollen, wie die Nutzerzahlen der Schweizer Bibliotheken belegen, die gleichfalls in dem Artikel erwähnt werden.

Relevantere Themen nicht aus den Augen verlieren!

Bei aller Aufregung in den Sozialen Medien sollten wichtigere Themen für die Schweizer Bibliotheken nicht aus den Augen verloren werden. Zu Recht rufen die beiden Schweizer Bibliotheksverbände zu einer Stellungnahme über die anstehende Novellierung des Schweizer Urheberrechts auf. Da sollte der Blick weiter als die sogenannte Bibliothekstantieme gehen, die aus der Sicht der Bibliotheken die vielleicht augenfälligste Veränderung am bestehenden Urheberrecht darstellt. Gerade die weiteren Artikel, die sich mit der Digitalisierung unserer Informationswelt befassen, müssen einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Auf der politischen Agenda stehen auch die Regierungsvorlagen zu Bildung und Wissenschaft, die noch in beiden Parlamentskammern beraten werden müssen. Auch hier steht wesentlich mehr auf dem Spiel als die Aussagen in Balls Interview aus der NZZ am Sonntag.


GENIOS Newsletter vom 28.01.2016: Mit spannenden Terminen ins neue Jahr

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir starten gleich mit einer Reihe von Terminen ins neue Jahr. Der alle drei Jahre stattfindende Bibliothekskongress in Leipzig steht vor der Tür, zu dem wir Sie ganz herzlich einladen. Außerdem können Sie sich ab sofort online für das GENIOS Seminar im April anmelden. Mehr dazu im heutigen Newsletter. Viel Spaß beim Lesen!

Unsere Themen heute:

  • Save the Date: Bibliothekskongress im März
  • GENIOS Seminar: Termine im April
  • Neue eBooks: 80 neue Titel und Neuauflagen – jetzt online!
  • Datenbank im Fokus: Progressive Digital Media Deals
  • Datenbankänderungen

 

Mit freundlichen Grüßen aus München
Ihr GENIOS-Team


Rafaell Ball: Blick aus Deutschland

Die Überlebenskrise der Bibliotheken
verlangt konkretere Antworten

Von Willi Bredemeier

Soweit so gut. Aber was bedeutet die Bibliothek als Informations- und Kommunikationszentrum konkret?

Die Reaktionen in Deutschland sind kaum weniger heftiger als die in der Schweiz ausgefallen. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Schweizer auch in den Sozialen Medien und Chatlisten hierzulande aktiv sind und ihre deutschen Kollegen beeinflussen. Eine der heftigeren Reaktionen kam denn auch von Christian Gutknecht in InetBib:

Guten Tag,

Hier ein weiterer total unqualifizierter Kommentar von Ball:http://www.researchinformation.info/news/news_story.php?news_id=2077Es ist einfach nur peinlich realitätsfremd und dem Amt als ETH-Bibliotheksdirektor unwürdig, die heutige Situation als „established, reliable and sustainable“ zu bezeichnen und sich gleichzeitig als „begnadeter Vordenker“ (https://dl.dropboxusercontent.com/u/13689512/begnadeter%20Vordenker.pdf) zu ernennen. Liebe Regensburger, kann man euch irgendwie ein Angebot machen, dass ihr den Ball wieder zurücknehmt? Ich bin gerne bereit eine Crowdfunding-Kampagne zu starten. 

freundliche Grüsse Christian Gutknecht 

Zum anderen befinden sich die deutschen Bibliotheken im Überlebenskampf und geht insbesondere die Zahl der kleinen Bibliotheken von Jahr zu Jahr dramatisch zurück. Da muss vielen das Statement ihres Ex-Regensburger-Kollegen als total unsolidarisch und als Dienstleistung für die Politiker, die Bibliotheksetats kürzen, vorkommen. Umgekehrt könnte Ball antworten, dass eine vorwiegend defensive Diskussion den Bibliothekaren wenig gebracht hat.

