Open Password - Freitag

den 15. Dezember 2017

#298


Open Password – Trend des Jahres – Information Professional des Jahres – Einrichtung des Jahres – Veröffentlichung des Jahres – Willi Bredemeier – Leserbeteiligung – Entschwinden der Branche – DGI-Kongress – Buchmesse – Informationsbranche – Information Professionals – Monitoring Informationswirtschaft – Sputnik-Schock – Ludwig Bölkow – Lockheed – Information Professionals – GENIOS-Wirtschaftsdatenbanken – Elektronisches Publizieren – Verleger – Branchengeschichte – BMFT – Fachinformationspolitik – Jan-Michael Czermak – Bitkom – Bundesverband Digitale Wirtschaft – DGI – Informationskonzerne – Internationale Wettbewerbsfähigkeit – Nationaler Sonderweg – Technisch-wissenschaftliche Informationen – Wirtschaftsinformationen – Google – Westlaw.de – Quick & dirty – New Economy – Modellversuch Informationsvermittlung – Broker – Innerbetriebliche Informationsvermittler – Informationswissenschaften – Informationsqualität – Branchentreffpunkte – infobase - Handlungsfähigkeit

 

Open Password

Trend des Jahres gesucht
und mehr…

Machen Sie mit!

Seit 1986 haben Password und Open Password einen Trend des Jahres gewählt, vom „Durchbruch der Online-Finanzinformationen“ für das Jahr 1986 bis zu „Fake News“ (neben anderen Themen) für das Jahr 2017. In späteren Jahren kamen auch „Mann (oder Frau) des Jahres“, „Einrichtung des Jahres“ und „Veröffentlichung des Jahres“ hinzu. Manchmal kam es über die Berichterstattung dazu zu einer Debatte, beispielsweise 2007, als ich das „Entschwinden der Branche“ voraussah, und 2007 war sogar eine Kündigungsdrohung dabei. (Wenn es keine Branche mehr gäbe, brauche er mich wohl nicht mehr, sagte der Kunde.) Obgleich ich immer Rat gesucht habe, veränderten sich die Spielregeln, wie wir zu unseren Jahrestrends kamen, von Jahr zu Jahr. Diesmal haben wir eine Jury mit fünf Mann installiert, davon drei Frauen. Aber das war für 2017 nicht genug, fanden wir.

Bitte, machen Sie mit und beteiligen sich an der Suche und teilen Sie uns mit, wer oder was aus Ihrer Sicht sein könnte:

• Trend des Jahres;

• Information Professional des Jahres (oder auch ein anderer Mann oder eine andere Frau);

• Einrichtung des Jahres und

• Veröffentlichung des Jahres.

Gern nehmen wir auch Ihre Begründung für Ihre Wahl oder Ihre Wahlen entgegen, auch wenn das für Ihre Beteiligung nicht unbedingt nötig ist. Eventuell werden wir Ihr Schreiben veröffentlichen, es sei denn, Sie teilen uns mit, Sie möchten das nicht.

Wir werden jeden Vorschlag ernsthaft prüfen, auch wie wir ihn gegebenenfalls in unsere weitere Veröffentlichung einbeziehen.

Machen Sie mit und blicken Sie gemeinsam auf das Jahr 2017 zurück und machen wir uns auch damit fit für 2018.

Herzlichen Dank im Voraus

Ihr Willi Bredemeier


Password-Archiv

Vor zehn Jahren

Der Mutmacher

Als ich vor zehn Jahren mein Referat zum „Entschwinden der Branche“ anlässlich der Buchmesse 2007 redigierte und fortschrieb und zum „Trend des Jahres“ erhob, hatte ich so etwas, wiewohl mit den Jahren skeptischer geworden, wie „Aufrütteln“, „Anpacken“ und „Die Ärmel hochkrempeln“ im Sinn. Wenn ich diesen Beitrag heute nach einem Jahrzehnt noch einmal veröffentliche, so deshalb, weil seine Aktualität durch den Zahn der Zeit kaum geschmälert worden ist. Damit verbunden ist die Lage der Branche nicht besser geworden. Was vor allem würde ich heute anders schreiben? Heute würde ich eher versuchen, Trost zu spenden und Mut zu machen: Ja, wir haben Potenziale. Ja, wir können etwas bewegen, wenn nicht allein, dann doch zu zweit oder zu dritt. Die Chancen liegen 2017 immer noch auf der Straße. Wir müssen sie nur ergreifen.

