Open Password - Dienstag,

den 12. Dezember 2017

#296

GESIS – sowiport – SOLIS – FORIS – Informationszentrum Sozialwissenschaften – Fachinformationspolitik – Benno Homann – Universitätsbibliothek Heidelberg – Universitätsbibliothek Freiburg - Universitätsbibliothek Regensburg - Portfolioanalyse – Google Scholar – Thomson Reuters – ResearchGate – Open Science – Open Access – Open Data – Willi Bredemeier – Sozialwissenschaften - Heinz-Jürgen Bove – Informationspolitik – inetbib – DGI – Gremienpolitik – Nutzung – GBI-Genios – Historische Daten – Leibniz-Gesellschaften – Evaluierungskriterien

GESIS

Warum wir Sowiport 2017 einstellen

GESIS ist das Nachfolgeinstitut des Informationszentrums Sozialwissenschaften und ging aus einer Fusion des IZ mit zwei weiteren Einrichtungen hervor. Die Datenbanken SOLIS und FORIS gehörten seinerzeit zum Kernbestand der deutschen Online-Szene und standen mit im Zentrum der deutschen Fachinformationspolitik.

Ihre Entwicklung wurde von GESIS nur zurückhaltend dargestellt. So fanden wir keine Nachricht oder Begründung, warum SOLIS schon seit 2016 nicht mehr aktualisiert worden ist. Auch zu der bevorstehenden Einstellung von Sowiport fanden wir zunächst nichts.  Am 27. November griff Open Password das Thema der Einstellung von Sowiport auf, dies in Verbindung mit der Initiative von Benno Homann von der Universitätsbibliothek Heidelberg, der in Sachen SOLIS mehrfach mit geringem Erfolg bei GESIS interveniert hatte und sich über die Informationspolitik von Gesis im Gespräch mit Password enttäuscht zeigte. Am 29. November nahm GESIS unter „GESIS-News“ zu der baldigen Schließung von Sowiport Stellung). Hören wir GESIS:

„Sowiport wird Ende 2017 eingestellt. Das sozialwissenschaftliche Informationsportal Sowiport wird nur noch bis zum Ende des Jahres 2017 betrieben. GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften nimmt im Folgenden Stellung zum Rückzug des Informationsangebots und legt die Beweggründe dar:

Unsere satzungsgemäße Aufgabe ist es, „grundlegende, überregional und international bedeutsame forschungsbasierte Dienstleistungen für die Sozialwissenschaften“ zu erbringen. Um den Bedarfen unserer Zielgruppe gerecht zu werden und stets auf dem neuesten Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung zu sein, nutzen wir mehrere Methoden zur Überprüfung unseres Portfolios wie beispielsweise regelmäßig durchgeführte Trenderkennungsprozesse, Portfolio-Analysen und Zielgruppenbefragungen. Unsere letzte Zielgruppenbefragung von 2016 hat ergeben, dass sowiport nur noch wenig Rückhalt in der sozialwissenschaftlichen Zielgruppe von GESIS erfährt. Einen Grund dafür sehen wir in der Tatsache, dass im Bereich der wissenschaftlichen Literaturversorgung in zunehmendem Maße kommerzielle Player wie Google Scholar, Thomson Reuters oder ResearchGate in den Vordergrund treten. Dies wird in unserer Zielgruppenbefragung sowie in qualitativen Interviews zu unserem Webauftritt auch bestätigt: Die sozialwissenschaftliche Community recherchiert überwiegend in den oben genannten Portalen oder in den Portalen ihrer Universitätsbibliotheken.

Unabhängig davon hat sich Open Science als erklärtes Ziel aller führenden Wissenschafts- und Wissenschaftsförderorganisationen etabliert, welche die digitale, möglichst freie Verfügbarkeit und Nachnutzbarkeit von Publikationen (Open Access) und Forschungsdaten (Open Data) fordern. GESIS begegnet diesen Entwicklungen mit einer strategischen Neuausrichtung der Infrastrukturdienstleistung hin zu „Open Science“. Unsere Neuausrichtung spiegelt die Bedarfe der Sozialwissenschaften wider und wird sowohl von unserem Wissenschaftlichen Beirat als auch von unserem Nutzerbeirat unterstützt.

Diese Entwicklung aufgreifend sind wir mit einem neuen Rechercheangebot online gegangen, das den Fokus auf Forschungsdaten, Erhebungsinstrumente, Publikationen zu Daten und Instrumenten sowie Open Access legt. Im Sinne einer besseren Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen werden darüber hinaus Verknüpfungen zwischen Forschungsdaten, Instrumenten und Publikationen expliziert, so dass Nutzende z.B. Publikationen zu Forschungsdaten leichter finden können.

