Open Password - Donnerstag,

den 1. März 2018

#327


Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg – Silke Bromann – Japan-Informationen – Michael Klems – Universität Gießen – Japan Consulting – Digitalisierung – Nikkei Telecom – Face-to-Face-Kontakte – Soziale Medien – Blog – Sabine Graumann – Tim Brouwer

Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg

Silke Bromann

Über riesige Distanzen hinweg
bleiben Face-to-Face-Kontakte
unendlich wichtig

Die auf der „Steilvorlagen“-Veranstaltung gesprochenen Texte können im Podcast unter www.infobroker.de/podcast gehört oder unter https://www.youtube.com/user/infobrokertv gesehen werden. Bei den Veröffentlichungen in Open Password handelt es sich um publizistische Auswertungen und eine Auseinandersetzung mit den Inhalten. Dazu gehören auch Gewichtungen und Interpretationen. 

Wie wird man selbstständige Information Brokerin und Beraterin für Japan-Fragen? Wie behauptet man sich in diesem Geschäft, und wie sieht der Alltag eines solchen Information Professionals aus? Auf der „Steilvorlagen“-Konferenz sprach Dr. Silke Bromann über „Japan-Information als Geschäftsmodell – Digitalisierung im Land der aufgehenden Sonne“. 

Michael Klems machte in seiner Einführung auf die Diskrepanz zwischen der Bedeutung des Landes und unserem Wissen über Japan aufmerksam. Immerhin ist Japan der drittgrößte Markt nach den Vereinigten Staaten und China und schien das Land noch vor wenigen Jahren auf dem besten Weg, die USA nach Markterfolgen und Anwendung neuer Technologien zu überholen. Nicht zuletzt ist Japan den meisten europäischen Ländern, darunter Deutschland, in der Digitalisierung voraus. Andererseits, was wissen wir über Japan außer, dass es dort „Rake“, „Sushi“ und „Kimonos“ gibt und sich die Welt an „Hiroshima“ und „Fukushima“, immerhin der Anlass für die radikale deutsche Energiewende, erinnert. Dann kommt vielleicht noch, weil er so schön gruselig ist, der „Tod durch Überarbeitung“ hinzu („Karoshi“). Allenfalls weiß der Fußballfan noch, dass „unser Poldi“ nach Kobe emigriert ist, wo er dafür gesorgt hat, dass sein Club auf Platz 10 in der ersten Liga spielt. An dieser Stelle sekundierte Silke Bromann: Als Steckenpferd berichte sie auf ihrem Blog auch über den japanischen Sport. Sollte also Lukas Podolski einmal den japanischen Fußball in der Champions League vertreten, erfahren wir dies vielleicht zuerst über ihren Blog.  

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Wie man Information Professional für Japan-Fragen wird.
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Führt die Diskrepanz, auf die sich Michael Klems bezog, vielleicht dazu, dass es nur wenige Japan-Experten gibt, die wenigen Experten aber gute Chancen haben, eine Marktnische für sich zu besetzen? Oder sind auch die Chancen, zu einem Japan-Experten heranzureifen, in unserem Land nicht allzu groß? Silke Bromann wurde mit 15 Jahren an Japan herangeführt, indem sie gemeinsam mit einer Freundin Judo und andere asiatische Kampfsportarten trainierte. Nach dem Abitur entschied sie sich für ein Studium der Japanologie, der Ostasienwissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre und schrieb ihre Magisterarbeit über „Interkulturelle Vorbereitung in japanischen Unternehmen“. Diese Arbeit basierte bereits auf einer Zusammenarbeit mit anderen Forschern an der Universität Trier, die in einem Drittmittelprojekt deutsche und europäische Führungskräfte auf die Zusammenarbeit mit japanischen Unternehmen vorbereiteten.

In ihrer Promotion befasste sich Frau Bromann mit dem Management strategierelevanter Informationen in mittelständischen Unternehmen der Autozulieferindustrie, die typischerweise von einem oder wenigen Großkunden abhängig sind. Ihr Ergebnis war, dass Zulieferer, die sich mit einem Informationsmanagement eigenständig aufgestellt hatten, den Wegfall eines wichtigen Kunden besser verkraften als jene Unternehmen, die darauf verzichten.

