Thomson Reuters verkauft Intellectual-Property- und Science-Informationen an Private-Equity-Unternehmen

Web of Science and Journal Citation Reports bald im Einzelverkauf?

Wissenschafts- und Patentdaten
in westlichen Ländern
auch international nicht das beste Geschäft

Thomson Reuters hat seine Geschäftsbereiche Intellectual Property und Science Informationen an die Private-Equity-Unternehmen Onex Corp. (Toronto) und Baring Private Equity Asia für 3,55 Milliarden Dollar in bar verkauft. Der Informationsanbieter, der sich damit auf seine Geschäfte mit Finanz- und Wirtschaftsinformationen zurückzieht, will 1,5 Milliarden des Erlöses dafür verwenden, Schulden zurückzuzahlen. Den Rest will er für Investitionen in die ihm verbliebenen Geschäftsfelder verwenden. Thomson Reuters wird damit fast um die Hälfte nach Umsätzen kleiner und hofft im Gegenzug auf höhere Erträge. Es wird damit gerechnet, dass die Kartelbehörden der Transaktion in wenigen Monaten zustimmen werden.

Zum Thomson Geschäftsbereich „Intellectual Property & Science“ („IP & S“) gehörte nicht nur ein umfassendes Angebot an Patent- und Wissenschaftsinformationen, sondern auch „decision suppoprt tools and services that enable the lifecycle of innovation for governments, academia, publishers and corporations to discover, protext and commercialize new ideas and brands“. Zum Portfolio gehörten Web of Science, Thompson CompuMark, Thomson Innovation, MarkMonitor, Thomson Reuters Cortellis und Thomson IP Manager. Dem Geschäftsbereich gehören 3.500 Mitarbeiter in 75 Büros in 40 Ländern an, darunter in Deutschland.

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Onex Corporation sieht sich als eine der ältesten und erfolgreichsten Private-Equity-Unternehmen, das derzeit Wertpapiere in Höhe von 23 Milliarden Dollar managed. Die Unternehmen im Besitz von Onyc kommen auf einen Jahresumsatz von 23 Milliarden Dollar und beschäftigen 145.000 Mitarbeiter. Baring Private Equity Asia wurde 1997 gegründet und sieht sich als eine der größten und etabliertesten Asset Management Unternehmen in Asien mit einem Kapital von über zehn Milliarden Dollar. Die Unternehmenszentrale mit 125 Mitarbeitern verfügt über Büros in Hong Kong, Schanghei, Mumbai, Singapur, Jakarta und Tokio. Die Unternehmen im Besitz von Baring kommen auf einen Jahresumsatz von 31 Milliarden Dollar, die von 150.000 Mitarbeitern erwirtschaftet werden.

In einer ersten Stellungnahme erklärte Baring Asia, „that IP&S is already an established leader in China and the business will prosper in more knowledge-driven economies with continued emphasis on research and development“.

Die IP&S-Mitarbeiter stehen damit vor einer Periode der Unsicherheit, da Private-Equity-Unternehmen Unternehmen nur ankaufen, um sie später teurer zu verkaufen. Zu diesem Zweck werden die angekauften Unternehmen häufig zerschlagen und die „Filetstücke“ einzeln verkauft. Für solche Verkäufe würden sich beispielsweise das Web of Science und Journal Citation Reports anbieten.

Wer kommt als Käufer infrage? Password-Partner David Worlock (London) brachte den Namen „Springer Nature“ ins Spiel.Yvonne Nobis von der Universitätsbibliothek Cambridge tweetete: „Should the academic community buy @webofscience? We need metrics to be publisher neutral.“

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Und eine weitere Frage: Wenn schon der internationale Marktführer Thomson Reuters seine Wissenschafts- und Patentinformationen verkauft, sind Wissenschaftsinformation überhaupt noch ein lohnendes Geschäft – zumindest in westlichen Ländern?

Über den Autor

Dr. Willi Bredemeier, Autor Fiction und Non-Fiction, ist seit dreißig Jahren Redakteur von Password. Derzeit stellt er Password, die Fachzeitschrift für die Informationsbranche im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Partnern auf „Open Password“ – alles elektronisch und alles kostenfrei – um, um die Information Professionals mit einer umfassenden Plattform für Information und Kommunikation zu versorgen.


Minesoft featured in official commemorative album for The Queen’s 90th Birthday

Minesoft, the London-based global Intellectual Property solutions provider, will appear in the official commemorative publication for The Queen’s 90thBirthday Celebration to take place at Windsor Castle this year.

The Queen’s 90th Birthday Celebration will take place from 12 to 15 May 2016 in Home Park, Windsor Castle, and will celebrate The Queen’s life, her dedication to the Commonwealth and international affairs, her involvement with the armed forces and her love of horses.


PatBase patent data underpins new study published in Journal of Medicinal Chemistry

A paper entitled “Big Data from Pharmaceutical Patents: A Computational Analysis of Medicinal Chemists’ Bread and Butter” has been published in the Journal of Medicinal Chemistry, authored by NextMove Software Ltd in collaboration with organic chemists at the Novartis Institutes for BioMedical Research (NIBR).


Minesoft launches new version of CiteTracker for monitoring patent citations

Global Intellectual Property information specialist Minesoft has released a new, improved version of CiteTracker, the only application on the market able to automatically track and identify newly published patent citations.

Patent citations can provide a valuable insight into competitor activity and opportunities and threats around technology areas of interest. Tracking patent citations forms an important part of an organisation’s competitive intelligence strategy and CiteTracker – launched originally at the end of 2014 – allows users to be automatically alerted to new citations of interest each week as they are added to patent documents.


Welcher Interessensverbund vertritt die Information Professionals?

Information Professionals

 

Die InfoPros im Wettbewerb
mit qualifizierten Endnutzern

und fernöstlichen Anbietern

 

Verbände als Instrument
gegen den fortschreitenden Bedeutungsverlust

 

Von Stefan Zillich, www.stz-info.de

 

In einem Beitrag des Open Password Pushdienst vom 22. Februar wurde die Frage gestellt, warum der Beruf des Rechercheurs im eigenen Unternehmen an Ansehen verliert. – Die lapidare Antwort: Weil sich jeder, der etwas recherchieren will, die Inhalte selbst über das Internet besorgt. Die Antwort ist in der Tat „lapidar“, und sie blendet wichtige Aspekte aus. 

 

Vier Beobachtungen

 

Dazu vier nüchtern beobachtete Punkte aus dem Markt für Information mit Blick auf kostenpflichtige Informationsquellen:

 

  1. In den letzten zwanzig Jahren wurde die Anwendung der Informationsquellen technisch und inhaltlich perfektioniert, d. h. auch nutzerfreundlich gestaltet.

 

  1. Die Anbieter der Premiumquellen ringen um Kunden in einem umkämpften Markt. Die Angebote werden nicht nur an die Information Professionals in den entsprechenden Abteilungen adressiert, sondern auch an die Endnutzer der Information, das sind die Fachleute, Analysten und Berater, sprich: die Kunden der Infoprofis.

 

  1. Die Kompetenz und Bereitschaft der Endnutzer ist gestiegen, gut aufbereitete Informationsangebote aus Premiumquellen selbst zu nutzen. „Mal schnell ins Internet zu gehen“ (wie im Beitrag als Antwort gegeben) wird von den Endnutzern als eher wenig effizient bewertet. Das ist allerdings auch davon abhängig, in welcher Branche sich der Endnutzer befindet.

 

  1. Die Unternehmen nutzen nach wie vor spezialisierte Information Services. Allerdings erscheinen Anbieter aus Fernost und seit geraumer Zeit auch aus Osteuropa attraktiver als lokale Angebote, weil sie preisgünstiger sind.

 

Kostengünstige Konkurrenz

 

Im Beitrag des Open Password Pushdienst wird diese Konkurrenz der Information Professionals mit den qualifizierten Endnutzern und den fernöstlichen/osteuropäischen Anbietern übersehen. - Zweifelsohne kennen die Anbieter für Premiumquellen ihre eigenen Absatzmärkte am besten. Deren Absatz von Premiumquellen findet sowohl bei den Anwendern in den klassischen Informationsvermittlungsstellen als auch direkt bei den Endnutzern in den fachlichen Abteilungen der Unternehmen statt. Und natürlich werden auch die internationalen Rechercheservices aus Indien beliefert. Diese bieten ihre Dienstleistungen gezielt auf dem europäischen Markt an.