Die im GESIS-Web integrierte Suche ist auch direkt unter der URL search.gesis.org erreichbar.“

Kommentar

Weshalb die Begründungen von GESIS
unbefriedigend sind

Warum wird ein grundlegendes Rechercheinstrument nicht mehr vorgehalten, obgleich das nichts kostet?

1. Die Erklärung von GESIS, warum Sowiport eingestellt wird, kann aus zeitlichen und inhaltlichen Gründen nicht befriedigen. Dabei wäre GESIS sogar in einem besonderen Maße zu einer weitgehenden Kommunikation mit der sozialwissenschaftlichen Community verpflichtet und sollte die Einrichtung bei strategischen Entscheidungen öffentlich einer Begründungspflicht nachkommen:

a. Nach dem Selbstverständnis der Sozialwissenschaften und ihren normativen Voraussetzungen sollte eine angemessene Kommunikation mit den Nutzern eine Selbstverständlichkeit sein.

b. Für die Online-Branche gilt, dass die Nutzer die angebotenen Datenbanken teilweise besser als die Informationsanbieter verstehen und wertvolle Hinweise zu ihrer Weiterentwicklung geben können. Die ständige Kommunikation zwischen Anbietern und Nutzern ist Leitbild der Branche und Teil ihres Geschäftsmodells.

c. Die steuerfinanzierte GESIS muss sich nicht auf Märkten bewähren und ist der Öffentlichkeit besonders rechenschaftspflichtig.

d. GESIS hat sich in starkem Maße Open Access, Open Data und Open Science zugewandt. Wenn man diese Begriffe nicht als bürokratische Verfahrensweisen missversteht, sondern als Werte begreift, an denen man sich orientieren will, kommt man um Offenheit und Öffentlichkeit insbesondere zu den Beziehungen zu den eigenen Kunden nicht herum.

Oder um Heinz-Jürgen Bove zu zitieren: „Welches Verständnis von Open liegt hier vor, wenn der bisher offene Zugang zu Nachweisdaten nur noch über kommerzielle Unternehmen möglich sein wird?“

2. Zu einer angemessenen Kommunikation mit den Nutzern gehört, dass sie alle strategischen Schritte eines Informationsanbieters umfasst, rechtzeitig erfolgt und überzeugende Begründungen liefert. Benno Homann bemängelt: „Es gibt keinen Hinweis, dass in SOLIS schon seit 2016 keine Referenzdaten erfasst wurden – die Datenbank also nicht mehr aktuell ist.“ Auch in der Mitteilung vom 29. November wird nicht erwähnt, dass die Aktualisierung von SOLIS seit längerem aufgegeben wurde. Wenn GESIS die Schließung von sowiport erst einen Monat vor seiner Schließung bekanntgegeben hat und auch das erst, nachdem es in Veröffentlichungen von Open Password, inetbib und DGI-Newsletter zu Protesten gekommen ist und sich unter anderem die Universitätsbibliotheken Heidelberg, Freiburg und Regensburg dagegen ausgesprochen haben, kann von einer rechtzeitigen Informierung nicht die Rede sein. Vielmehr ist die von Homann beanstandete „Missachtung von Interessen des wissenschaftlichen Nutzerkreises“ bereits aus zeitlichen Gründen zu konstatieren.

3. Die Begründung von GESIS zur Schließung von sowiport lässt sich in dem Satz zusammenfassen, dass prozedural alles mit rechten Dingen zugegangen sei (wie die Benachrichtigung überhaupt den Eindruck einer hoheitlichen Verlautbarung statt einer Beteiligung an einem wissenschaftsnahen Diskurs macht). So wird erklärt, dass die Schließung mit Zustimmung des wissenschaftlichen Beirates und Nutzerbeirates erfolgt sei. Das wollen wir auch nicht annehmen, dass GESIS formalen Anforderungen nicht nachkomme und sich nicht um eine Einbindung seiner Stakeholder kümmere. GESIS deutet an, die Entscheidung zur Schließung sei inhaltlich begründet, weil GESIS „mehrere Methoden zur Überprüfung unseres Portfolios wie beispielsweise regelmäßig durchgeführte Trenderkennungsprozesse, Portfolio-Analysen und Zielgruppenbefragungen“ anwende. Das ist allerdings lediglich eine Behauptung, keine Begründung, da die Ergebnisse dieser „Portfolio-Überprüfungen“ geheim gehalten werden und nicht in einem öffentlichen Diskurs nachvollzogen und bewertet werden. Da GESIS seine Gremien autonom administriert und in „Portfolio-Analysen“ über ein Interpretationsmonopol verfügt, kann man nur spekulieren, im welchem Maße GESIS die eigenen Interpretationsspielräume genutzt hat. Dass sie aber solche Spielräume genutzt hat, ist anzunehmen. Wo sonst kämen auf einmal die mehrfachen Proteste gegen die Schließung von SOLIS und FORIS und die Kennzeichnung von SOLIS als zu rettendes „grundlegendes Rechercheinstrument für sozialwissenschaftliche Fragestellungen“ her?

