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den 24. Januar 2018


#311

Künstliche Intelligenz – Manuela Branz – Künstliche Intelligenz – Technologische Singularität – Deepmind – Anthony Levandowski – Algorithmen – Way of the Future – Arthur C. Clarke – Gott – Superintelligenz – Transhumanismus – Religion – Ökonomisierung – John Colkin – Mensch vs. Maschine – Interessen – Silicon Valley

Zwischen der Furcht vor Zerstörung
und der Hoffnung auf Erlösung

 

Warum wir uns vor der Künstlichen Intelligenz nicht fürchten sollten

Von Manuela Branz

 Roboter, die in nicht allzu ferner Zukunft die gesamte Menschheit unterjochen, empfindet so mancher als ernstzunehmende Gefahr. Im Silicon Valley geht man mit der Vision der „technologischen Singularität“, die die Zeit der Machtübernahme überlegener Maschinen meint, noch einen Schritt weiter. Künstliche Intelligenz ist in dieser Denkart nicht einfach nur entfesselte technische Power, sondern ein existenzbestimmendes Element, in welchem sich die technologische Natur des Menschen zeigt. Aktuelle Fortschritte im Bereich der KI wie die Tatsache, dass die Google-Tochter Deepmind jüngst den besten Go-Spieler der Welt besiegt hat, werden auch sonst gern zum Anlass genommen, die Existenz einer Superintelligenz heraufzubeschwören, die uns nicht unbedingt wohlgesonnen ist.

In gewisser Hinsicht konsequent (und zumindest nicht völlig verrückt) kommt der Gedanke des ehemaligen Roboterauto-Experten Anthony Levandowski daher, die Künstliche Intelligenz als Gottheit zu betrachten. Es liegt ja auch nahe. Die Vision, eines Tages Erinnerungen in eine Cloud auszulagern, um die Identität vom körperlichen Sein losgelöst existieren zu lassen, besitzt einen religiösen Charme. Entsprechend wird an die Technologie der Künstlichen Intelligenz die Hoffnung auf Erlösung und ein ewiges Leben geknüpft. Schon jetzt wird durch Algorithmen ermittelt, welche Themen und Gedanken die Internetnutzer umtreiben. Auf materielle Wünsche wird reagiert - am besten, bevor der User sie äußert. Durch entsprechende Smartphone-Apps kann man Blutdruck und Gefühlslage dokumentieren, nahezu jede Lebensäußerung lässt sich überwachen und bewerten. Manche erteilen einem immerfort lauschenden System Auskunft über sich, um in Zwiesprache mit dieser scheinbar allwissenden algorithmischen Macht das eigene Leben zu optimieren. Diese ausgelagerte Instanz zur Selbstkontrolle kann an ein Gotteswesen erinnern. Sie als Gott tatsächlich anzubeten, ist für manche ein logischer Schritt. Anthony Levandowski geht noch weiter. Er beschreibt auf der Website seiner Kirche, warum er die „Way of the Future“ gegründet hat. "Wir glauben, dass es Maschinen wichtig ist zu wissen, wer ihnen wohlgesonnen ist und wer nicht. Wir wollen es ihnen zeigen, indem wir festhalten, wer was wie lange für den friedlichen, respektvollen Übergang getan hat." Ein Akt vorauseilenden Gehorsams also.

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Transhumanisten suchen Argumente, um die künftige Intelligenz zu überzeugen, uns nicht zu vernichten.

