Open Password - Freitag,

den 9. Februar 2018

#319

 

Walter Umstätter – Entschwinden der Branche – Willi Bredemeier – Informationstheorie – Wissenschaftsinformationen – Wirtschaftsinformationen - Norbert Wiener – Informationskompetenz – Digital Humanities – Information Professionals – Karl Popper – C.P. Snow – Juri Gagarin – Begriffswelten – Derek J. de Solla Price – Wissenschaftsgesellschaft – Pseudowissenschaft – Adolf von Harnack – Redundanzen – Rainer Kuhlen – Informationswissenschaft – Claude E. Shannon – Waren Weaver - Wissenschaftstransfer

Entschwinden der Branche

Die „Stille Post“ in der Wissenschaft

Wissenschaftstransfer als Prozesse der Verballhornung

Zu: Das Entschwinden der Branche, von Willi Bredemeier, in: Open Password, 15. Dezember 2017, #298

Von Walther Umstätter

Als ich in „Open Password – Freitag, den 15. Dezember 2017“ den Beitrag von W. Bredemeier: „Das Entschwinden der Branche“ las, wurde mir klar, dass das „Monitoring the Information Industry“ im letzten Jahrhundert vier wichtige Phasen durchlaufen hat, nämlich

• die der Begründung durch die Informationstheorie von L. Boltzmann (1872) bis zu C. Shannon und W. Weaver (1949) und die darauf aufbauende Entwicklung der Computerindustrie. Dass die Informationstheorie nicht nur die Datenübertragung, sondern auch die biologische Evolutionstheorie mit der DNS als Wissensspeicher revolutionierte, sei nur am Rande erwähnt. Ebenso die Tatsache, dass das Bit ein Maß für die Informationsmessung war (und auch noch ist – vergleichbar mit Kilogramm, Meter oder Sekunde) und nur sekundär ein Speicherplatz in digital arbeitenden Computern.

• die hauptsächlich biomedizinisch-naturwissenschaftliche Phase mit Datenbanken wie MEDLARS, BIOSIS, CHEMABS, SCISEARCH und vielen anderen, mit denen die Konsequenzen aus dem Weinberg-Report (1963) gezogen wurden.

• die der Digitalisierung betriebs- und volkswirtschaftlich relevanter Informationen und mit ihr das Aufkommen der Fragestellung, ob Information in der Marktwirtschaft nicht eine Ware wie jede andere ist, wenn man sie ausreichend verknappt – diesen Teil der Branche aus Information Professionals betrachtet Bredemeier genauer, wenn er den „Durchbruch der Online-Finanzinformationen“ auf 1986 datiert. Die Vorstellung vom Warencharakter der Information widersprach zwar den Ergebnissen der ersten Phase (siehe N. Wiener: Mensch und Maschine. Kybernetik und Gesellschaft. S. 118; 1964), entfaltete aber gleichwohl Wirkungsmacht und trug zum „Entschwinden der Branche“ bei. Da bringt es nicht viel, vermehrt Öffentlichkeitsarbeit zu treiben, wenn die überzeugenden Inhalte fehlen. Mit Recht stellt Bredemeier fest: „Fast von Jahr zu Jahr verfügen wir über weniger Branchentreffpunkte.“ Ja warum auch, wenn diese nichts bahnbrechend Neues zu bieten haben. Die Folge ist, dass die meisten Informationsspezialisten ihre eigenen Grundlagen nicht mehr verstehen und den Laien gegenüber immer weniger überlegen sind. Sie definieren Information umgangssprachlich und wundern sich, dass ihre Kunden sie nicht wirklich als Professionals ernst nehmen. Im Gegenteil, sobald die Laien die ersten interessanten Treffer in Google erzielt haben, halten sie sich selbst für informationskompetent.

• die der Digitalisierung geisteswissenschaftlicher Inhalte. Derzeit werden Selbstverständnis und Existenzberechtigung der Digital Humanities diskutiert, während andere Autoren sich schon in den Post-Digital-Humanities verorten.