 

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, ob die an Information Professionals adressierten gut gemeinten Tipps gegen deren fortschreitenden Bedeutungsverlust im erwähnten Beitrag überhaupt greifen können. Denn die Entscheidungen zur Fortführung der Services werden im seltensten Fall in den Informationsvermittlungsstellen selbst gefällt. Vielmehr werden diese Entscheidungen von Managern, Budgetverantwortlichen und Controllern getrieben. Wohlgemerkt: Die Unternehmen verzichten nicht auf die speziellen Informationsservices. Man lagert sie zunehmend an kostengünstigere Anbieter aus.

 

Verbände und Interessengruppen

 

Wie also erreicht man die Entscheider in den Unternehmen mit den richtigen Argumenten pro „lokal aufgestellte Informationsdienstleister“? Die auf sich gestellten Information Professionals in den Unternehmen schaffen das offenbar kaum, zumal sie womöglich in den ihnen vorgegebenen Strukturen kaum gehört werden.

 

Der Blick über den Tellerrand gibt eine mögliche Antwort: Verbände und Interessengruppen. – Diese unterstützen und beeinflussen im Interesse ihrer Teilnehmer den unternehmerischen und politischen Willensbildungsprozess und das daraus resultierende Handeln. Sie treten gezielt an die Öffentlichkeit, adressieren ihre Aussagen an relevante Ansprechpartner und beeinflussen den Meinungsbildungsprozess positiv im Sinne ihrer Teilnehmer.

 

Die Organisationen, in denen sich Information Professionals in Deutschland organisieren könnten, sind bekannt: BIB, DGI, GfWM, VDB, dbv, …  Welcher Interessenverbund in Deutschland vertritt die beruflichen Interessen der Information Professionals angesichts der geschilderten Entwicklungen? – Die Frage zielt nicht etwa auf Weiterbildungsangebote für Information Professionals oder auf wohlmeinende Tipps zur „kontinuierlichen Demonstration wirtschaftlicher Denkweisen, die das Unternehmensmanagement davon überzeugt, dass Informationsdienstleistungen optimal dazu beitragen, die Unternehmensziele bestmöglich zu erreichen“.

 

Vielmehr geht um mehr, nämlich um eine öffentlich sichtbare Darstellung der beruflichen Qualitäten und Interessen von Information Professionals. Damit verbunden: Interessenbündelung, Interessenvertretung, Aufklärung, Marketing, gezielte Ansprache. Welcher Verband informiert eine relevante Öffentlichkeit und die Entscheider in den Unternehmen über die besondere Qualität lokaler und unternehmensinterner Information Professionals?

Autor

stefan-zillich-requestDiplom-Informationswirt Stefan Zillich ist seit 1998 im Informationsgeschäft tätig und heute selbständiger Information Professional und Berater für Unternehmen und Organisationen; Workshops und Vorlesungen zu den Themen Information Handling, Recherche und Informationskompetenz

Webseite: http://www.stz-info.de/

 


#saveiws - Die Chancenlosigkeit der Studentenschaft in Düsseldorf

Michael Klems befragt Fachschaft 

Die Informationswissenschaften an der Heinrich Heine Universität werden abgewickelt. Dies meldet die Fachschaft auf Basis einer E-Mail Anfrage durch die Open Password Redaktion. Im Statement der Fachschaft stellt sich die aktuelle Situation und kommende Entwicklung in Düsseldorf wie folgt dar:

„Abwicklung: Die letzte Einschreibung für den Bachelor Infowiss war WS 15/16, diese Leute können dann bis 2020 studieren, die letzte Mastereinschreibung ist 2018 und diese Leute können dann bis 2022 studieren.“

Vier-Augen-Termin scheitert an der Rektorin

Zur Rettung der Informationswissenschaften hatten die Studierenden und Unterstützer alle Karten auf einen Termin bei der Rektorin gesetzt. Die Rektorin hatte zu diesem Termin mit der Fachschaft auf das Beisein anderer Entscheider der Uni bestanden. Die Fachschaft wünschte sich jedoch einen Vier-Augen-Termin. Um einer Absage zu entgehen, wurde die Gesprächsbereitschaft unter Teilnehmer-Auflagen wahrgenommen.

"Zweck des Gespräches war eigentlich, dass man sich unter vier Augen mit der Rektorin unterhält, aber sie selbst bestand darauf, dass noch weitere Gremienmitglieder (Studiendekan, Dekan, ..) dabei sein sollen. Warum, weiß man nicht. Da man der Gefahr aus dem Wege gehen wollte, dass die Rektorin einen zugesprochenen Termin absagt, widerspricht man ihr an der Stelle ungern." 

 

Dieser Termin wurde am 17.03.2016 unter Teilnahme von Rektorin Prof. Dr. Anja Steinbeck, Kanzler Dr. Martin Goch, Studiendekan Prof. Dr. Helmut Brall-Tuchel, Prodekan für Studium und Lehre Prof. Dr. Stefan Süß, Dekan der philosophischen Fakultät Prof. Dr. Ulrich Rosar, den Fachschaftsräten Denise Ruhrberg und Giulia Kirstein und den Absolventen der Informationswissenschaft: Dirk Lewandowski und Isabella Peters angesetzt.

Wo kein Geld ist

Inhaltlich scheiterten die Gespräche mit der Rektorin am Killerargument fehlender finanzieller Mittel zur Fortsetzung des Studienganges. Die Rektorin stand dabei auf der Argumentationslinie des Dekans. Die Fachschaft hierzu im Interview:

„Man hat so gut wie die gleichen Infos bekommen wie in dem Gespräch mit dem Dekan. Sie scheinen sich vorher abgesprochen zu haben, da die Rektorin die gleichen Punkte aufgegriffen hat wie der Dekan in dem vorangegangen Gespräch.“

Unterstützer erfolglos

Auch der vorgetragene berufliche Erfolg der Absolventen konnte das Ruder in diesem Gespräch nicht mehr herumreißen. Sucht man nach Gründen für den Niedergang des Fachbereichs, so wurde neben den Finanzen der geringe Stellenwert des Studienganges in der Hochschule als Argument benannt.

„Außerdem wurde erwähnt, dass wir uns unter den Studiengängen schlecht vernetzt hätten.“

 

Im Nachgang zum Rektoratstermin war allen Beteiligten recht deutlich, dass die Rektoratssitzung am 31.03.2016 die Abwicklung des Studiengang Informationswissenschaften beschließen wird. Zwar gibt es Ansätze Inhalte des Studiengangs in andere Studiengänge einfließen zu lassen, jedoch eine eigenständige Informationswissenschaftliche Lehre wird es an der Heinrich Heine Universität zu Düsseldorf nicht mehr geben. Die Fachschaft äußert sich im Gespräch hierzu skeptisch:

„Es gibt Ideen, wie man die Studieninhalte von Informationswissenschaft erhalten kann, womit wir nicht wirklich einverstanden sind, da ein Nicht-Informationswissenschaftler die Inhalte nicht so gut rüberbringt, als ein Informationswissenschaftler. Genaue Pläne wurden nicht genannt.

Es gab Pläne, dass die Informationswissenschaft zusammen mit anderen Instituten zusammenarbeitet, aber diese Pläne sind gescheitert.“

Blickt man zurück auf die Entwicklungen seit dem Bekanntwerden im Januar 2016, so erscheinen die Studierenden und deren Unterstützer in diesen Gesprächen fast chancenlos, da diese laut Fachschaft zu spät informiert worden sind.

„Wir als Fachschaftsrat hätten nicht gewusst, wie wir dies vorzeitig verhindern können, da das Thema uns aktuell auf den Tisch gelegt wurde, als wir zur Fakultätsratssitzung geladen wurden.“

Die möglichen Folgen der Abwicklung sind bereits in der Fakultätsratssitzung geäußert worden und werden in spätestens zwei Jahren spürbar werden. Hierzu gehören Abwanderungen der Studentenschaft, Dozentenwechsel und Qualitätseinbußen in der Lehre. Die Stern der Informationswissenschaften aus Düsseldorf wird immer mehr an Helligkeit in der Szene verlieren.

 

Was bleibt in der Causa #saveiws ist der geschlossene Protest von Studierenden und zahlreichen Unterstützern aus der Informationswissenschaft und dem professionellen Umfeld.

„Die Unterstützung von unseren Studierende und den Absolventen war super. Ebenso fanden wir die hohe Anzahl der nationalen und internationalen Unterstützerschreiben beeindruckend.“

Open Password wird in weiteren Beiträgen und Kommentaren zum Beschluß in Düsseldorf berichten.