Und das schrieb ich als redigiertes und fortgeschriebenes Referat auf dem DGI-Kongress anlässlich der Buchmesse 2007:


Das Entschwinden der Branche

Von Willi Bredemeier

Von ergriffenen, vertanen und immer wieder neuen Chancen und von der Entwicklung der Information Professionals zu den, ja was?  Monitoring the Information Industry 1988 – 2007 und 2000 – 2007.

Im Folgenden versuche ich die Geschichte unserer Branche oder zumindest ihre letzten zwei Jahrzehnte in zehn Trend- und weiteren Aussagen zusammenzufassen. Aus einer empirischen Sicht handelt dieses Referat von ergriffenen, vertanen und immer wieder neuen Chancen und von der Entwicklung der Information Professionals zu den, ja was?

Ist diese Wahl eines Themas ein heroisches Unterfangen? Ergebnisse einer Debatte dazu liegen kaum vor. Allenfalls gibt es eine dokumentierte Geschichte der Fachinformation, Diese birgt jedoch nicht alle notwendigen Perspektiven und reicht nicht annähernd bis in die Gegenwart. Im Grunde gibt es für das gewählte Thema nur eine Rechtfertigung: Mit ihm wird eine relevante Frage gestellt. Eine solche verdient es, unabhängig vom Erkenntnisstand aufgegriffen zu werden. Allerdings versteht es sich, dass meine Ausführungen notwendigerweise feuilletonistischer Natur sind, das heißt: Debatten zu dem gewählten Thema können allenfalls eröffnet werden. Auch wären die gewählten Thesen langweilig, wäre es nicht möglich, sie streitig zu diskutieren.

Meine Möglichkeiten, zu gut zwanzig Jahren Branchengeschichte Stellung zu nehmen, speisen sich aus drei Erfahrungsbereichen:

• der Redaktion von Password seit seiner ersten Ausgabe im Januar 1986;

• aus Kooperationen mit fast allen wichtigen Informationsanbietern und anderen Einrichtungen unserer Branche in einer Vielzahl von Projekten sowie

• aus dem seit 2000 laufenden Forschungsprojekt „Monitoring Informationswirtschaft“ für das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. …

Gibt es eine zentrale Botschaft, in die sich meine Thesen zur Entwicklung unsere Branche zusammenfassen lassen? Dafür habe ich die Frageform gewählt: Gibt es unsere Branche noch, und wenn nein, könnte und sollte es sie geben? Hier zunächst die einzelnen Thesen:

________________________________________________________________________  1.      Von der geschichtlichen Gewissheit zum weitgehenden Vergessen von Geschichte.

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Am Anfang unserer Branchengeschichte stand zwar kein historisches Bewusstsein, wohl aber die Gewissheit, Geschichte zu machen und die Zukunft zu einem wesentlichen Maße mitzugestalten.

1957 wurden die Amerikaner und mit ihnen der gesamte Westen durch den Sputnik-Schock aufgeschreckt. Wir drohten den Wettlauf im Weltraum zu verlieren, wenn es uns nicht gelang, die für ein funktionsfähiges Satellitensystem erforderlichen immensen und heterogenen Datenmengen wirksam zu managen. Diese besondere Herausforderung wurde von Ludwig Bölkow in einem Gespräch mit mir 1984 mit den Worten zusammengefasst: „In den Weltraum kann man keinen Schraubenschlüssel hinterherschicken.“ Bald zeigte sich, dass sich für andere komplexe Forschungsbereiche, der Atom- und Energieforschung, der Biotechnologie und der Ökologie, ganz ähnliche Herausforderungen stellten. Wer den Wettbewerb der Systeme bei der Entfesselung der Produktivkräfte gewinnen wollte, musste nicht nur neue Erkenntnisse generieren, sondern genauso dafür sorgen, dass diese Informationen auf bestmögliche Art vorgehalten, wiedergefunden und bei Bedarf zusammengeführt wurden. Auf diesem Credo baute unsere Branche auf.

