Open Password - Donnerstag, 
den 23. November 2017

# 285


Digitaler Nachlass – digina-Barcamp – digina-Konferenz – Christina Lutilsky – Michael Praetorius – Narzissmus – Richard Gutjahr – Christiane Warnke – digital-danach.de – Sabine Landes – Dennis Schmolk – Mario C.G. Juhnke – Alexander Pinker – Start-up-Szene – David Sporer – Werte-Index – Trendbüro – Peter Wippermann – Kantar TNS – Jens Krüger - Hurisearch


Digitaler Nachlass

Die digina-Konferenz 2017

Siehe auch:Wie sichere ich mein Business nach dem Tode - So viele Fragen und so wenige Antworten, in: Open Password, 13. November, #280 – Berichterstattung über den digina-Barcamp

Mehr Regulierung, mehr Standards
und vor allem mehr Vertrauen!

Start-up-Szene für neue Nische aktivieren

Von Christina Lutilsky

Insgesamt 22 Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen drehten sich auf der digina-Konferenz in München um das digitale Leben, den digitalen Nachlass und das digitale Nachleben. Was passiert mit unseren Daten, Profilen, Abos und Kundenkonten im Netz, wenn wir nicht mehr sind? Welche Richtlinien brauchen wir im globalen Umfeld, wie können wir schon zu Lebzeiten vorsorgen, was ist im Rahmen der digitalen Trauerkultur erlaubt – und was nicht? Eine komplexe Fragestellung, die sowohl die Politik, Justiz und Wirtschaft betrifft, als auch die Gesellschaft und jeden einzelnen von uns.

Das Internet stellt eine Art digitales Tagebuch dar – davon sprachen viele Redner auf der digina. Daten-Giganten wie Google und Facebook wüssten bereits jetzt mehr von einer Person als deren engste Angehörige. Wir leben im Zeitalter der digitalen Narzissten, wie es Online-Publizist Michael Praetorius bezeichnet. Er zählt sich selbst dazu und stellt sich die Frage: „Soll ich auch nach meinem Tod noch wie ein Leuchtturm auf Instagram leuchten? Ist das nicht der Gipfel des Narzissmus?“

Appell an die Gesetzgebung und die Familien. Vielen Nutzern ist ihr digitales Selbst nicht bewusst. Sie hinterlassen ihren Liebsten eine große Last der Verantwortung. Diese müssen nachträglich entscheiden, welche Daten wichtig sind und welche nicht, entdecken möglicherweise gut gehütete Geheimnisse oder kommen rechtlich gar nicht an die Daten heran. Stolpersteine, wohin man blickt. Aber schon zu Lebzeiten Vorsorge zu treffen, ist äußerst schwierig, denn eine allgemeingültige Lösung gibt es nicht. Wo und wie können wir damit beginnen, unser digitales Leben aufzuräumen? Als Antwort wurden zwei Forderungen auf der digina deutlich: Zum einen braucht es dringend eine bessere Gesetzeslage. Zum anderen muss das Thema aktiv in den Familien besprochen werden. Immer verbunden mit der Frage, wem wir welche Daten anvertrauen und wie die Erben im Todesfall vertrauensvoll damit umgehen sollen.

 

Die Macher der digina 2017 von links nach rechts: Sabine Landes, Richard Gutjahr, Daniela Caruso, Christiane Warnke und Mario C.G. Juhnke

 

Richter ohne Entscheidungsgrundlage. Viele Beispiele wurden auf der digina aufgezählt, in denen die Rechtslage den Ereignissen stark hinterherhinkt. So auch bei der Podiumsdiskussion mit Betroffenen und Vorsorgenden. Im Fall der Krankenschwester Daniela Caruso ging es um das unrechtmäßige „Knacken“ des Handys ihrer verstorbenen Tochter, um einen entscheidenden Anruf kurz vor ihrem Tod zu identifizieren. Beim Journalisten Richard Gutjahr ging es um einen Image-Streitfall: „Die Richter wissen teilweise gar nicht, worüber sie urteilen sollen und erkennen die Tragweite nicht. Wenn mich jemand im Netz beschimpft und bedroht, vor einem Millionenpublikum, kostet das momentan weniger Strafe, als wenn es auf offener Straße passiert und es nur zwei Passanten mitbekommen.“ Rechtsanwältin Christiane Warnke, Kanzlei Warnke Rechtsanwälte, erklärt: „Der Gesetzgeber ist gefordert, die Gesetzgebung an die veränderten Zeiten anzupassen. Allein das Wort Telekommunikationsgesetz passt heute nicht mehr zum aktuellen Stand der Digitalisierung.“