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Selbstlernende Systeme werden die Gesellschaft radikal umwälzen. Sind sie erst einmal selbstverständlich geworden, verändern sie Denken und Handeln nachhaltig. „Jede hinreichend weit entwickelte Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden“, schrieb schon der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke. Das gilt erst recht für die Künstliche Intelligenz, deren selbstlernende Prozesse oft nicht einmal mehr vom Programmierer verstanden werden. Es wundert dennoch, mit welcher Selbstverständlichkeit prinzipiell vernunftbegabte Menschen die Künstliche Intelligenz zum Gott erhöhen. Denn die Gottesvision hat einen entscheidenden Haken: Gott kann in seiner Machtversion nur als Bewusstsein empfindendes (Über-)Wesen gedacht werden, nur so lässt es sich ihn als über Motive und Handlungsspektren ausgestattete Kraft denken. Doch eine künstliche Superintelligenz kann über kein Bewusstsein verfügen, sie weiß nichts über sich und kann ihre Gedanken (falls man von Gedanken sprechen kann) weder steuern noch über die Sinnhaftigkeit einer Sache reflektieren. Zwar könnte diese Intelligenz in der Lage sein, Gefühlsausdrücke nachzustellen, mangels Bewusstsein (und körperlicher Erlebnisfähigkeit) würde daraus aber weder Leidenschaft noch Wut, weder Liebe noch Leid erwachsen und erst recht kein Antrieb zum Handeln.

Trotz der dünnen Beweislage für eine Hyperintelligenz im Gottesformat gibt es etliche Gläubige. Einige Transhumanisten sammeln im Internet sogar Argumente, mit denen eine künftige Überintelligenz überzeugt werden soll, die Menschheit nicht zu vernichten. Warum diese Überintelligenz darauf scharf sein sollte, uns zu zerstören, welche Kraft hierbei wirken sollte, erschließt sich nicht.

Dennoch sollte man sich mit den Gedankenspielen Levandowskis beschäftigen. Denn sie sind Zeichen unserer Zeit. Das Faszinosum Technik hat schon immer dystopische Visionen, aber auch Heilserwartungen geweckt. Der Unterschied zu früher besteht darin, dass die Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz mehr als bei anderen technischen Revolutionen als zwingend und unausweichlich, geradezu schicksalhaft wahrgenommen werden. Die Potenziale der Künstlichen Intelligenz sind in ihrer Effizienz der Unwägbarkeit der Natur zwar entgegengesetzt, aber indem sie als Naturphänomen daherkommen, wird die Technik zum Mysterium und damit unkalkulierbar.

Naturphänomenen pflegte man in archaischen Gesellschaften kulturell zu begegnen. Die Personifizierung der Natur, ihre Ausstattung mit der Idee von Bewusstsein, war und ist der Versuch, die Verantwortung für die Härten des Lebens auszulagern, um sie in einem zweiten Schritt als Anbetung der verantwortlichen Macht wieder einzuverleiben. Der Wettergott ist an der Sturmflut schuld, aber indem man seine Macht anerkennt, schränkt man sie auch ein. Doch bei der Anbetung der KI funktioniert das nicht. Mit der Überhöhung verbaut sich der Mensch die Möglichkeit, auf die Gestaltung und die Anwendungsbedingungen der technologischen Werkzeuge Einfluss zu nehmen. Anthony Levandowski glaubt, "durch das Verständnis und die Anbetung der Gottheit zur Verbesserung der Gesellschaft beizutragen". Die Erlösung stellt in dieser Sichtweise das smarte Einfügen in die digitalen Gegebenheiten dar. Sei still und fürchte dich nicht.

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Die Gefahr ist real. Aber es sind nicht die Algorithmen, die uns bedrohen, sondern die hinter ihnen stehenden Interessen.

