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Unternehmensbibliotheken und deren Daseinsberechtigung - Ranking Top Patentanmelder - Blogs zu Data Mining -

 

Niedergang der Unternehmensbibliotheken
und Chancen der Neupoositionierung

Die Endnutzer nehmen Produktion
und Verbreitung von Informationen
selbst in die Hand

Von Stephan Holländer

Elgin Jakisch legt in einem hundertseitigen Leitfaden eine Übersicht zur Positionierung der Unternehmensbibliotheken in der Ära digitaler Dienst- und Informationsdienstleistungen vor. Die Grundhaltung der Autorin kommt gleich im ersten der sieben klar umrissenen Kapitel zum Ausdruck: Eine Unternehmensbibliothek hat nur dann eine Daseinsberichtigung, wenn sie sich konsequent an den Bedürfnissen ihrer internen Kunden ausrichtet und von der Unternehmensleitung getragen wird.

Im ersten Kapitel beschreibt die Verfasserin die Eigenschaften und besonderen Merkmale, die einer Unternehmensbibliothek eigen sind. Gerne hätte man darüber gelesen, wieso es heute noch Unternehmensbibliotheken in Unternehmen braucht, wo doch, so die gängige Meinung im mittleren Management, alles im World Wide Web zu finden sei. Es werden die Grundsätze der freien Marktwirtschaft aufgeführt. Zwei Faktoren bleiben unerörtert: die Unternehmensgrundsätze sowie die Branche, der ein Unternehmen angehört. Dabei dürfte eine Unternehmensbibliothek in einer informationsbasierten Branche eine andere inhaltliche Ausrichtung haben als in anderen Branchen.

Hier lohnt es sich, eine englischsprachige Publikation zum Vergleich heran zu ziehen, die sich der veränderten Positionierung von Bibliotheken im Zuge der Digitalisierung von Informationsdienstleistungen befasst. Isto Huvila geht in seinem Buch auf diese Frage ein (Seite 27) und beschreibt die Verlagerung von Informationsdienstleistungen weg von den Bibliotheken hin zu externen Dienstleistern im World Wide Web. Als weiteren Bestimmungsgund für diese Verlagerung sieht er die gewachsene Informationskompetenz der Endnutzer.

Im zweiten Kapitel geht Elgin Jakisch auf die verschiedenen digitalen Dienstleistungen ein. Hier widmet sie sich vor allem den Fragen des Urheberrechts, zweifellos eine wichtige Thematik auch für Unternehmensbibliotheken. Bei elektronischen Informationsdienstleistungen, die von Dritten gekauft werden, werden diese den Nutzern auf der Grundlage eines Lizenzvertrags zugänglich gemacht. Hier suchen die Informationsdienstleister die Gestaltungsmöglichkeiten eines Lizenzvertrages zu ihren Gunsten zu nutzen.

Der Abschnitt zu den Lizenzmodellen fällt recht allgemein aus, da sich die Autorin darum bemüht, diese möglichst branchenübergreifend zu erläutern. Da die Verfasserin über langjährige Berufserfahrung vor allem in der Pharmaindustrie verfügt, in der sie Konzepte für das Management von elektronischen Informationsquellen konzipierte und digitale Informationsdienste aufgebaut hat, hätte die Autorin gerade hier an praktischen Beispielen mehr von ihren eigenen Erfahrungen in ihre Publikation einfliessen lassen können, auch wenn das nicht für Unternehmensbibliotheken in allen Branchen gültig gewesen wäre. Aber mit solchen Beispielen hätten ihre Aussagen an Profil und Tiefe gewonnen.

In drei weiteren Kapitel werden die Eigenschaften und Konditionen elektronischer Informationsangebote, die Kriterien des Online-Medieneinkaufs einschließlich der Lieferantenauswahl sowie der Aufbau eines Informations- und Dienstleistungsportals im unternehmenseigenen Intranet behandelt. Auch hier hätte die Verfasserin aus ihrem beruflichen Erfahrungsschatz schöpfen können (Stichworte: DRM, Einzelplatzlizenzen, Nicht-Verfügbarkeit vieler eBook-Titel für Bibliotheken). Auch die verschiedenen Modelle der Lizenzierung von E-Books wie Pick&Choose, Patron Driven Acquistion und Evidence Based Selection hätten den Lesern praktischen Nutzen gebracht und das Profil der Publikation geschärft.

Ein Aspekt bleibt ausgeblendet. Mitarbeiter in Unternehmen verfügen in der Regel über  Informationskompetenz, da sie der Generation „Digital Born“ angehören und weil sie in Bildung und Ausbildung weitere Kompetenzen erwarben. Das hat mit dazu beigetragen, dass die Zahl der Unternehmensbibliotheken zurückgegangen ist.  