Auch wenn Ball recht hat, offensichtlich besteht ein innerbibliothekarischer Diskussions- und mit Blick auf die breite Öffentlichkeit weitgehender Vermittlungsbedarf. (Information Professionals können allerdings von dem Image der Bibliotheken, das als Hort der Kultur tief im Bewusstsein der Bürger eingeprägt ist, nur träumen.) Was tun? ·

– „Informations- und Kommunikationszentrum“ ist ein viel zu allgemeiner Begriff, als sich daraus geeignete Konsequenzen ableiten ließen. Wie brauchen einen geeigneteren Bezugsrahmen, um viel versprechende Wege aufzuzeigen, wie Bibliotheken überleben können. ·

– Es gibt ja die bibliothekarischen Leuchttürme, die täglich ihre Success Stories schreiben. Diese müssen wir unter den Bibliothekaren und vor allem in der breiten Öffentlichkeit verbreiten, statt den Bedürfnissen der Medien nach einer weitgehenden Entdifferenzierung entgegenzukommen. ·

– Teil eines geeigneten Bezugsrahmens für die Überlebensdiskussion könnte auch die folgende These sein: Es gibt nicht die eine Lösung für die Bibliothekskrise. Bibliotheken müssen so heterogen werden, wie es ihre Kundengruppen sind. Soweit in diesen Communities eine zumindest potenzielle Nachfrage nach personalisierten Dienstleistungen besteht und Bibliotheken diese liefern können, müssen sie um ihre Zukunft nicht fürchten.

„Open Password“ will im Rahmen dieser Ansätze einen Beitrag leisten. Auch Ihre Meinung ist willkommen. Schreiben Sie uns!

Keinen Beitrag mehr verpassen - kostenfreier Pushdienst

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


Rafael Ball: Ein Insider-Blick aus der Schweiz

Zu den Turbulenzen
um den Direktor der ETH-Bibliothek

Die Bibliothek als Sammlung
von Büchern hat ausgedient

Überleben nur als Informations-
und Kommunikationszentrum
mit elektronischen Inhalten

Von Stephan Holländer

Ein Interview in einer Sonntagszeitung hat die beschauliche Sonntagsruhe einiger Bibliothekare gestört. Heftige Reaktionen in den Sozialen Medien. Sturm im Wasserglas oder berechtigte Empörung?

Rafael Ball hat in seiner Eigenschaft als Direktor der ETH-Bibliothek der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag (NZZ-So) ein Interview gegeben, in dem er in der Quintessenz sagt, dass das bisherige Konzept der Bibliotheken nicht mehr funktioniere, da jetzt das Internet da sei. Denn wer Inhalte suche, der brauche keine Bibliothek mehr (http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/bibliotheken-weg-mit-den-buechern-interview-rafael-ball-eth-ld.5093). Das Internet hat die Bibliothek als Träger der Lesekultur abgelöst, so Ball. Die Bibliothek sei ein Hort der Bücher. Einzig im Bereich der Leseförderung gesteht Rafael Ball den Bibliotheken noch eine Aufgabe zu. Bibliotheken müssen sich seiner Ansicht nach zu Informations- und Kommunikationszentren wandeln, die den Zugriff auf elektronische Inhalte ermöglichen. Für wissenschaftliche Bibliotheken sieht er die Aufgabe, Wissenschaftler bei der Publikation wissenschaftlicher Artikel zu beraten. Er sieht die Lösung in einer Digitalisierung aller gedruckten Bücher, da 80% der Bücher in wissenschaftlichen Bibliotheken sowieso nie ausgeliehen werden. So ist es in seinen Augen kein Unglück, wenn ein paar Bücher verloren gehen.

Furioser Einstand?

