Open Password: Nachrichten, Analysen und Kommentare - Donnerstag, den 24. März 2016

Twitter - Marianne Englert - FAZ - vfm - Informationswissenschaft - Rainer Kuhlen - ZB MED - FIZ Chemie - Leibniz Gemeinschaft - Informationswissenschaft Düsseldorf - GBI-Genios

Open Password wünscht frohe Ostern. Und das war sie, die Woche:

I.         Twitter wird 10

            Wir haben zu danken
            und wären wohl zu Microfinancing bereit

Was, Twitter wird zehn, und wir haben das vergessen? Nicht doch, aber die drohende Abwicklung der ZB MED (und die Reaktionen der Informationsbranche darauf) zwangen uns zu einer tagespolitischen Fokussierung auf ein Thema.

Aber jetzt danken wir Twitter doch, dass dieses soziale Medium nämlich

• unzählige Fachgemeinschaften und ihre Mitglieder zusammenführt,

• eine vollständigere Informierung relevanter Inhalte nahezu in Echtzeit gewährleistet,

• mit seinem 140-Zeilen-Limit den Schaden, den Schwätzer anrichten, weitgehend begrenzt,

• Identifizierung und Finden von Hintergrundberichten leicht macht,

• viele, viele Debatten anstößt, die es sonst nicht geben würde,

• Handlungsmöglichkeiten einer Community herstellt und

• einen unverzichtbaren Beitrag zur Demokratisierung von Fachöffentlichkeiten leistet.

Twitter ist bei jenen, die nur in Geldgrößen denken, in Verruf geraten, weil es zwar letztens 2,2 Milliarden Dollar Umsatz gemacht hat, aber Werbekunden nicht genügend anspricht und tief in den roten Zahlen steckt. Auch tut es seinem Image nicht gut, dass es immer wieder mit Facebook verglichen wird (dessen Nachdruck auf persönliche Befindlichkeiten mich immer genervt hat). Wie wäre es, wenn Twitter dem Wikipedia-Modell folgte und wir es über Microfinancing und ja, auch über Abonnements finanzierten?

II.        Marianne Englert wird 90

            Die Große Alte Dame der Informationsbranche
            steht für Kontinuität, Klarheit und Engagement

Und auch an diesen Geburtstag hätten wir ein paar Tage früher denken können, zumal eines der ersten größeren Porträts in den Anfangsjahren von Password eins von Marianne Englert war.

Die Große Alte Dame der Informationsbranche war schon bei der FAZ, als die erste Ausgabe noch nicht erschienen war. Beim Aufbau des Zeitungsarchivs, nach der Würdigung der FAZ "das bedeutendste Archiv einer deutschen Tageszeitung" zunächst alles auf Papier, erfand sie eine eigene Klassifikation. Sie bereitete die Digitalisierung vor, so dass das FAZ-Archiv heute "voll digital arbeitet und als einzige überregionale Tageszeitung in Deutschland über sämtliche Ausgaben in digitaler Form verfügt" und sich das Archiv "zu einem führenden Vermarkter von Zeitungsinhalten und Rechten" entwickelte. Über lange Jahre war sie die Vorsitzende der Fachgruppe der Medienarchivare und des von ihr mitbegründeten Vereins für Medieninformation und Mediendokumentation. Heute ist die Ehrenvorsitzende in beiden Verbänden. Der vfm benannte einen Preis für Nachwuchsförderung nach ihr.

Von der vfm (Büro Stülb) erreichte uns der folgende Brief:

 Liebe Medienschaffende,

vor wenigen Tagen feierte Marianne Englert in Frankfurt am Main ihren 90. Geburtstag!  ... Auf der Website des vfm haben wir zusätzlich eine Fotoserie mit vielen Stationen aus Marianne Englerts Verbandstätigkeiten hinzugefügt:

http://www.vfm-online.de/weblog/marianne-englert-90

Im Heft 1/2016 von info7 (bringen wir eine) Würdigung von Marianne Englert aus Verbandssicht. Als langjährige Vorsitzende von fg7 und vfm war sie maßgeblich daran beteiligt, dass wir praxisbezogene Austauschforen schaffen und erhalten konnten ...