Aber die vom Raumfahrtkonzern Lockheed kreierten Technologien und Verfahren waren nicht nur wissenschaftlich-technische Zwecke, sondern auch zum Informationsmanagement für wirtschaftliche Zwecke geeignet. Globalisierung, nachfragegetriebene Märkte sowie immer kürzere Innovations- und Produktzyklen zwangen die Unternehmen, die neue Angebote anzunehmen, wollten sie im weltweiten Wettbewerb nicht zurückfallen. So entstand ein zweites Credo für unsere Branche: Der Produktionsfaktor Information werde für die Unternehmen genauso wichtig wie die klassischen Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Das Management dieses Produktionsfaktors oblag den Information Professionals.

Das schienen in den 70er und noch Mitte der 80er Jahre Selbstverständlichkeiten zu sein. Daran mochte man teilweise noch länger glauben, sofern man von öffentlichen Subventionen behütet war. Jedenfalls wuchs unsere Branche auch in Deutschland rasch. Aber gleichzeitig blieben wir klein genug, um „unentdeckt“ zu bleiben und uns vorerst nicht an harte Realitäten zu stoßen. Aber als 1986 der spätere Marktführer für Wirtschaftsinformationen, GENIOS-Wirtschaftsdatenbanken, und sein kleiner Bruder Password heranwuchsen, hieß es in der Verlagsgruppe Handelsblatt: „Da in der Ecke sitzen ein paar, die machen etwas mit Computern. Das hat mit uns nichts zu tun.“ Zu mir sagte in jener Zeit ein führender Verlagskaufmann: „Seien Sie ehrlich. Was Sie da schreiben, kann außer Insidern keiner verstehen.“

Als die Verleger 1993 ins „Elektronische Publizieren“ starteten und die Buchmesse ihre Halle „Elektronische Medien“ aufmachte, zeigte sich, dass die Glaubenssätze und die mittlerweile bestehende Geschichte unserer Branche außerhalb unserer Grenzen und der Informationspolitik unbekannt geblieben waren. Die „Elektronischen Publizierer“ machten das gleiche wie wir, aber sie machten teilweise die gleichen Fehler und haben bis heute das bewährte Geschäftsmodell für ihre elektronischen Produkte nicht entdeckt. Auch erfanden sie für alles neue Begriffe, dies ein Zeichen dafür, dass sie allenfalls punktuell auf unsere Erfahrungen zurückgriffen. Von Geschichtsvergessenheit kann man allerdings nicht reden, da unser Geschichte den Verlegern in einem handlungsrelevanten Sinn nie bekannt gewesen war.

Heute scheinen sogar die im Kern unserer Branche stehenden Hosts weitgehend unsere Geschichte vergessen zu haben. Das Pionierbewusstsein ist dem Datenbankhandwerk gewichen, die Wachstumsorientierung dem Wissen um konjunkturelle Abhängigkeiten, das Sendungsbewusstsein der Fokussierung auf die ein, zwei Produkte, die man selbst verkauft, die überzeitliche Orientierung dem Schielen auf den nächsten Vierteljahresbericht und die autonomen Entscheidungen der Geschäftsführungen den aktuellen Vorgaben und punktuellen Vorgaben der Mütter in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Amsterdam, London und New York oder wo immer sie sein mögen.

Pragmatismus in allen Ehren. Sicherlich stehen auch am Anfang der Geschichte unserer Branche zu hohe Ansprüche. Aber ist es denn gegenwärtig richtig, (fast) überhaupt keine Ansprüche mehr zu hegen, die einzelwirtschaftliche Interessen übersteigen, wenn Psychologie und damit Pionier- und Sendungsbewusstsein eine Determinante wirtschaftlicher Entwicklung ist?