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Die Information Professionals verlieren an Glaubwürdigkeit und Vertrauen, weil sie ihren terminologischen Müll nicht aufgeräumt haben.
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Nun waren die Autoren der einzelnen Phasen weit mehr damit beschäftigt, eigene neue Urheberrechte im Informationsbereich zu erwerben als sie von den Vorkämpfern zu übernehmen – entweder über eine Weiterentwicklung der Theorie oder über Falsifikationen im Sinne K. Poppers. Heute lesen und hören sie Worte wie Knowledge Management, und da sie interessant klingen, benutzen sie sie, so wie sie sie gerade verstehen. Bei ausreichendem Mut ernennen sie sich zu Knowledge Managern und versuchen damit Geld zu verdienen.

Vieles in dieser Entwicklung erinnert an die Stille Post, in der die Teilnehmer nur das an ihr Umfeld weitergeben, was ihnen gerade passt, und indem sie nach eigener Lust Mutmaßungen hinzufügen. So gelangen Studierende, die sich neu in das Gebiet einarbeiten, immer wieder zu dem verwirrenden Ergebnis, es gäbe gar keine einheitliche Theorie, sondern eine Vielzahl aus Informationsbegriffen. Insbesondere in den Digital Humanities wurde erneut die Frage virulent, ob Information ein naturwissenschaftlicher oder geisteswissenschaftlicher Begriff ist, ohne dass ihre Autoren begriffen hätten, dass die Wurzeln in der Thermodynamik zu finden sind. Aber gerade dadurch wurde der Graben zwischen den „Two Cultures“ von C. P. Snow (1959) überwunden. Viele Autoren, die sich heute zu dieser Thematik äußern, scheinen von der Phase 1 wenig bis nichts verstanden zu haben. Nun ist von „digitalen Menschen“, von „digitalen Patienten“, dem „digitalen Unternehmer“ oder auch von der „digitalen Zukunft“ die Rede. Der digitale Hype ist da. Die Terminologie wird immer metaphorischer, was ein Zeichen dafür ist, dass man über Themen spricht, von denen man zu wenig versteht, um terminologisch korrekt zu sein.  Schon die Bibel war in ihrer Sprache sehr metaphorisch, weil es bei ihrer Entstehung noch wenig wirklich fundierte wissenschaftliche Begrifflichkeiten gab. Man vergleiche die Genesis mit unseren heutigen Erkenntnissen in der Physik und der biologischen Evolutionstheorie.

Mancher Atheist sucht noch heute den Mann mit dem Bart im Himmel, weshalb J. Gagarin nach seiner Landung auf der Erde vollen Ernstes berichten musste, dass er Gott dort oben nicht gefunden habe. 

Dass die Digital Humanities heute zunehmend rhetorische Bonbons verstreuen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Versuche wissenschaftlich gesehen Unsinn sind. Und sie sind gefährlich, weil sie immer mehr Unsicherheit in der Gesellschaft über die Qualifikation der Information Professionals erzeugen, wenn diese den terminologischen Müll nicht aufräumen. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die Information Professionals im Laufe der Zeit an Glaubwürdigkeit und Vertrauen verloren.

Bredemeier fasst diese Entwicklung in dem Satz zusammen: „Von der geschichtlichen Gewissheit zum weitgehenden Vergessen von Geschichte“.

Wenn die Universität Köln vom 26. Februar bis 2. März 2018 eine Konferenz zum Thema "Kritik der digitalen Vernunft" (I. Kant lässt grüßen), ankündigt, dann kann man P. Delin verstehen, wenn er sich fragt, ob das “ein begrifflicher Overkill” sei. Natürlich gibt es eine digitale Logik, die schon von Anfang an in der Computerentwicklung unserer menschlichen Logik folgte, als man noch von Denkmaschinen sprach, aber das ist aus lauter geschichtlicher Vergesslichkeit hier gar nicht gemeint (http://dhd2018.uni-koeln.de/). Vielmehr geht es um die Frage: „Wie lässt sich dies alles mit dem kritischen Anspruch der Geisteswissenschaften vereinbaren?“ Man gewinnt den Eindruck, dass der kritische Anspruch der Geisteswissenschaften sehr viel höher sein muss als in den ersten drei Phasen, so dass dieses Rad unbedingt abermals erfunden werden muss. Man fragt sich, wie klein die „kleine Münze des Urheberrechts“ noch werden darf (www.degruyter.com/downloadpdf/j/bfup.2014.38.issue-2/bfp-2014-0001/bfp-2014-0001.pdf).

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Die Semi-Wissenschaftsgesellschaft: Immer wieder das Rad neu erfinden – Unbequeme Erkenntnisse ignorieren oder verballhornen, um sie leichter widerlegen zu können – Leben im terminologischen Babylon.