 


Was wir mit der Mobilisierung pro ZB MED erreichen sollten

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED: Eine erste Bilanz (1)

Was wir mit der Mobilisierung pro ZB MED erreichen sollten

Über den Senatsbeschluss der Leibniz Gemeinschaft
gibt es ausschließlich negative Stimmen

(W.B.) Die Mobilisierung der Bibliotheken, der Informationswissenschaften und der Informationsbranche gegen die Abwicklung der ZB MED hat sich in einem zuvor nicht gesehenen Maße entfaltet - unter anderem mit mehr als 3.000 Unterschriften unter einer Petition. Open Password hat darüber mehrere Male zeitnah berichtet. Ist es an der Zeit, zwischenzeitlich Atem zu holen und sich des Standes der Diskussion zu vergewissern?

Als Form für eine erste Bilanzierung der Diskussion zur ZB MED habe ich zwei Beiträge gewählt. Erstens die Wiedergabe eines Beitrages von Rudolf Mumenthaler (HTW Chur) auf seinem eigenen Blog.http://ruedimumenthaler.ch/2016/03/18/abwicklung-der-zbmed-beschlossen. Mumenthaler kommt nicht nur das Verdienst zu, mit seiner Petition auf change.org dem Protest gegen den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED eine Struktur gegeben zu haben. Vielmehr hat er zu einer frühen Stunde klare Worte gefunden. Sein Blog-Beitrag geht in mehreren Punkten über den Petitions-Aufruf hinaus.

Zweitens versuche ich, Implikationen der Ausführungen Mumenthalers herauszuarbeiten und den einen oder anderen Gedanken hinzuzufügen. Ganz ohne Einschränkung halte ich den Beitrag Mumenthalers für wichtig und richtig. Bei meinen Überlegungen greife ich auch auf den Podcast mit einem Interview mit Mumenthaler, geführt von Michael Klems, zurück. http://www.infobroker.de/podcast/2016/03/24/zb-med-was-nun-was-tun-herr-mumenthaler/

Ein Ergebnis der Diskussionen über den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED sollte bereits hier genannt werden: Zum Senatsbeschluss der Leibniz Gemeinschaft gibt es in der Öffentlichkeit ausschließlich negative Stimmen.

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (2)

Vorgaben der Evaluierung von 2012
konnten von vornherein nicht erfüllt werden

Wie weit darf sich eine Bewertungskommission
fälschlich instrumentalisieren lassen?

Von Rudolf Mumenthaler

Auf der Website der Leibniz-Gemeinschaft heißt es: “Diese Senatsstellungnahme dient der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) zur Überprüfung der Fördervoraussetzungen”. Meine vielleicht etwas naive Frage: kann man diese GWK noch umstimmen? Formal scheint das möglich. Dann schlage ich vor, dass wir gemeinsam die Stimme erheben und gegen den unsinnigen Entscheid protestieren. Ich bin schon mal sicher, dass der Vertreter von NRW auch gegen die Empfehlung ist. Immerhin hat man eigens ein Gesetz verabschiedet, um die Stiftungsgründung von ZB MED zu ermöglichen. Wie schätzt ihr das ein? ...

Ich war in verschiedenen Funktionen in die Arbeiten nach der Evaluierung 2012 involviert. Als Mitglied eines Expertengremiums begleitete ich den umfassenden Neuorganisations- und Strategieentwicklungsprozess. Und wie die Evaluatoren von 2015 war und bin ich beeindruckt von den erreichten Veränderungen. Eine Vorgabe des Senats konnte aber klar nicht erfüllt werden: die Ausrichtung auf Forschung, die Entwicklung einer Forschungsstrategie, die enge Zusammenarbeit mit Forschenden sowie die Mitwirkung bei studentischen wissenschaftlichen Arbeiten. ZB MED hat sich weiterhin als Bibliothek verstanden, die sich als überregionale Forschungsinfrastruktureinrichtung zu positionieren begann.

Ein Kollege aus der Schweiz meinte, dass ZB MED die Entwicklung verschlafen habe und er den Entscheid des Senats nachvollziehen könne.

Ich sehe das etwas anders: die Vorgaben waren in der kurzen Zeit nicht zu erfüllen, und die Ausrichtung auf Forschung ist eigentlich Unsinn. Die fehlende Forschungsstrategie war denn auch das Hauptargument. Die Experten haben dringenden Nachholbedarf gesehen, haben aber die Weiterführung unterstützt. Mit diesen Argumenten könnte man wohl fast alle überregional ausgerichteten Bibliotheken abwickeln.

Es war unbestritten, dass Änderungen nötig sind, und sie wurden angegangen. Aber aus einem Traktor (mir fällt gerade kein passenderes Bild ein) macht man nicht so schnell ein Rennauto. Das hätte man dem neuen Direktor ins Pflichtenheft schreiben können, wie es die Evaluatoren gefordert haben. Was man seit der letzten Evaluation an Ressourcen aus heutiger Sicht sinnlos verbraten hat (nicht nur intern, sondern auch in NRW bei der Stiftungsgründung inkl. neuem Gesetz und an der Uni bei der Ausschreibung und Beinahe-Besetzung der Professur) geht auf keine Kuhhaut. Und ich unterstelle, dass die Meinungen schon lange gemacht waren. Das hätte man auch vor vier Jahren schon sagen können.

Ich sehe auch die Rolle der Expertengruppe sehr kritisch, welche die Evaluierung vorgenommen hat. Ihre Empfehlung wurde sehr einseitig zu Lasten von ZB MED ausgelegt. Ihre Aussagen dienen nun praktisch als Rechtfertigung für den Entscheid des Senats, was ich an ihrer Stelle höchst peinlich finden würde. Diesen Schuh würde ich mir als Mitglied einer Fachcommunity also nicht anziehen wollen.

Als Beirat von ZB MED bin ich empört! Und als Mitwirkender in Projekten von ZB MED versichere ich allen Mitarbeitenden mein Mitgefühl. Wenn ich etwas für euch tun kann, lasst es mich wissen!

 

Zum Abwicklungsbeschluss
gegen die ZB MED (3)

Wie brauchen eine Mobilisierung
wie in Düsseldorf
und müssen diese länger aufrechterhalten

Einrichtungen der Informationsinfrastruktur
aus der Leibniz Gemeinschaft herauslösen!

"Die von der Leibniz Gemeinschaft verlangte
Ausrichtung auf Forschung ist Unsinn."

Von Willi Bredemeier

Zum Stand der Diskussion um den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED hier mehrere Thesen:  

(1)       Viele Unterschriften und ein paar Tweets und Beiträge reichen nicht. Wir            brauchen eine Mobilisierung, die über ihren Vorgänger "Düsseldorf"                           hinausgeht.

Die Community hat ihre Stimme in bislang ungeahnter Weise erhoben. Das war bei dem in anderen Zusammenhängen ähnlich gelagerten Fall der Abwicklung von FIZ CHEMIE Berlin anders, auch weil die Sozialen Medien noch nicht so stark waren. Allerdings gab es für die laufende Mobilisierung einen aktuellen Vorläufer, nämlich die Mobilisierung der Informationswissenschaft und teilweise der Informationsbranche gegen den drohenden Beschluss zur Abwicklung der Informationswissenschaft an der Universität Düsseldorf. Die Düsseldorfer Mobilisierung war zum guten Teil auch inhaltlich stark, weil mit Argumenten gearbeitet wurde und viele, die ihre Stimme erhoben, sahen, dass es nicht reichte, den Studierenden und Mitarbeitern das eigene Mitgefühl zu versichern.

Allerdings wurde in der Kampagne pro Düsseldorf aus meiner Sicht der Fehler begangen, den Protest nach getroffenem Abwicklungsbeschluss (zunächst der Abteilung, nicht des Rektorates) zusammenbrechen zu lassen. Zumindest öffentlich wurde keine Alternative zur Rettung der Informationswissenschaft außerhalb der Philosophischen Fakultät aufgezeigt. Eine solche Alternative hätte womöglich in einer Anbindung der Informationswissenschaft an die Innovations-Initiative der Düsseldorfer Rektorin bestanden.