Marianne Englerts akribische und gleichzeitig visionäre Arbeit für unsere Branche versuchen wir immer so gut es geht fortzusetzen. Ihr Name steht für Kontinuität, Klarheit und Engagement. Bis heute in ihrem 91sten Lebensjahr ist sie interessiert an allen Entwicklungen. Die Aus- und Fortbildung, die Förderung unseres "Nachwuchses" war ihr immer ein großes Anliegen. ... Der vfm grüßt hiermit herzlich und wünscht Marianne Englert für die bevorstehenden 90er Jahre alles Gute, Glück, Gesundheit und Zufriedenheit!

III.      Ein Programm zur Rettung
         der Informationswissenschaft          
         von Reinhard Kuhlen

         Positionierung einer Disziplin
         als informationsgesellschaftlicher Watchdog

Dies war auch die Woche, in der die drohende Abwicklung der ZB MED zum Anlass genommen wurde, die allgemeine Krise der Informationsbranche und der Informationswissenschaft zu thematisieren. Rainer Kuhlen unterbreitete Vorschläge, die zumindest ansatzweise als Aktionsplan gelesen werden könnnen, um den langjährigen institutionellen Niedergang der Informationswissenschaft zu stoppen. Zu den von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen gehören:

• eine aktive Medienarbeit, um die Informationswissenschaft bei benachbarten Disziplinen und in der Öffentlichkeit erst einmal sichtbar zu machen;

• die teilweise Positionierung der Informationswissenschaft als kritischer informationsgesellschaftlicher Aufklärer und als gesellschaftspolitischer Watchdog - dies alles auf einer gesicherten informationswissenschaftlichen Basis - Beispiele, dass die Informationswissenschaft diese Funktion übernehmen kann, gibt es in den Bereichen des Urheberrechtes und der Suchmaschinen;

• eine besondere Veranstaltung zur Zukunft der Informationswissenschaft - dies wohl auch als ein Signal an alle Beteiligte, dass endlich gehandelt werden muss:

• eventuell auch: eine Qualitätsoffensive und eine Förderung der Bereitschaft, die Abgrenzungen der Disziplin wenigstens insoweit zu relativieren, dass externe Beratung willkommen ist.

Die Vorschläge selbst dürften kaum auf Widerspruch stoßen. Die Frage ist nur, ob Kuhlen genügend viele Mitstreiter findet. Allerdings lassen die vorangegangenen Mobilisierungen gegen die Schließung der Informationswissenschaft in Düsseldorf und gegen die Abwicklung der ZB MED hoffen.

IV.       Zum Abwicklungsbeschluss           
          gegen die ZB MED

Es gab im Vorfeld viele Gerüchte,

die eine Abwicklung der ZB MED voraussahen
- unabhängig davon, was die Gutachter schrieben

In kürzester Zeit unterschrieben
1.000 Nutzer die Petition

Begann diese Woche bereits am letzten Freitag, als der Senat der Leibniz Gemeinschaft die Entscheidung traf, die Leibniz Gemeinschaft möge die Förderung der ZB MED nicht fortsetzen? Oder begann diese Woche viel früher, als sich Gerüchte verdichteten, dass die ZB MED den laufenden Evaluierungsprozess verlieren würde? Ähnliche Gerüchte hatte es auch im Falle der FIZ Chemie gegeben, lange bevor die entsprechende Entscheidung des Senates der Leibniz Gemeinschaft fiel und bekannt gegeben wurde.

Und worauf lassen diese Gerüchte schließen? Auf Lecks in der Begutachtungsgruppe? Eher nicht, da die Gutachter der Leibniz Gemeinschaft in beiden Fällen eine Weiterförderung empfahlen. Oder dass die Abwicklung beider Einrichtungen von vornherein feststand, unabhängig davon, was die Bewertungskommissionen in ihren Gutachten schrieben? Auch dafür gibt es Indizien, insbesondere dann, wenn man die Politik der Leibniz Gemeinschaft gegen andere Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur (wie FIZ Karlsruhe, GESIS, TIB, ZBW und ZPID) verfolgt. Wir kommen auf diese Zusammenhänge zurück.