Dieses Interview stieß in den sozialen Medien der Branche wie «SwissLib» auf ein lebhaftes, ja heftiges Echo. Gerade aus den öffentlichen Bibliotheken kamen engagierte Entgegnungen. Dies ist dem Publizisten Ball recht, möchte er doch der Schweizer Berufsszene einen Denkanstoß liefern. Seine Aussagen sind nicht neu und wurden bereits 2013 in Buchform publiziert (Rafael Ball, Was von Bibliotheken wirklich bleibt - das Ende eines Monopols: ein Lesebuch, ISBN 978-3-934997-50-9 http://baselbern.swissbib.ch/Record/281677638)

Nur ist das nur von Wenigen in der Schweiz bisher zur Kenntnis genommen worden. In Interview in der NZZ-So tritt Ball auch nicht als Publizist, sondern als relativ neu bestallter Direktor der ETH-Bibliothek Zürich auf. Dies ist natürlich ein gefundenes Fressen für die um Auflage ringende Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, die sich im heftigen Wettbewerb mit andern Sonntagsblättern in der Schweiz befindet. Solche zugespitzten Aperçus werden gerne ins Blatt genommen. Dankbar hat auch der Schweizer Rundfunk SRF diese Steilvorlage aufgegriffen (http://www.srf.ch/sendungen/kultur-kompakt/macht-das-internet-buecher-ueberfluessig) und leiht Rafael Ball gern ein Mikrofon. Der neue Direktor der ETH-Bibliothek ist nicht unglücklich über die Reaktionen und zeigt sich froh darüber, eine Diskussion seitens eines Fachmanns dazu angestoßen zu haben.

Vieles ist gleich südlich des Rheins, aber einiges ist entscheidend anders

Was bei dem Interview wohl weniger bedacht wurde, ist die branchenpolitische Lage in der Schweiz. Das Land ringt mit den Folgen der Freigabe des Eurokurses, der die hiesige Wirtschaft mit einem Verlust von 10.000 Arbeitsplätzen in einem Jahr mächtig unter Druck gesetzt hat. Es gibt nun weniger Steuergelder zu verteilen. Im Bundesparlament kommt dieses Jahr die Bildungs- und Wissenschaftsbotschaft ins Parlament. Ein so genanntes „Stabilisierungspaket“ wird gerade ausgearbeitet. Der Bund und 18 Kantone budgetieren 2016 ein Defizit. Angesichts der steigenden Ausgaben werden Fitnessprogramme zur Dauerübung – und Steuererhöhungen wohl unvermeidlich. Für unser Nachbarland ist diese Situation wohl nichts Neues, für die Schweiz aber ein Hinweis darauf, dass die fetten Jahre vorerst vorüber sind. Viele öffentliche Bibliotheken befinden sich in Budgetdiskussionen mit ihren Trägerorganisationen, denn bei der Kultur- und Bildung wird bekanntlich zuerst gespart.

Hinter den branchenpolitischen Kulissen wird seit Ende des vergangen Jahres halblaut über einen Zusammenschluss des Verbands der öffentlichen Bibliotheken (SAB, http://www.sabclp.ch/) mit dem Dachverband der Bibliotheken (BIS, http://www.bis.ch/) nachgedacht. Viele befürworten diesen Zusammenschluss der Verbände. Jedoch lassen sich auch einige Gegenstimmen vernehmen. Sie kommen nicht zuletzt aus der französischsprachigen Westschweiz, die schon immer auf ihre kulturelle Eigenständigkeit bedacht war. Einige, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind, können dank Google Translator den Inhalt des Interviews erahnen und entsprechend pointiert Stellung nehmen. Das ist unglücklich, da hier Mythen Vorschub geleistet werden könnte. In der Zwischenzeit hat die NZZ ihr Einverständnis gegeben eine nicht autorisierte Übersetzung des Interviews in französische Sprache auf „SwissLib“ zu veröffentlichen.

Ein anderes Forum bietet sich an

Der diesjährige BIS-Kongress in Luzern (http://www.bis.ch/nc/de/news-details/article/bis-generalversammlung-und-berliner-philharmoniker.html) böte reichlich Gelegenheit, Aussagen im Interview mit den beteiligten Branchenfachleuten zu diskutieren. Die in Teilen larmoyanten Stellungnahmen bestätigen jedoch, dass die Aussagen im Interview im Kern zutreffen. Für das Interview wurde wohl nicht bedacht, dass Rafael Balls Stellungnahme in seiner Eigenschaft als Direktor der ETH-Bibliothek und damit als Vertreter einer Bundesbehörde und nicht als Publizist erfolgte. Dies dürfte zusätzlich für einige heftige Entgegnungen auf SwissLib gesorgt haben, da Balls Stellungnahme ein altes Vorurteil befeuert: Öffentliche Bibliotheken würden von ihren Kollegen aus den wissenschaftlichen Bibliotheken nicht sonderlich ernst genommen und daher sei ein Zusammenschluss der Verbände nicht opportun.


