Open Password - Dienstag,
den 7. November 2017

#278

Rafael Ball - Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg – Digitalisierung – Big Data – Free Content – Paid Content – Illegale Inhalte – Intellektuelle Unterstützung – Wissenschaftskommunikation – Sabine Graumann – Arbeitskreis Informationsvermittlung - Disruption – Bibliothekare – Information Professionals – Konvergenz – Untergangsszenarien – Uwe Marquardt – Wissenschaftliche Bibliotheken – Forschungsdaten – Datenmanagement – E.O. Wilson – Christoph Keese – Stefan Stoll – Analogiefalle – Großunternehmen – Guenter Dueck – Amazon – Jeff Bezos – Zukunft des Buches – Künstliche Intelligenz – Neue Medienformen – ETH – Arne Krüger – R.D. Lankes


Steilvorlagen für den Unternehmenserfolg


Keynote Rafael Ball
mit Kommentar

Von der Unabwendbarkeit, Brutalität
und Nichtvoraussehbarkeit

des digitalen Wandels 

Was machen wir nur, wenn wir
auf Erfahrungen nicht aufbauen können?


Big Data - Freie und illegale Inhalte -
Die Emanzipation des Nutzers -
Die Neubestimmung der Wissenschaftskommunikation

"Ein immer weiter so?" - Rafael Ball - Direktor der Bibliothek an der ETH Zürich

Die auf der „Steilvorlagen“-Veranstaltung gesprochenen Texte können im Podcast unter www.infobroker.de/podcast gehört oder unter https://www.youtube.com/user/infobrokertv gesehen werden. Bei den Veröffentlichungen in Open Password handelt es sich um publizistische Auswertungen und eine Auseinandersetzung mit den Inhalten. Dazu gehören auch Gewichtungen und Interpretationen.  

(W.B.) Sabine Graumann vom Arbeitskreis Informationsvermittlung habe es mit ihrem Verlangen nach Geheim- und Patentrezepten zur Krise der Informationsbranche richtig krachen lassen, meinte Dr. Rafael Ball, Bibliotheksdirektor an der ETH Zürich, in seiner Keynote auf der „Steilvorlagen“-Veranstaltung („Digitale Disruption: Braucht Zukunft noch Herkunft?“) und suchte sich überhöhten Erwartungen zu entziehen. Immerhin versprach er eine „Steilvorlage“, auch wenn dieser Begriff und dazu der gesamte Titel der Veranstaltung eindeutig auf unternehmerisches Handeln bezogen sei. Auch müsse ein Stürmer mächtig rennen, um die Steilvorlage zu erreichen, damit er zum Torschuss kommen könne. Aber ist das eine Steilvorlage, wenn die zentrale These Balls lautete, dass man angesichts der laufenden digitalen Disruption prinzipiell nicht auf bisherige Erfahrungen zurückgreifen kann?    

Ball erinnerte daran, dass die Bibliothekare vor zwei Jahrzehnten mit Respekt und Bewunderung an den Lippen der kommerziell tätigen Information Professionals hingen, um von ihnen zu lernen und sie vielleicht zu imitieren. Denn im Vergleich zu den Brokern galt die eigene Institution als wenig sexy und sie selbst als ziemlich spröde. Mittlerweile habe die überbordende Informationsflut im Internet jedoch zu einer Konvergenz der Branche (und wohl auch zu einer Einebnung der wechselseitigen Einschätzungen) geführt. Infobroker, Bibliothekare, Museen, Archive, Verlage, Buchhandlungen und alle, die mit Informationen arbeiten, seien mit ganz ähnlichen Chancen und Gefährdungen konfrontiert und rückten zusammen.  

Ball sprach von teilweise verzweifelten Bemühungen der Bibliothekare zur Rettung ihrer Einrichtung und ihrer Community. Gleichwohl hätten sie sich nach wie vor nicht ausreichend auf neue Kundengruppen eingestellt. Andererseits charakterisierte er die Informationsbranche als Treiber und Adressaten des digitalen Wandels. Sie müsse gestalten, bevor der Wandel sie verunstalte. Die früheren Monopolisten, die über den Zugriff, die Organisation und die Verfügbarkeit von Informationen entschieden hätten, sähen sich heute Nutzern von Informationen gegenüber, die immer über eine Alternative an digitalen Angeboten verfügten oder dies mindestens glaubten. Vor zehn Jahren veröffentlichte Ball ein Büchlein, das bereits im Titel „Das Ende des Monopols“ ankündigte, dies zu dem Zweck, die Informationsbranche zu sensibilisieren. Heute sieht er seine seinerzeitigen Bemühungen als vergeblich an.