Nach 1995 war Silke Bromann an diversen Hochschulen und Fachbereichen in Forschung und Lehre in verschiedenen Positionen tätig und erfüllt heute noch einen Lehrauftrag an der Universität Gießen für „Japanische Landeskunde“. Hier zeigte sich, dass ihr Wissen, wie mittelständische deutsche und europäische Unternehmen in den japanischen Markt eintreten und auf ihm agieren sollten, auch außerhalb ihres hauptsächlichen Projektes gefragt war, was zu einer Reihe kleiner Rechercheprojekte und Beratungen führte. Noch heute kommt es in Anbindung an jene Zeit immer wieder zu Anfragen von Unternehmen und Privaten, im letzteren Fall beispielsweise mit der Frage: „Gibt es schöne japanische Gärten?“ oder „Mein Freund will sich dieses japanische Schriftzeichen tätowieren lassen. Was heißt das eigentlich?“ Die Anfragen der Unternehmen sind konventioneller und handeln typischerweise von Möglichkeiten des Markteintritts und der Marktpflege sowie den Fragen der Wettbewerbsbeobachtung.

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Aus der Alltagsarbeit eines nach Osten blickenden InfoPros.

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2011 entschied sich Silke Bromann, ihre nebenberufliche Tätigkeit in eine hauptberufliche zu verwandeln („Japan Consulting“). Ihre gegenwärtige Arbeit schilderte sie am Beispiel zweier Projekte:

• Für das „EU Japan Center“, einem Joint Venture zwischen dem japanischen Wirtschaftsministerium und der EU-Kommission, versucht sie deutschen und europäischen mittelständischen Unternehmen, den Eintritt in die japanischen Märkte zu erleichtern. Ihre Schwerpunkte sind dabei die Automobilindustrie und die Kunststoffverarbeitung. In ihrem Report beispielsweise zu den Exportchancen von Arbeitsschutz- und Sicherheitsausrüstung untersuchte sie die Fragen: Was gibt es dazu an japanischen Normen? Was muss ich beachten, wenn ich in diesem Bereich nach Japan expandieren will? Wie verläuft in diesem Bereich die Marktentwicklung und was sind die neuen technologischen Trends?

• Ein Unternehmen beauftragte Frau Bromann mit der Ergänzung des eigenen Monitorings zu einem japanischen Wettbewerber. Beide Unternehmen gehörten zwar einer eher traditionellen Branche an, der Kunde war aber vor allem daran interessiert, wie das japanische Unternehmen in den Bereichen neue technische Trends und Digitalisierung agierte. Dazu hatte es bereits selbst den „Annual Report“ des Wettbewerbers in englischer Sprache sowie den englischsprachigen Teil seines Internet-Auftritts ausgewertet. Wie Frau Bromann ermittelte, entsprachen der englisch- und japanischsprachige „Annual Report“ einander völlig. Aber der japanischsprachige Webauftritt zeigte zusätzlich, dass sich das Unternehmen im Bereich „E-Health“ engagierte und die ersten Produkte dazu bereits auf dem japanischen Markt eingeführt wurden. Es konnte vermutet werden, dass der Wettbewerber diese Services und Produkte bald auch in den USA und Europa verfügbar machen würde.

Was bedeutet der universale Prozess der Digitalisierung für den Alltag eines Information Professionals? Ohne die IT und das Internet könnte Frau Bromann große Teile ihrer Tätigkeit nicht durchführen. Sie unterschied zwischen ihren Hilfsmitteln früher und ihren Hilfsmitteln heute. Früher arbeitete sie mit dem Zettelkatalog in Bibliotheken und schlug in dickleibigen Büchern nach. Eine der größten japanwissenschaftlichen Bibliotheken hierzulande, die an der Universität Marburg, hatte einen eigenen Raum für Hilfsmittel, bestehend aus Wörterbüchern, Lexika, Fachlexika, Unternehmensverzeichnissen, Personenverzeichnissen und Wirtschaftsstatistiken, reserviert. Dazu mochte man in den 90er Jahren gelegentlich eine CD-ROM finden. Heute ist Silke Bromann mit Laptop und Smartphone unterwegs und ist im Prinzip jederzeit erreichbar und kann überall ihre E-Mails checken. Dazu hat sie unter allen Tools den direkten Zugriff auf ihre japanischsprachigen Favoriten installiert.

