Open Password: Nachrichten, Analysen, Kommentare - Mittwoch, den 23. März 2016

ZB MED - Leibniz Gemeinschaft -  Walther Umstätter - Hans-Christoph Hobohm - Rainer Kuhlen

Der Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED
im informationswissenschaftlichen Kontext 

Macht der letzte Informationswissenschaftler
bald das Licht aus?

Offensive Aufklärungs- uznd PR-Arbeit,
um Bedarf nach Informationswissenschaft
plausibel zu machen

Macht nach all den Katastrophenmeldungender letzte Informationswissenschaftlerbald das Licht aus? Für eine offensive Aufklärungs- und PR-Arbeit,um den Bedarf an Informationswissenschaftplausibel zu machen Walther Umstätter, Rainer Kuhlen und Hans-Christoph Hobohm haben den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED, Todesfälle in den Informationswissenschaften und den Abwicklungsbeschluss gegen die Informationswissenschaft an der Universität Düsseldorf zum Anlass genommen, um die prekäre Situation der Informationswissenschaft im deutschsprachigen Raum zu thematisieren.  

Nachdem Password-Autor Walther Umstätter seine Sorge, dass demnächst "der letzte Informationswissenschaftler in Deutschland das Licht machen muss" in "Internet in Bibliotheken" verdeutlichte, machte Rainer Kuhlen Open Password einen "offenen Brief an Umstätter" verfügbar, in dem er eine "offensive Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit (verlangt), um den gesellschaftliche und wissenschaftlichen Bedarf nach Informationswissenschaft plausibel zu machen". Hans-Christoph Hobohm verabschiedet sich von seiner Meinung, dass die Informationswissenschaften ausgerechnet in wissenschaftlichen Bibliotheken und bei Fachinformationsanbietern gedeihen könnten.  http://hobohm.edublogs.org/2016/03/21/offene-briefe-im-scherbenhaufen/. Hatten sie dort jemals etwas zu suchen?

Wir geben die Argumente der Autoren in Auszügen wieder.

 

Hans-Christoph Hobohm 

Was hat Informationswissenschaft
in wissenschaftlichen Bibliotheken und
bei Fachinformationsanbietern zu suchen?

Die Informationswissenschaften (!) erleben im Moment eine schwere Zeit. Nach der “Causa Ball”, bei der der Direktor der UB der ETH Zürich die Bibliothekswelt gegen sich aufbrachte, kamen zeitgleich mehrere andere Hiobsbotschaften und traurige Nachrichten in unser Wissenschafts- und Praxisfeld. So verlieren wir mit dem Tod von Jürgen Krause und Rainer Hammwöhner zwei der prominentesten Personen und mit dem Institut für Informationswissenschaft der Uni Düsseldorf und der Zentralbibliothek für Medizin zeitnah mit einem Schlag zwei wichtige Institutionen. ...

Die Informationswissenschaft (und wenn ich den Plural benutze, meine ich auch die noch kleinere Bibliotheks- und die nicht (universitär) vorhandene Archivwissenschaft) sind zu klein um sich im universitären Kampf der professoralen Duodezfürstentümer zu behaupten. Weshalb meine Hoffnung war, dass sie “wenigstens” in der Infrastruktur selbst gedeihen möge. Doch die Vermischung von praktischem Selbstinteresse und wissenschaftlichem Diskurs einer Fachdisziplin ist offensichtlich nicht fruchtbar. ...

 

Walther Umstätter 

Nach informationspolitischem und
informationswissenschaftlichem Scherbenhaufen
Neubeginn auf Basis der Informationstheorie! 

Der Scherbenhaufen wird immer größer, und die Gefahr, dass der letzte Informationswissenschaftler in Deutschland das Licht ausmachen muss, auch. Nachdem es in der Nachfolge von Prof. Stock in Düsseldorf recht dunkel aussieht, bei der ZB MED ebenso, und wir uns fragen müssen, ob bzw. wer die Nachfolge von Prof. Hammwöhner in Regensburg antreten wird, wachsen die Bedenken um eine fundierte Informationswissenschaft in Deutschland weiter. 

Es ist gut, sich noch einmal daran zu erinnern, was W. Bredemeier zum Positionspapier der Leibniz Gemeinschaft 2012 (https://hobohm.edublogs.org/2012/08/14/password-zum-positionspapier-der-leibniz-gemeinschaft/), mit anschließender Diskussion, geschrieben hat, wenn man sich fragt, wie es zu der heutigen Situation der ZB MED kommen konnte. Wenn schon die Kommission „Zukunft der Informationsinfrastruktur“ im Auftrag der Wissenschaftskonferenz (GWK) im April 2011 den verbreiteten Unsinn von „Information ist ein Rohstoff für die Wissenschaft“ nachgeplappert hatte, konnte man nicht viel Erfolgversprechendes in diesem Bereich erwarten.

Und wir sollten uns auch an die Kritik M. Riecks (http://eprints.rclis.org/21039/) 2014 erinnern, wie weit in Deutschland eine Informationswissenschaft existiert. Genau genommen hatten R. Kuhlen, T. Seeger und D. Strauch in den Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation schon 2004 nachzuweisen versucht, dass es gar keine einheitliche Informationswissenschaft geben kann, weil nach der dortigen Lehrmeinung der Informationsbegriff in Chemie, Informatik, Medizin, Neurobiologie, Philosophie, Politik, Psychologie, Soziologie oder Wirtschaft jeweils unterschiedlich ist.

In gewisser Hinsicht war das der Anfang des informationswissenschaftlichen Scherbenhaufens, den noch immer niemand zusammen kehren durfte, um endlich einen Neubeginn auf der Basis der Informationstheorie mit Information, Redundanz, Rauschen, Semiotik bzw. Wissen als begründeter Information zu wagen. ...