Daraus folgere ich, dass im Falle der ZB MED die erreichte Mobilisierung für einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden sollte. Das müsste idealerweise solange dauern, bis die Existenz der ZB MED oder die Erfüllung ihrer Leistungen in welcher Organisationsform auch immer auf Dauer gesichert wäre. Wer meinen sollte, man müsste zwischenzeitlich aus taktischen Gründen seinen Protest unterbrechen oder ihn abbrechen, beispielsweise weil irgendwo Verhandlungen im Gange sind, der sollte sich die Praxis der Protest Professionals in unserer Gesellschaft, der Gewerkschaften, ansehen. Die Arbeiterbewegung wäre nie so weit gekommen, wenn die Gewerkschaften einen Streik unterbrochen hätten, weil Otto von Bismarck ihre Anführer zum Frühstück einlud.

Und wir sollten in engem Austausch mit der ZB MED überlegen, welche Ziele realistischerweise gemeinsam erreicht werden sollten.

(2) Wie lässt sich eine Mobilisierung über längere Zeit aufrechterhalten (I)? Das Gutachten pro ZB MED und den Senatsbeschluss contra ZB MED en detail diskutieren. 

Bewegungen können darunter leiden, dass es nicht immer Ereignisse gibt, über die man sich spontan empören kann. Auch mag den Protagonisten des Protestes - womöglich ungeachtet der Dringlichkeit des Problems, das sie lösen möchten - mit der Zeit die Lust an der Mobilisierung ausgehen. Im Falle der ZB MED kommt erschwerend hinzu, dass der Protest darin besteht, Argumente auf Twitter und über andere Medien vorzubringen. Was machen wir, wenn alle Argumente ausgetauscht sind?

Ich sehe diese Gefahr vorerst als nicht gegeben, da noch viele Themen im Zusammenhang mit der ZB MED zu bearbeiten sind. Zwar wurde in der Community wohl der Konsens hergestellt, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft mit seiner Abwicklungsempfehlung den Empfehlungen seiner eigenen Gutachter widersprochen hat. Ich habe das an den einzelnen Programmbereichen der ZB MED nachgewiesen. Aber dieser Nachweis muss mit weiteren konkreten Einzelheiten unterfüttert werden und sei dies nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft seine Entscheidung  in einem weiteren Papier oder sogar in der Öffentlichkeit zu verteidigen sucht.

Unabhängig davon, ob der Senat mit seinen eigenen Gutachtern über Kreuz liegt oder nicht, wird die Begründung seiner Entscheidung nicht den Standards gerecht, die man von Hochschullehrern und weiteren Wissenschaftlern nach den Maßstäben ihrer Community erwarten darf. Noch steht irgendwo geschrieben, dass diese zugunsten opportunistischer Kalküle geopfert werden dürfen, wenn es um hochschulpolitische oder wissenschaftspolitische Entscheidungen geht. Wohl wahr, opportunistische Kalküle herrschen auch woanders vor und Papier ist geduldig, wenn knappe Ressourcen verteilt werden müssen. Aber wir zollen den Wissenschaftlern eine hohe Reputation, da sie bei Fragen von "Wahr" und "Falsch" mit einem hohen Anspruch antreten. Dann dürfen wir auch empfindsam reagieren, wenn gerade sie vom Pfade der diskursiven Tugend abgewichen sind.

Wir sollten die Argumentationsfehler der Gutachter und vor allem des Senates sichtbar machen, um die erreichte Mobilisierung aufrechtzuerhalten und um gewappnet zu sein, sollten wir mit weiteren zweifelhaften Papieren wie den Beschluss des Leibniz-Senates geflutet werden.

 

(2)       Wie lässt sich eine Mobilisierung über längere Zeit aufrechterhalten (I)? Das    Gutachten pro ZB MED und den Senatsbeschluss contra ZB MED en detail            diskutieren?

Bewegungen können darunter leiden, dass es nicht immer Ereignisse gibt, über die man sich spontan empören kann. Auch mag den Protagonisten des Protestes - womöglich ungeachtet der Dringlichkeit des Problems, das sie lösen möchten - mit der Zeit die Lust an der Mobilisierung ausgehen. Im Falle der ZB MED kommt erschwerend hinzu, dass der Protest darin besteht, Argumente auf Twitter und über andere Medien vorzubringen. Was machen wir, wenn alle Argumente ausgetauscht sind?

Ich sehe diese Gefahr vorerst als nicht gegeben, da noch viele Themen im Zusammenhang mit der ZB MED zu bearbeiten sind. Zwar wurde in der Community wohl der Konsens hergestellt, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft mit seiner Abwicklungsempfehlung den Empfehlungen seiner eigenen Gutachter widersprochen hat. Ich habe das an den einzelnen Programmbereichen der ZB MED nachgewiesen. Aber dieser Nachweis muss mit weiteren konkreten Einzelheiten unterfüttert werden und sei dies nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Senat der Leibniz Gemeinschaft seine Entscheidung  in einem weiteren Papier oder sogar in der Öffentlichkeit zu verteidigen sucht.

Unabhängig davon, ob der Senat mit seinen eigenen Gutachtern über Kreuz liegt oder nicht, wird die Begründung seiner Entscheidung nicht den Standards gerecht, die man von Hochschullehrern und weiteren Wissenschaftlern nach den Maßstäben ihrer Community erwarten darf. Noch steht irgendwo geschrieben, dass diese zugunsten opportunistischer Kalküle geopfert werden dürfen, wenn es um hochschulpolitische oder wissenschaftspolitische Entscheidungen geht. Wohl wahr, opportunistische Kalküle herrschen auch woanders vor und Papier ist geduldig, wenn knappe Ressourcen verteilt werden müssen. Aber wir zollen den Wissenschaftlern eine hohe Reputation, da sie bei Fragen von "Wahr" und "Falsch" mit einem hohen Anspruch antreten. Dann dürfen wir auch empfindsam reagieren, wenn gerade sie vom Pfade der diskursiven Tugend abgewichen sind.

Wir sollten die Argumentationsfehler der Gutachter und vor allem des Senates sichtbar machen, um die erreichte Mobilisierung aufrechtzuerhalten und um gewappnet zu sein, sollten wir mit weiteren zweifelhaften Papieren wie den Beschluss des Leibniz-Senates geflutet werden.

(3)       Wie lässt sich eine Mobilisierung über längere Zeit aufrechterhalten? (II)         Indem wir weitere relevante Fragen behandeln, die sich nicht unmittelbar aus der Textinterpretation ergeben.

Hier verhilft uns der Blick auf Mumenthaler zu drei wichtigen Fragen:

• Stand die Abwicklung der ZB MED bereits im Jahr 2012 fest und musste die ZB MED in den Jahren danach einen sinnlosen Aufwand treiben?

• Können wir sie endlich jetzt führen, die Debatte, wozu wissenschaftliche Bibliotheken  eigentlich da sind?

• Müssten die Evaluatoren nicht, da ihre Bewertungen durch den Senat der Leibniz Gemeinschaft fehl interpretiert wurden, an die Öffentlichkeit gehen?

Hatte die ZB MED bereits im Jahr 2012 keine Überlebenschance mehr? Hatte die ZB MED bereits im Jahr 2012 keine Überlebenschance mehr? Mumenthaler führt eine wichtige Beurteilungsgröße in die Erörterungen ein, die von der Evaluierungsgruppe überhaupt nicht genannt und von dem Senat der Leibniz Gemeinschaft in der Begründung seiner Entscheidung nur als "Schutzbehauptung" der ZB MED erwähnt wird, nämlich den Zeitfaktor. Mumenthaler schreibt: "Die Vorgaben waren in der kurzen Zeit nicht zu erfüllen."

Wer je im Öffentlichen Bereich tätig gewesen ist und an einem Berufungsverfahren an einer Hochschule teilgenommen hat, der weiß, wie lange es dauert, eine komplizierte organisationsstrukturelle Reform hinzubekommen und ein Erfolg versprechendes Berufungsverfahren in die Wege zu leiten und wird die Einschätzung Mumenthalers teilen (zumal im Falle der ZB MED sogar ein Gesetz geändert werden musste). Aber erst dann, wenn die Organisationsreform und das Berufungsverfahren abgeschlossen gewesen wären, hätte es Sinn gemacht, eine Forschungsstrategie zu entwerfen.

Und das sollen ausgerechnet die Hochschullehrer im Senat der Leibniz Gemeinschaft nicht gewusst haben? Oder stand die Abwicklung der ZB MED schon im Jahre 2012 fest und wurde in den Jahren danach seitens der ZB MED ein Aufwand getrieben, der von vornherein von den Insidern als sinnlos gesehen werden musste?

