Open Password - Mittwoch,

den 31. Januar 2018

#315

Christine Thomas – BMFT – BMBF – Wirtschaftsinformationen – Technisch-naturwissenschaftliche Informationen – Password – Fachinformationspolitik – Branchenöffentlichkeit – Zuwendungsempfänger – Fachinformationseinrichtungen – Global Info – Verlage – Bibliotheken – FIZ Chemie Berlin – Informationsinfrastruktur – Digitale Bibliothek – Subito – FIZ Karlsruhe - Informationsverbünde

Abschied für Christine Thomas

Die letzte „Königin der Fachinformation“
geht in Rente

Von Willi Bredemeier

Christine Thomas, die ehemalige Referatsleiterin für „Fachinformationspolitik“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung und letzte „Königin der Fachinformation“, geht am 31. Januar in Rente. Freilich hatte Frau Thomas, die in meinen Begegnungen und Telefonaten immer sachorientiert, hilfsbereit und kommunikationsfähig war und dazu menschliche Wärme ausstrahlte, so gar nichts Monarchisches an sich. An das Zeitalter der absoluten Monarchie durfte man dennoch denken, sobald man sich ihrem Vorgänger zuwandte und die sehr weitgehende Macht sah, die das Bundesministerium für Forschung und Technologie über die gesamte Informationsbranche hatte und wie sie diese mit Fördermitteln und hierarchischen Eingriffen bis in das operative Geschäft der Fachinformationszentren ausübte, die weitgehende Folgebereitschaft fast aller Einrichtungen in der Branche nicht zu vergessen. Als Frau Thomas die Zuständigkeit für die Fachinformationspolitik übernahm, war die Herrschaft des BMFT über die Branche allerdings bereits erodiert, da die privaten Wirtschaftsinformationsanbieter inzwischen weit höhere Umsätze einfuhren als die öffentlich geförderten Fachinformationszentren mit ihren technisch-naturwissenschaftlichen Daten. Gleichwohl war das BMFT ein wichtiger Player in der Branche geblieben. Nach meinen ersten Kontakten mit Frau Thomas freute ich mich, dass nunmehr eine Berichterstattung über Fachinformationspolitik in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung möglich geworden schien.

In der März-Ausgabe 2002 kam Christine Thomas auf den Titel von Password. Aus den vorbereitenden Begegnungen dazu nur eine Anekdote. An viele Geschäftsessen mit Unternehmern gewöhnt, wollte ich ihr im Bonner Restaurant, zu dem viele Bundestagsabgeordnete pilgerten, ein Essen spendieren. Frau Thomas erschrak. Anscheinend glaubte sie, ich wolle sie korrumpieren. Um Gottes willen! Aber beim nächsten Essen hatte sie soviel Vertrauen zu mir gefasst, dass ich ihr ein Dessert ausgeben durfte.

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Von der beinahe absoluten Herrschaft des BMFT über die Branche bis zu seiner unerklärlichen Abdankung.

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Leider reiften unsere damaligen Träume nicht. Zwar reichte die verbleibende Zeit für die Fachinformation noch, um das Referat von Frau Thomas in „Wissenschaftliche Informationsdienste/E-Science“ umzubenennen. Aber kurz darauf löste das BMFT für Außenstehende unerklärbar das für Fachinformationspolitik zuständige Referat auf und zog sich aus der Fachinformationspolitik zurück.

Diesen abrupten Schwenk sollte es niemals erklären. Die Defizite unserer Branchenöffentlichkeit ersieht man daran, dass mit Ausnahme von Password keine Publikation auf dieses bedeutende Ereignis einging geschweige kritisch erörterte. Password hatte verschiedentlich die Konzepte des BMFT kritisiert, aber nie die Alternative darin gesehen, dass es überhaupt keine Konzepte mehr gab. Soweit es in den Folgejahren überhaupt noch konzeptionelle Ansätze gab, waren es vor allem die Zuwendungsempfänger, die diese Diskussion führten und um Projektgelder für sich warben, statt wie es erforderlich gewesen wäre nach Kriterien der Fachinformationspolitik kritisch prüfen zu lassen. So irrational kann es in der Informationspolitik zugehen, wenn keine ausreichende Öffentlichkeit da ist, die aufpasst.

Was wurde aus Frau Thomas, nachdem ihr fachinformationspolitisches Referat aufgelöst worden war? Sie wechselte als Referatsleiterin in die „Sicherheitsforschung“, wo sie die Forschungsförderung für die private Sicherheit komplett aufgebaut hat. Später wurde sie Unterabteilungsleiterin des Förderbereiches „Innovation im Dienst der Gesellschaft“. Hinter dieser wohlklingenden Überschrift verbirgt sich viel Informationstechnik und Informationswirtschaft wie das autonome Auto sowie „Mensch, Technik, Interaktion und demographischer Wandel“ oder „Kommunikationssysteme, IT, Internet“.