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  In der digitalen Disruption braucht Zukunft nicht Herkunft
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Ball knüpfte mit seiner Frage „Braucht Zukunft Herkunft?“ an Überlegungen des 2015 verstorbenen Gießener Philosophen Uwe Marquardt an. Dieser war von Skepsis gegenüber allem Prinzipiellen, beispielsweise umfassenden Gesellschaftsentwürfen, geprägt. Zu kurz sei die Lebensspanne des einzelnen Menschen, als dass dieser die gesamte Faktizität der Welt auf Herz und Nieren prüfen könne, um sie dann in den eigenen Lebensentwurf zu integrieren. Folglich sei er auf sein Umfeld angewiesen, um die bei sich vorhandenen Mängel zu kompensieren. Den Geisteswissenschaften wies er die Aufgabe einer narrativen Disziplin zu, deren Funktion darin bestehe, die technischen naturwissenschaftlich basierten Entwicklungen durch Rückgriff auf die Geschichte zu kompensieren.  

Wir müssen hier nicht auf Marquardts Zungenbrecher der „Inkompetenz der Kompensationskompetenz“ eingehen, wohl aber, dass Ball eine Abkehr von Marquardt (und dessen urkonservativen Positionen) nahelegte, indem er den digitalen Wandel als qualitativen Sprung und grundsätzlich Anderes beschrieb und einen derart radikalen Paradigmenwechsel in der Informationsbranche und darüber hinaus in allen gesellschaftlichen Bereichen sah, dass man nicht mehr auf die Strukturen und Regeln der analogen Zeit zurückgreifen könne. Eine Verknüpfung von Herkunft (aus dem Analogen) und Zukunft (des Digitalen) wäre demnach nicht möglich und jene, die vielleicht sogar im Sinne von Marquardt meinen, es sei alles nicht so schlimm und man könne wie bisher weitermachen (und womöglich sogar die Neuerer als „Nestbeschmutzer“ diffamieren), seien wie aus der Zeit gefallen und dürften mit ihrem Business einem baldigen Untergang preisgegeben sein.   Überall veraltetes Denken und veraltete Praktiken, die das berufliche und institutionelle Überleben gefährden.

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Überall veraltetes Denken und veraltete Praktiken, die das berufliche und institutionelle Überleben gefährden.
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Diese Hauptthese von der Unabwendbarkeit, Brutalität und Nichtvoraussehbarkeit des digitalen Wandels wurde vom Referenten in immer neuen Sprachschöpfungen und Zitaten vorgetragen und auf Bibliothekare, die Informationsbranche, wissenschaftliche Bibliotheken und die Gesellschaft schlechthin bezogen. Dabei wurde immer wieder veraltetes Denken in gängigen Praktiken der Bibliotheken und anderswo entdeckt. So fallen den Bibliothekaren „Quick & Dirty“ schwer, weil das nicht mit ihrem beruflichen Ethos der Genauigkeit und Korrektheit vereinbar sei. Die Erstellung eines digitalen Textes dürfe nicht mit einem verbesserten Tippen an der Schreibmaschine verwechselt werden. Die Katalogisierung in Bibliotheken müsse aus der Basierung auf analogen Materialien und den Systematiken des 19. Jahrhunderts heraus. Der umfassende Einsatz relationaler Datenbanken erfolge in den Denkstrukturen und mit den Techniken der 80er Jahre. Die wissenschaftlichen Bibliotheken hätten sich zwar der neuen Frage der Forschungsdaten angenommen, nutzten aber die Möglichkeiten des Datenmanagements im 21. Jahrhunderts nicht, so wie sie im Rest der Datenindustrie genutzt werden. Die gesamte Informationsbranche stünde in Gefahr, weiter auf die Optimierung des Bestehenden zu setzen, weil die Perpetuierung bestehender Praktiken Sicherheit vorspiegele und Stabilität suggeriere. Wissenschaftliche Bibliotheken hätten sich als Gedächtnisinstitutionen gesehen und ausgerichtet und daraus ihre Traditionen aufgebaut. So seien sie zu ihren Erfolgen gekommen. Aus eben diesen Gründen seien sie heute besonders bedroht.