Mumenthaler schreibt: "Was man seit der letzten Evaluation an Ressourcen aus heutiger Sicht sinnlos verbraten hat (nicht nur intern, sondern auch in NRW bei der Stiftungsgründung inkl. neuem Gesetz und an der Uni bei der Ausschreibung und Beinahe-Besetzung der Professur), geht auf keine Kuhhaut. Und ich unterstelle, dass die Meinungen schon lange gemacht waren. Das hätte man auch vor vier Jahren schon sagen können."

Wie kann man verlangen, dass wissenschaftliche Bibliotheken Forschungsinstitute sind? Der vielleicht wichtigste Satz von Mumenthaler lautet: "Die (von der Leibniz Gemeinschaft verlangte) Ausrichtung auf Forschung ist eigentlich Unsinn."

Hier kehren wir endlich zur These zurück, wie sie seinerzeit (wenn auch nicht ganz in dieser Schärfe) von Password vertreten wurde. Die Erörterungen dazu wurden von Password entnervt abgebrochen, weil sich außer in persönlichen semi-privaten Gesprächen keine Diskussion, allenfalls ein bleiernes Schweigen der Zuwendungsempfänger ergaben. Ich halte meine seinerzeitige Kapitulation davor im Nachhinein für einen schwerwiegenden Fehler.

Können wir sie endlich jetzt führen, die Debatte, wozu wissenschaftliche Bibliotheken eigentlich da sind?

Ist eine Kritik nicht nur den Senat, sondern auch an die Gutachter der Leibniz Gemeinschaft nötig?  Zwar hat sich die Bewertungsgruppe wie verklausuliert auch immer letztlich für die Weiterförderung der ZB MED ausgesprochen. Mumenthaler nimmt sie freilich nicht von einer Kritik aus: "Ich sehe auch die Rolle der Expertengruppe sehr kritisch, welche die Evaluierung vorgenommen hat. Ihre Empfehlung wurde sehr einseitig zu Lasten von ZB MED ausgelegt. Ihre Aussagen dienen nun praktisch als Rechtfertigung für den Entscheid des Senats, was ich an ihrer Stelle höchst peinlich finden würde. Diesen Schuh würde ich mir als Mitglied einer Fachcommunity also nicht anziehen wollen."

In der Tat: Musste die Bewertungskommission der Leibniz Gemeinschaft nicht von vornherein wissen, dass sie für die gar nicht so geheimen Zwecke des Senates anders als von ihr gemeint instrumentalisiert würde? Müsste sie nicht jetzt, da ihre Bewertungen von dem Senat der Leibniz Gemeinschaft fehl interpretiert worden sind, und sei es zum Zwecke der Wahrung der eigenen Reputation an die Öffentlichkeit gehen?

(4) Wie lässt sich eine Mobilisierung über längere Zeit aufrechterhalten? (III) Indem wir den richtigen Bezugsrahmen wählen, er uns eine Vielzahl relevanter Themen im Zusammenhang mit der ZB MED erschließt. Aus meiner Sicht muss es dabei um alle Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur in Trägerschaft der Leibniz Gemeinschaft gehen. 

Ich teile die Ansicht eines Tweets von Micky Lindlar, dass die Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur bei der Leibniz Gemeinschaft schlecht aufgehoben sind:

mlindlar@MickyLindlar: @feuerlit @ZB_MED das Ergebnis unterstreicht die Vermutung, dass Informationsinfrastruktureinrichtungen bei der WGL falsch aufgehoben sind

In der Tat: Verhielt sich die Leibniz Gemeinschaft nicht auch in anderen Fällen - von der FIZ CHEMIE Berlin bis zu anderen Einrichtungen, denen eine zweifelhafte Forschungspolitik aufgezwungen wurde - wie die Stiefmutter im Märchen, die nur ihre eigenen Kinder, die Forschungsinstitute, liebt, während ihr die Stiefkinder, die Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur, im Prestigewettbewerb mit den Max-Planck-Gesellschaften und den Fraunhofer-Gesellschaften nichts einbringen?

Hat sich die Gefahr, von der Rudolf Mumenthaler in seinem Podcast spricht, bereits realisiert, dass sich Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur nach dem forschungsimperialistichen Diktum der Leibniz Gemeinschaft entweder in ein schlechtes Forschungsinstitut verwandeln oder aber ihrem Kerngeschäft nicht mehr optimal nachkommen können?

Wahrscheinlich müssen wir nicht nur der ZB MED, sondern auch den weiteren Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur und damit dem Forschungsstandort Deutschland zu helfen versuchen. Wir haben das zu erörtern.

(5) Was kann realistischerweise mit der laufenden Mobilisierung für die ZB MED erreicht werden und wie gehen wir vor?

Sollten wir nicht den Kampf um ein positives Votum der Leibniz Gemeinschaft und der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), als von vornherein aussichtslos ausgeben, da die GWK die Empfehlungen der Leibniz Gemeinschaft praktisch immer nur abnickt? Sollen wir uns stattdessen darum bemühen, dass die ZB MED eine Einrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen wird? Oder wir fahren eine Doppelstrategie und wenden uns sowohl an die GWK (in dem das Land Nordrhein-Westfalen gleichfalls vertreten ist) als auch an das Land NRW Allerdings: Eine von drei Länder- und eine von 30 Mitgliederstimmen im Senatsausschuss "Evaluierung" der Leibniz Gemeinschaft hält NRW. Das kam im Votum des Senates jedoch nicht zum Ausdruck.

Wie auch immer, dieses Bundesland ist für die ZB MED anders als die Leibniz Gemeinschaft und womöglich die GWK kein feindliches Umfeld, vielmehr zunächst einmal ZB-MED-freundlich gestimmt und für Gespräche aufgeschlossen.

Um von der GWK und dem Land Nordrhein-Westfalen mit unseren Argumenten gehört zu werden, reichen allerdings Tweets und Unterschriften unter Petitionen nicht aus. Besonders die Multiplikatoren der Informationswissenschaft und der Informationsbranche und die Kunden von ZB MED sollten sich mit Briefen an das Sekretariat der GWK und dem Wissenschaftsministerium NW wenden und erläutern, was ihnen mit der ZB MED verloren geht.

 


Was uns der Bibliothekskongress wirklich brachte

Es lohnte sich wieder -
wegen der Gespräche unter Kollegen

"Community Deficit Fighter"
als wichtigster Arm
kommunaler Überlebenshilfe

Der 6. Bibliothekskongress in Leipzig ist vorbei. Hier eine zweite Nachlese, diesmal von Stephan Holländer.

Alle zwei Jahre Branchentreffen in Leipzig – alle zwei Jahre stellt sich im Vorfeld die Frage, lohnt es sich, den Weg unter die Räder zu nehmen oder nicht?

Vorgängig zur Buchmesse fand in Leipzig wie alle zwei Jahre der Bibliothekskongress statt. Einmal mehr zeigte sich, dass Bibliotheken den Anspruch erheben, weitaus mehr als nur Buchverleihstationen zu sein. Vielmehr bieten sie auch Sprach- und Integrationskurse an.

Dies scheint den Bibliotheken unterschiedlich gut zu gelingen. Die Städtischen Bibliotheken Leipzig haben 2015 ihr erfolgreichstes Jahr erlebt und stellen damit einen der Lichtblicke da: Mehr als eine Million Menschen kamen in die öffentlichen Bibliotheken der Stadt Leipzig und nahmen fünf Millionen Entleihungen vor. Die Online-Angebote mit E-Books und Datenbanken nutzten mehr als 3,7 Millionen Menschen. Ganz anders sieht die Situation im benachbarten Bundesland Sachsen-Anhalt aus. Vom bundesweiten Rückgang ist Sachsen-Anhalt besonders stark betroffen. Dort musste in den vergangenen zehn Jahren fast ein Drittel der öffentlich finanzierten Bibliotheken schliessen.

Amerika macht es anders.