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Es ist ein Witz der Geschichte, dass die sogenannte Online-Dokumentation nach dem „Sputnik Schock“ zum Ziel hatte, überflüssige Doppelarbeit zu vermeiden. Denn seitdem wird gerade hier das Rad der Informationsterminologie immer wieder neu erfunden. Oft oval, drei- oder viereckig und immer öfter unbrauchbar. Aber wenn man Theorien als veraltet abqualifiziert, braucht man sie auch nicht mehr zu verstehen. Stattdessen erzeugt man, wenn auch unsinnige eigene Begriffswelten verbunden mit Urheberrechten, als wären sie vom Recht auf Meinungsfreiheit abgedeckt. Wissenschaftliche Thesen müssen aber verteidigt werden und sind nicht einfache unbegründet bleibende Meinungsäußerungen.

Nachdem wir in der menschlichen Gesellschaft seit dreieinhalb Jahrhunderten einen klaren Trend zur Verwissenschaftlichung beobachten (Derek J. De Solla Price: Little Science, Big Science. 1963), eine Welt in der immer mehr Menschen von der Wissenschaft leben (Wissenschaftsgesellschaft und nicht Wissensgesellschaft), glauben immer mehr Menschen, sie könnten auf diesen Zug mit aufspringen, ohne sich die Grundlagen dafür erwerben zu müssen. Natürlich kann jeder Homo sapiens mit seiner Sapientia Wissenschaftler werden, aber die notwendigen Grundlagen dazu muss er erst erwerben.

In diesen Bereich der (Pseudo)wissenschaft gehört auch das Verschweigen wichtiger Erkenntnisse, um sie nicht bekannter zu machen. Man weicht einem wissenschaftlichen Disput aus, indem man sie ignoriert. Dagegen hat die Repression, beispielsweise der Index Librorum Prohibitorum oder die Verbrennung von Büchern, viele Bücher erst bekannt gemacht. Stattdessen wird heute alles, was man nicht wirklich widerlegen kann, in die Uncitedness 4 verlagert. Oder unerwünschte Erkenntnisse werden so lange über die Stille Post verballhornt, bis es ein leichtes Vergnügen ist, sie zu widerlegen. Das ist nicht nur in der Inforationswissenschaft zu beobachten, das war schon beim Verfall des Darwinismus zum Trivialdarwinismus und Sozialdarwinismus unübersehbar. Auch die Bibliothekare haben die Erkenntnis A. v. Harnacks 1921, dass sich die Bibliothekswissenschaft als eine Nationalökonomie des Geistes verstehen sollte, so gut es ging, verschwiegen, und wundern sich heute über die abnehmende Bedeutung vieler Bibliotheken. Die Begriffe aus Shannon und Weavers Mathematical Theory of Communication wie „information“, „redundancy“, „noise“, „message“ und „meaning“ (ein Thema der Semiotik, aber nicht der Informationstheorie) sind inzwischen so oft verballhornt worden, dass sie schon in Lehre und Lehrbüchern irreführend dargestellt werden. So finden wir für das Wort „Redundanz“ wiederholt “überflüssige Information”. Tatsächlich ist Redundanz zur Sicherung von Information, zur Archivierung, zur rascheren Verbreitung in Büchern und auch zur evolutionsstrategischen Fortentwicklung von Wissen essentiell wichtig. Sie muss zur Überwindung von „noise“ in ausreichendem Maße vorgehalten werden. Als A-priori-Redundanz ist sie zur Begründung einer Information unverzichtbar und damit zur Entstehung von Wissen.

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InfoPros: Selbstmarginalisiert, fremdmarginalisiert, pragmatische Ansätze.

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Die größte Revolution des letzten Jahrhunderts war sicher die Informationswissenschaft mit ihren Computern, der Online-Revolution, dem Internet und den unzähligen neuen Studiengängen und entstehenden Arbeitsplätzen. Allerdings wurden die eigentlichen Informationsspezialisten immer stärker durch Seiteneinsteiger und Newcomer marginalisiert. Es gelang ihnen nicht, die Führung zu übernehmen, auch wenn sie mit Äußerungen wie “Information ist Wissen in Aktion” (R. Kuhlen, 1980) pragmatisch und praxisnah zu sein versuchten.