Ball hatte Zitate ausgewählt, die auf eine Dramatisierung der gegenwärtigen Situation angelegt waren. Ohne einen „nahestehenden Untergang“ machte es kaum einer seiner Autoren. Ist die Lage wirklich so schlimm oder wurden die Aussagen so formuliert, weil sich nicht nur „Sex & Crime“, sondern auch „Armageddon“ bestens verkauft? Der ehemalige CEO von General Electric, Wells, erklärte: „If the rate of change on the outside exceeds the rate of change on the inside, the end is near.“ (Folgt daraus im Umkehrschluss, dass man schneller als der Wandel um einen herum agieren muss? Oder kommt es mehr auf die Inhalte der eigenen Entscheidungen an und stehen das Tempo des externen und internen Wandels in keiner festen Beziehung zueinander?) Der Sozialbiologe E.O. Wilson vermutete: „Wir stolpern mit der emotionalen Ausstattung der Steinzeit und den Institutionen des Mittelalters in eine technische Neuzeit.“  

Christoph Keese schrieb in „Silicon Valley“: „Manager in arrivierten Firmen denken in Analogien. Sie müssen so denken. Alles, was sie tun oder nicht tun, leiten sie aus Analogien von bereits Erlebtem ab. Institutionen bauen institutionelles Wissen auf. Dieses Wissen ist unerlässlich für die Weiterentwicklung bestehender Produkte. Aber analogisches Denken wird zum Ballast, wenn es um Innovationen geht. Mit ihrem analogischen Denken koppeln sich etablierte Firmen von wirklichen Neuerungen ab.“ Ball sprach in diesem Zusammenhang von der „Analogiefalle“, in die auch Information Professionals tappen könnten. Noch ein Zitat, diesmal aus der Wirtschaftsinformatik von Stefan Stoll? „Während der Innovationspfad der etablierten Unternehmen die beständige Verbesserung bestehender Produkte und Services für bestehende Kunden verfolgt, zielen disruptive Innovationen auf ganz neue Kundengruppen, die nicht im Fokus der etablierten Unternehmen stehen. Das Dilemma dieser Unternehmen besteht darin, dass sie alles richtig machen und dennoch falsch liegen, da sie ausschließlich auf bestehende Produkte, Services und Geschäftsmodelle setzen. Dabei übersehen sie, dass die durch Digitalisierung ausgelösten Innovationsschübe vollständig neue Geschäftsmodelle, Produkte und Services hervorbringen, die ihr etabliertes Geschäftsmodell bedrohen und teilweise zerstören.“ Ball belegte die Gefährdung etablierter Großunternehmen mit einer Statistik: 1958 wurde ein führendes Unternehmen in den USA (nach Standard & Poor 500) im Durchschnitt 60 Jahre alt. 2027 wird die durchschnittliche Überlebenswahrscheinlichkeit auf fünf Jahre gesunken sein. 

Und zuletzt einen Spruch vom Steilvorlagen-Referenten Gunter Dueck: „Genau daran werden wir sterben, am Festhalten.“  

Den Traditionalisten der Datenbankwelt und der wenig innovativen Großunternehmen hielt Ball den Online-Händler Amazon entgegen. Dieser sei erfolgreich, weil er über keine Tradition verfüge und angesichts mangelnder Wurzeln nichts aufgeben müsse, während er sich auf die Zukunft ausrichte.

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Das Buch und die vom Bildungsbürgertum beeinflusste Gesellschaft vor dem Ende.
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Der Referent brachte Bilder einer minoischen Vase und eines Antiquariatsschildes von kürzlichen Reisen mit und berichtete von früheren und heutigen Disruptionen. 1450 vor Christus ging die minoische Kultur auf Kreta unter und verlor sogar ihre Schriftlichkeit, so dass man bis heute nicht weiß, woran sie untergegangen ist. Im Zuge der Industrialisierung wurde die Dampfmaschine zwar durch den Elektromotor ersetzt. Dieser wurde aber zunächst als verbesserte Dampfmaschine missverstanden, so dass die dem Elektromotor adäquate dezentrale Produktionsform erst eingeführt wurde, als die alten Meister, die auf riesige Produktionshallen gesetzt hatten, in Rente gegangen waren. Flugzeuge wurden zunächst als Weiterentwicklung von Booten missverstanden (dies eine Anwendung des als sicher geltenden Lehrsatzes der Arbeits- und Organisationspsychologie, man müsse die Menschen dort abholen, wo sie sich auskennen würden). Es dauerte lange, bis man sah, dass es für das Abheben vom Boden einer disruptiven Technologie bedurfte. Von den damaligen Analogien hat lediglich der Begriff des „Flugkapitäns“ überlebt. 