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2.      Vom milliardenschweren Aufbau einer Branche zum nahezu vollständigen Verzicht auf Informationspolitik.

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Dem milliardenschweren Branchen-Credo folgend wurden seit den 70er Jahren milliardenschwere Förderprogramme im Rahmen einer bundesdeutschen Informationspolitik aufgezogen und war die Fachinformationspolitik eines der Förderschwerpunkte des seinerzeitigen Bundesministeriums für Forschung und Technologie.

Wir wollen hier unsere inhaltliche Kritik an den seinerzeitigen Fachinformationsprogrammen nicht wiederholen. Nur so viel sei gesagt: Es war einseitig technologieorientiert statt auf Inhalte und auf Einbettung in Entscheidungszusammenhänge bezogen. Es war zu sehr auf den Aufbau bleibender Strukturen konzentriert und ging in seiner Umsetzung zu sehr in die Festlegung operativer Details statt sich auf fördernde Rahmenbedingungen zu konzentrieren. Aber nie hätten wir, die wir die damalige Fachinformationspolitik kritisierten, die Notwendigkeit einer konzeptionellen Begleitung der Informationspolitik und Informationsbranche in Zweifel gezogen.

Seit den 80er Jahren wurden die ideologischen Vorgaben der Informationsbranche zwar nicht bezweifelt. Wohl aber verblassten sie und gerieten allmählich in Vergessenheit. Damit verbunden wurde die Informationspolitik nach Ausgaben und Bedeutung in internen Willensbildungsprozessen des BMFT immer weiter zurückgestuft. 2007 ist die Fachinformation ganz aus dem Organigramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung verschwunden. Dafür ist die Geschwindigkeit der Datenübertragung Trumpf, ohne dass in den Förderkonzepten zu GRID ein Gedanke daran verschwendet wird, was das für Daten sein mögen.

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass die seinerzeitige Förderprogramme ein Overkill waren, zumal die damit geschaffenen Strukturen manche Entwicklungen verzögert und behindert haben dürften wie zum Beispiel das frühe Entstehen eines privaten Sektors. Aber wenn die Bundesrepublik Deutschland überhaupt keine zusammenhängende Informationspolitik mehr betreibt, ist das eine politische Fehleinschätzung und ein Armutszeugnis. Ist denn keine Informationspolitik möglich, die über die kurzen Aufmerksamkeitszyklen politischer Moden hinausgeht?

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3..      Vom straffen Regiment über eine Branche zur weitgehenden Fremdbestimmung.

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Unsere Branche wurde durchaus einmal straff regiert. Das zeigte sich vor allem an der Person von Jan-Michael Czermak, dem für Fachinformation zuständigen Referenten im BMFT, der die Strukturen für wissenschaftlich-technische Strukturen nicht nur schuf, sondern sie teilweise bis ins operative Detail lenkte. Unsere damalige Kritik an der Fachinformationspolitik bezog sich denn auch darauf, dass Fachinformationspolitik zu komplex war, als dass alle Entscheidungen tendenziell durch den Kopf eines Mannes mussten, bevor sie wirksam werden konnten.

Aber nie wäre einer auf die Alternative verfallen, dass die Branche überhaupt keine Stimme nötig gehabt hätte. Wie eine effiziente Branchenvertretung aussieht, sehen wir in der Informations- und Kommunikationstechnik an Bitkom, in der Internet-Wirtschaft an dem Bundesverband Digitale Wirtschaft. Hingegen haben in unserer Branche alle Versuche, zu einem Anbieterverband zu kommen, in einem Trauerspiel geendet. Die DGI hat sich nie in einem entscheidungsrelevanten Sinn als Vehikel einer branchenpolitischen Debatte oder als Interessenvertretung in den Lobbies gesehen. Das hat neben anderem damit zu tun, dass sich die DGI als wissenschaftliche Gesellschaft verstand und damit als Plattform, auf der Hochschullehrer ihre persönlichen Forschungsinteressen präsentieren mochten. Die Marktführer und anderen Anbieter hatten genug damit zu tun, ihre kurzfristigen einzelwirtschaftlichen Probleme zu lösen, statt branchenpolitische Zusammenhänge in ihrem eigenen langfristigen Interesse in ihr Kalkül aufzunehmen und zu thematisieren.