Als Gastland traten erstmalig die USA mit ihrem Bibliotheksverband ALA auf. Die American Library Association (ALA), der älteste und mit etwa 60.000 Mitgliedern grösste Bibliotheksverband der Welt, schickte zahlreiche Mitglieder nach Leipzig. Sie kommen von der Library of Congress, der größten Bibliothek der Welt, aber auch aus vergleichsweisen kleinen Bibliotheken wie aus Talhassee in Florida. Das E-Book war zwar in Leipzig in aller Munde, aber die amerikanischen Bibliothekarinnen stellen die Frage nach der „Green Library“ in den Mittelpunkt, da sie sich zunehmend Sorgen um die Energiekosten und die Sicherheit der Energieversorgung machen. Die Bibliothek des 21. Jahrhunderts ist zu einer hochspezialisierten Hightech-Apparatur mutiert, soll aber auch kuschelweiche Komfortzone für Erwachsene und eine robuste Institution pro Integration und gegen soziale Benachteiligung sein. Das bedeutet, dass immer mehr Geräte immer mehr Strom brauchen. Da stellt sich auch die Frage, wie sich die Gesellschaft im Fall einer akuten Energiekrise den Zugang zu Informationen sichern und damit ihre Integrationsfunktion weiter wahrnehmen will.

Die ALA hat ihren neuen Strategieplan für die nächsten drei bis fünf Jahre verabschiedet. Dort finden sich als Schwerpunkte ihrer künftigen Arbeit die Themen „Advocacy“, also Rolle des Verbandes als Fürsprecher der Bibliotheken, die Beeinflussung der Politik, die Öffentlichkeitsarbeit sowie die Ausbildung von Führungsqualitäten bei ihren Mitgliedern. Ihr Präsident Sari Feldmann ist zugleich Geschäftsführer der Cuyahoga County Public Library. Diese hat verschiedenste Aufgaben übernommen, die in Deutschland auf mehrere Einrichtungen verteilt sind. Amerikas öffentliche Bibliotheken fungieren als Volkshochschulen, Kindertagesstätten, Sozialämter - und ja, man kann dort auch Bücher und Filme ausleihen.

 

Bibliotheken werden auch in Zukunft im Zentrum ihrer Communities stehen  - sei es an der Universität oder in der Forschung oder als sozialer Mittelpunkt ihrer Kommunen.

Bibliothekarinnen verstehen sich somit als „Community Deficit Fighter“. Sie sind als Kämpferin gegen das Versagen ihrer Kommune und die Unzulänglichkeiten der öffentlichen Versorgung unterwegs. Wo sich eine Lücke auftut, bemühen sich die Bibliothekarinnen, sie zu schließen. Weil beispielsweise Teile von Cleveland, der ehemaligen Industriestadt in einer anhaltenden Strukturkrise, als „Food Deserts“ gelten, in denen Kinder und Erwachsene nicht hinreichend mit frischen Lebensmitteln versorgt werden, geben Clevelands öffentliche Bibliotheken außer Büchern, Filmen und Computerspielen Mahlzeiten aus. In Cleveland wachsen 36 Prozent der Kinder in Armut auf und in manchen Stadtteilen sind mehr als fünfzig Prozent der Erwachsenen arbeitslos. Die Bibliotheken sind somit der wichtigste Arm notwendigster Überlebenshilfe geworden.

 

Sind Bibliotheken altmodische Einrichtungen, in denen die Zukunft entschieden wird?

 

Ja klar, in Leipzig wurde viel über die Zukunft der Bibliotheken gesprochen. Auch technologische Neuerungen wurden vorgestellt. So haben Wissenschaftler der TH Wildau ein System entwickelt, das den Besucher einer Bibliothek mittels Beacons zum richtigen Regal mit dem gewünschten Buch navigiert.

 

Ist dies wirklich ein Fortschritt? Hier werden aus Sicht des Schreibenden zwei Überlegungsfehler deutlich, wie sie typisch für Umbruchsituationen sind, in denen sich die Bibliotheken gerade befinden. Zum einen versucht man mit neuer Technologie bisherige Dienstleistungen in neuer Form weiterzuführen. Fragte man früher in der Auskunft, so lässt man sich heute vom Smartphone App leiten. Ob angesichts der stetigen Zunahme von E-Books eine solche Technologieanwendung notwendig bleibt?

 

Der zweite gedankliche Fehler besteht darin, dass man IT-Technologie dort einsetzt, wo es gilt, Kosten zu sparen. Diese Wirkung tritt aber wahrscheinlich nur ein, wenn die damit verbundenen Arbeitsprozesse analysiert sind und neue Arbeitsabläufe entworfen werden, die sich die neue Technologie wirklich zunutze machen und in ihr nicht nur eine Hilfestellung sehen.

 

Innovationsfähigkeit der Bibliothek als wichtiger Garant für die Zukunft

 

Was wollen die Nutzer von Bibliotheken wirklich? Wie überraschen wir Nutzer mit dem, was sie bewusst oder unbewusst suchen oder benötigen? Diese Fragen stellte Rudolf Mumenthaler von der HTW Chur in seinem Vortrag über das Innovationsmanagement der wissenschaftlichen Bibliotheken am Beispiel der Schweiz.

 

Wie erreichen wir, dass sich die Mitarbeiter die andauernde Innovation ihrer Bibliotheken auf die Fahnen schreiben? Wie können sie Dienstleistungen für ihre Nutzer noch besser, schneller, mobiler und personalisierter erbringen? Der Nutzer muss im Fokus stehen und nicht die Bibliothek als Einrichtung. Zu oft kommt vor - siehe das Beispiel der Eisenbahngesellschaften -, dass Services zugunsten einer vermeintlich höheren Rentabilität abgebaut werden. Von Marcel Proust stammt die Aussage: Die besten Entdeckungsreisen macht man nicht in fremden Ländern, sondern indem man die eigene Welt mit neuen Augen betrachtet.

 

Davon hörte man nur weniges in Leipzig und wenn doch, dann in den Gesprächen unter Kollegen beim Kaffee. Bei den Vorträgen wären eine strengere Auswahl und eine striktere Berücksichtigung des Kongressmottos nötig gewesen. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, hätte nicht das Leitmotiv sein sollen.

 

Einzelne persönliche Gespräche waren fruchtbarer als so mancher Vortrag.

 

Auch in diesem Jahr gelang den Organisatoren des Kongresses nicht, für zukunftsorientierte Themen die richtigen Saalgrössen zu reservieren. So standen die interessierten Teilnehmer bei einzelnen Veranstaltungen bis auf den Korridor, während im größten Saal vor halbleeren Sitzreihen referiert wurde. Die Eröffnungsveranstaltung lief inhaltlich und zeitlich aus dem Ruder - mit ausführlichen Begrüßungen der Honoratioren und einer Aufzählung der Verdienste der eigenen Organisation wie bei der letzten Rednerin in ihrem Festvortrag. Am Ende wurde unter den Teilnehmern mit den Füßen abgestimmt, die Sitzreihen leerten sich und der musikalische Abschluss musste aus Zeitgründen entfallen.

 

Gelohnt hat sich Leipzig wegen des Kontaktes mit den Kollegen. Nirgendwo trifft man so viele aus der Zunft aus deutschsprachigen Ländern. Sie haben Zeit und man kann viele Dinge besprechen, für die man sonst viele Telefonate und zusätzliche Reisen benötigt hätte. Persönliche Gespräche in trauter Runde unter Gleichgesinnten lassen sich nicht ersetzen –auch nicht durch Teleconferencing, Mail, Twitter und Kongress-App.

 

Dieser Beitrag erschien im Open Password Pushdienst am 29.03.2016

 


Wie die Informationswissenschaft sich selbst kannibalisiert

Anmerkungen zur Lage der Informationswissenschaft

Lieber Herr Bredemeier,

ich verfolge nun schon lange, auch Dank password-online, das ausgebrochene Entsetzen und Wehklagen der deutschen Informationswissenschaftler über die Schließung von informationswissenschaftlichen Lehrstühlen und bibliothekarischen Einrichtungen. Als selbst seit über zehn Jahren in einem Studiengang Informationswissenschaft tätiger Hochschullehrer (Darmstadt) kann ich mir über die Entwicklungen in der Informationswissenschaft vielleicht doch ein Urteil erlauben.

 

In Ihrer password-online-Ausgabe vom 23. März lassen Sie Rainer Kuhlen zu Wort kommen, der als einer der Koryphäen der deutschen Informationswissenschaft schon wieder den Vorschlag machen muss, über die Zukunft der Informationswissenschaft zu sprechen, möglichst gleich auf einer „Sondertagung“. Das macht die informationswissenschaftliche Community nun schon seit Jahren, ob bei DGI-Tagungen oder Workshops in Hildesheim, Düsseldorf, Berlin oder gar in Darmstadt. Sie sucht ihre Akzeptanz in der Scientific Community und Praxis und erntet nun die Früchte ihrer wissenschaftlichen Bedeutungslosigkeit und vor allem ihrer zum Teil fatalen realitätsfernen Wahrnehmung und Selbstüberschätzung. Eine bedauernswerte Entwicklung, die aber größtenteils selbst verschuldet wurde. Lassen Sie mich das später anhand des Darmstädter Beispiels demonstrieren.