Noch vor zwanzig Jahren wurde viel Geld für Buchsammlungen ausgegeben. Heute ist der Respekt vor dem Buch verlorengegangen und hilft auch ein radikaler Preisverfall der Nachfrage nicht auf. Wird das Buch nur in seiner Printform obsolet und existiert auf dem E-Reader weiter? Oder steht, wie die rückläufigen Entwicklungen bei den E-Books vermuten lassen, Grundsätzlicheres auf dem Spiel, nämlich die Bedeutung des Buches als Kulturträger und als Materialisierung der Erkenntnis und der Wissensessenz sowie als unverzichtbares Verständigungsmittel unter gebildeten Bürgern?  

Während die grundsätzlichen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und philosophischen die Zeit übergreifenden Diskurse woanders geführt werden (werden sie überhaupt noch geführt?) und die noch immer steigende Zahl der veröffentlichten Buchtitel nur scheinbar eine Blüte signalisiert, haben sich die Veröffentlichungen der Verlage in „Allerweltsliteratur“ und „Verbrauchsliteratur“ verwandelt, bestehend aus Ratgebern, Reiseführern, Kochbüchern, weiteren Sachbüchern, Schulbüchern und Regionalkrimis. Die Literatur ist, wie die Frankfurter Allgemeine am 21. September anzeigte, zu einem Teil des gesellschaftlichen Unterhaltungssegments geworden. Sie tritt damit in Konkurrenz zu Comedy, Zaubershows und Facebook.   

Ein Grund mehr für die Informationsbranche, um nicht nur neue Medienformen zu erörtern und in die eigene Arbeit zu integrieren, sondern grundsätzlicher zu fragen, welche Inhalte es verdienen, verfügbar gemacht, gefördert und aufbewahrt zu werden?

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Disruptionen werden von unseren Träumen und Visionen befeuert. 

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Entließ uns Ball demnach in die große Ratlosigkeit? Nein, ab der 27. Minute seines 35-minütigen Referates ging er auf Beispiele mit großem Veränderungspotenzial ein, die kritisch zu analysieren seien, um sodann sinnvoll und mutig eingesetzt zu werden: 

1.      Big Data. Diese Technologie ermögliche die Ablösung von der Bindung an strukturierte Daten und eine Abkehr von der Genauigkeitsideologie, nach denen nur hochstrukturierte und sauber zugeordnete Daten in einer Datenbank eine gute Recherche und saubere Ergebnisse ermöglichen. Mit Big Data komme es nicht auf genauere, sondern auf mehr Daten an. Damit ließen sich neue Ergebnisse nicht mehr nur durch Kausalitäten, sondern auch durch Korrelationen erhalten.  

2.      Die Auflösung der Grenzen zwischen bezahlt und kostenfrei sowie zwischen legal und illegal. Während die Bezahlschranke fällt und immer mehr relevante Inhalte kostenfrei gestellt werden, tobt allerorten der Kulturkampf, wer für die Erstellung qualitativ hochwertiger Inhalte bezahlen soll und setzen sich neue Geschäftsmodelle durch, die nicht auf Cash, Abonnements und Lizenzierungen setzen, sondern auf die Abschöpfung von Kundendaten. Illegale Wege der Informationsbeschaffung werden durch unklare Copyright-Gesetze und ihre unterschiedliche Anwendung begünstigt. Die Bereitschaft zu illegalen Nutzungen steigt, wenn die geltenden Preise als unfair wahrgenommen werden. Schon werden Portale mit illegalen Kopien wissenschaftlicher Beiträge von vielen Wissenschaftlern furchtlos und schamlos genutzt. Für Bibliotheken, die sich auf solche Praktiken nicht einlassen können, bedeutet dies einen weiteren Wettbewerbsnachteil.

3.      Künstliche Intelligenz. Die Automatisierung von Suche, Organisation und Bereitstellung von Informationen schreitet voran und wird qualitativ besser. Die Emanzipation der Nutzer beschleunigt sich, so dass ihre intellektuelle Unterstützung weniger wichtig wird und sich deren Träger überlebensfähige Nischen suchen müssen. Den Bibliotheken ist anzuraten, massiv in Künstliche Intelligenz und Selbststeuerung zu investieren, statt sich veraltete IT-Systeme andrehen zu lassen, nur weil diese das bessere Katalogisierungsmodul haben.