Diese Situation hat sich einmal verschlimmert, seit wir mehr und mehr von London, Elsevier und New York aus regiert werden und wir uns daran zu gewöhnen haben, dass unser Markt für die internationalen Informationskonzerne die gleiche Bedeutung haben wie, sagen wir, die Märkte von New Hampshire und Connecticut. Die internationalen Informationskonzerne – denken Sie zum Beispiel an das frühere Dialog – lernen mühsam, dass der deutsche Markt seine Spezifika hat und scheinen es mit jedem Management- und Strategiewechsel wieder zu verlernen. Wo bleiben die Handlungsträger der Branche vor Ort?

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4.      Vom deutschen Sonderweg zur weitgehenden Eingliederung ins globale Dorf.

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Die Deutschen haben sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als wirtschaftliche Champions gefühlt. Sie waren besser als die anderen Europäer und konnten es in vielerlei Hinsicht mit den USA und Japan aufnehmen. Aber als ich in den 90er Jahren an Marktforschung auf gesamteuropäischer Ebene beteiligt wurde, hatte ich zu lernen, dass unsere Situation eine andere als die der Automobilindustrie oder des Maschinenbaus war. In der Branche Elektronische Informationsdienste waren wir lediglich europäisches Mittelmaß, während die Musik in Großbritannien, in den skandinavischen Ländern und den Niederlanden gespielt wurde. Spätestens seit dem Jahr 2000 verlieren die Deutschen und darüber hinaus die Europäer in der gesamten Informationswirtschaft dramatisch an Wettbewerbsfähigkeit. Nur die skandinavischen Länder bilden teilweise eine Ausnahme. Der ebenso eindeutige weltweite Gewinner sind die ostasiatischen Länder mit Ausnahme Japans. Damit drohen wir zu einer abhängigen und im Vergleich zu früher irrelevanten Variable zu werden.

Die Illusion eines nationalen Sonderweges konnte solange aufrechterhalten werden, als in unserer Branche wissenschaftlich-technische Informationen im Rahmen öffentlicher Strukturen dominierten und diese durch hohe öffentliche Zuschüsse von Marktabhängigkeiten geschützt wurden. Diese Illusionen schwanden, als Ende der 80er Jahre ein privater Sektor für Wirtschaftsinformationen entstand und dieser bereits Anfang der 90er Jahre einen Umsatzanteil am Gesamtmarkt von weit über 90% erreichte. Die 90er Jahre haben uns mit dem Siegeszug des Internets, der Kommerzialisierung des Internets durch das World Wide Web und dem Siegeszug Googles gelehrt, dass unsere besten Leistungen weniger in eigenen Innovationen als in Anpassungsleistungen und im aufmerksamen Warten auf die nächsten Basisinnovationen der US-Amerikaner bestehen. 2006 wurde die vielleicht letzte große Investition eines internationalen Konzerns unter Berücksichtigung deutscher Spezifika, Westlaw.de, abgebrochen. Am Tag, als Westlaw.de faktisch eingestellt wurde, stellte der CEO von Thomson die wirtschaftliche Situation des Informationskonzerns auf einem Dinner in New York detailreich in den hellsten Farben dar, ohne Westlaw.de mit einem Wort zu erwähnen. So bedeutend sind wir mittlerweile geworden.

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5.      Von stabilen Wachstumsraten um die 15% zu einer weitgehenden konjunkturellen Abhängigkeit.

