Open Password - Dienstag,

den 6. Februar 2018

#317

Password – Open Password - Rückblick 2016 – Ausblick 2017 – Anna Knoll – Simon-Verlag – Gamification - Bürgerwissenschaft – Frank Hartmann – Dana Mietzner – Zivilgesellschaft – Open Innovation – Open Collaborative Innovation – Free Innovation – Hochschulen – Bürgerpanel – Uwe Schneidewind – Citizen Science light – buergerwissenschaften.de – BMBF – Citizen Science light – Citizen Science proper – Peter Finke

Rückblick 2016 – Ausblick 2017

Fünfter Trend des Jahres:
Bürgerwissenschaft

Von Beginn an, also seit 1986, hat Password Jahr für Jahr einen Trend des Jahres gewählt (mittlerweile in „Rückblick und Ausblick“ geändert. Derzeit ist unsere Jury auf fünf Personen (drei Frauen, zwei Männer) angewachsen und haben sich Wahlen zum „Information Professional des Jahres“, zum „Bibliothekar des Jahres“, zur „Einrichtung des Jahres“ und zur „Publikation des Jahres“ hinzugesellt. Die Mitglieder der Jury werden in lockerer Reihenfolge in Open Password vorgestellt.

Geändert hat sich in all den Jahren an den Spielregeln nichts. Wenn ein Mitglied einen Trend vorschlug, war dieser gesetzt. Da für 2017/2018 fünf Trends zusammenkamen, müssen wir allmählich überlegen, ob die Spielregeln für das nächste Jahr verändert werden. Übrigens: Bei dem Wahl des „Information Professional des Jahres“ – übrigens eine Frau – waren alle Mitglieder begeistert.

Wir beginnen heute unseren „Rückblick 2016 – Ausblick 2017“ mit einem „State oft the Art“-Report zum fünften Jahrestrend 2017/2018, der Bürgerwissenschaft, und einem Kurzporträt unseres Jury-Mitglieds Anna Knoll.

Jury „Rückblick 2016 – Ausblick 2017“

Anna Knoll

Anna Knoll (geb. Lamparter) ist Bibliothekarin (B.A.) und Informations- und Wissensmanagerin (M.A.). Derzeit befindet sie sich in Mutterschutz und Elternzeit mit ihrem zweiten Kind. Ihr Buch „Kompetenzen von Information Professionals in Unternehmen“ erschien Ende 2016 im Simon-Verlag.

Jahrestrends im Bereich Kompetenzen, Weiterbildung und Lernen:  die digitalen Kompetenzen, also der versierte Umgang mit der Digitalisierung und der digitalen Arbeitswelt, werden auch im Jahr 2018 wichtig bleiben. Neue Lernsoftware, die mit künstlicher Intelligenz und sozialen Komponenten ausgestattet wird, kann helfen, diese Fähigkeiten (weiter) zu entwickeln. Ein erneuerter Trend 2018 ist Gamification, das spielerisches Lernen ermöglicht. Highscore-Listen, immer schwieriger werdende Level und Punktesysteme können Teams zusammenwachsen lassen oder für Motivationssteigerungen sorgen.

Citizen Science

Hochschulen als Brutstätten
einer starken Bürgerwissenschaft

Von „Citizen Science light“ bis zur
Mitformulierung relevanter Forschungsfragestellungen

Password war vor gut einem halben Jahrzehnt eine der ersten deutschsprachigen Zeitschriften, die einen State-of-Development-Report über die Ausbreitung der Bürgerwissenschaft, damals fast ausschließlich eine Spezialität der US-Wissenschaften, brachte. Inzwischen hat die Citizen Science ihren internationalen Siegeszug angetreten und auch Deutschland erreicht. Dr. Frank Hartmann, der in einem laufenden Projekt über Bürgerwissenschaft arbeitet, wird in Kürze gemeinsam mit Dana Mietzner einen Beitrag über den aktuellen Stand der Bürgerwissenschaft in der Hochschulzeitung der TU Wildau veröffentlichen („Citizen Science – Die Rolle der Bürger in der Wissenschaft“). Wir beschränken uns in dem folgenden Vorabdruck auf die praxisorientierten Teile.