Information Professionals: Strategien gegen den fortschreitenden Bedeutungsverlust

Wie sieht die Zukunft des „Information Professionals“ aus? Findet sich der Mitarbeiter einer Research-Abteilung bald neben Märbelpickern (Kalksteinklopfer), Ameislern (Ameisenpuppensammler) und Rohrpostbeamtinnen (überwacht Rohrpostverkehr) in der kuriosen Liste vergessener Berufe, die Spiegel Online1 im Jahr 2014 auf herrliche Weise bebilderte? Muss der einst von den Unternehmen so nachgefragte, weil für strategische Entscheidungen wichtige Beruf, schon bald noch härter ums Überleben kämpfen?

Von Michael Krake, Geschäftsführer LexisNexis GmbH (Düsseldorf)

Wer beherrscht die Datenflut?

Sie denken, dass gerade im zunehmend digitalisierten Informationszeitalter und der entsprechenden Wertschöpfungskette mit Global Media und Big Data der Beruf des Researchers so richtig boomen müsste? Das wäre schön. Schließlich ist die Qualität von Recherchen angesichts der immer größer werdenden Massen verfügbarer Daten(quellen) von wesentlicher Bedeutung für strategische Entscheidungen in Unternehmen. Wer, wenn nicht der Researcher, könnte besser die wirklich relevanten von den weniger wichtigen Quellen unterscheiden, auswählen und damit die Datenflut in die richtigen Bahnen lenken?

Doch leider gilt der Prophet im eigenen Lande wenig und so hat es auch der Rechercheur im eigenen Unternehmen zunehmend schwer. Die Wertschätzung gegenüber seiner Arbeit nimmt kontinuierlich ab, Stellen in Research-Abteilungen stehen weit oben, wenn es um Einsparmaßnahmen geht.

Wie passt das alles zusammen? Warum verliert dieser Beruf an Ansehen?

Die Antwort ist lapidar, aber folgeschwer: Weil heute jeder, der etwas recherchieren will, „schnell mal ins Internet geht“ und sich die – vermeintlich richtigen und wichtigen – Informationen selbst besorgt, anstatt gefühlt lange auf validierte Ergebnisse der Rechercheabteilung zu warten, sofern es eine solche im Unternehmen (noch) gibt oder diese intern überhaupt bekannt ist. Das mag in einigen Fällen zu schnellen und vielleicht sogar zufriedenstellenden Ergebnissen führen. Als Grundlage für wichtige Unternehmensentscheidungen ist diese Art der Recherche jedoch sicher nicht geeignet. Denn das frei zugängliche Internet beinhaltet nur einen Teil der gesamten verfügbaren Informationen und die Ergebnisse der Suchmaschinen werden nach kommerziellen Kriterien gelistet.

„Umfassend informiert zu sein ist aber eine wichtige Grundlage für strategische Entscheidungen“, betont Prof. Ragna Seidler-de Alwis vom Institut für Informationswissenschaft an der Fachhochschule Köln in unserer Studie2 über die Entwicklung des Information Managements. Voraussetzung dafür ist der Zugang zu einer großen Bandbreite an Quellen mit erheblicher Informationstiefe, die über frei verfügbare Suchmaschinen nicht gegeben ist.

Wirtschaftlich denken, offensiv kommunizieren, Zusatzqualifikationen erwerben.

Das leuchtet jedem ein. Dennoch wird die schleichende Veränderung in der Art der Recherche wie auch im Berufsbild des Information Professionals von vielen Unternehmen nicht richtig wahrgenommen. Ebenso wenig die Auswirkungen auf die Qualität der Recherchen und wiederum deren Auswirkungen auf die Qualität von Entscheidungen.