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Am Anfang spielte Geld keine Rolle und kamen Ressourcen wie Manna von Bonn. Da ging es nur um das optimale Produkt und wurde ein Konzept wie Preis-Leistungs-Verhältnis leicht mit dem Vorwurf des Quick and Dirty belegt. Als ich Ende der 80er Jahre mit meinen Umsatzerhebungen begann, stellte sich heraus, dass die Branche völlig unabhängig von der konjunkturellen Lage Jahr für Jahr zu einer stabilen Wachstumsrate um die 15% kam. Zwar wurden die Wachstumsraten einzelner Teilmärkte mit den Jahren geringer, aber weil neue Teilmärkte entstanden und ihren Take-off erlebten, kamen wir immer wieder zu unseren 15%. Auch als die 2002 begonnene Krise der New Economy einsetzte, schien die Informationsbranche wie gewohnt weiter zu wachsen. Aber als es dann doch mit einem Time Lag zum lange Jahre vermiedenen konjunkturellen Einbruch kam, wurde die Branche hart getroffen. Es dürfte kaum einen Anbieter gegeben haben, der nicht absolute Umsatzverluste erlitt. Seitdem nehmen die Restrukturierungen, Zusammenlegungen, Kooperationen, Konsolidierungen und Konzentrationen auf Kerngeschäfte kein Ende mehr und ist die branchenwirtschaftliche Lage zwar teilweise besser und gut, aber auch unübersichtlicher und heterogener geworden.

Die Lage wird dadurch verschärft, dass die Verlage und damit häufig die Mütter unserer Anbieter angesichts geringerer Lesefreude in eine strukturelle Krise geraten sind und genau wie wir nach Existenz sichernden Geschäftsbereichen Ausschau halten. Die steigende Abhängigkeit der Nachrichtenbranche von den Inserenten verheißt für die Qualität der Print- und Online-Nachrichten nichts Gutes. Darüber hinaus können die Verlage in jedem Augenblick versucht sein, unsere Anbieter als einen Faktor zu sehen, den sie Disposition stellen können.

 

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6.      Vom Information Professional zum innerbetrieblichen Verschiebebahnhof.

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1986 war das Credo der Branche so intakt, dass ein Förderprogramm mit einem Volumen von vielen Hundert Millionen DM aufgelegt wurde, um das Kommen der Information Professionals zu beschleunigen. Als das Programm auslief, brach der Markt freier Informationsvermittler weitgehend zusammen. Das Programm hätte sich vermeiden lassen, wenn man sich vorher die Entwicklungen aufn dem weit größeren amerikanischen Markt angesehen hätte und daraus pragmatische Schlussfolgerungen für die Förderpolitik gezogen hätte.

Blieben die innerbetrieblichen Informationsvermittler. In meinen Erhebungen in den 90er Jahren stellte ich fest, dass sich diese, ausgehend von ihrer Kernkompetenz in der Informationsrecherche in einer Vielzahl innerbetrieblicher Geschäftsbereiche von der Qualifizierung des Endnutzers bis zum Management von Intranets niedergelassen hatten. Ich habe dies seinerzeit vor allem als Beleg für die Innovationsfähigkeit unserer Information Professionals gesehen. Die Kehrseite bestand darin, dass die Information Professionals all die Jahre nach einer zusätzlichen Legitimierung zu ihrer Kernkompetenz suchen mussten und es nie schafften, das Management (oder den mittelständischen Unternehmer) von der Unverzichtbarkeit des Produktionsfaktors Information und ihrer Sachwalter zu überzeugen.

Dabei ist die Situation der Information Professionals angesichts ihrer Funktionsentleerung durch das Internet in den 90er Jahren nicht leichter geworden. Nach wie vor befinden wir uns in einer Zeit der Restrukturierung von Informationsstellen, von Budgetkürzungen und sogar Schließungen und haben uns zu fragen: Wir behalten die Information Professionals auf der Basis von Kernkompetenzen Existenz und Relevanz?

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7.      Die Informationswissenschaften von hierhin nach dorthin?