Jedenfalls war dies die Woche, in der sich die Informationsbranche und die Informationswissenschaft als eine handlungsfähige Einheit regten und zum Protest gegen den Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED übergingen. Dieser Protest wird sich fortsetzen. Es gibt noch viele Argumente, die für eine Aufrechterhaltung der ZB MED - wenngleich unter einer anderen Trägerschaft als der Leibniz Gemeinschaft - sprechen.

Die Tweets der Woche:

hjbove ‏@hjbove: Wenn Forschungsleistungen maßgeblich f Fortbestand v Fachinformationseinrichtungen od. WissBib sind, können wir 95% sofort schließen #zbmed

InfoSzene Newsroom@infoszene: Senat der Leibniz Gemeinschaft stellt sich in ausdrücklichem Gegensatz zu den Bewertungen seiner Gutachter. @ZB_MED http://ht.ly/ZFGre

Die Mail der Woche kam am Donnerstag, 15.28 Uhr, von Rudolf Mumenthaler:

"1000 Unterschriften erreicht!Herzlichen Dank für die Unterstützung und die Kommentare! Many thanks for your support! Mit 1000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern haben wir eine erste Marke erreicht! Teilen Sie die Petition über soziale Medien, per Mail, usw. I'll try to add an english summary to the text! Kind regards Rudolf Mumenthaler".

V.        Und Düsseldorf - schon vergessen?

            Keine guten Vorzeichen
            für nächste Woche

Wird die Rektorin der Universität Düsseldorf am nächsten Donnerstag verkünden, dass die Informationswissenschaft an ihrer Hochschule abgewickelt wird? Dafür haben wir keine Bestätigung erhalten. Allerdings soll das Gespräch zwischen Rektorin, Dekanin und Studierenden der Informationswissenschaft aus der Sicht der Studierenden negativ verlaufen sein. Bereits vor dem Gespräch hatten wir kritisch angemerkt, dass zu dem Gespräch zwischen Rektorin und Studierenden die Dekanin der Philosophischen Fakultät dazu geladen worden war. Diese hatte die Abwicklung der Düsseldorfer Informationswissenschaft aktiv betrieben.

Bleiben demnach von Düsseldorf die historischen Verdienste zweier Professoren, der Marsch Düsseldorfer Absolventen durch die Institutionen und eine gelungene Mobilisierung im Jahr 2016? Wir wünschen uns mehr.

VI.       Und last not least die Datenbanknews:

            GBI-Genios kooperiert
            mit Madsack und Münchener-Zeitungs-Verlag

Nach langen Verhandlungen haben GBI-Genios und die Verlagsgesellschaft Madsack eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Damit sind die Hannoversche Allgemeine Zeitung und die Neue Presse online. Eine Kooperation mit dem Münchener Zeitungsverlag hat zur Online-Verfügbarkeit des Münchner Merkur geführt.

Weitere neue Datenbanken: Eichsfelder Tageblatt - Göttinger Tageblatt - Peiner Allgemeine - Wolfsburger Allgemeine - Ostschweiz am Sonntag - Werdenberger & Obbertoggenburger (Schweiz).

 

 

Aus dem Archiv

ZB-MED: Die Selbstmobilisierung der Branche hat begonnen

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Zum Abwicklungsbeschluss gegen die ZB MED (1) Die Selbstmobilisierung der Branche hat begonnen Die Selbst-Mobilisierung der Informationsbranche gegen den Abwicklungsbeschluss des Senates der Leibniz Gemeinschaft hat begonnen. Schon jetzt kann gesagt werden: Das läuft diesmal besser als die seinerzeitige Abwicklung von FIZ CHEMIE. Im Folgenden eine Auswahl aus dem Fundus protestierender Stimmen. Open Password setzt die Berichterstattung über den Abwicklungsbeschluss …

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