4.      Neue Medienformen und die Neubestimmung der Wissenschaftskommunikation. Auf welche neuen Medienformen zusätzlich zu Print sollten die Bibliotheken setzen, auf Software, fluide Dokumente oder Video-Journale, und wie gehen sie damit um, dass man nicht mehr eindeutig weiß, was eine Veröffentlichung ist? Welche Kommunikationen machen die Verfügbarmacher von Inhalten zu ihrer Sache und welche geben sie der informellen Wissenschaftskommunikation, die also irrelevant für sie selbst ist, anheim? Wo beginnt der Auftrag für Content-Kuratoren, also für Bibliotheken und Verlage, und wo endet er? Mit der Open-Access-Debatte sind die Rahmenbedingungen und die Finanzierungsmöglichkeiten wissenschaftlicher Veröffentlichungen ins Schwimmen geraten. Solche Fragen sind auch von quantitativem Gewicht, wie eine Umfrage der ETH unter ihren Wissenschaftlern zeigt, nach der jeder Vierte im vergangenen Jahr mindestens einen Beitrag in einem Academic Social Network veröffentlichte.  

Ball schloss mit der Einsicht, dass nicht Technologien, sondern unsere Träume und Visionen Disruptionen befeuern. Das dürfte der Grund sein, dass wir disruptive Entwicklungen zwar in den Griff zu bekommen suchen, sie aber auch über uns kommen lassen müssen.

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Kommentierung.
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Die „Steilvorlagen“-Veranstaltung machte auch 2017 ihr Versprechen wahr, über den Tellerrand zu schauen, ohne die Relevanz der Erörterungen für Information Professionals aus den Augen zu verlieren. Dafür sorgten vor allem Rafael Ball mit der Einbindung seiner Situationsanalyse in einen philosophischen Bezugsrahmen und die Behandlung ethischer Fragestellungen für das unternehmerische Handeln durch Arne Krüger. Damit haben sich beide eine besondere Kommentierung verdient.  

Krüger kritisierte, dass Ball den Teilnehmern Angst zu machen suche und keine Antworten auf aktuelle Gefährdungen gebe. Aber Ball wusste die von ihm gewählte Dramatik zur Sensibilisierung der Branche gut zu begründen, träfe die von ihm behauptete gewaltige Diskrepanz zwischen dem Maß an Gefährdung und dem Verweilen der Informationsanbieter und -verfügbarmacher in ungeeigneten Praktiken auf der Basis überkommener Routinen zu. Noch lässt sich der Vorwurf, Ball gäbe keine Antworten und entließe uns nur in die große Ratlosigkeit, ab der 27. Minute seines Referates nicht aufrechterhalten. Allerdings hätte er die Bereiche mit großem Veränderungspotenzial auch ohne ideologischen Überbau diskutieren können.   

Und ist die Diskrepanz so gewaltig, wie von Ball und den von ihm ausgewählten Autoren beschrieben? Balls Situationsanalyse lässt sich als düsterer Gegenentwurf aus dem deutschsprachigen Raum zu dem allumfassenden Optimismus und der „Can-do“-Perspektive von Lankes zur „Zukunft der Bibliotheken“ lesen, obwohl wir wohl keine schlechteren Bibliotheken und eine bessere kulturelle Infrastruktur haben als die Amerikaner.  

Uwe Marquardt unterscheidet sich von linken Denkern zwar in seiner Einschätzung der Möglichkeiten umfassender Analysen und eines geplanten gesellschaftlichen Wandels, nicht aber darin, dass „Zukunft Herkunft braucht“. Vielmehr sind die Debatten der Gegenseite von einer geradezu besessenen Interpretation des Bestehenden geprägt, um Schlussfolgerungen für das eigene politische Handeln abzuleiten, während der Versuch, eine neue Gesellschaft „erfahrungslos“ aufzubauen, direkt in die Katastrophe führte. Ich neige zu der Ansicht, dass die Menschen aufgrund ihrer anthropologischen Ausstattung gar nicht anders können, als auf eigene und Erfahrungen anderer zurückzugreifen, die durch Lernen, Training und Indoktrination übernommen werden. Auch Jeff Bezos von Amazon baut auf Erfahrungen auf. Es sind nur andere als die der Bibliothekare.

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