Was sind für sie die wichtigsten Quellen? Die japanische Statistikbehörde, also das japanische „Eurostat“, hat ein recht ordentliches englischsprachiges Angebot, aber es wird beileibe nicht alles 1:1 verfügbar gemacht, und wer richtig tief graben will, sollte in der Landessprache recherchieren. Nikkei Telecom, das japanische Pendant zu GBI-Genios, vertritt nicht nur die größte Wirtschaftszeitung Nihon Keizei Shimbun und Namensgeber des japanischen Aktienindex, sondern bietet auch eine riesige Datenbank mit Wirtschafts- und Presseinformationen an. Hier käme man nicht weit, wollte man nur im englischsprachigen Teil recherchieren, und Frau Bromann lässt in ihren Recherchen den englischsprachigen Teil von vornherein außen vor. Kommt man mit schriftlichen Quellen nicht weiter, ruft Silke Bromann Experten in Japan an. Hier ist es sicherlich hilfreich, wenn diese in japanischer Sprache – ein „Eisbrecher“ - angesprochen werden.

Gerade in Japan sind die persönlichen Kontakte überaus wichtig. Für die Kontaktaufnahme mag die E-Mail oder das Telefon ausreichen. Aber anschließend sollte Face-to-Face möglichst hinzukommen. Fast alle Japaner, mit denen die Referentin zusammenarbeitet, hat sie persönlich kennengelernt. Frau Bromann fährt mindestens einmal im Jahr nach Japan und nutzt ihre dortige Zeit, um neue Kontakte persönlich kennenzulernen und die Kontakte zu bereits bekannten Japanern zu pflegen und zu vertiefen.

Silke Bromann war von Beginn ihrer selbstständigen Tätigkeit an bei den Sozialen Medien aktiv. Am Anfang stand, als Frau Bromann ihren Informationsassistenten bei der DGI machte, um ihre Kenntnisse aufzufrischen, Twitter. Später folgten Xing und LinkedIn, und sie kommuniziert auch über ihre Website und ihren wöchentlich aktualisierten Blog mit Nachrichten aus ihrer Firma und aktuellen Entwicklungen in Japan. Zuletzt versuchte sie sich in Instagram. Das sieht sie noch als ein Experiment an. Die Aktivitäten in den Sozialen Medien führten zu einigen Anfragen und – bei LinkedIn – zu einem richtigen Auftrag. Die Referentin meint daher, man kann sich in den Sozialen Medien engagieren, wenn man Spaß daran hat. Man kann es aber auch lassen oder seine Aktivitäten stark zurückfahren, zumal ein solches Engagement leicht zu einem Zeitfresser wird. Zudem dürfte ihr Blog weniger der direkten Akquisition als der Heranführung von Interessenten und der Pflege der bestehenden Kundschaft dienen.

 

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Fachkompetenz, Mehrwerte schaffen, Networking.

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An Frau Bromanns Laufbahn wird die besondere Bedeutung von Sprachkompetenz und Fachkompetenz im Vergleich zur Recherchekompetenz deutlich. Hätte sie geplant, Informationsvermittlerin in Japan zu werden, so wäre das unrealistisch gewesen. Aber als sie diese Kompetenzen über Studium, Forschung und Lehre erworben hatte, war das Brokertum eine Option unter anderem für sie. An der Praxis der Referentin zeigt sich die Notwendigkeit, über die Beschaffung von Rohdaten hinaus Mehrwerte zu schaffen. Dabei steht Silke Bromann mit ihren Marktreports irgendwo zwischen der Sekundärmarktforschung von Sabine Graumann und den Unternehmenskurzberatungen des frühen Tim Brouwer. Und vielleicht die wichtigste Lehre für uns: Wenn selbst über so riesige Distanzen wie die zwischen Japan und Deutschland Face-to-Face-Kontakte derart wichtig sind, wie könnten wir dann auf die Organisierung von Networking und die Teilnahme daran, was hierzulande so viel einfacher geht, verzichten?

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