4. Es wird dann doch noch ein inhaltlicher Grund für die Schließung von SOLIS angegeben, dass nämlich „sowiport nur noch wenig Rückhalt in der sozialwissenschaftlichen Zielgruppe von GESIS erfährt“. Dazu muss man wissen, dass die Nutzung von SOLIS und FORIS auch in den Hochzeiten der Fachinformationspolitik gering war, dass aber damals niemand auf die Idee kam, dass die beiden Datenbanken nutzlos seien. Ist die Nutzung seitdem überhaupt zurückgegangen? Dazu teilt uns GESIS nichts mit. Auch im Printbereich und im Bibliothekswesen denkt niemand daran, selten genutzte Publikationen auszusondern, weil im Grenzfall eine einzige Nutzung große segensreiche Wirkungen entfalten kann. Mittlerweile hat sich die fachinformationspolitische Situation allerdings insoweit verändert, als, so GESIS, „im Bereich der wissenschaftlichen Literaturversorgung in zunehmendem Maße kommerzielle Player wie Google Scholar, Thomson Reuters oder ResearchGate in den Vordergrund treten“ (siehe auch eine entsprechende Meldung von GBI-Genios in Open Password vom 5. Dezember). Dieser Widerspruch innerhalb der Verlautbarung von GESIS, dass nämlich das Vorhalten von SOLIS und FORIS sogar von kommerziellen Informationsanbietern als lohnend eingestuft wird, nicht aber von der gemeinnützig tätigen GESIS, wird wohl von GESIS nicht gesehen, jedenfalls nicht aufgelöst.

5. Wenn sich GESIS „stets auf dem neuesten Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung“ befinden möchte, hat dies damit zu tun, dass 400.000 ältere Dokumente von insgesamt 480.000 gelöscht werden? Dann hängt GESIS einem falschen Verständnis des sozialwissenschaftlichen Fortschritts oder einem oberflächlichen Verständnis von „Moderne“ an, weil Fortschritte der soziologischen Theorie, auf die sich auf Dauer aufbauen ließe, nicht vorhanden sind und daher der Rückgriff auf die Klassiker und weitere historische Beiträge ebenso wichtig sein kann wie die Rezeption aktueller Beiträge.

6. In zwei von fünf Abschnitten seiner Mitteilung legt GESIS sein Engagement für Open Access, Open Data und Open Science dar. Damit wird unterstellt, dass zwischen diesen Aktivitäten und SOLIS/FORIS ein konkurrierendes Verhältnis bestünde. Tatsächlich haben diese beiden Aktivitätsbereiche nichts miteinander zu tun. Dies gilt sogar für die Inanspruchnahme von Ressourcen, da das Vorhalten der historischen Dokumente von SOLIS und FORIS praktisch nichts kosten würde.

7. Wenn es demnach keinen ersichtlichen guten Grund für die Schließung von SOLIS und FORIS gibt, warum macht GESIS das, was es tut? Meine Leser wissen, dass ich die Entwicklung der Leibniz-Gesellschaften, soweit sie der wissenschaftlichen Infrastruktur angehören, seit Jahren mit Sorgen betrachte. Wenn diese danach beurteilt werden, als ob sie Forschungsinstitute seien und als ob das Kerngeschäft nichts gelten würde, wird dann nicht eine Attitude des „Als ob“ in den Geschäftsführungen der Infrastruktureinrichtungen gefördert? Wenn diese in Evaluierungsprozessen nach Kriterien, die nichts mit ihrem Kernauftrag zu tun haben, vor sich hergetrieben werden, muss es da nicht zu einer fehlenden Kundenorienierung kommen, wie sie in der mangelnden Informationspolitik und dem letzten Statement von GESIS zum Ausdruck kommt? Ja, „Glamour“ bringen SOLIS und „FORIS“ wirklich nicht ein und in eine Adaption des Jargons der Unternehmensberater statt in einer von den Sozialwissenschaften beeinflussten Sprache sind sie womöglich schwer unterzubringen. Vielmehr sind diese Datenbanken nicht mehr als „grundlegende Rechercheinstrumente für sozialwissenschaftliche Fragestellungen“.
                                                                                                                     Willi Bredemeier

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