 

Hilflose Dauerdiskussion in Halbjahresabständen zur Zukunft der Informationswissenschaft, noch ein von der Öffentlichkeit ignoriertes Symposium und wieder eine Flut von unterschiedlichen Auffassungen über die disziplinäre Ausrichtung der Informationswissenschaft, gepaart mit dem naiven Stolz, die heterogenste Wissenschaftsdisziplin oder gar die „wichtigste Wissenschaft“ (Umstätter/Schwarm) zu sein. Mit dem Darmstädter-DGI-Symposium möchte man sogar jedes Jahr über ein „ständiges Update einer Roadmap für die Informationswissenschaft“ diskutieren. Einfach nur Irrsinn. Alles das hat dieser Informationswissenschaft eher geschadet und sie in der Wissenschaftslandschaft und Praxis zu einer fast lächerlich-tragischen Figur verkommen lassen. Man scheint völlig in einer realitätsfernen Parallelwelt zu leben und wundert sich, dass die Menschen außerhalb der Informationswissenschaft die Dinge ganz anders sehen. Welche Hilflosigkeit spricht nur aus solch’ einer Einstellung und Entwicklung einer geschlossenen Gesellschaft, die auf „offen“ tut und eine nie geklärte „Informationskompetenz“ beansprucht. Ihre nun erkannte Randstellung ist leider absolut mitverschuldet und die Selbst-Kannibalisierung erfolgt auch noch dummerweise gezielt und aktiv betrieben.

 

Im oben genannten password-online vom 23.März plädiert Rainer Kuhlen für mehr „öffentliche Präsenz“ und lobt insbesondere die gute Arbeit des Kollegen Dirk Lewandowski, dessen herausvorragende wissenschaftlich fundierte und praxisbezogene Öffentlichkeitsarbeit für die Domäne „Suchmaschinen“ ich sehr schätze. Kuhlen spricht sogar von einer Verpflichtung, die Informationswissenschaft für eine breite Öffentlichkeit und Akzeptanz präsenter zu machen.

 

Wie gesagt, mit einer unendlich langweiligen Dauerdiskussion zur halbjährlichen Zukunft der Informationswissenschaft wird dies bestimmt nicht erreicht. Vor allem nicht wieder im „geschlossenen Kreis“ der Betroffenen.

 

Die von Kuhlen gewünschte vermehrte „Öffentlichkeitsarbeit“ für die Informationswissenschaft in Wissenschaft und Praxis kann z.B. nur durch eine langjährige erfolgreiche Kärrnerarbeit bezüglich der Ausbildungsqualität von Absolventen der Bachelor- und Masterstudiengänge in Informationswissenschaft und deren Qualifikation mit wettbewerbsrelevanten Alleinstellungsmerkmalen erreicht werden.

 

Hier setzt die erfolgreiche „Öffentlichkeitsarbeit“ der Verantwortlichen an. So wie Kollege Lewandowski in Hamburg oder Kollege Griesbaum in Hildesheim erfolgreich im Bereich der Suchmaschinen und des Online Marketing, so haben meine Lehrbeauftragten und ich im Studiengang Informationswissenschaft der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Darmstadt seit über zehn Jahren den Studierenden durch die informationswissenschaftliche Schwerpunktqualifikation im Suchmaschinen- bzw- Online Marketing-Segment nicht nur frühzeitig die Informationswissenschaft schmackhaft gemacht, sie mit absolut wichtigen und antizipativ berufsmarktrelevanten Qualifikationsalleinstellungsmerkmalen ausgestattet, firmenkooperative Weiterbildungen in diesem Bereich realisiert und die jungen Absolventen zu „Cracks“ und erfolgreichen Startup-GründerInnen in der Internetwirtschaft werden lassen. Wir besitzen mit dieser informationswissenschaftlich ausgerichteten Qualifikation eine absolut hochanerkannte und in den Unternehmen sehr geschätzte und nachgefragte Qualifikationsqualität, die den jungen Bachelor- und MasterabsolventInnen mit einer Vermittlungsquote von 98% alle Türen und alle Branchen öffnet. Schon 2005 erhielten Darmstädter Studierende der neuetablierten Fachrichtung Online Marketing (Teil des Schwerpunktes Wirtschaftsinformation) auf dem Newcomer-Forum den Genius Award. Durch die langjährige Mitarbeit in den wissenschaftlichen Beiräten von Interessenverbänden wie dem Informations- und Kommunikationsring der Finanzdienstleister (IK-Kreis, Frankfurt), dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) oder dem Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW, Düsseldorf) weiß man sehr genau, die Wertschätzung dieser Absolventen mit informationswissenschaftlichem Background zu verorten.

 

Zudem finden die meisten Studierenden der Informationswissenschaft, die am Anfang noch orientierungslos sind, in diesem Qualifikationsbereich ihre Interessensheimat. In den letzten zehn Jahren haben gut 60% bis 75% und mehr der Bachelor- und Masterstudierenden der Darmstädter Informationswissenschaft diesen Schwerpunkt mit Freude, Engagement und Perspektiven gewählt und sind stolz darauf, in diesem aufstrebenden Wirtschaftsbereich eine solch’ hohe externe Anerkennung und Nachfrage ihrer Qualifikation zu erhalten. Der informationswissenschaftliche Schwerpunkt des modernen Online Marketing Engineering hat also massiv zur Akzeptanz dieser informationswissenschaftlichen Ausbildung in der Öffentlichkeit beitragen. Also genau das erreicht, was Kollege Kuhlen fordert. Und vor allem wurden den jungen informationswissenschaftlichen Absolventen ein Sinn und eine Zukunft mit ihrer Ausbildung gegeben. Dutzenden von Absolventenmannschaften mit diesem informationswissenschaftlichen Schwerpunkt haben die Darmstädter Hochschule verlassen und sind sehr zufriedene, die Informationswissenschaft gut vertretende AbsolventInnen.

 

Eigentlich ein Grund zur Freude

 

Nein, sagt die Mehrheit der Dozentinnen und Dozenten des Studiengang Informationswissenschaft an der Hochschule Darmstadt. Das wollen wir nicht mehr und auch nicht in Zukunft. Diese erfolgreichste Schwerpunktrichtung der Darmstädter Informationswissenschaft „raubt“ uns die Studierenden für unsere eigenen informationswissenschaftlichen Lehrangebote. Wir wollen keine Profilierung der Qualifikationsausrichtung durch die „Online Marketing-Ausrichtung“ im Studiengang Informationswissenschaft, sondern wir wollen die jungen Studierenden zwingen, die „Breite“ des informationswissenschaftlichen Studiums, was das auch immer bedeutet, belegen zu müssen. Wenn sie dies nicht wollen, dann, Originalton, „können sie ja woanders hingehen“. Schließlich haben wir die Deutungshoheit über die Ausrichtung der Informationswissenschaft. Wir können es einfach nicht ertragen, wenn die Informationswissenschaft mit solchen Öffentlichkeitserfolgen höhere Reputation und Akzeptanz erfährt.

 

Wie erreicht man so etwas? Man wählt den diesen Schwerpunkt vertretenden Hochschullehrer als Studienkoordinator ab, man versucht ihn aus dem Studiengang Informationswissenschaft zu drängen, man kürzt die Mittel für Lehrbeauftragte, man besetzt freiwerdende Stellen eben nicht mit Dozenten aus dem am meisten nachgefragten und beliebtesten Schwerpunktgebiet und man offeriert den Bachelor- und Masterstudierenden der Darmstädter Informationswissenschaft eben ein absolut abgespecktes Lehrangebot. Wie gesagt, wenn man dies nicht akzeptiert, dann kann man ja gehen.

 

Wie man sieht: die Informationswissenschaft kannibalisiert sich selbst. Der persönlich-professorale Egoismus ist wichtiger als die Bitte von Rainer Kuhlen, mehr für die öffentliche Akzeptanz und das Erscheinungsbild der Informationswissenschaft zu tun.