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Dabei ist Religion im näheren Sinn im Levandowskischen Gedankenkosmos gar nicht wirklich das zugrundeliegende Motiv, auch wenn eine Nähe des Sillicon Valley zur Esoterik nicht zu leugnen ist. Vielmehr wird hier für die Legitimierung eines Systems geworben, das mit seinem Fokus auf mathematische Systeme auf die Ökonomisierung unseres Denkens hinausläuft. Absurd und zwingend logisch ist, dass hierbei eine ur-religiöse Sehnsucht eine Rolle spielt: Der perfekte Mensch will sich der störungsanfälligen Aspekte seines Daseins entledigen oder wenigstens unter Kontrolle bekommen, so zum Beispiel Aspekte seiner Körperlichkeit. Er will es mit den Unregelmäßigkeiten aufnehmen, die dem ökonomischen Fortschrittsprinzip zugegen laufen. Sämtliche Daseinsbereiche werden erfasst und auf Wirksamkeit hin berechnet, nicht Erfassbares bleibt notwendigerweise auf der Strecke und besitzt keinen Wert. In einer durchökonomisierten Gesellschaft wird jeder Gedanke auf Widerstand gegen den herrschenden Anpassungsdruck aufgegeben. Wer sich reibungslos in die ökonomisch durchgeplante Gemeinde einfügt, wird zum Bestandteil des ewigen Fortschritts. Die Technologie zwingt dem Menschen ein Leben auf, das ihn auf ein Sein als Maschine beschränkt. Die dann wiederum Lebendigkeit simuliert. So weit so absurd.

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Die Gefahr ist real. Aber es sind nicht die Algorithmen, die uns bedrohen, sondern die dahinterstehenden Interessen.

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Doch diese Gefahr ist nicht neu. „Wir formen unsere Werkzeuge“, sagte 1967 John Colkin, „und danach formen sie uns.“ Aus der Knechtschaft, die das Resultat jeder technologischen Umwälzung ist, können wir uns zum Glück ein Stück weit befreien, und wir sehen das in einer aufgeklärten Gesellschaft sogar als unsere Verpflichtung an. Wir sind nicht Opfer dieses Prozesses. Die Macht, die unsere Medien auf uns haben, kann dem System entwunden werden, und zwar durch Reflexion und Selbstbestimmung. Da kommt zupass, dass wir empfindsame, gefühlsgeleitete und damit im besten Sinne unberechenbare Menschen sind. Unser Bewusstsein und unsere Körper, unsere Verletzbarkeit und unsere Motivationen entreißen uns der Banalität bloßen Funktionierens. Die menschliche Kraft, unsere Emotion und unser Wille, entäußert dem technologisch aufgerüsteten System immer wieder die Werkzeuge, schafft an den Bruchstellen Kultur (und ja: Fortschritt). Entgegen kulturpessimistischer Einschätzung sind die Bücher aus unserem Leben nicht verschwunden, vermutlich wird auch die Handschrift überleben -  so wir es denn wollen. Diese Macht, sich das technologische System zunutze zu machen, es aktiv zu gestalten (oder in Freiheit zu ignorieren), kann aber nur stattfinden, wenn der Mensch darüber nachdenkt, wer hinter den Algorithmen steckt, welche Interessen, welche Kräfte, und wie er sich Freiräume sichern und diese gestalten kann. Aber der mystische Schleier, erst recht der Gottesbegriff, verhindert diesen Akt der Mündigkeit.

Die Science-Fiction-Utopie braucht daher einen anderen Boden. Da der Diskurs daran mitwirkt, auf welche Weise wir an dieser Schnittstelle die Digitalisierung realisieren, muss man auf komische Visionen, wie ein Anthony Levandowski sie vertritt, ernsthaft reagieren. Denn der Mensch betet hier nicht die machtvollen, selbstlernenden Algorithmen an, sondern eine von Gefühlen und Menschlichkeit befreite, letztlich beschränkte Version von sich selbst. Sobald das KI-System gleichsam im göttlichen Nebel verschwunden ist, kann die Anpassung an die Vorherrschaft der Effizienz und den ungetrübten Ökonomisierungswahn die einzig sinnvolle Handlungsoption darstellen. Die Anbetung ist dann eine logische Konsequenz zur Stabilisierung einer unregulierten KI-Entwicklung, die in der Tat in die Katastrophe führen kann. Und das ist ganz im Sinne der Erfinder. Man muss keinen Verschwörungstheorien anheimgefallen sein, um ein Interesse der Tech-Giganten zu sehen, den Diskurs in genau diese Richtung zu treiben. Und von genau dieser interessegeleiteten Umwertung der Werte geht eine Gefahr aus, nicht von der Künstlichen Intelligenz.

 


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