Im Folgenden geben wir Teile des Interviews mit Frau Thomas aus dem Jahre 2002 wieder. Kommt Ihnen nicht vieles bekannt und so problematisch wie damals vor? Wie sich im Interview im Rückblick zeigt, war die interne Heterogenisierung der Branche bereits im Jahr 2002 weit fortgeschritten und wurde es immer schwieriger, die Branche unter einer einheitlichen Leitlinie zusammenzubringen. Siehe die Aufgabe der Absicht, die Fachinformationszentren zumindest teilweise auf eine Linie zu bringen, die Differenzierung nach Nutzergruppen und das Scheitern des großangelegten Projektes „Global Info“. Open Access warf seine Schatten nicht wirklich voraus, wohl aber wurde das viel grundsätzlichere Problem, nämlich die mangelnde Kooperation und Kooperationsfähigkeit der Verlage einerseits, der Bibliotheken und anderer Intermediäre andererseits, deutlich. 2002 hatte FIZ Chemie Berlin unter allen Fachinformationszentren den höchsten Kostendeckungsgrad und sah sein größtes Problem darin, keine Gewinne zu machen, da dies mit seinem gemeinnützigen Status unvereinbar war. Einige Jahre später wurde FIZ Chemie nach Kriterien abgewickelt, die nichts mit fachinformationspolitischen Begründungen und schon gar nichts mit Markterfolgen zu tun hatten. Das war bei weitem nicht das einzige Beispiel, wo sich die Heterogenisierung der Branche und das Fehlen eines fachinformationspolitischen Schutzherrn negativ auswirkte.

Ist einiges von den Arbeiten von Christine Thomas an der Digitalen Bibliothek erhalten geblieben? Damals war Open Access zwar im Aufwind, aber vor allem ein Tipp für Insider. Heute lässt sich sagen, dass Frau Thomas die Grundlagen für eine Open-Access-Politik des BMBG gelegt hat. Zu dieser gehört beispielsweise, dass alle vom BMBF geförderten Projekte Open Access gestellt werden müssen.

Password, März 2002

Interne Heterogenisierung der Branche

Zur mangelnden Kooperationsfähigkeit
zwischen Verlagen, Bibliotheken
und weiteren Intermediären

Das, was Sie förderpolitisch betreuen, haben wir früher „Fachinformationspolitik“, wenn nicht Informationswirtschaft genannt. … Der Aufgabenbereich des Referates ist zwar aus der „IuD-Politik“ hervorgegangen, die sich ursprünglich mit der Literaturrecherche- und Faktendatenbanken der Fachinformationseinrichtungen beschäftigte. Der Bibliotheksbereich ist aber bereits 1998 hinzugekommen. Seitdem hieß das Referat „Wissenschaftlich-technisch Information; Bibliotheken“. … Heute besteht die Aufgabe darin, alle Elemente des wissenschaftlichen Publikationsprozesses – also der gesamten Informationsinfrastruktur – und die sich verändernden, zum Teil ineinander wachsenden Aufgaben aller Beteiligten – zu betrachten. Wir müssen den Entwicklungen des Strukturwandels, der Verbreitung des Internet und den neuen Möglichkeiten digitaler Medien stärker tragen. Wenn Sie den Begriff „Digitale Bibliothek“ so auffassen, wie er im angloamerikanischen Sprachraum verwendet wird, dann wird darunter ein verteiltes und vernetztes digitales Informationsangebot mit klarer Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Nutzer verstanden.

Fühlen Sie sich bereits über alle Erker und Winkel unserer Informationsszene ausreichend in Kenntnis gesetzt? … Ich selbst arbeite seit 1998 in diesem Referat. Aus dem ehemaligen Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, das mit dem Forschungsministerium zusammengelegt wurde, habe ich den Aufgabenbereich „Bibliotheken“ mitgebracht. Bereits in den 90er Jahren haben wir versucht, den Medienbruch zwischen Recherche und Volltextzugang zu überwinden und die unterschiedlichen Welten „Fachinformation“ und „Bibliotheken“ miteinander zu verbinden. Das ist uns – soweit dies bei den Printmedien möglich ist – ganz gut gelungen. Wir haben damals zum Beispiel den Dokumentlieferdienst der Bibliotheken „SUBITO“ ins Leben gerufen…