Digitaler Nachlass – eine Querschnittsdisziplin. „Der digitale Nachlass ist so vielfältig wie jeder einzelne von uns und die Angebote im Internet“, fasste Dr. Christopher Eiler vom Online-Nachlassdienst Columba in der zweiten Diskussionsrunde zusammen. Gemeinsam mit Anja Schöne von der LV 1871, Sandra Bührke von der HypoVereinsbank und Oliver Wirthmann vom Kuratorium Deutsche Bestattungskultur ging es um die Rolle der Banken, Versicherungen und Bestattungsunternehmen. Es wurde allerdings klar, dass das Thema viel zu komplex ist, um ausschließlich von einer Branche bearbeitet zu werden. Diese Vielfalt und Komplexität zeigte sich auch in den weiteren Vortragsthemen: Katja Bröckl-Bergner aus der digitalen Medienbildung eröffnete mit einem Wissensquiz und Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale Bayern gab Tipps für die Praxis. Was passiert, wenn nichts geregelt ist, führte Werner Mantl von der Stadtsparkasse München vor Augen. Die SPD-Abgeordnete Diana Stachowitz wies auf die politischen Herausforderungen hin und die Archäologin Dr. Anne Klammt blickte auf die Digitalisierung unseres kulturellen Erbes.

Auch spezifische Informationen für Unternehmer kamen nicht zu kurz: Trauerkultur-Beraterin Birgit Aurelia Janetzky zeigte, wie man in der Marktlücke erfolgreich sein kann und PR-Profi Daniela Heggmeier, wie man mit sensiblen Themen kommunikativ umgeht. Impulse für technische Lösungen gaben beispielsweise Dominik Schön von CodeCamp:N, Google-Projektmanager Jan Hannemann sowie GMX-Gründer und klartext@unverschlüsselt-Blogger Karsten Schramm. Auch der Einfluss der digitalen Dimension auf unsere Gesellschaft wurde diskutiert: AI-Fachfrau Agnieszka M. Walorska öffnete den Blick für Gespräche mit Verstorbenen, und während die Soziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler die parasoziale Kommunikation thematisierten, ordnete Pfarrer Dr. Rainer Liepold der Kirche eine große Verantwortung zu.

Aus der Nische zum Massenthema. „Durch unsere Arbeit am Infoportal digital-danach.de sind wir in den letzten Jahren mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen Branchen zusammengekommen, die im Grunde ähnliche Fragen hatten. Das Bemerkenswerte daran war: Sie hatten keinerlei Plattform, um sich dazu auszutauschen und ihren Wissensstand gemeinsam weiterzuentwickeln. Das wollten wir ändern.“ So Sabine Landes und Dennis Schmolk, Gründer der digina 2016 in Hamburg. Dass sie bereits im zweiten Durchlauf 2017 in München so viele Experten als Referenten gewinnen konnten und mehr als doppelt so viele Teilnehmer, macht sie stolz und zuversichtlich für die Zukunft. „Wer an den digitalen Nachlass denkt, denkt im ersten Moment an sein Lebensende. Doch das ist falsch: Es geht vielmehr darum, mein digitales Handeln schon im Jetzt als feste Dimension des eigenen Lebens zu begreifen“, so Co-Veranstalter Mario C.G. Juhnke. „Wenn wir das verstanden haben, geht es im Prinzip nur noch um die verantwortungsbewusste und alltagstaugliche Verwaltung. Aber genau da hakt es: Uns fehlen übergeordnete Richtlinien und technische Lösungen. Weltweit wohlbemerkt!“

Eine für alle und alle für eine. Die Frage, wie wir unsere Daten am besten organisieren, archivieren und schützen können, betrifft durchweg alle Branchen. „Einerseits brauchen wir klare Regelungen von oben, andererseits starke Ideen von unten“, so Mitveranstalter Alexander Pinker. „Wir haben deshalb im Vorfeld der digina auch ganz gezielt versucht, die Start-up-Szene zu aktivieren und den Gründergeist zu wecken. Eine Aufgabe, die sicherlich noch die nächsten Jahre auf uns wartet.“ Wie schnell etablierte Unternehmen und Online-Giganten nachziehen, wird die Nachfrage zeigen. „Google und Facebook haben bereits eigenständige Lösungen entwickelt. Aber wie vertrauenswürdig sind sie? Und will ich wirklich bei jedem einzelnen Anbieter ein anderes Verfahren haben?“ Das fragte David Sporer, IT-Beauftragter im digina-Team. „Ohne einen grenzübergreifenden technischen Standard geht es meiner Meinung nach nicht. Und den kann es auch nur von einem unabhängigen Konsortium geben.“