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Die Absolventen der Informationswissenschaften scheinen weitgehend unterzukommen. Das ist eine gute Nachricht. Eine teilweise davon getrennt zu diskutierende Frage ist die, ob die Studierenden wie die Arbeitgeber alle vermittelten Fähigkeiten und Fertigkeiten so, wie sie vermittelt wurden, benötigen. In Lehre und Forschung hat sich praktisch eine weitgehende Beschränkung auf das Suchen und Finden von Informationen ergeben, obgleich der aus den Urzeiten der Branche stammende Anspruch auf Steuerung der Informationsgesellschaft – siehe Website des Hochschulverbandes – nie ganz aufgegeben worden ist. Es gibt auch vereinzelte Beiträge zu übergreifenden Fragen, die aber von der Wissenschaft als Gemeinschaft nicht aufgegriffen wurden. Überhaupt stellen die Informationswissenschaften keine funktionierende Diskursgemeinschaft dar.

Beim Durchblättern eines wissenschaftlichen Readers drängt sich mir in diesem Jahr der Eindruck auf, dass viele irrelevante Fragen behandelt wurden. Andererseits gibt es kaum ein Thema, dass sich nicht unter dem Allerweltsbegriff Information abhandeln ließe. Da theoretische Durchbrüche in den Geisteswissenschaften unwahrscheinlich sind, könnten sich die Informationswissenschaften auf das folgende Kriterium zur gemeinsamen Auswahl von Themen zu konzentrieren: Wir gehen systematisch und pragmatisch, als wären wir ein Branchenconsultant, die aktuellen zentralen Probleme der Branche an.

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8.      Vom Anstreben absoluter Qualitäten zum teilweisen Verzicht auf Qualitätsinformation.

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Ich will nicht in Einzelheiten auf die Zeit der Datenhalden bis circa 1985 eingehen, als dokumentarische Spitzenqualitäten fast ohne Bezugnahme auf Kommerzialisierungsmöglichkeiten angestrebt wurden. Noch gehe ich ausführlich auf die Zeit bis circa 1993 ein, als die kommerziellen Anbieter von Wirtschaftsinformationen mit ihrem Quick and Dirty hinzukamen und sich gelegentlich strittige Erörterungen zwischen den beiden Kulturen hinzukamen. Danach setzte der Siegeszug freier Anbieter im Internet, vor allem jedoch der Siegeszug von Alta Vista und weiterer Suchmaschinen, ein. Seitdem ist jeder potenzielle Nutzer davon zu überzeugen, dass die von Google kostenfrei verfügbaren Informationen für ihn nicht ausreichend sind und er für unsere qualitativ wertvolleren Informationen bezahlen muss. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, so dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass Google irgendwann die Restbestände unserer Branche ohne Absicht, vielmehr nebenbei erledigt.

Auf einer grundsätzlichen Ebene sind wir uns zwar einig darin, dass unsere Informationen der besseren Entscheidungsfindung dienen (sollen). Aber aus meiner Sicht ist dieser Zusammenhang in unserer Branche sträflich vernachlässigt worden. Das gilt für das Marketing, das nicht einmal Anstalten macht, systematisch darzustellen, wie sehr unsere Maßnahmen den Unternehmensleitungen nützlich sind. Das gilt mehr noch für die Produktentwicklung, in der die empirischen Erfahrungen der Entscheidungsträger im Umgang mit unseren Informationen bestenfalls punktuell und anekdotisch berücksichtigt werden. Bis heute ist das auch von mir propagierte Bündnis zwischen Anbietern und Nutzern über wenige Veranstaltungen nicht hinausgekommen.

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9.      Die unvollständige Privatisierung der Branche.

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Nach Umsatzanteilen ist unsere Branche seit langem voll privatisiert. Hingegen ist der öffentliche Bereich stark überrepräsentiert, wenn ich nach politischen Entscheidungen, infrastrukturellen Entscheidungen, Forschung und Lehre, Herrschaftspositionen in Verbänden und weiteren Engagements in Einrichtungen mit Branchenrelevanz frage. Auch scheint mir der Hochschullehrer, nicht der Unternehmer, in beachtlichen Teilen der Branche das Leitbild zu sein.