Ausbau der Zivilgesellschaft und Interaktionen mit Wirtschaft und Wissenschaft. Das Innovationsmanagement in der unternehmerischen Praxis hat sich in den vergangenen Jahren vom „Open Innovation“ (Öffnung von Innovationsprozessen gegenüber Partnern und externe Verwertung von F&E Ergebnissen und Innovationen) über „Open Local Innovation“ (Öffnung von Unternehmen für die Zusammenarbeit mit kommunalen Verwaltungen) bis hin zu „Open Collaborative Innovation“ (Einbezug von Bürgern in Innovationsprozesse) und „Free Innovation“ (Bürger als Innovatoren) entwickelt

Im Wissenschaftsbereich zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Während sich die Wissenschaft gegenüber der Wirtschaft längst geöffnet hat, erodieren die Grenzen auch zu anderen gesellschaftlichen Teilbereichen und die Wissenschaft beginnt nun, sich unter dem Schlagwort „Bürgerwissenschaft“ bzw. „Citizen Science“ verstärkt Laien und zivilgesellschaftlich organisierten Bürgerinnen und Bürgern zu öffnen (buergerschaffenwissen.de). Für Hochschulen, mit ihren spezifischen Funktionen und Ressourcen im Wissenschaftssystem, ergeben sich hiermit neue Herausforderungen und Chancen, die weiter auszuloten sind.

Was ist Citizen Science? (1)

Citizen Science refers to the general public engagement in scientific research activities when citizens actively contribute to science either with their intellctual effort or surrounding knowledge or with their tools.

F.S. Sanz, T. Holocher-Ertl, B. Kieslinger, F.S. Garcia, G.C. Silva (2014), White Paper on Citizen Science for Europe.

Was ist Citizen Science? (2)

• Aufnahme zivilgesellschaftlicher Fragestellungen in die Wissenschaft und Förderung der Handlungsfähigkeit der Teilnehmenden, um als Gemeinschaft zu agieren und auch auf zukünftige Herausforderungen gemeinsam reagieren zu können

• Hinwendung zu problemorientierten Lösungsansätzen auf der Basis von vernetzten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erkenntnissen auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene

• Möglichkeit zur Generierung und Verdichtung großskalierter qualitativer und quantitativer Datensätze und Erkenntnisse über große Gebiete oder längere Zeiträume

• Erhebung von Informationen und Zusammenhängen aus den verschiedenen Fachrichtungen

• Vertiefung des Verständnisses für Wissenschaft und Forschung in der Bevölkerung

• Möglichkeit zu zivilgesellschaftlichem Engagement und gesteigerten Mitsprachemöglichkeiten der Bevölkerung bei Anliegen von Wissenschaft und Forschung

• Austausch und Zugang zu Wissen für die wissenschaftliche und gesellschaftliche Gemeinschaft

• Stärkung eines Gemeinschaftsgefühlt

Aus: GEWISS 2016. Grünbuch, Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland


Hochschulen als Brutstätten einer starken Bürgerwissenschaft.
Eine starke Bürgerwissenschaft kann sich besonders gut entwickeln, wenn es enge Verknüpfungen mit Hochschulen gibt: Hochschulen sind (1) Hotspots für junge, offene und neugierige studierende Bürgerinnen und Bürger mit gesellschaftlich relevanten Fragestellungen, die zum Ausgangspunkt für Forschung gemacht werden können, und das Potenzial besitzen, disziplinäre Grenzen zu überschreiten. Hochschulen sind (2) regional verortet und haben eine wichtige Entwicklungsfunktion für ihr regionales Umfeld. Diese Funktion ist nicht nur auf den unmittelbaren ökonomischen und technologischen Transfer in die Wirtschaft bezogen. Unter dem Schlagwort „Third Mission“ haben Hochschulen auch eine Funktion bezogen auf den Transfer von Wissen für Verwaltung, Bildung und Kultur oder Wohnen und Mobilität. In Hochschulen ist es (3) ferner möglich, „den Methodentransfer weit über naturwissenschaftliche Beobachtungsmethoden auszuweiten. Die Vermittlung von Methoden der empirischen Sozialforschung, von ethnographischen Feldzugängen, von ökonomischen Modellen – all das lässt sich in der gemeinsamen Bearbeitung von Citizen-Science-Fragestellungen entwickeln. Es eröffnet auch Perspektiven einer erweiterten Form von „offener Hochschule“, in der Bürgerwissenschaftler Angebote zum Methodenerwerb wahrnehmen können.