Doch ganz gleich, welche Lösung oder Lösungen es einmal geben wird, bleibt die grundlegende Frage die nach dem Vertrauen. Denn das müssen wir in die Zukunft, in die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, in uns selbst und in unsere Angehörigen haben. Vertrauen ist schließlich das wertvollste Gut, das wir nach dem Tod hinterlassen.

 

Werte-Index 2018

Natur und Familie sind

den Deutschen jetzt wichtiger

Freiheit und Erfolg werden zur Nebensache

Der Werte-Index 2018 hat Diskussionsbeiträge in deutschsprachigen Social-Media-Kanälen analysiert und zeigt, wie aktuell traditionelle und ursprüngliche Werte an Bedeutung gewinnen. Die Natur verdrängt die Gesundheit von ihrer Spitzenposition auf Rang zwei und die Familie steigt auf den dritten Platz. Der Erfolg verliert hingegen an Relevanz und wird neu definiert – statt „besser“ wollen die Deutschen „glücklicher“ werden. Der Werte-Index wird alle zwei Jahre vom Trendbüro (Peter Wippermann) und Kantar TNS (Jens Krüger) ermittelt.

TOP 1 Natur erreicht erstmals seit der Erhebung des Werte-Index im Jahr 2009 den Höchstwert im Ranking. Am häufigsten sind Beiträge, die sich der Ursprünglichkeit der Natur widmen und wie bereits in der Vergangenheit wird die Natur als Quelle für Seelenfrieden und Kraft beschrieben. Umweltveränderungen sowie Umwelt- und Klimaschutz gehören ebenfalls weiterhin zu den relevantesten Themen. 

TOP 2 Gesundheit bleibt ein wichtiger Wert der Deutschen. Die Selbstoptimierung ändert dabei aber ihre Qualität: Die einfache Statusmeldung über die eigene Befindlichkeit löst den ausführlichen laienmedizinischen Austausch ab. Nicht nur in Textbeiträgen, auch auf Instagram gewinnt dabei die Ernährung an Bedeutung. 

TOP 3 Familie klettert um drei Plätze auf den dritten Rang und hat damit massiv an Bedeutung gewonnen. Rituale und Routinen mit der Familie werden in Text und Bild geradezu zelebriert. Große Aufmerksamkeit kommt auch der Familie als Wert an sich zu. Die Trendperspektive zeigt, dass mit der Generation Y der Anspruch auf Perfektion in der Familie vom Mut zur Gelassenheit abgelöst wird. 

Neben den Aufsteigern Familie und Natur verbesserte sich auch der Wert Sicherheit um zwei Platzierungen. Zum ersten Mal wird Sicherheit häufiger als Vertrauen diskutiert. Der Fokus liegt auf der Rolle des Staates, insbesondere im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. Dabei geht es sowohl um Fragen der inneren Sicherheit als auch um die Sicherheit der Geflüchteten, die es zu gewährleisten gilt.

Zum ersten Mal schafft es der Wert Freiheit nicht in die TOP 3, sondern fällt auf Rang vier. Individuelles Definieren und Erleben von Freiheit im Alltag stehen dabei im Mittelpunkt. Diskussionen rund um politische Freiheit verlieren an Relevanz, vielmehr stellen sich neue Fragen an die Freiheit – beispielsweise in der Verbindung mit künstlicher Intelligenz.

Der Wert Erfolg verliert drei Positionen und befindet sich jetzt auf Rang sechs. Das Zeitalter der Helden scheint vorüber. Die Generation Z setzt lieber auf harte Arbeit als auf Retter. Begleitet ist dies von einem großen Wunsch nach Vorhersehbarkeit.

Corrigenda

Suchmaschine Hurisearch
stellte Betrieb Anfang 2017 ein

Zu: Der anspruchsvollste Versuch, der Vernichtung von Spezies entgegenzuwirken, in: Open Password, 17. November 

Entgegen unserer Berichterstattung hat die Suchmaschine Hurisearch ihren Betrieb Anfang 2017 eingestellt. Wir bedauern den Fehler. 

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