Um die abnehmende Bedeutung und das Ansehen wieder zu steigern, sollten Information Professionals gegen diesen Trend ankämpfen. Ihre besten Argumente gegen die Self-Research-Mentalität sind dabei neben dem Expertenwissen auch Aufklärungsarbeit, Zuverlässigkeit und Service. Weitere Maßnahmen gegen den Bedeutungsverlust können sein:

  • Die kontinuierliche Demonstration wirtschaftlicher Denkweisen, die das Unternehmensmanagement davon überzeugt, dass Informationsdienstleistungen optimal dazu beitragen, die Unternehmensziele bestmöglich zu erreichen.
  • Offensive Kommunikation: Information Professionals müssen der Geschäftsführung gegenüber „sichtbar sein“3.
  • Koordination bei allen informatorischen Prozessen: Auswahl, Empfehlung, Einführung und Begleitung von elektronischen Lösungen aufgrund von Expertenwissen und damit Abgrenzung gegenüber der reinen Verwendung von Technik.
  • Zusatzqualifikationen: Wenn nicht ohnehin vorhanden, Weiterbildung in Bereichen wie Betriebswirtschaftslehre, IT oder Sprachen4.

Literaturnachweise

1    http://www.spiegel.de/fotostrecke/ausgestorbene-berufe-einer-musste-den-job-ja-machen-fotostrecke-105576.html 

2    http://www.lexisnexis.de/informationsmanagement/interview-seidler-de-alwis

3    Vgl. Bredemeier „Die ultimativen Herausforderungen für InfoPros: Antworten, Lösungen, direktes Mitwirken am Unternehmenserfolg.“ In: Password, Ausgabe 12/15, S. 6.

4    Vgl. dazu auch die Ausführungen in der Masterarbeit von Anna Lamparter „Kompetenzprofil von Information Professionals in Unternehmen“.

Über den Autor

Michael Krake ist seit 1998 im Reed Elsevier Konzern tätig. Nach mehreren Positionen für LexisNexis im Ausland ist der ausgewiesene Informationsexperte seit 2010 Geschäftsführer der LexisNexis GmbH. Er studierte an der Universität Bonn Nordamerikanische Regionalwissenschaften sowie in Köln Informationswissenschaften. Er ist Mitglied im American + British Chamber of Commerce.


Nachrichten - Donnerstag, den 11. Februar 2016

Password-Kommentar – Mittwoch, 10. Februar 2016

Informationswissenschaft – Informationswissenschaft Düsseldorf

Die Informationswissenschaft
nach dem Abwicklungsbeschluss in Düsseldorf:

Trauen sich die Deutschen keine
Wettbewerbsfähigkeit mehr
an den Forschungsfronten zu?

Von Amanda Schwarm

Sollten wir die Weisheit und Weitsicht des Fakultätsrates der Philosophischen Fakultät in Düsseldorf nicht bewundern und loben? Die unbegründete Schließung der Informationswissenschaft mit eindeutiger Mehrheit für den Bereich, aus dem am wenigsten Widerstand entstehen konnte, hatte den großen Vorteil, dass sie schon eine einfache informationskompetente Recherche vermied. Diese hätte gezeigt, dass es im Informationszeitalter kaum eine wichtigere Wissenschaft als die Informationswissenschaft geben kann.