 

Rainer Kuhlen 

Informationswissenschaft als
kritische Aufklärung 

Funktion eines gesellschaftspolitischen Watchdogs
auf gesicherter wissenschaftlicher Basis 

Warum nicht eine Sondertagung
zur Zukunft der Informationswissenschaft organisieren

- und das gleich?

Nicht nur Sie, sondern wohl alle Informationswissenschaftler waren immer schon, aber sind derzeit besonders besorgt um die Zukunft der Disziplin. Von "Scherbenhaufen" zu sprechen, nutzt wenig. Gefragt ist jetzt offensive Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, um den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedarf nach Informationswissenschaft plausibel zu machen. Das sollte zentrales Engagement des Hochschulverbandes Informationswissenschaft (HI) werden. 

Wenig hilfreich scheint mir dafür Ihre seit vielen Jahren gebetsmühlenartig vorgetragene Empfehlung zu sein, die Informationswissenchaft auf die Shannon/Weaver-Informationstheorie zu gründen und dass nur so die wissenschaftliche Zukunft der Informationswissenschaft gesichert werden könnte. Die Fachwelt hatte sich oft genug mit der Informationstheorie auseinandergesetzt und mit guten Gründen Anforderungen, wie Sie sie vertreten, zurückgewiesen. ... 

Richtig ist natürlich, dass in der Informationswissenschaft empirische und konstruktiv-experimentelle Arbeit großen Anteil haben muss - so wie es z.B. Rainer Hammwöhner in Konstanz und Regensburg exemplarisch unternommen hat. Und wie auch sonst in Regensburg, Hildesheim, Düsseldorf, Berlin und an einigen Fachhochschulen geforscht wird. Da wird man den Informationswissenschaftlern in Deutschland wenig vorwerfen können. Das reicht nicht aus. Es muss in einen größeren Kontext gestellt werden. 

Informationswissenschaft ist methodisch eine Mischung aus Geistes-, Sozial-/Kommunikations-, Wirtschaftswissenschaft und Informatik etc. (von mir aus auch von Informationstheorie). Keine andere Disziplin hat solche Heterogenität. Das ist das Problem, aber auch die Chance der Informationswissenschaft - nicht zuletzt auch als Brückenfach zwischen Disziplinen, in denen oft mit Blick auf Information isoliert und verkürzt gearbeitet wird. Die Chance auch, um Unheil oder unnötige Kosten in Informationssystemen und -diensten zu vermeiden, die in der Realisierung einen verkürzte, z.B. nur ökonomischen oder nur technischen Blick auf Information bzw. informationsbezogene Vorgänge hatten und nun Akzeptanzprobleme haben oder, was schlimmer ist, tatsächlichen Schaden anrichten - bis zu den Privatheitsverletzungen in den meisten Diensten des Internet. 

Informationsarbeit ist aktive Aufklärung - Informationswissenschaft kann so etwas wie ein Watchdog sein und kann damit für die Öffentlichkeit und die Politik wichtige Beiträge leisten - nicht zuletzt - aktuell - mit Blick auf Suchmaschinen, die sozialen Medien und die durch BigData/TDM und das Internet der Dinge entstehenden Probleme. Dazu gibt es in den informationswissenschaftlichen Einrichtungen Vorleistungen. Sie müssen breiter bekannt werden - auch in den Publikationsmedien. Solche Aufklärungs-/Transparenzleistung reduziert Informationswissenschaften nicht auf eine Dienstleistungsdisziplin - die "Watchdog"-Funktion ist nur akzeptabel, wenn sie durch entsprechende wissenschaftliche Arbeit begründet ist.

Die Informationswissenschaft sollte bei diesen Fragen öffentlich präsent und oft auch Meinungsführer sein. Dass dies, zugegeben in einem Teilbereich, möglich ist, zeigt meine eigene auch informationsethisch begründete, urheberrechtliche wissenschaftliche und politische Tätigkeit. Auch die Anstrengungen und Erfolge von Dirk Lewandowski in Hamburg, die Problematik und Potenziale von Suchmaschinen auch in die breitere, auch politische Öffentlichkeit zu bringen, zeigen in diese Richtung. Das ist nicht Klappern, sondern Verpflichtung. ... 

Die Ursache für die institutionelle Krise der Informationswissenschaft in Deutschland (ist) die zu geringe wissenschaftliche Sichtbarkeit der deutschsprachigen Informationswissenschaft (sichtbar für benachbarte Fächer, Gutachter, Förderorganisationen, Politiker, Universitätsgremien, Medien, ...) - man kann auch sagen: die zu geringe Produktivität, Qualität und Internationalität der WissenschaftlerInnen insgesamt (nicht unbedingt einzelner Personen). Das hat viele Ursachen, aber (ist) wohl entscheidend bedingt durch die viel zu dünne Personaldecke in allen informationswissenschaftliche Personaldecke in allen informationswissenschaftlichen Einrichtungen bei unverhältnismäßig großen Studierendenzahlen. Große Forschung ist bei so weniger ProfesssorInnen und so wenig personell gut ausgestatteten Forschungseinheiten kaum möglich. Mit der Lehre allein ist leider wenig zu gewinnen - nicht in Deutschland. 

Aber Klagen helfen nicht weiter. In der Tat müssen sich die jetzt in der Informationswissenschaft Aktiven und Verantwortlichen zusammensetzen und versuchen, eine Strategie zu entwerfen (eventuell sich auch professionell beraten zu lassen) - inhaltlich wissenschaftlich und für eine große Offensive in Politik, Medien und Öffentlichkeit. Warum nicht eine große Sondertagung zur Zukunft der Informationswissenschaft organisieren? Nicht auf die nächste IS, die informationswissenschaftliche Fachtagung warten!..."    

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