Solange die Information Professionals nicht eine gemeinsame Grundlage finden, auf der sie künftige Entwicklungen in der Digitalisierung zielführend diskutieren, solange wird ihre Branche immer weiter marginalisiert. Dabei wird auch die Verknappung von Information auf Papier beispielsweise zum besseren Verkauf von Büchern kein zukunftweisendes Konzept bleiben. Verlage erzeugten früher mit ihren gedruckten Büchern Redundanzen zum ursprünglichen Manuskript, um eine raschere Verbreitung der Information zu ermöglichen. Heute versuchen sie alles, um die Verbreitung zu begrenzen und zu kontrollieren, um die Information zu verknappen.

Die Finanzierung publizierter Information ging in den letzten Jahrzehnten immer stärker vom Output zum Input über. Autoren zahlen immer öfter für die Verbreitung ihrer Erkenntnisse (Open Access). Immer mehr Informationen werden direkt oder indirekt über Werbung finanziert und die Lobbyisten überschwemmen die Informationskanäle mit Fake News, um ihre eigenen Interessen zu stärken. Wobei nicht selten für Fehlinformationen auch noch Geld verlangt wird, damit sie wertvoller erscheinen.

Im Prinzip war Wissenschaft immer ein Kampf gegen Unwissenheit, Dummheit und Betrug und nur ein gut begründetes Wissen konnte über irreführende Informationen und Fake News siegen. Dass die Informationswissenschaft, in der die verschiedenen Redundanzen eine entscheidende Rolle spielen, sich zu einem mühsamen Weg in die Zukunft aufmachen muss, wird auch durch die Entwicklung in anderen Disziplinen nahegelegt. Dabei wird auch die Bildung übergreifender Allianzen nötig sein. Die Information Professionals müssen „zu verpflichtungs- und umsetzungsfähigen Partnerschaften“ (W. Bredemeier) kommen.

Briefe

Paradigmenwechsel in der

asiatischen Patentinformation

Sehr geehrter Herr Dr. Bredemeier,

wir sind derzeit wieder mit den Vorbereitungen unserer alljährlichen Konferenz zur asiatischen Patentinformation beschäftigt. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn Sie eventuell auch in diesem Jahr die Veranstaltung wieder in Ihrem Newsletter ankündigen könnten. Bei Fragen können Sie mich jederzeit gern kontaktieren.

19. - 20. April 2018, "East meets West", im Palais Niederösterreich, Wien

Bereits seit mehr als 10 Jahren veranstaltet das EPA in Wien alljährlich eine Konferenz zu asiatischer Patentinformation, „East meets West“. Hierbei bieten wir Patentinformationsnutzern, Rechercheuren und Patentanwälten sowie Vertretern von Unternehmen und Universitäten die Möglichkeit, sich im informellen Austausch mit Experten aus verschiedenen Ländern über neue Entwicklungen zu informieren.

In diesem Jahr beleuchtet „East meets West“ hochaktuelle Themen wie den Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Recherche in asiatischen Daten oder IP-relevante Auswirkungen von Chinas „Belt and Road“-Initiative. Technische Entwicklungen haben einen Paradigmenwechsel in der (asiatischen) Patentinformation eingeleitet, der in einer eigenen Session diskutiert wird. Auf dem Programm stehen außerdem neue Methoden wie „Crowd Searching“ sowie Strategien zur Überwachung kritischer Technologien in Asien. Neben den Schwerpunktländern Japan, China, Korea und Indien stehen in diesem Jahr auch die Patentsysteme Südafrikas, Russlands und des Iran im Fokus.

Eine Posterausstellung gibt einen Überblick über neue Produkte, Informationsquellen und Dienstleistungen im Bereich asiatischer Patentdaten. Ausgewählte Anbieter stellen in kurzen Produktpräsentationen AI-basierte Recherchetools vor. Die Teilnehmer haben an diesen beiden interaktiven Tagen genügend Gelegenheit dazu, eigene Erfahrungen mit Fachkollegen zu diskutieren sowie Kontakte zu Experten verschiedener Patentämter aufzubauen.

Nähere Informationen zum Programm sowie das Registrierungsformular finden Sie unter www.epo.org/emw (Anmeldeschluss ist der 21. März 2018). Weitere Fragen beantworten die Organisatoren gern unter asiainfo@epo.org.

Mit freundlichen Grüßen Christine Kämmer,
Asian Patent Services, European Patent Office, Wien

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