Ansonsten weiß die Wissenschaftsforschung seit einem halben Jahrhundert (Derek J. De Solla Price: Little Science, Big Science 1963), dass sich die Zahl der Wissenschaftler in der Welt seit Jahrhunderten etwa alle zwanzig Jahre verdoppelt. Daraus lässt sich leicht extrapolieren, dass die Hochschulen diese Wachstumsrate in absehbarer Zeit mitmachen müssen. Natürlich wollen das viele nicht wahrhaben, die von geistiger Elite schwärmen, das ändert aber nichts an den Fakten. Nun ist ein solches Wachstum mit veralteten Lehrmethoden selbstverständlich nicht bezahlbar. Insofern hat die New York Times schon 2012 zum Jahr der Massive Open Online Courses (MOOCs) ausgerufen, so dass Studierende sozusagen weltweit in Harvard, MIT, Stanford oder Yale studieren können. Da ist es nur weitsichtig, wenn eine kleine Universität mit gesunder Selbsteinschätzung im wissenschaftlichen Wettbewerb die Segel rechtzeitig streicht und wirkliche Wissenschaft den Global Playern überlässt. In Deutschland haben ja schon mehrere Hochschulen vor dem internationalen Wissenschaftswettbewerb und insbesondere in der Informationswissenschaft kapituliert. Die Alternative wäre, die Ärmel hoch zu krempeln und Informationswissenschaft von der Pike auf bis zur modernen Knowlede Organization hart zu erarbeiten. Aber wenn man das in Deutschland gar nicht erst darf, dann erinnert das an die alte DDR. Dort mussten viele Bürger Schlange stehen, weil eine arbeitende Bevölkerung zeitweise teurer war als das Nichtstun.

Etwas fatalistisch gedacht könnte man sagen, der Beschluss in Düsseldorf ist bedeutungslos, da die Digitalisierung seit einem halben Jahrhundert voranschreitet und immer mehr Wissenschaftler in immer mehr Disziplinen über informationswissenschaftliche Themen auch dann aktiv mitreden, wenn sie gar nicht wissen, dass es um Informationswissenschaft und Informationskompetenz geht. Ein bekanntes Beispiel ist der Psychologe Prof. Dr. Dr. M. Spitzer, der mit seinem Bestseller „Digitale Demenz“ deutlich gemacht hat, wie groß die allgemeine Angst in unserer Gesellschaft vor der Digitalisierung und ihren Konsequenzen ist. Dass diese Angst weitgehend einer allgemeinen Ahnungslosigkeit über die Folgen der Digitalisierung und einem Mangel an Informationskompetenz entspringt, ist offensichtlich.

Aus dieser Ahnungslosigkeit erwächst seit etlichen Jahrzehnten der Glaube vieler Laien, seit sie das Internet für sich entdeckt haben, man brauche keine Bibliothekare mehr. Wie viel Know how gerade im Internet aus informationswissenschaftlichen Arbeiten erwachsen sind und weiter entstehen, ist meist unbekannt. So ist beispielsweise Google einst aus dem Digital Library Project in den USA hervorgegangen. Es ist also richtig, wir brauchen immer weniger deutsche Bibliothekare, wenn die entscheidenden Impulse in absehbarer Zukunft aus den USA und anderen wissenschaftlich aufstrebenden Ländern kommen.

Als sich die Informationstheorie von Shannon und Weaver nach dem zweiten Weltkrieg explosionsartig über alle wissenschaftlichen Disziplinen ausbreitete, geschah das gleiche, was E. Chargaff für die Molekularbiologie beobachtet hatte („Molecular biology is essentially the practice of biochemistry without a license.“): Immer mehr Menschen interessieren sich für ein Fachgebiet, dass sie nicht studiert haben und dessen fachliche Voraussetzungen sie sich (noch) nicht erarbeitet haben. Trotzdem arbeiteten sie sich ein und einige von ihnen mit Erfolg. Die meisten von ihnen haben aber bis heute nicht verstanden, warum uns die USA mit vielen Internetideen und insbesondere Google so weit voraus sind. Und anstatt diesen Vorsprung und die damit verbundene Abhängigkeit von den USA möglichst rasch zu beseitigen, wird ein Institut der Informationswissenschaft nach dem anderen gestrichen, und eine Zusammenarbeit deutscher Informationswissenschaftler weiter erschwert. Diese Art von Sparsamkeit ist volkswirtschaftlich sehr teuer, wie schon A. v. Harnack (1921) erkannte, als er Bibliothekswissenschaft als „Nationalökonomie des Geistes“ bezeichnete.

_____________________________________________________________________________

Wozu braucht man für einen Abwicklungsbeschluss eine Begründung, wenn man nach dem St.-Florians-Prinzip entscheiden kann?