Die Unterrepräsentanz des privaten Bereiches hat natürlich damit zu tun, dass sich die Privaten schwerer damit tun, gemeinwohlorientierte Engagements einzugehen. Auch haben wir Private unsere eigenen Defizite und kommt es letztlich auf Individuen, nicht auf Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, an. Allerdings liegt hier ein Ungleichgewicht vor, das die Handlungspotenziale der Branche von vornherein in bedeutendem Maße einschränkt. Auch bin ich im Umgang manchen Repräsentanten des öffentlichen Bereiches auf einen größeren Glauben an die Hierarchie statt die eigene Initiative, auf eine geringe Verpflichtungsfähigkeit, auf eine starke Tendenz zur Schönung von Zusammenhängen und auf eine zu starke Orientierung an das korrekte Procedere statt auf das, was herauskommen sollte und herausgekommen ist, gestoßen.

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10.      Immer weniger Branchentreffpunkte und Branchenperspektiven.

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Fast von Jahr zu Jahr verfügen wir über weniger Branchentreffpunkte, auf denen sich unsere Perspektiven diskutieren ließen. Als wir auf der Infobase Jahr für Jahr zueinander sagten: „Es muss besser werden“, wussten wir nicht, dass das unsere besten Jahre waren, wussten wir nicht, dass das unsere besten Jahre waren. Wir gedenken im Vorübergehen weiterer untergegangener Veranstaltungen wie der Multimedia & CD-ROM, des Dokumentartages, der ComInfo, der Business Content und Electronic Publishing und der infotelligence und sehen den sinkenden Organisationsgrad in den Verbänden als Zeichen für den sinkenden Zusammenhalt in unserer Branche. Es kommt hinzu, dass wir seit dem Aufstieg des Internets wieder von der allgemeinen Publizistik ignoriert werden, wenngleich die Situation in der Fachpresse – nehmen wir einmal die Bibliothekszeitschriften hinzu – quantitativ gut ist. Die Frage ist allerdings hier: wie lange noch?

Nach diesem Bild verfügen wir über Branchenrudimente oder Branchenreste, oder, falls Sie es positiv formuliert haben möchten, über Ansatzpunkte, um eine Branche zu gründen.

Soweit meine Thesen. Ich schließe mit zwei Fragen:

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I.                   Brauchen wir überhaupt unsere Branche als Branche?

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Diese Frage wird durchaus verneint, wenn sich Nutzer von überbetrieblichen Fachgruppen abwenden oder sich Informationsanbieter darauf beschränken, Fachmessen ihrer Nutzer aufzusuchen. …

An grundlegenden Fragen ergeben sich: Kommt es immer mehr auf informierte Entscheidungen an? Gibt es in diesem Zusammenhang viele ungeklärte Fragen und somit Anlässe zur Innovation? Verfügen wir in diesen Zusammenhängen über eine Kernkompetenz bzw. könnten wir über diese verfügen? Ich überlasse es Ihnen, diese Fragen zu beantworten.

Aus unserer Sicht verweise ich auf unsere naheliegenden Bezugsländer, nämlich Frankreich und England. In Frankreich hat die Veranstaltung der Informationsbranche gerade mehrere tausend Besucher angezogen. England verfügt über eine große, unabhängige und handlungsfähige Gemeinschaft aus Information Professionals. Das bringt uns zu dem Ergebnis, dass wir mit unserer Branche nicht dort sind, wo wir sein könnten, wenn wir alle unsere Hausaufgaben gemacht hätten.

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II.                Wie werden wir (wieder) handlungsfähig?

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Mein Appell lautet hier: Lassen Sie uns, wenn wir wieder branchenwirtschaftlich tätig werden sollen, bescheiden beginnen. Dann lauten aus meiner Sicht zunächst die zentralen Fragen: Wie kommen wir zu einer realistischen, relevanten und ungeschönten Bestandsaufnahme? Wie kommen wir zu verpflichtungs- und umsetzungsfähigen Partnerschaften? Wie kommen wir zu ersten (bescheidenen, jedoch) Erfolg versprechenden Projekten?

Seien Sie mir immer willkommen!

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