 

Die Studierenden erleben also zurzeit den Wahnsinn, dass eine Schwerpunktrichtung "Online Marketing“, die informationswissenschaftlich ausgerichtet ist, ihnen Freude bereitet, die sie interessiert, die ihnen Anerkennung in Beruf und Wissenschaft bringt, die Alleinstellungsmerkmale hervorbringt und vor allem extern hoch geschätzt wird, am primitiven Neid, an der Missgunst und dem Egoismus von HochschullehrerInnen der Informationswissenschaft scheitert und weiter scheitern soll. Und diese veranstalten dann auch noch Symposien zur „Zukunft der Informationswissenschaft“ nach dem Motto: „Unser Wissen macht Zukunft“.

 

Und die DGI tagt gerne wieder in Darmstadt und nimmt hiervon wiederum keine Kenntnis.

 

Ich sehe darin eine Bankrotterklärung der Informationswissenschaft, insbesondere Darmstädter Prägung. Ein Hohn, gerade in Bezug auf die aktuelle Angst der deutschen Informationswissenschaft vor weiteren Schließungen.

 

Ist das die Antwort und Reaktion auf die bekannte und zunehmende Isolation der Informationswissenschaft? Damit geht die Informationswissenschaft schnurstracks ihren vorbezeichneten Weg ins akademische Pflegeheim.

 

Und zudem unverantwortlich gegenüber den Zukunftschancen junger informationswissenschaftlich geprägter Studierender. Die deutsche Informationswissenschaft verliert also die wichtigsten Vertreter für Ihre Öffentlichkeitsoffensive: die jungen, motivierten Studierenden.

 

Kein Wunder, dass sie dieser Informationswissenschaft enttäuscht den Rücken kehren. Sie werden als Multiplikatoren nicht gut über diese Informationswissenschaft reden. Und wie gesagt, es ist die absolute Mehrheit der Darmstädter Studierenden. Ich rede nicht von einer Minderheit.

 

Noch eine Anmerkung zum Kannibalismus. Ein weiterer Beleg für das hässliche Erscheinungsbild und die Zerrüttung der deutschen akademischen (angewandten) Informationswissenschaft ist die bevorstehende „feindliche Übernahme“ der bisherigen Weiterbildung zum wissenschaftlichen Dokumentar der FH Potsdam (Institut für Information und Dokumentation) durch die Hochschule Darmstadt. Der Stil der feindlichen Übernahme dokumentiert nachhaltig, wie hier Kollegialität und Abstimmung in der deutschen Informationswissenschaft gelebt werden. Einfach abstoßend. Man muss sich schämen, wie hier KollegInnen anderer Fakultäten und Hochschulen skrupellos aus ihren über Jahrzehnte lang aufgebauten Institutionen abserviert werden.

 

Das Erschreckendste dabei ist in allen Fällen, dass was Elie Wiesel schon immer betont hat: die Gleichgültigkeit.


Kuhlen: Ein Programm zur Rettung der Informationswissenschaft

Informationswissenschaft als
kritische Aufklärung 

 

Funktion eines gesellschaftspolitischen Watchdogs
auf gesicherter wissenschaftlicher Basis 

 

Warum nicht eine Sondertagung
zur Zukunft der Informationswissenschaft organisieren

- und das gleich?

Nicht nur Sie, sondern wohl alle Informationswissenschaftler waren immer schon, aber sind derzeit besonders besorgt um die Zukunft der Disziplin. Von "Scherbenhaufen" zu sprechen, nutzt wenig. Gefragt ist jetzt offensive Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, um den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedarf nach Informationswissenschaft plausibel zu machen. Das sollte zentrales Engagement des Hochschulverbandes Informationswissenschaft (HI) werden. 

 

Wenig hilfreich scheint mir dafür Ihre seit vielen Jahren gebetsmühlenartig vorgetragene Empfehlung zu sein, die Informationswissenchaft auf die Shannon/Weaver-Informationstheorie zu gründen und dass nur so die wissenschaftliche Zukunft der Informationswissenschaft gesichert werden könnte. Die Fachwelt hatte sich oft genug mit der Informationstheorie auseinandergesetzt und mit guten Gründen Anforderungen, wie Sie sie vertreten, zurückgewiesen.

 

Richtig ist natürlich, dass in der Informationswissenschaft empirische und konstruktiv-experimentelle Arbeit großen Anteil haben muss - so wie es z.B. Rainer Hammwöhner in Konstanz und Regensburg exemplarisch unternommen hat. Und wie auch sonst in Regensburg, Hildesheim, Düsseldorf, Berlin und an einigen Fachhochschulen geforscht wird. Da wird man den Informationswissenschaftlern in Deutschland wenig vorwerfen können. Das reicht nicht aus. Es muss in einen größeren Kontext gestellt werden.

Informationswissenschaft ist methodisch eine Mischung aus Geistes-, Sozial-/Kommunikations-, Wirtschaftswissenschaft und Informatik etc. (von mir aus auch von Informationstheorie). Keine andere Disziplin hat solche Heterogenität. Das ist das Problem, aber auch die Chance der Informationswissenschaft - nicht zuletzt auch als Brückenfach zwischen Disziplinen, in denen oft mit Blick auf Information isoliert und verkürzt gearbeitet wird. Die Chance auch, um Unheil oder unnötige Kosten in Informationssystemen und -diensten zu vermeiden, die in der Realisierung einen verkürzte, z.B. nur ökonomischen oder nur technischen Blick auf Information bzw. informationsbezogene Vorgänge hatten und nun Akzeptanzprobleme haben oder, was schlimmer ist, tatsächlichen Schaden anrichten - bis zu den Privatheitsverletzungen in den meisten Diensten des Internet.

 

Informationsarbeit ist aktive Aufklärung - Informationswissenschaft kann so etwas wie ein Watchdog sein und kann damit für die Öffentlichkeit und die Politik wichtige Beiträge leisten - nicht zuletzt - aktuell - mit Blick auf Suchmaschinen, die sozialen Medien und die durch BigData/TDM und das Internet der Dinge entstehenden Probleme. Dazu gibt es in den informationswissenschaftlichen Einrichtungen Vorleistungen. Sie müssen breiter bekannt werden - auch in den Publikationsmedien. Solche Aufklärungs-/Transparenzleistung reduziert Informationswissenschaften nicht auf eine Dienstleistungsdisziplin - die "Watchdog"-Funktion ist nur akzeptabel, wenn sie durch entsprechende wissenschaftliche Arbeit begründet ist.

 

Die Informationswissenschaft sollte bei diesen Fragen öffentlich präsent und oft auch Meinungsführer sein. Dass dies, zugegeben in einem Teilbereich, möglich ist, zeigt meine eigene auch informationsethisch begründete, urheberrechtliche wissenschaftliche und politische Tätigkeit. Auch die Anstrengungen und Erfolge von Dirk Lewandowski in Hamburg, die Problematik und Potenziale von Suchmaschinen auch in die breitere, auch politische Öffentlichkeit zu bringen, zeigen in diese Richtung. Das ist nicht Klappern, sondern Verpflichtung.

 

Die Ursache für die institutionelle Krise der Informationswissenschaft in Deutschland (ist) die zu geringe wissenschaftliche Sichtbarkeit der deutschsprachigen Informationswissenschaft (sichtbar für benachbarte Fächer, Gutachter, Förderorganisationen, Politiker, Universitätsgremien, Medien, ...) - man kann auch sagen: die zu geringe Produktivität, Qualität und Internationalität der WissenschaftlerInnen insgesamt (nicht unbedingt einzelner Personen). Das hat viele Ursachen, aber (ist) wohl entscheidend bedingt durch die viel zu dünne Personaldecke in allen informationswissenschaftliche Personaldecke in allen informationswissenschaftlichen Einrichtungen bei unverhältnismäßig großen Studierendenzahlen. Große Forschung ist bei so weniger ProfesssorInnen und so wenig personell gut ausgestatteten Forschungseinheiten kaum möglich. Mit der Lehre allein ist leider wenig zu gewinnen - nicht in Deutschland.

 

Aber Klagen helfen nicht weiter. In der Tat müssen sich die jetzt in der Informationswissenschaft Aktiven und Verantwortlichen zusammensetzen und versuchen, eine Strategie zu entwerfen (eventuell sich auch professionell beraten zu lassen) - inhaltlich wissenschaftlich und für eine große Offensive in Politik, Medien und Öffentlichkeit. Warum nicht eine große Sondertagung zur Zukunft der Informationswissenschaft organisieren? Nicht auf die nächste IS, die informationswissenschaftliche Fachtagung warten!..."

 

Hinweis: Dieser Beitrag erschien am 23.03.2016 im Open Password Pushdienst