_____________________________________________________________________________

In diesem Zusammenhang fragt man sich ernstlich, wozu eine Rektorin einen Vorschlag von einem hochrangig besetzten Fakultätsrat braucht, wenn dieser sich außerstande sieht, seinen Beschluss zu begründen. Statt dessen wird nach dem St.-Florians-Prinzip (www.password-online.de/?s=florian) derjenige Bereich ausgewählt, der sich beim Mehrheitsbeschluss mit zehn Stimmen (Schließung) gegen drei (dagegen) und zwei (Enthaltungen) am wenigsten wehren kann. Alle Professoren außer dem Betroffenen stimmten für die Schließung! Lebt diese Fakultät ihren Studierenden das wissenschaftliche Denken und Arbeiten auf diese Weise vor? Welchen Sinn haben da noch die Richtlinien der DFG zu guter wissenschaftlicher Praxis? Natürlich hört sich die Ablehnung einer guten Begründung aus Zeitmangel logisch an. Ist es aber nicht. Denn man hätte ja wirklich nur eine Recherche gebraucht, um zu sehen, dass hier ein dringend wachsender Bedarf auch bei Lehrern mit Informationskompetenz in den Schule besteht. Die Philosophen haben vor Jahren ihre Position an den Universitäten verbessern können, indem sie den Ersatz des Religionsunterrichts durch den Ethikunterricht forcierten.

Abgesehen davon, dass W. G. Stock mit seinen Mitstreiter(inne)n zum Thema „Informationskompetenz in der Schule“ ein Buch heraus gebracht hat, dass die „Informationskompetenz in Schulen“ auf dem Deutschen Bildungsserver begleitet wird, die DGI seit über zehn Jahren um diese Integration kämpft und  dies für den Bildungsplan 2016 in Baden-Württemberg nun auch gelungen ist, fragt man sich, ob diese Recherche in weiser Voraussicht absichtlich unterblieb, um keine böse Überraschung bei der Fakultätsratssitzung zu erleben. Oder es wurde hier absichtlich ein Fach zur Streichung in der Hoffnung angeboten, dass schon die Rektorin dieses Streichungsangebot ablehnen muss. Der Trick als solcher – „Zur Strafe geh ich raus und friere“ – wäre ja nicht neu.

Informationswissenschaft beschäftigt sich nicht nur mit den Grundlagen zu Information, Redundanz und Rauschen oder mit der Informationskompetenz je nach Alter, Interesse oder Funktion, sie zeigt auch die verschiedenen Ebenen von Information, Semiotik und Wissen, bis hin zur Wissenschaftsforschung auf (s. Umstätter, W.: www.b-u-b.de/pdfarchiv/Heft-BuB_10_2009.pdf#page=1&view=fit&toolbar=0&pagemode=bookmarks).

Es gibt seit einigen Jahren eine Diskussion über „Deutsch als Wissenschaftssprache“ (siehe auch E. Simon, www.passwordonline.de/cms/news/15.-januar-2016.html), bei der man sich daran erinnern sollte, welchen Aufschwung das Volk der „Dichter und Denker“ nahm, als sich Goethe, Schiller und die weiteren Klassiker vom Französischen abwandten. Das hat in der heutigen Globalisierung nichts mit Nationalismus zu tun, im Gegensatz, es würde den internationalen wissenschaftlichen Wettbewerb beflügeln – aber das gilt natürlich nicht, wenn sich Deutschland den Wettbewerb in den Search Fronts (im Sinne E. Garfields), wie der Informationswissenschaft nicht mehr zutraut. Es gibt genug Nischen, in denen man noch konkurrenzlos forschen kann, weil es ohnehin niemanden wirklich interessiert. Die hätte man aus volkswirtschaftlicher Sicht natürlich auch streichen können.

Die Password Nachrichten erscheinen kostenlos und werden als E-Mail Pushdienst bereits per E-Mail an mehr als 900 Empfänger in der Informationsbranche gesendet. Die Nachrichten erscheinen auf der Webseite immer mit einer zeitlichen Verzögerung. Registrieren Sie sich jetzt für den kostenlosen Pushdienst!

Jetzt für den kostenfreien Push-Dienst registrieren