Diesen Nutzern widmet Isto Huvila unter dem Titel „The New User“ ein eigenes Kapitel. Insbesondere geht er auf die Informationsgewohnheiten und den Erwartungen an Informationsdienstleistungen ein. Das Suchen und Finden von Informationen, die Weiterverarbeitung und Integration von Informationen in Arbeitsprozesse haben sich in den letzten dreißig Jahren stark verändert, erst durch das Internet, dann durch die zunehmende Mobilität von Information und Kommunikation über Smartphones und Tablets.

In einem weiteren Kapitel geht Elgin Jakisch auf das Intranet als Plattform für unternehmensinterne Servicedienstleistungen ein. Die Verfasserin spricht alle Konzept- und Umsetzungsphasen für die Realisierung eines Serviceportals an. Hier zeigt sich besonders die langjährige Erfahrung der Autorin in Konzeption und Umsetzung von Serviceportalen.   Bereits beim Erscheinen des Leitfadens hatten sich die Intranets allerdings durch die Konzeption der Clouds-Architektur weiterentwickelt. Davon spricht die Autorin leider nicht.

Ista Huvila nimmt sich der Frage der „Real Time Collaboration“ an. Mit Microsoft Office 365 einerseits und der kollaborativ erstellten Informationsplattformen (Wikipedia, Phys org, EurekAlert usw.) andererseits haben sich die Produktion und Vermittlung von Informationen und damit unsere Informationsgewohnheiten ein weiteres Mal verändert. Es sei die Prognose gewagt, dass dies die Anzahl der Unternehmensbibliotheken weiter reduzieren wird. Mindestens müssen sich die Unternehmensbibliotheken wiedeum neu positionieren.

Richtigerweise schliesst Elgin Jakisch ihre Publikation mit einem Kapitel über das Berufsbild des Unternehmensbibliothekars. Ihrer Einschätzung ist zustimmen, dass nicht nur die Kenntnisse über die Vermittlung der Fachinformation, sondern auch das Wissen um die Zugriffsbedingungen wichtig sind - so wie das Wissen über die Wirtschaftlichkeit der Informationsquellen zu den erforderlichen Kernkompetenzen gehört. Nur werden es zunehmend die Endnutzer selbst sein, die die Produktion von Informationen und deren Verbreitung selbst in die Hand nehmen. Der Informationsvermittler aus früheren Jahren wurde durch die neuen Kommunikations- und Informationstechnologien weitgehend überflüssig gemacht.

Es ist der Publikation von Elgin Jakisch zu wünschen, dass ihr Leitfaden in einer zweiten Auflage in aktualisierter Form erscheinen möge. Für Quereinsteiger, aber auch für das Management von Unternehmen ist es eine gute Einführung in die Herausforderungen einer Unternehmensbibliothek im digitalen Umbruch. Das Buch von Ista Huvila ist nach wie vor aktuell. Besonders die reichhaltigen Hinweise auf weiterführende Literatur mit Stand aus dem Jahr 2012 sind positiv hervorzuheben.

Die beiden Publikationen gehen von verschiedenen Erfahrungshorizonten aus - hier spricht die Praktikerin, dort ein Informationswissenschaftler. Die Beiträge ergänzen sich gut und seien zur Lektüre empfohlen.

Elgin Helen Jakisch (2014)
Unternehmensbibliotheken –Digitale Services
Reihe Praxiswissen. Walter de Gruyter
Saur, Berlin/New York, 113 Seiten,
Buch: ISBN: 978-3-11-033412-8
eBook: ISBN 978-3-11-039603-4

 

Isto Huvila (2012)
Information Services and Digital Literacy
In search of the boundaries of knowing
Chandos Publishing, Witney/Oxford
Print Book ISBN : 9781843346838
eBook ISBN: 9781780633497

Kurzmeldungen

Die WIPO hat ein Ranking der Top Patentanmelder weltweit veröffentlich. Hier werden Auswertung zu Top Länder, Anmelder / Firmen und Technologiefelder gelistet. Die PDF Datei kann über diesen Link abgerufen werden: http://www.markenartikel-magazin.de/fileadmin/user_upload/medien/Grafiken_Tabellen/WIPO_2015.pdf

Die Zeitschrift "W&V" / Werben und Verkaufen hat die Top 10 Content- und Content Marketing Agenturen in einem Ranking gelistet. http://www.wuv.de/medien/die_10_kreativsten_content_marketing_dienstleister

100 Active Blogs on Analytics, Big Data, Data Mining, Data Science, Machine Learning
http://www.kdnuggets.com/2016/03/100-active-blogs-analytics-big-data-science-machine-learning.html

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