Welche neuen Akzente vollen Sie und Ihr Haus setzen? Wir wollen neue Akzente setzen, die sich vorrangig am Zugang zur (digitalen) Information und an den Anforderungen der verschiedenen Nutzergruppen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft orientieren. Mit dem Internet hat sich vieles verändert. Die klassischen Fachinformationseinrichtungen bieten neben den Datenbanken zum Teil sehr weitgehende zusätzliche Dienste an. Das FIZ Chemie engagiert sich z.B. mit ChemGuide, PharmGuide und PublishersGuide sehr stark im Bereich der Inernetsuchmaschinen und baut mit dem Projekt Vernetztes Studium Chemie ganz neue Dienstleistungen auf. FIZ Karlsruhe entwickelt zunehmend benutzerspezifische Werkzeuge und bezieht die Dokumentlieferung (ein traditionelles Feld der Bibliotheken) mit ein. Ähnliches gilt für die Bibliotheken, die den Wandel von bestandsorientierten Strukturen bei gedruckten Publikationen zu neuen, arbeitsteiligen Konzepten digitaler Informationsversorgung vollziehen müssen.

 

Es leuchtet ein, dass der Nutzer ohne Probleme von dem einen zum anderen Angebot kommen muss. Aber warum jetzt auch gemeinsame Verhandlungen, gemeinsames Marketing usw.? Die fachlichen Informationsverbünde zwischen Bibliotheken und Fachinformationseinrichtungen haben gemeinsame Ziele, die sie auch gemeinsam verfolgen und bei denen sie Synergieeffekte nutzen sollten. Es macht wenig Sinn, dass EconDoc, GetInfo und z.B. der Informationsverbund Medizin nebeneinander her mit denselben Verlagen verhandeln, wenn die Anforderungen sehr ähnlich sin
d. Zumal es in Einzelfällen nicht einfach ist, die Verlage von der Notwendigkeit von Pay-per-view-Angeboten zu überzeugen. Es dürften alle Verhandlungspartner davon profitieren, wenn sich die Informationsverbünde zunächst darüber verständigen, wie sie – arbeitsteilig – ihre Angebote gestalten und vernetzen wollen. … Die Informationsverbünde wollen ihre Aktivitäten bündeln, um diese Strategie auch in der Öffentlichkeit deutlich zu machen und als Bausteine eines Gesamtsystems wahrgenommen zu werden. Wir schaffen damit größere Zugänge zur fachspezifischen, aber auch fachübergreifenden wissenschaftlich-technischen Information, die die notwendige kritische Masse ausweisen können, um sich durchzusetzen.

Die Diskussion um die Fachinformationszentren ist weiterhin ein Kuddelmuddel. … Diese Einrichtungen sind sehr unterschiedlich und arbeiten unter verschiedenen institutionellen Bedingungen. Es ist überhaupt fraglich, ob es gelingt, eine Leitlinie zu formulieren, die generell für alle Einrichtungen gleichermaßen gültig ist. Auch wenn dies in der Vergangenheit versucht wurde, so stimmte die Linie immer nur für einen spezifischen Ausschnitt. Die Herausforderung liegt meines Erachtens darin, einzelne Segmente zu betrachten und stärker je nach Aufgaben, Fachgebiet und Marktkonstellation zu differenzieren. Dies wird der Heterogenität der Einrichtungen eher gerecht.

Bibliotheken, Verlage und Wissenschaftler sind eine schwierige Gesellschaft, besonders wenn sie sich zusammensetzen. Wie soll es nach „Global Info“ im Grundsatz weitergehen? Ja, die Interessengegensätze sind zum Teil sehr groß. Der Ansatz des letzten Fachinformationsprogramms, nämlich den Strukturwandel und die Lösung der damit zusammenhängenden Probleme in den Vordergrund zu stellen, was im Prinzip richtig. Schwierig gestaltete sich bei Global Info aber vor allem der Prozess der Verständigung zwischen den Beteiligten und den Erwartungen des BMBF. Ich setze letztlich auf Verhandlungen und Kooperation. Die kann man nicht erzwingen, wie es bei „Global Info“ zum Teil durch die Förderbedingungen versucht wurde. Statt sich in der großen Linie zu einigen, sind deshalb viele einzelne Projekte herausgekommen, aber nicht der große Wurf. Das heißt aber nicht, dass wir hier nicht sehr gute Projektergebnisse erzielt hätten. Die Arbeit, die in den meisten auslaufenden Projekten geleistet wurde, kann sich sehen lassen. Deshalb werden wir auch Themen und Ansätze aus Global Info weiterführen, zum Beispiel die Entwicklung von Diensten und Werkzeugen, Standardisierungsprojekte und anderes. Hier besteht noch weiterer Handlungsbedarf.

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