Neue Möglichkeiten, Reputation
zu messen und zu erwerben –
allerdings auch durch Betrug

Prekäre Existenz
der Nachwuchswissenschaftler

 

Von Elisabeth Simon

 Digital Agenda: the Road ahead for Scholarly Communication. Diesen Titel trug die APE- Konferenz in der schönen Leibniz-Halle der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Mit der  Richtungsanweisung The Road Ahead wurden all die Unsicherheiten über den Weg angesprochen, den wir zu gehen haben. Welche Brüche, Stolpersteine, Risse gibt es und wo stellt die Straße einen glatten Fahrweg dar? Es spricht für den Mut der Veranstalter, dass diese Unsicherheit in größerem Maße als auf vergangenen Veranstaltungen üblich diskutiert wurden.

Arnoud de Kemp auf der APE 2016

Arnou de Kemp, Inititator, Organisator und Integrator der APE: Weiter die erfolgreichste internationale Veranstaltung unserer Branche

 

In der Keynote Science als Social Machines wurde die These vertreten: Data loss is real and significant while data growth is staggering. Dem wurde nicht widersprochen, dafür die verschiedenen Lösungen in ihrem Kontext diskutiert. Die European Open Science Cloud (EOSC) wurde gleich von vier Speakern erörtert. Es ging um Cross Reference, um the Enclosure of Scholarly Infrastructure und immer wieder um die Archivierung und Sicherung von Daten. What does the scholarly communication want the publishers to do for the infrastructure – to ”secure storage”.

Ulrich Korwitz auf der APE 16

Ulrich Korwitz, Direktor von ZBMED – Leibniz-Informationszentrum-Lebenswissenschaften: Hilfen bei Open Access und Electronic Publishing

 

Grundlegende Entscheidungen in der Wissenschaftspolitik haben das internationale Handeln nicht erleichtert. Die seit der Berliner Erklärung geführte Diskussion über Open Access (2004) schlägt auf die Wissenschaftspolitik durch und wird die Wissenschaftslandschaft grundlegend verändern. Die sogenannten Umbrella-Institutionen leiden an einer immer größer werdenden Knappheit an Ressourcen. In Open Access Policies in Europe: An Overview of Science Europe Members wurden die mangelnden Aktivitäten für die Gestaltung einer notwendigen internationalen Infrastruktur kritisiert, dies trotz allen geleisteten koordinativen Anstrengungen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat mit der Aufgabe der Förderung der Sondersammelgebiete und Einrichtung von Fachinformationsdiensten dem deutschen föderativen Ansatz einer flächendeckenden Literaturversorgung gerade auf dem Gebiet der Forschungsliteratur aufgegeben. Die Wissenschaft selber soll ihre Bedürfnisse artikulieren und folgerichtig wird den Bibliotheken eine enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Forschungsverbünden nahe gelegt. Da aber die Mittel für solche Fachinformationszentren jeweils beantragt werden müssen, sind einer internationalen Kooperation sehr enge Grenzen gesetzt. Eine Begründung für die Aufgabe der Sondersammelgebiete, man habe sie geschlossen, um die internationale Zusammenarbeit zu fördern, ist demnach nicht stichhaltig. Ralf Schimmer von der Digital Library der Max-Planck-Gesellschaft beschrieb in Open Access Transformation of Scientific Journal Publishing – Perspectives after Berlin 12 den völligen Bruch mit dem Subskriptionsmodell und den Übergang zur Open-Access-Zeitschrift. Diese stellt einen epochalen Wandel für die Wissensgesellschaft und die ihnen dienenden Bibliotheken dar.

 

Natürlich will man damit auch Mittel einsparen. Wie diverse Zeitschriften berichteten, verschlechtern sich die Karrierechancen der Wissenschaftler, dies mit Blick auf die Gehälter, die Arbeitsmöglichkeiten in Projekten und Zwang zu kurzfristig angelegten Arbeiten, die die Erarbeitung relevanter Forschungsergebnisse erschwerten. Währenddessen sei im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen eine Diskussion um professionelle Ethik aufgekommen. Auch in den USA wurden in den letzten Jahren die Mittel für den akademischen Nachwuchs nicht aufgestockt. David Nicholas wies dezidiert auf die Währung in der Wissenschaft hin: Reputation. The main currency for the scholar is not power, as it is for the politician, or wealth, as it is for the businessman, but reputation. Reputation wurde über den Impact Factor, der die Menge der Zitationen in anerkannten Zeitschriften zusammenfasst, erworben. Open Access öffne neue Wege, um Reputation zu erwerben und zu messen.

 

Breitet sich in der Wissenschaft die Bereitschaft aus, Reputation zu erwerben und dabei zu betrügen? Fraud or Beautification?, also die Verfälschung und Schönung von Ergebnissen, wurden als wachsende Gefahr gesehen. Als Gründe, sich in Versuchung führen zu lassen, wurden angeführt: Zeitmangel, fehlerhafte Ausbildung, ausbleibende Entdeckungen, der Zwang, positive Resultate zu präsentieren, und fehlende Konsequenzen bei der Aufdeckung geschönter Ergebnisse. Häufig bleibe Misconduct im Dunkeln. Freilich habe es Plagiate und Schönfärbung wissenschaftlicher Ergebnisse immer gegeben. So wies Walther Umstätter auf diverse Studien im Auftrage der Zigarettenindustrie hin, die bewirkten, dass sich das Wissen um die Gefahren des Rauchens erst sehr spät in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit durchsetzten. Die Frage, ob Pre- oder Postreviewing die bestehenden Gefahr eindämmen können, wurde letztlich nicht beantwortet. Es wurde aber deutlich, dass die Prüfung und Beurteilung wissenschaftlicher Ergebnisse eines institutionalisierten Systems aus Checks and Balances bedarf, damit keine einflussreichen Geldgeber oder Wissenschaftler-Netzwerke erfolgreich darauf hinwirken, dass unliebsame Resultate verfälscht oder verhindert werden. Es muss sich – auch bei Projekten, die von der öffentlichen Hand finanziert werden – die Überzeugung durchsetzen, dass auch ein negatives Resultat wissenschaftliche Erkenntnis und wissenschaftlichen Fortschritt bedeuten kann.

ape-2016-900-400

Beim „Elektronisches Publizieren“ gibt es auch einiges zu lachen: Das APE-Plenum in Form (mit der Geschäftsführerin von FIZ-Karlsruhe, Sabine Brünger-Weilandt in der vordersten Reihe/Mitte)

 

Weitere Probleme, die die Scholarly Community belasten und in Berlin erörtert wurden, sind die technologische Entwicklung und die Herausforderung, mit den neuen technischen Möglichkeiten Schritt zu halten, sowie die Befürchtungen der Verleger, die um den Verlust einer großen  Einnahmequelle wissen, wenn Subskriptionen durch Open Access ersetzt werden. Veranstaltungen wie die APE sind geeignet, den Diskurs darüber zu führen und Lösungen zu finden.

Über die Autorin
Elisabeth Simon, früher Leiterin des Bereiches „Internationale Beziehungen“ im Deutschen Bibliotheksinstitut, danach Inhaberin des „Simon Verlag für Bibliothekswissen“. Veröffentlichungen zu zentralen Themen rund um das Bibliothekswesen, aber auch Schriftenreihen zu „Zeitzeugen“ und zur „Neuen Musik“. Veröffentlichungen von Arbeiten der Password-Autoren Willi Bredemeier und Walther Umstätter.

Bildmaterial: Vera Münch