Hochschulen sollten das Potenzial durch einen institutionalisierten Austausch mit der organisierten Zivilgesellschaft stärker nutzen

Nach: U. Schneidewind (2014),Konzept der "Bürgerhochschule" - ein Katalysator für eine starke Bürgenwissenschaft. wissenschaftsmanagement, 3.

Was ist ein Bürgerpanel?

• Ein Instrument oder eine Form der Bürgerbeteiligung wie Bürgerversammlungen, Foren,   und Nachbarschaftsprojekten

• ein Format, das auf die Beteiligung an politischen, insbesondere kommunalen Entscheidungsprozessen beispielsweise für Fragen der Umwelt, Kultur, Seniorenbetreuung und Schule zielt

• ein geeigneter Ansatz, um große Teile der Bürgerschaft zu erreichen

• ein Instrument zur Verbesserung der Informationsversorgung von Gemeinderäten, Parlamenten und Verwaltungen

• ein Mittel zum Eröffnen neuer Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Politik und Bürgern.

Nach: Stiftung Mitarbeiter, Das Bürgerpanel [Online]. Verfügbar unter: https://www.buergergesellschaft.de/mitentscheiden/methoden-verfahren/meinungen-einholen-buergerinnen-und-buerger-aktivieren/das-buergerpanel.

Citizen Science light: Laufende Projekte. Die Beteiligung von Bürgern ist auch an Vorhaben ohne direkten Anwendungsbezug sinnvoll und möglich, etwa wenn es um die Unterstützung der Wissenschaft bei der Erhebung von Daten geht, was Finke als Citizen Science light bezeichnet. Hier standen bisher naturwissenschaftliche Fragestellungen im Mittelpunkt. Aktuelle Beispiele aus der BMBF-Projektlandschaft sind die Unterstützung der Beobachtung heimischer Tier- und Pflanzenbestände oder neue Messmöglichkeiten für Umweltparameter. Auch die Sammlung von Daten zum Landleben sowie die Analyse der Plastikbelastungen von Sedimenten sind Beispiele für aktuell geförderte Citizen Science Projekte des Zuschnitts Citizen Science light (buergerwissenschaften.de).Diese Art der Bürgerwissenschaft wird allerdings höchstwahrscheinlich nicht den Schwerpunkt der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern im konkreten Fall einer Hochschule mit starker ingenieurwissenschaftlich-technischer, ökonomischer/managementseitiger und verwaltungs-orientierter Ausrichtung bilden. Hier rücken eher Themen in den Vordergrund, die auf die Lösung gesellschaftlicher Problemlagen gerichtet sind und eine direkte Einbeziehung der Bürger als sinnvoll erscheinen lassen. Auch hier gibt es Projektbeispiele, die derzeit vom BMBF gefördert werden. In einem dieser Projekte geht es um die Frage wie Hörhilfen für ein selbstbestimmtes Hören aussehen, sich anhören und anfühlen sollen. In einem anderen werden offene Innovationslabore in den Bereichen Sensorik, virtuelle Realität und Nachhaltigkeitskommunikation etabliert, in denen sich die Bürger an der Formulierung relevanter Forschungsfragen beteiligten können. Strategien für eine bessere Nahrungsmittelproduktion in der Stadt und die Erfassung der lokalen Lebensqualität in Quartieren sind Beispiele für Projekte mit starkem Regionalbezug. Auch die Frage, wie soziale Praktiken des Reparierens und Selbermachens erfolgreich angeeignet und in den Alltag der Menschen integriert werden können, ist kürzlich Gegenstand eines Citizen Science Projektes des Zuschnitts Citizen Science proper geworden.

Siehe auch P. Finke (2014), Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, München, Oekon Verlag

 

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